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8.557814 - LISZT: Mephisto Waltzes / 2 Elegies / Grosses Konzertsolo (Liszt Complete Piano Music, Vol. 24)
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Franz Liszt (1811–1886)
Mephisto-Walzer • Zwei Elegien • Großes Konzertsolo

 

Die kleine musikalische Gedächtniss-Feier für Frau von Muchanoff wird stattfinden – zwischen den beiden Tristan Vorstellungen, welche am 15ten und 19ten Mai angesagt sind. Cosima war intim befreundet mit Mme Muchanoff, und kommt am 15ten Mai nach Weimar.

An Eduard Liszt. Schloss Loo (bei Arnheim) 6ten Mai 75

Franz Liszt wurde 1811 im ungarischen Raiding geboren. Sein Vater Adam war Amtmann im Dienste der Fürstenfamilie Esterházy, deren Kapellmeister Joseph Haydn einst gewesen war. Schon früh wurde Franz vom ungarischen Adel gefördert, so dass er 1822 nach Wien gehen konnte. Von hier aus führte ihn sein Weg nach Paris. Zwar verweigerte ihm Luigi Cherubini die Zulassung zum Konservatorium, doch wusste der Jüngling mit seinen Darbietungen das Publikum zu beeindrucken. Unterstützt wurde er jetzt durch die Klavierbauer-Familie Erard, für deren Produkte er auf seinen Konzerttourneen Werbung machte. 1827 starb der Vater, worauf seine Mutter nach Paris kam. Franz Liszt unterrichtete, studierte und profitierte von den intellektuellen Kreisen, mit denen er in der Seine-Metropole Kontakt pflegte. Ein neues Interesse am virtuosen Klavierspiel entstand, als er den großen Geiger Niccolò Paganini hörte, dessen technische Fertigkeiten er aufgriff.

In den nächsten Jahren schuf Franz Liszt zahlreiche Kompositionen – darunter auch Lieder und Opernfantasien. Seine Beziehung zu der verheirateten Comtesse Marie d’Agoult veranlasste ihn, Paris für einige Jahre den Rücken zu kehren. Er lebte zunächst in der Schweiz, kam dann nach Paris zurück, um endlich nach Italien, Wien und Ungarn zu reisen. 1844 endete die Beziehung zu der Geliebten und Mutter seiner drei Kinder. Seine Konzertkarriere dauerte noch bis 1847: In diesem Jahr begann sein Verhältnis zu der polnischen Fürstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein, die vor ihrem ungeliebten russischen Gemahl geflohen war und sich 1848 mit Liszt in der Goethe-Stadt Weimar niederließ. Hier beschäftigte sich Franz Liszt nun mit einer neuen Form der Orchestermusik, der symphonischen Dichtung; außerdem widmete er sich der Revision und Publikation früherer Werke.

1861 ging der inzwischen fünfzigjährige Franz Liszt nach Rom, wo Fürstin Carolyne bereits seit dem Vorjahr lebte. Nach erfolgter Scheidung und Annullierung schien der Weg zur Eheschließung offen, doch lebten beide fortan in getrennten Wohnungen. Liszt empfing schließlich die niederen Weihen und lebte abwechselnd in Weimar, wo er jüngere Künstlergenerationen unterrichtete, in Rom, wo er seinen geistlichen Interessen nachging, und in Pest, das ihn als Nationalhelden feierte. Er starb 1886 in Bayreuth, wo seine Tochter Cosima residierte und mehr damit beschäftigt war, die Musik ihres drei Jahre früher verstorbenen Ehemannes Richard Wagner zu verbreiten, als sich um ihren Vater zu kümmern.

Während sich Liszt zu seiner Faust-Symphonie durch Goethe inspirieren ließ, war die literarische Quelle seiner Mephisto-Walzer die Dichtung eines gewissen Nikolaus Franz Niembsch, Edler von Strehlenau, besser bekannt unter seinem Pseudonym Nikolaus Lenau. Dieser wurde 1802 als Sohn eines österreichischen Kavallerie- Offiziers und einer ungarischen Mutter geboren. Sie verlor ihren Mann, als der Sohn gerade fünf Jahre alt war. Der zur Depression neigende, sowohl als Dichter wie als Geiger begabte Lenau verbrachte die letzten sechs Jahre seines Lebens in einem Irrenhaus, wo er 1850 starb. Faust – Ein Gedicht vollendete er kurze Zeit, nachdem Goethe den zweiten Teil seiner Tragödie abgeschlossen hatte. Das Gedicht erschien 1836 und wurde 1840 revidiert. Auch Lenaus Faust wird von dem Teufel namens Mephistopheles verführt, worauf er den Weg der Sünde und des Verbrechens einschlägt, um sich schließlich das Leben zu nehmen. Liszts erster Mephisto-Walzer bildet die erste der beiden Episoden aus Lenaus Faust und wurde ursprünglich als Tanz in der Dorfschenke bekannt. Er entstand zwischen 1856 und 1861 in Weimar. 1861 fand die Uraufführung der Orchesterfassung statt. Die Klavierversion des Werkes hat Liszt einem früheren Schüler, dem jungen Pianisten Carl Tausig gewidmet. Von Faust begleitet, betritt Mephistopheles als Jäger eine Dorfschenke, wo gerade ein Tanzvergnügen stattfindet. Faust entflammt sogleich für die Tochter des Wirtes. Mephistopheles ist die Musik der Spielleute zu müde: Er lässt sich eine Fiedel geben und streicht sie nun selbst in einer Weise, dass er sämtliche Tänzer(innen) verhext, die sich nunmehr der Liebesleidenschaft hingeben. Mephistopheles lockt alle Anwesenden hinaus, auch Faust „mit seiner Brünetten“; der Tanz geht durch die Gärten in den Wald, und man hört eine Nachtigall singen. – Das Stück beginnt mit dem Klang leerer Geigensaiten, und dann beginnt ein finsterer Tanz, den zwischendurch ein espressivo amoroso unterbricht, der dann aber in seiner anfänglichen Stimmung wieder aufgenommen wird. Vor dem abschließenden Presto hört man das Echo der Nachtigall.

Der zweite Mephisto-Walzer entstand zwischen 1878/79 und 1881. Die Uraufführung der Orchesterfassung fand 1881 statt. Widmungsträger der Klavierversion ist Camille Saint-Saëns. Der Tanz beginnt zögerlich mit dem diabolus in musica, dem „Teufel in der Musik“, wie man das unangenehme Intervall des Tritonus gern nennt. Mit diesem beziehungsreichen Intervall geht das Stück auch zu Ende, nachdem es ein ganzes Stimmungsspektrum von diabolischer Energie bis zu größerer Ruhe durchlaufen hat. Trotz des großen zeitlichen Abstands steht die Musik noch immer in Bezug zu ihrer literarischen Inspirationsquelle.

Auch die Walzer Nr. 3 und 4 hat Franz Liszt in seinen späten Lebensjahren geschrieben. Der Mephisto-Walzer Nr. 3 entstand 1883 und ist der ehemaligen Schülerin Marie Jaëll gewidmet, die mittlerweile in Paris lebte und nach den Worten ihres Lehrers eine eminente Künstlerin [war], die ihre Reputation noch weit übertrifft. Von Anfang an verwendet der Komponist in diesem dritten Mephisto-Walzer doppeldeutige Quart-Intervalle, deren Umrisse den zögerlichen Anfang bilden und ein durchgängiges Merkmal darstellen, wobei sie bisweilen an die Umkehrung der Violin-Stimmung erinnern. Der Tanz enthält lyrische Passagen und kommt weitgehend ohne jene diabolische Wut aus, die den Vorgänger angetrieben hatte. Der im März 1885 entstandene Mephisto-Walzer Nr. 4 wurde nicht veröffentlicht und ist wohl unvollendet: Es gibt Skizzen zu einem kontrastierenden Andantino-Teil, den Liszt offenbar noch einfügen wollte. Die Harmonik dieses Stückes ist mehrdeutig wie so oft in Liszts Spätwerken und wird von dem Skalenmotiv beherrscht, das am Anfang steht.

Die erste der beiden Elegien entstand 1874 zur Erinnerung an Madame Moukhanoff-Kalergis, geborene Gräfin Marie Nesselrode. Diese war eine Schülerin Chopins und begabte Pianistin gewesen, hatte im Kreis um Franz Liszt eine bedeutende Rolle gespielt und wurde deshalb mit einem Gedächtniskonzert in Weimar geehrt. Die tiefempfundene Trauer kommt durch das absteigende Intervall zum Ausdruck, das am Anfang erklingt und ein Merkmal des gesamten Stückes ist. Die zweite Elegie aus dem Jahre 1878 ist der Pianistin und Klavierpädagogin Lina Ramann (1833–1912) gewidmet, die als Biographin Liszts und Herausgeberin seiner Schriften schließlich in einen unschönen Konflikt mit Fürstin Sayn-Wittgenstein geriet. Lina Ramann unterhielt eine Musikschule in Nürnberg und hat sich vor allem als Klavierlehrerin einen Namen gemacht, insbesondere mit ihrem Grundriss der Technik des Klavierspiels, den Liszt noch der Königlich-Ungarischen Musikakademie zur Verwendung empfehlen konnte. Die zweite Elegie ist ein Werk von zarter Melancholie und enthält eine dolcissimo amoroso vorzutragende sanft-lyrische Passage, die auf einen leidenschaftlichen Höhepunkt zusteuert. Dieser löst sich am Ende in evokativer Schlichtheit auf.

Das Große Konzertsolo schrieb Franz Liszt 1849/50 für einen Wettbewerb des Pariser Konservatoriums. Es ist dem Pianisten Adolph von Henselt gewidmet. Ob es seinerzeit gespielt wurde, ist nicht bekannt. In jedem Fall bietet es erschreckende technische Schwierigkeiten. Auch Clara Schumann hatte von Liszt die Noten erhalten. Sie weigerte sich allerdings, das Stück zu spielen: Im privaten Kreise kritisierte sie die leere Virtuosität, während sie gegenüber Liszt äußerte, die Musik überschreite die Möglichkeiten eines schwachen Weibes und könne nur durch den Komponisten selbst Gerechtigkeit erfahren. Die Uraufführung fand anscheinend durch Carl Tausig statt. Liszt arrangierte das Stück als Grand Solo de Concert auch für Klavier und Orchester (diese Fassung wurde nicht veröffentlicht) sowie als Concerto Pathétique für zwei Klaviere. Das Werk entwickelt die traditionelle Sonatenform weiter: Es besteht aus einem einzigen Satz, der die gegensätzlichen Elemente der Mehrsätzigkeit in sich vereinigt und durch ein einziges Thema zusammengehalten wird, aus dem die andern Gedanken abgeleitet sind. Das Hauptthema des Großen Konzertsolos erklingt gleich zu Anfang. Der erste Teil des Stückes erreicht eine akkordische G-Dur-Passage (Grandioso), an die sich ein lyrisches Andante sostenuto anschließt, das in Des-Dur beginnt. Nach einer Kadenz wird dieser Abschnitt, der gewissermaßen den langsamen Satz vertritt, in majestätischer und ornamentierter Form wieder aufgegriffen. Bei seiner Wiederholung nähert sich das Hauptthema seiner ursprünglichen Gestalt, worauf das Nebenthema folgt – jetzt in e-Moll und als Andante, quasi marcia funebre bezeichnet. Der weitere Verlauf dieses „Trauermarsches“ wird durch die Imitation dumpfer Trommelschläge begleitet, mündet in das E-Dur des früheren Andante sostenuto und wird von einem triumphalen Abschluss gekrönt.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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