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8.557812 - SHOSTAKOVICH: Execution of Stepan Razin (The) / October / 5 Fragments, Op. 42
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Dmitri Schostakowitsch (1906–1975)
Die Hinrichtung des Stepan Rasin op. 119 • Oktober op. 131 • Fünf Fragmente op. 42

Dmitri Schostakowitsch muss zu den führenden Komponisten des 20. Jahrhunderts gezählt werden. Nach der bolschewistischen Revolution wurde er von den sowjetischen Autoritäten gefeiert. Später ging es mit ihm auf und ab, je nachdem, ob er den Ideen und Taten Joseph Stalins entsprach oder nicht. Während der zwanziger Jahre hatte man ihn als den vielversprechendsten russischen – das heißt: sowjetischen – Komponisten der jungen Generation akklamiert, und tatsächlich hatte er sogar Stalin begeistern können. Der sowjetische Diktator mochte besonders die Reihe politisch korrekter Filmmusiken, die Schostakowitsch in jenem populistischen Stil schrieb, den man in der gesamten Kunst als Sowjetischen Realismus kennt. Seit der Gogol-Oper Die Nase von 1927/28 begannen mächtige Stalinisten jedoch, den Komponisten zu tadeln, da er von den Prinzipien der Revolution abwich. Dennoch behielt er seinen guten Ruf, bis Stalin seine kühne, 1934 mit Erfolg uraufgeführte Oper Lady Macbeth von Mzensk aufs Korn nahm. Ein Jahr nach der Premiere veröffentlichte die Prawda einen Beitrag der Redaktion mit dem Titel Chaos statt Musik, der Stalins Urteil widerspiegelte. Durch seine scheinbar populistische fünfte Symphonie (bis heute sein meistgespieltes Werk dieser Gattung) fand Schostakowitsch wieder Wohlwollen; dennoch wurde er zu Beginn des Jahres 1948 aufs neue getadelt, als der Kalte Krieg an Schärfe zunahm und das Abweichen von der Parteilinie unter Strafe stand. In einem totalitären System zu komponieren, kann gefährliche Konsequenzen haben, und Schostakowitsch führte einen schweren Kampf um eine Musik, die es ihm ermöglichte, in einer Landschaft des politischen Treibsandes zu überleben.

Den Rest seines Lebens verbrachte Schostakowitsch in Ungewissheit und im Angesichte unterdrückerischer Sowjetmachthaber. Solomon Volkov, der in seinem umstrittenen Buch Zeugenaussage seine Gespräche mit Schostakowitsch genau wiedergegeben haben will – Volkov also stellt die Behauptung auf, dass sich unter Schostakowitschs offenkundig pro-sowjetischen Themen eine dunkle Linie anti-stalinistischer Botschaften versteckt. Obwohl die meisten Wissenschaftler Volkov inzwischen mit Vorsicht genießen, haben sich die westlichen Ansichten über Schostakowitsch seit den sechziger Jahren – als viele Kommentatoren in ihm einen Lakaien des Sowjetsystems sahen – doch radikal geändert. Niemand bestreitet, dass Schostakowitsch und andere kreative Künstler während der langen Ära Stalins in ständiger Angst vor Zwangsmaßnahmen lebten. Heute gilt Schostakowitsch zu Recht als einer der dominierenden Symphoniker der Moderne. Ob es nun spezielle Geheimbotschaften gibt oder nicht, seine Musik ist erfindungsreich, dramatisch und bissig, wobei sie häufig ein Gleichgewicht zwischen öffentlicher Deklamation und zutiefst nachdenklicher Innenschau findet.

Schwermütig sowohl von Natur aus als auch durch die beunruhigende Welt stalinistischer Repressionen, hatte Schostakowitsch – ähnlich wie Mahler – einen eindeutigen Hang zu düsteren Äußerungen und musikalischer Parodie. Doch konnte er sich auch auf heitere Weise ausdrücken und so ein Gegengewicht zu seinen depressiven Neigungen herstellen. Wie das Schaffen seines fünfzehn Jahre älteren Kollegen Sergej Prokofieff zeigt auch Schostakowitschs Musik einen spürbar ironischen Unterton. Sein erstes Klavierkonzert aus dem Jahre 1933 ist von bitterem Humor und parodistischen Elementen erfüllt, die von einem wahrhaft schönen langsamen Satz unterbrochen werden. Zwanzig Jahre nach Stalins Tod schrieb Schostakowitsch seine düstere, angsterfüllte zehnte Symphonie, die viele Autoren für sein bestes symphonisches Werk halten. Ihr grausames Scherzo wurde als Portrait des Mörders Stalin bezeichnet.

In seiner symphonischen Dichtung Die Hinrichtung des Stepan Rasin für Bariton, gemischten Chor und Orchester operiert Schostakowitsch bewusst auf mehreren Bedeutungsebenen. Der manifeste Inhalt, um es mit Freud zu sagen, handelt von dem aufrührerischen Kosaken, der im 17. Jahrhundert einen fehlgeschlagenen Aufstand gegen Zar Alexei, den Vater Peters des Großen, anführte. Rasin wurde gefangengenommen, gefoltert und 1671 schließlich enthauptet. Nach seinem Tode wurde er zum Volkshelden, zu einem Symbol für das unterdrückte und entrechtete Individuum, das sich gegen die brutale Macht erhebt, die sich hinter einem Bollwerk verschanzt. Als ein Kind der Revolution schrieb Schostakowitsch dieses kantatenartige Werk, um Rasins Leben und darüber hinaus alle gewöhnlichen Menschen zu würdigen, die die große, unablässige Schlacht gegen die Unterdrückung fochten. Zugleich deutet der latente Inhalt (um wiederum Freuds Terminologie zu benutzen) eindrucksvoll auf die sowjetische Repression, die Stalin und seine Günstlinge verkörperten.

Als Schostakowitsch 1964 das Werk komponierte, war Stalin bereits seit über zehn Jahren tot. Gleichwohl ließ Stepan Rasin treue Parteimitglieder erschauern, da man darin eine Würdigung der revolutionären Leidenschaft, aber auch eine Verurteilung – nicht des sowjetischen Realismus, sondern der sowjetischen Realität sehen konnte. Was das Unbehagen der Apparatschiks noch vermehrte, war die Tatsache, dass der Text zu Stepan Rasin von Jewgenij Jewtuschenko stammte. Dieser hatte bereits in seinem Gedicht Babij Yar, das Schostakowitsch in seiner dreizehnten Symphonie verwandte, den sowjetischen Antisemitismus angeprangert.

Der Baritonsolist des Stepan Rasin ist zugleich Erzähler und Titelheld. Wie in der griechischen Tragödie, reflektiert und kommentiert der Chor die vorüberwirbelnden Ereignisse. Die energiegeladene Musik zeigt Schostakowitschs Meisterschaft im Umgang mit den Farben des Orchesters, die er im Laufe seiner lebenslangen symphonischen Arbeit errungen hatte. Das Klangspektrum reicht von einer angemessenen Rauheit bis zu tief empfundenen Evokationen russischer Folklore. Dasselbe lässt sich im großen und ganzen über die Behandlung des Chores sagen, der die großartigen Massenszenen aus Mussorgskys epischer Oper Boris Godunow widerhallen lässt.

Vierzehn Jahre nach Stalins Tod im März 1953 komponierte Schostakowitsch als eines seiner letzten Orchesterwerke die Tondichtung Oktober op. 131. Diese wurde am 26. Oktober 1967 uraufgeführt. Es war nicht das erste Stück, in dem der Komponist an die Oktober-Revolution erinnerte: Sowohl seine zweite als auch seine zwölfte Symphonie befassten sich mit diesem wegweisenden Ereignis der russischsowjetischen Geschichte. Zum 50. Jahrestag des ikonischen Geschehnisses schrieb Schostakowitsch nun eine kurze symphonische Dichtung, in der er – wie auch bei verschiedenen anderen Werken – aus früheren Stücken zitiert. In diesem Fall übernimmt er das Partisanen-Lied aus der 1936/37 entstandenen Musik zu dem Film Wolotschajewer Tage op. 48 sowie etwas aus der zehnten Symphonie. Einer Moderato-Einleitung folgt ein Allegro, das sich zu einem fieberhaften Marsch steigert.

Seine selten gespielten Fünf Fragmente (1935) schrieb Schostakowitsch als experimentelle „Übungsdurchgänge“ zu seiner vierten Symphonie. Es sind aphoristisch-kurze, sparsame Äußerungen, die an Schönberg, Berg und Webern erinnern. Die beiden ersten Fragmente sind rhythmisch trickreich und von überzeugender „Modernität“. Mit ihren lang ausgehaltenen, hohen Violintönen ist die Nummer 3 langsam und nachdenklich. Trotz seiner Kürze ist der (mit knapp vier Minuten Spieldauer längste) Satz merkwürdig anrührend, traurig und zart in einem. Nr. 4 beginnt mit einem Fagott, dem sich bald zunächst die Klarinette und dann die Oboe kontrapunktisch anschließen. Darauf folgt in der letzten Minute der Einsatz der Streicher. Die kantige fünfte Nummer beginnt mit kleiner Trommel und Violine und erinnert an den Kampf auf Leben und Tod, den der Teufel und der unglückliche Soldat in Strawinskys L’Histoire du soldat austragen.

Steven Lowe
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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