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8.557829 - VIVALDI, A.: Bassoon Concertos (Complete), Vol. 4
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Antonio Vivaldi (1678–1741)
Sämtliche Fagottkonzerte, Folge 4: RV 481, 485, 477, 499, 470, 494

 

Antonio Vivaldi wurde 1678 in Venedig als Sohn eines Barbiers geboren, der später als Violinist an San Marco wirkte. In seiner Geburtsstadt kannte man Antonio wegen seiner Haarfarbe als „roten Priester“. Er ließ sich zum Priesteramt ausbilden und wurde 1703 geweiht. In der gleichen Zeit fiel er als Violinist von außerge-wöhnlichem Format auf und wurde zum Violin-Meister an das Ospedale della Pietà berufen. Letzteres war eine von vier wohltätigen Einrichtungen, die sich der Ausbildung von verwaisten, bedürftigen oder unehe-lichen Mädchen widmeten und sich einer großen musikalischen Tradition rühmten. Hier wurden die Mädchen musikalisch ausgebildet; die Talentierteren unter ihnen konnten danach als Hilfslehrerinnen tätig sein und sich so die Aussteuer für die Heirat verdienen. Vivaldis Verbindung zur Pietà währte mit Unter-brechungen sein ganzes Leben – seit 1723 unter einem Kontrakt, der ihn zur Komposition von zwei neuen Konzerten pro Monat verpflichtete. Gleichzeitig hatte er als Komponist von rund 50 Opern, Regisseur und Direktor enge Verbindung zum Theater. 1741 verließ er Venedig endgültig und ging nach Wien, wo gute Aussichten zu bestehen schienen, seine Karriere unter kaiserlicher Patronage auszubauen; auch der Hof von Dresden, wo sein Schüler Pisendel wirkte, schwebte ihm vielleicht vor. Doch starb er bereits einige Wochen nach seiner Ankunft in Wien in ziemlicher Armut. Einst war er, wie es scheint, 50.000 Dukaten im Jahr wert ge-wesen, nun hatte er nichts mehr desgleichen vor-zuweisen, bereitete er doch den Verkauf einiger Werke vor, die er mitgebracht hatte.

Venedig-Reisende wurden Zeugen von Vivaldis Können als Violinist – einige empfanden seine Auftritte allerdings eher als bemerkenswert denn vergnüglich. Er schöpfte die Möglichkeiten des Instruments voll aus und perfektionierte zugleich die neu entwickelte Form des italienischen Solokonzerts. Vivaldi hinterließ fast fünfhundert Konzerte, viele davon für Violine, aber auch solche für ein breites Spektrum an anderen Instrumenten oder Instrumentengruppen. Er behauptete, ein neues Werk schneller komponieren zu können, als ein Kopist es aufzuschreiben vermag. Enorme Leichtigkeit des Schreibens und eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Vielgestaltigkeit innerhalb der dreisät-zigen Form – zwei schnellere Sätze rahmen einen langsamen Mittelsatz – gingen bei ihm tatsächlich eine Verbindung ein.

Die Mädchen an der Pietà verfügten neben den üblichen Streichern und Tasteninstrumenten über eine Vielfalt anderer Instrumente. Dazu gehörte das Fagott, für das Vivaldi 39 Konzerte schrieb, von denen zwei scheinbar unvollständig sind. Der Grund für diese ziemlich große Zahl von Konzerten für ein vergleichsweise ungewöhnliches Soloinstrument ist nicht bekannt. Die Tatsache, dass ein Konzert dem Grafen Morzin – Förderer Vivaldis in Böhmen und Cousin von Haydns erstem Mäzen – und ein anderes einem Musiker in Venedig, Gioseppino Biancardi, gewidmet ist, sagt letztlich wenig. Es wurde angesichts des Tonumfangs, der dem Fagott in dem Werk, das seinen Namen trägt, abverlangt wird, darauf hingewiesen, dass Biancardi als Meister des Dulzian eine ältere Tradition des Fagottspiels vertrat. Das Fagott war jedenfalls ein grundlegendes Element im charakteristischen deutschen Hoforchester des 18. Jahrhunderts, wo es die Basslinie verdoppelte und in proportional größerer Zahl zu finden war als heute, nicht zuletzt in Militärkapellen. Der Orchesterpart des Fagotts wurde nicht ausgeschrieben, es sei denn, er wich – was immer wieder vorkam – von der Basslinie aus Cello, Kontrabass und Continuo ab. Die Tatsache, dass Fagotte unter den Instrumenten, welche die Mädchen in der Pietà spielten, besonders erwähnt werden, lässt vermuten, dass sie dort zumindest für diesen Zweck genutzt wurden. Solowerke für dieses Instrument gab es bereits im 17. Jahrhundert; technische Veränderungen führten dann bis zur Mitte des 18. Jahr-hunderts zu einer Reihe von Solokonzerten. Dennoch bleibt die Anzahl der Fagottkonzerte Vivaldis ungewöhnlich groß.

Zehn von Vivaldis Fagottkonzerten stehen in Moll. Das Konzert in d-Moll RV 481, eines von zweien in dieser Tonart, beginnt mit einem stürmischen ritornello, zu dem das Solofagott beiträgt, vor der absteigenden Kontur der ersten Soloepisode. Weitere Solopassagen führen rasche Triolenfiguren ein und arbeiten mit den üblichen Registerkontrasten. Das Largetto in g-Moll beginnt mit einer Introduktion des Orchesters, worauf die ergreifende Arie des Fagotts folgt. Im Allegro molto im Dreiermetrum kehrt die Ursprungstonart wieder; die erste Soloepisode des Fagotts in Triolen und andere bringen weite Sprünge zwischen dem Bass- und dem Tenorregister des Instruments.

Das Konzert in F-Dur RV 485, eines von sieben in dieser Tonart, beginnt mit einem schwerfälligeren ritornello, das mit rasch ansteigenden Violinskalen endet, bevor das Fagott diese Figuration aufnimmt. Das ripieno erklingt erneut und rahmt weitere Soloepisoden, bevor der Satz mit der Wiederkehr des zweiten Teils des ritornello endet. Der langsame Satz in C-Dur hat wieder die Form einer Soloarie. Der letzte Satz ist ein Allegro molto im Zweiermetrum mit einer schönen Entfaltung kontrastierender Fagottregister.

Vierzehn Fagottkonzerte Vivaldis stehen in C-Dur. Das Konzert in C-Dur RV 477 präsentiert wiederum die kontrastierenden Bass- und Tenorregister des Fagotts mit großen Sprüngen. Der verhältnismäßig kurze langsame Satz für Fagott und Continuo hat dieselbe Tonart; beide Hälften der Arie werden mit Ornamen-tierungen wiederholt. Charakteristische Skalen-figu-ration kennzeichnet den letzten Satz mit seiner Er-kundung anderer Tonarten.

Das Konzert in a-Moll RV 499, eines von vieren in dieser Tonart, beginnt mit einem einstimmigen Orchestertutti, das wiederkehrt, um die folgenden Soloepisoden zu rahmen. Das Konzert bietet erneut eine erstaunliche Vielfalt innerhalb des manifesten Form-schemas des Vivaldischen Solokonzerts. Das Largo verleiht dem Fagott einen fortgesetzt punktierten Rhythmus; beide Hälften der Arie mit ihrer anhaltenden ripieno-Begleitung werden mit Verzierungen wieder-holt. Im abschließenden Allegro tritt der Solist un-mittelbar ein, wobei auf den Beginn in Sequenzen ein kurzer Dialog zwischen Fagott und Violinen folgt.

Das Konzert in C-Dur RV 470 wird durch ein ritornello eröffnet, das durch seine abrupten Fermaten überrascht. Absteigende Skalen kommen reichlich zur Anwendung mit wenigstens einer Soloepisode, welche die kontrastierenden Register prachtvoll zur Wirkung kommen lässt. Auf den langsamen Satz, eine Arie in e-Moll, folgt das heitere Allegro-Finale.

Absteigende Skalen kennzeichnen das eröffnende ritornello des Konzerts in G-Dur RV 494, eines von drei Konzerten in dieser Tonart. Das Fagott übernimmt dieses Muster und fügt andere charakteristische Figuren hinzu. Im C-Dur-Largo tritt ein Instrument nach dem anderen in kurzer Imitation der ripieno-Introduktion ein, bevor die Fagott-Arie beginnt. Das effektvolle Schluss-Allegro im 6/8-Takt mit der üblichen Verwendung von Sequenzen fordert die Virtuosität des Solisten einmal mehr heraus und zeigt in der Orchesterbehandlung charakteristische Anflüge von Genialität.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Thomas Theise

 


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