Cello, Celli: Zwanzig Celli spielen Bach und Brubeck
Brandenburgische Konzerte Nr. 3 und 6 • Elegy • Regret
Johann Sebastian Bach (1685–1750)
Innerhalb von zwölf Monaten komponierten in den
Jahren 1721/22 zwei große Meister – der eine Italiener,
der andere Deutscher – Musik, die auf dem Gipfel der
Orchestermusik des 18. Jahrhunderts steht. In jener Zeit
schrieb Antonio Vivaldi sein Opus 8 Le quattro stagione
(Die vier Jahreszeiten) und Johann Sebastian Bach seine
bemerkenswerten Concerti grossi, bekannt als Brandenburgische
Konzerte – seine frühesten Versuche in groß
angelegter absoluter Instrumentalmusik.
In seinem Widmungsbrief an Herzog Christian
Ludwig, datiert auf den 24. März 1721, beschreibt Bach
diese Werke als Concerts accommodés à plusieurs
Instruments, und tatsächlich hat jedes eine andere
Instrumentenkombination. Konzert Nr. 3 enthält neun
Soloparts: drei Violinen, drei Violen und drei Celli mit
Continuo. Das Werk ist ungewöhnlich, indem es bis auf
zwei mit Adagio bezeichnete Akkorde, welche die
beiden Allegros voneinander trennen, keinen langsamen
Satz hat. Konzert Nr. 6 hat wie Nr. 3 einen ungewöhnlichen
Klang, da die Violinen fehlen.
Dave Brubeck (geboren 6. Dezember 1920)
Die in Concord, Kalifornien geborene Jazzlegende Dave
Brubeck ist gleichermaßen angesehen als Komponist
und Pianist. Studien am College of the Pacific und bei
Darius Milhaud am Mills College führten zur Gründung
des experimentellen Jazz Workshop Ensemble zusammen
mit Studienkollegen. Dieses Ensemble machte
1949 Aufnahmen als Dave Brubeck Oktett. Später, im
Jahr 1958, gewann die Verbindung Brubecks mit dem
Drummer Joe Morello, dem Kontrabassisten Eugene
Wright und dem Alt-Saxophonisten Paul Desmond
schnell überwältigenden öffentlichen Erfolg als Dave
Brubeck Quartett. Das Experimentieren mit im Jazz
unüblichen Taktarten erbrachte Werke wie Blue Rondo
a la Turk und Take Five. So wurden Millionen
enthusiastischer junger Zuhörer in unerforschte Bereiche
des Jazz eingeführt. Die Gruppe trat bis 1967
kontinuierlich auf und machte Aufnahmen.
Als Komponist hat Brubeck verschiedene groß
angelegte Werke geschrieben und zum Teil auch
aufgenommen, darunter zwei Ballette, ein Musical, ein
Oratorium, vier Kantaten [The Gates of Justice, Naxos
8.559414], ein Messe, Lieder [Naxos 8.559220], Werke
für Jazz-Combo und Orchester sowie zahlreiche
Klavierstücke [Naxos 8.559212]. In den letzten zwanzig
Jahren hat er verschiedene neue Quartette geformt und
nahm weiterhin an den Festivals von Newport,
Monterey und Concord sowie am Kool Jazz Festival teil.
Brubeck trat 1964 und 1981 im Weißen Haus auf und
1988 auf dem Gipfel in Moskau zu Ehren der
Gorbatschows. Er ist Inhaber eines Lifetime
Achievement Award der NARAS, Ehrendoktor von
Universitäten in den Vereinigten Staaten, Kanada,
Deutschland, England und der Schweiz. Präsident
Clinton verlieh ihm die National Medal of the Arts, er
trägt die Bezeichnung Jazz Master des National
endowment für the Arts und wurde von der Library of
Congress zur „Living Legend“ ernannt.
Die folgenden Anmerkungen hat Dave Brubeck
beigesteuert:
Elegy ist ein Komposition zu Ehren der norwegischen
Künstlerin, Journalistin und Kritikerin Randi Hultin und
trug ursprünglich den Titel Blues for Randi. Sie war eine
ungewöhnliche Frau, die reisende Musiker in ihr Haus
aufnahm und jeden zu ihren Freunden zählte – vom
Ragtime-Pianisten Eubie Blake über den Bepop-
Pianisten Bud Powell bis hin zu Vertretern modernerer
Schulen. Als ich ihr am Telefon sagte, dass wir bald
nach Oslo kämen und das Stück für sie spielen würden,
erklärte sie: „Ich werde dort sein, und wenn sie mich
hineintragen müssen.“ Leider starb sie an Krebs, bevor
wir eintrafen; so hat sie das Stück niemals gehört,
obwohl sie die Noten auf dem Papier gesehen hatte. Im
Gedenken an Randi führte das Dave Brubeck Quartett
Elegy vor einem Publikum aus Jazzenthusiasten, die sie
kannten und liebten, in Oslo erstmals auf. Auch ihre
beiden Töchter, extra aus Marokko und England
gekommen, waren dabei. Das Ereignis wurde vom
norwegischen Fernsehen aufgezeichnet. Seither gehört
das Stück zum Repertoire des Quartetts. Derek Snyder
hat es für Cello-Ensemble arrangiert und dabei neues
Material zu meiner Original-Komposition hinzugefügt,
mit zusätzlichen Freiräumen für Improvisationen.
God’s Love Made Visible (Gottes Liebe ist sichtbar
geworden) ist eine Bearbeitung des Schlusschors der
Weihnachtskantate La Fiesta de la Posada, die ich 1975
komponiert habe und die im selben Jahr vom Honolulu
Symphony Orchestra uraufgeführt wurde. Dieser
chorische Festzug basiert auf dem mexikanischen und
lateinamerikanischen Brauch der Posadas. Traditionell
formiert sich eine Prozession in den Straßen, bei der die
Leute Litaneien singen und an verschiedene Türen
klopfen und um Obdach bitten, wie es Maria und Joseph
einst getan haben. Sie werden mit den harten Worten
„Wir haben keinen Platz“ (There is no room) abgewiesen,
bis der Umzug schließlich das vorgesehene
Haus erreicht. Die Türen werden weit aufgestoßen und
sie werden mit dem Lied „Tretet ein, heilige Pilger.
Kommt in mein bescheidenes Heim“ (Won’t you enter,
holy pilgrims. Come into my humble home.) begrüßt.
Nachbarn, Eltern und Kinder finden sich zusammen bei
Spielen, Tänzen, feierlichen Liedern und Anbetung. In
den Schlusstakten von God’s Love Made Visible singt
ein Kinderchor: „Jede glückliche Familie / Hat teil am
Geheimnis / der Geburt Christi / am Weihnachtstag“
(Each happy family / Shares in the mystery / Of the
Nativity / On Crhistma Day). Darauf singt der gesamte
Chor „Gottes Liebe ist sichtbar geworden! Unbegreiflich!
Er ist unüberwindlich! Seine Liebe wird
regieren! Seine Liebe wird regieren in Ewigkeit!“
(God’s love made visible! Incomprehensible! He is
invincible! His love shall reign! His love shall reign,
forevermore!). In dieser Version meiner originalen
Mariachi-Orchestrierung für Cello-Ensemble von Derek
Snyder kann man, so meine ich, Worte und Melodie
leicht zusammenbringen.
Cello, Celli ist ursprünglich für ein Pariser Cello-
Ensemble geschrieben worden, das meinen Sohn
Matthew – früherer Schüler von Aldo Parisot in Yale –
als improvisierenden Solisten verpflichtet hatte. Nachdem
ich viele Stunden intensiver Arbeit in das Werk
investiert hatte, um den Termin einzuhalten, wurde mir
mitgeteilt, dass der Auftrag geplatzt sei, weil der
französische Kunstetat drastisch gekürzt worden sei. Als
mich Ida Mercer, ebenfalls Parisot-Schülerin, nach einer
Aufführung meiner Musik beim Britt Festival in Oregon
fragte, ob ich jemals etwas für Cello-Ensemble
komponiert hätte, antwortete ich: „Aber ja, Ida. Ich habe
solch ein Stück, das noch niemals aufgeführt worden
ist.“ Ich sandte ihr Cello, Celli für eine spätere
Aufführung mit dem Cleveland Cello-Ensemble – ohne
Improvisationen.
The Desert and the Parched Land (Die Wüste und
das vertrocknete Land) ist eigentlich ein Sopransolo in
meiner Messe To Hope!, die 1979 entstanden ist und
1980 in der Cathedral of Saints Peter and Paul in
Providence, Rhode Island uraufgeführt wurde. Es
ersetzte die übliche Schriftlesung im Messritual. Als ich
To Hope! in der National Cathedral in Washington D.C.
aufnahm, improvisierte ich ein kurzes Klavierzwischenspiel,
nach dem der Sopran zum Ursprungsthema
zurückkehrt. Ich habe seither bemerkt, dass viele
andere Musiker diese Melodie gern spielen und ihr eine
Soloimprovisation folgen lassen. Derek Snyder hat in
seinem Arrangement für Cello-Ensemble meiner
Originalkomposition neues Material hinzugefügt, das er
einer Improvisation Michael Moores, des Bassisten in
meinem Quartett, entnommen hat.
Regret (Bedauern) ist eine Komposition für
Streichorchester von 2001. In den Notizen für die
Aufführung des London Symphony erklärte ich, dass
Regret „eine süße Traurigkeit, eine Sehnsucht nach
vergangenen Momenten, verpassten Gelegenheiten und
einer unwiederholbaren Vergangenheit“ ausdrückt.
„Vielleicht ist es das besondere Gefühl eines Menschen,
der so viele Jahrzehnte gelebt hat wie ich.“ Doch scheint
dieses fragile Gefühl universeller zu sein als ich
vermutete. Die Streichersektion des Russischen Nationalorchesters
führte das Stück auf und spielte es ein. Die
Chattanooga Choral Society unter Leitung von Philip
Rice machte eine Aufnahme, bei der nur Vokalklänge
und das Wort „regret“ verwendet wurden. Ich habe
großen Respekt gegenüber jeder dieser individuellen
Aufführungen. Was, fragte ich mich, würde geschehen
mit den Yale Cellos unter Aldo Parisots Führung? Die
Premiere von Regret für Cello-Ensemble fand in der
Carnegie Recital Hall im Jahr 2003 statt. Als ich mich
setzte und das Konzertprogramm in die Hand nahm,
blieb mir fast das Herz stehen: Villa Lobos, Johann
Sebastian Bach, Mozart! Panik beschlich mich, als ich
an die hohen Violinpassagen für Streichorchester
dachte, die nun von den Celli gespielt würden. Aldo
stand vor dem Ensemble und begann die vertrauten
Melodien zu dirigieren, und nach einigen Takten fühlte
ich, wie mir eine Gänsehaut wuchs. Eine solche
Klangfülle hatte ich noch nie erlebt! Die Tiefe des
Gefühls, die zum Ausdruck kam, ließ mir den Atem
stocken. Ich machte mich auf die schwierigen Passagen
gefasst, die nun kommen würden. Derek Snyder war
dicht an meiner Originalpartitur geblieben, und da er ein
Cellist ist, sagte ich mir, hat er gewiss einen Weg
gefunden, zu schwierige Passagen oder unmögliche
Noten zu umgehen. Meine Musik in so ausdrucksvoller
Schönheit zu hören, war eine unvergessliche Erfahrung.
Die Yale Cellos waren großartig, ein perfektes
Ensemble – doch wie hätte es anders sein können, hatten
sie doch alle bei Aldo Parisot gelernt, dem
Meisterlehrer.
Richard Rosenberg
Deutsche Fassung: Thomas Theise