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8.557826 - TAVENER: Lament for Jerusalem
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John Tavener (geb. 1945)
Lament for Jerusalem

Als mystisches Liebeslied beschreibt Sir John Tavener seinen Lament for Jerusalem, in dem christliche, jüdische und islamische Texte in griechischer und englischer Sprache gesungen werden. Die musikalische Struktur ist die eines sorgfältig proportionierten Flechtwerks, das den Hörer einlädt, sich auf die zentralen Stellen des Textes zu konzentrieren, die ihrerseits von transzendenten melodischen, harmonischen und strukturellen Gestalten getragen werden. Durch seine einfache Form und durch das logische Fortschreiten der sieben miteinander verbundenen, auf sich selbst bezogenen Tableaux wird der Lament auf seinem Wege immer kraftvoller und schöner. Der amerikanische Komponist Steve Reich hat einige seiner eigenen Werke als „eine Art dynamischer Stasis“ bezeichnet. Damit ist auch die Wirkung, die Tavener mit seinem Lament for Jerusalem erzielt, treffend beschrieben. Der Lament hat seine Ursprünge in einer schrecklichen Tradition, wirft jedoch einen sehnsüchtigen Blick in die Zukunft – auf eine Zeit, in der es wieder selige Visionen geben wird und in der sich, wie bei vielen der allergrößten Kunstwerke, Form und Inhalt nicht mehr voneinander trennen lassen.

Die Tableaux sind auf identische Weise gestaltet: Der Chor singt einen Abschnitt aus Psalm 137, An den Wassern zu Babel saßen wir, und weineten, wenn wir an Zion gedachten, und findet seinen Höhepunkt in einem ekstatischen Alleluia. Dann gibt es einen instrumentalen (kosmischen) Klagegesang; der Countertenor singt Ausschnitte aus dem Prolog des epischen Masnavi von Mevlana Jalaluddin Rumi, dem spirituellen Meister aus dem 13. Jahrhundert; mit einer weiteren Passage aus Psalm 137 führt der Sopran zu einem dreifachen, orthodoxen und ruhigen Alleluia; und am Ende präsentiert der Chor herzzerreißend die Klage Christi über Jerusalem. Die musivische Struktur des Werkes durchsetzt ein grollendes Anschwellen von wechselnder Dauer, Textur und Dynamik, das die tiefsten Streicher nach jedem chorischen Psalmvers, nach jedem Sufi- Vers des Countertenors und nach jeder der vom Chor vorgetragenen Klagen Christi spielen: Es ist dies ein Sinnbild für das weltmüde Seufzen und Stöhnen der Stadt Jerusalem.

Auf den ersten Blick ist der Lament for Jerusalem repetitiv. Doch es wird nur ein Takt wörtlich wiederholt, und zwar die wehmütige, dreigeteilte Wiedergabe der Worte Christi „Er weinte über sie“. Sicher, das Werk beruht auf bemerkenswert wenigen melodischen, harmonischen und strukturellen Elementen; doch diese Elemente werden kristallisiert, erweitert, verändert und auf subtile, wenngleich vernehmliche Weise im Laufe des Stückes entwickelt. Tatsächlich verdankt das Werk sein emotionales Moment der überaus delikaten Behandlung des musikalischen Materials. Die ständig fluktuierenden Modi innerhalb einer klaren tonalen Umgebung, die in eine sorgfältig kontrollierte Metrik eingebettete rhythmische Instabilität und das kulturelle Kaleidoskop der Instrumentation erzeugen eine musikalische Legierung, deren chemische Zusammensetzung sich aus nächster Nähe schwer bestimmen lässt, die aber aus der Ferne ein Werk offenbart, dessen Ganzes unverhältnismäßig viel größer ist als die Summe seiner Teile.

Der vielleicht auffallendste Aspekt des Lament ist, wie die Großartigkeit und Majestät der größeren Gesten die Bedeutung der kleineren (und schließlich universelleren) Motive zur Wirkung bringen. Trotz der Innigkeit der chorischen Lamenti, die während des Stückes an Länge und Lautstärke zunehmen, sind es doch die Trios am Ende jener Abschnitte, in denen der emotionale Kern zum Ausdruck kommt. Dasselbe gilt für die Beiträge der Sopranistin, die trotz aller melismatischen Klagen über die Gefangenschaft mit ihren abschließenden, nachdenklichen Alleluias den Brennpunkt ihrer Seelenqual zum Ausdruck bringt; und die transparent orchestrierten, kosmischen Lamenti mit ihren ständig wechselnden harmonischen Flexionen und Variationen der Echos und Vor-Echos sind von quälender Trostlosigkeit.

Lament for Jerusalem ist ein Beweis für John Taveners handwerkliches Können und seine tiefverwurzelte Spiritualität, deren Beimischung es dem Werk ermöglicht, zugleich als irdischer cri de coeur und als himmlisches Allheilmittel zu fungieren. Der Lament ist, wie uns der Komponist erinnert, ein Liebesgedicht, und seine Aufgabe ist es, den Hörer sowohl durch seine Schlichtheit als auch durch die komplexe Verflechtung christlicher, jüdischer und islamischer Traditionen anzurühren. Tavener selbst sagt: „Vielleicht kann der winzigste Partikel von Hal (das arabische Wort für göttliche Liebe) eine einzelne Seele oder besser: drei Seelen berühren.“

Jeremy Summerly, 2005
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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