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8.557809 - Guitar Recital: Goran Krivokapic
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Goran Krivokapić - Guitar Recital
Werthmüller • J.S. Bach • D. Scarlatti • Bogdanović

Franz Werthmüller ist musikgeschichtlich zwischen dem 37 Jahre älteren Joseph Haydn und dem neun Jahre jüngeren Fernando Sor angesiedelt. Obwohl zeitlich gesehen näher zu Sor stehend, scheint er mehr vom Stil des älteren Komponisten aufgenommen zu haben, nicht zuletzt im munteren Allegro, das die Sonate in A-Dur op. 17 in höchst lebendiger Art eröffnet, und im hinreißenden Schwung des Presto, das sie abschließt. Haydn, der seine Sinfonien mit einem schnelleren Satz abzuschließen pflegte, hätte das wohl gut geheißen. Die warme und eloquente Melodie des Lento hingegen gehört mehr in Werthmüllers Zeit, den Beginn der romantischen Bewegung, die Weber, Schumann und Chopin hervorbrachte. Die Sonate wurde vom österreichischen Gitarristen und Komponisten Franz Pfeifer im vorletzten Jahrhundert vermutlich von einer Klavierversion transkribiert.

„Gute, große und universelle Musik bleibt dieselbe, von welchem Instrument die Noten auch zum Klingen gebracht werden.“ Diese Meinung von Ferruccio Busoni – Komponist, Klaviervirtuose und Bearbeiter von hohen Graden – wird von modernen Musikern und Musikwissenschaftlichern im allgemeinen geteilt, doch zuweilen gibt es den alten Glauben, dass es irgendwie falsch sei, Violinmusik auf der Gitarre zu spielen, immer noch. Bach hat fortwährend transkribiert und bearbeitet – das sollte die Zweifler hinreichend überzeugen. Zu den Vorzügen einer Transkription für Gitarre gehört die große polyphone Klarheit bei einem nach wie vor von Saiten erzeugten Klang. Bach selbst hat Sätze aus seinen Violinsonaten bearbeitet, so dass Bearbeiter für Gitarre nicht im Dunkeln tappen. Gleichwohl gilt es Entscheidungen zu treffen: Sollen Akkorde arpeggiert werden wie bei der Violine, wenn mehr als zwei nebeneinander liegende Saiten involviert sind? Soll ein viertöniger Akkord der Violine um die zwei zusätzlichen Gitarrensaiten erweitert werden? Soll erkennbar bleiben, dass es sich im Original um ein Violinstück handelt, oder soll es als ein neues Stück für Gitarre erscheinen? Es ist bekannt, dass Bach eine Laute besaß; ob er sie jedoch in einem gewissen Grade zu spielen vermochte, ist unsicher – als Musiker blieb er ein Tastenspieler par excellence. Busoni, zu dessen Schülern Sibelius gehörte, war ein Erzromantiker, wie seine Klavier-Bearbeitung von Bachs d-Moll-Chaconne zeigt. Eine Generation später war Segovias Chaconne- Bearbeitung schon sehr viel weniger romantisch, obwohl man sie heutzutage kaum als modernem Denken und Empfinden entsprechend ansehen würde. Eine Bearbeitung trägt immer den Stempel ihrer Zeit und nicht derjenigen, in welcher das Original komponiert wurde. Die anspruchsvolle Fuge der Sonate in C BWV 1005 ist unter englischsprachigen Gitarristen als „London Bridge“ bekannt, dessen Melodie in den Anfangstakten zu erkennen ist, obwohl Bach offensichtlich keine Kenntnis des traditionellen englischen Liedes hatte.

Domenico Scarlattis Vater Alessandro war eine bedeutende Persönlichkeit der Musik – Komponist von über sechshundert Kammerkantaten. Die nahezu gleich große Zahl an Cembalokonzerten von Domenico ist bis heute so attraktiv, dass der bedeutende Beitrag des Vater leicht übersehen wird. Anmutig, lebhaft, aber auch voller technischer Herausforderungen für den Tastenvirtuosen und Gitarristen gleichermaßen, haben diese Sonaten des jüngeren Scarlatti universellen Anspruch, der keine Anzeichen von Vergänglichkeit zeigt. Neben Bach und Händel war Domenico Scarlatti einer der ganz großen Komponisten seiner Zeit – alle drei sind 1685 geboren und waren Giganten der Barockmusik. In Rom maß er sich auf freundschaftliche Weise tatsächlich einmal mit Händel, der dabei zum besten Organisten gekürt wurde, während Scarlatti der beste Cembalist war. Es ist überliefert, dass die beiden Komponisten einander schätzten.

Domenico Scarlatti war am königlichen Hof in Portugal angestellt, wo er die Infantin Maria Barbara unterrichtete. Sie wurde sein Lieblingsschüler, und er folgte ihr nach Spanien, um dort den Rest seines Lebens zu verbringen. Obwohl er auch Opern, Kantaten und geistliche Musik schrieb, blieben die Cembalosonaten seine bekanntesten Werke – Ausdruck der großen Anziehungskraft eines Einzelinstruments mit seinen Möglichkeiten für Melodie, Kontrapunkt und Polyphonie. Bachs zuweilen in die Länge gezogene Ausarbeitung kontrapunktischer Muster – wie in der Fuge von BWV 1005 – war Scarlattis Sache nicht; er war stärker an den brillanten Wirkungen schneller Artikulation interessiert, oft in Terzen und Sexten sowie vielen anderen Techniken wie überkreuzten Händen, weiten Sprüngen und ausgefeilter Arpeggierung. Poesie und Tiefgründigkeit fehlen trotzdem nicht. Im Zusammenhang der Eignung seiner Musik für die Gitarre mag der Hinweis genügen, dass während der Jahre in Spanien die Berührung mit diesem Instrument alltäglich gewesen sein muss. Es gibt in seiner Musik manche Anklänge, welche die Vermutung nahe legen, dass ihn die Gitarre tief beeindruckt hat. Einige Sonaten können auf der Gitarre nicht adäquat gespielt werden aus dem einfachen Grunde, dass der Cembalist zehn unabhängige Finger hat, während der Gitarrist beide Hände braucht, um eine Note zu spielen. Viele der Sonaten lassen sich gleichwohl sehr gut transkribieren; die zunehmende Verbesserung der Gitarrentechnik in den letzten zwanzig oder dreißig Jahren bedeutet überdies, dass mehr und mehr von ihnen der Gitarre zugänglich werden. Scarlatti fordert den Spieler in seiner eigenen Einführung in die ersten publizierten Sonaten auf, nicht zu kritisch zu sein; er solle stattdessen deren Humanität erkennen und „auf diese Weise das eigene Vergnügen vergrößern“. Gewiss ist diese Humanität einer der wichtigen Aspekte seiner Musik und ein Grund für deren anhaltende Popularität. Die drei hier eingespielten Sonaten sind repräsentativ für Scarlattis lebendigen Stil; langsame wechseln mit schnellen, die täuschend einfache Technik von K 208 kontrastiert mit dem Feuerwerk von K 209.

Dušan Bogdanović wurde in Belgrad geboren und kennt die Rhythmen seines Heimatlandes Serbien sehr gut. Auf diesem Hintergrund ist es interessant, dass sein Interesse zunächst Rock, Pop, Jazz und südamerikanischer Musik galt. Seine allmähliche Erkenntnis dessen, dass die Musik des Balkans ihre eigenen einzigartigen Rhythmen besitzt, hat zu einem steten Fluss von Kompositionen geführt, die das zeitgenössische Repertoire bereichern. Den Beginn der Sonate Nr. 2 umweht balkanische Luft; der zugrunde liegende Rhythmus durchzieht das gesamte Werk und bindet die Sätze ebenso stark zusammen wie irgendeine der eher formalen Strukturen westlicher Musik. Dies tritt im abschließenden Allegro ritmico am deutlichsten hervor – eine Herausforderung für den Gitarristen und ein Vergnügen für den Zuhörer. Die dazwischen liegenden Sätze – der eine so langsam-expressiv wie sein Titel anzeigt, der andere mit dem scheinbar widersprüchlichen Titel „melancholischer Spaß“ – vervollständigen eine Sonate ganz und gar unserer Zeit, komplex und reich an Einfällen wie jede klassische Sonate, wenn auch mehr in Bezug auf die rhythmische als auf die harmonische Struktur.

© 2005 Colin Cooper
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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