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8.557857 - CIARDI: Music for Flute
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Cesare Ciardi (1818-1877)
Musik für Flöte

 

Der italienische Flöten- und Pikkolo-Virtuose Cesare Ciardi wurde 1818 im toskanischen Prato geboren. Schon in frühestem Kindesalter zeigte er eine bemerkenswerte musikalische Begabung: Noch vor seinem siebten Geburtstag fertigte er offenbar kleine Rohrflöten, auf denen er „einfache, rohe Melodien“ improvisierte, „denen es nicht an Reiz fehlte und die angenehm zu hören waren ...“ In seiner Heimatstadt unterrichteten ihn der Pianist und Komponist Giuseppe Nuti sowie der Flötist Luigi Carlesi, die beide aus Prato stammten. Im Herbst 1827 trat Ciardi zum ersten Male öffentlich auf, und das im Königspalast von Genua, wo der neunjährige Knabe der Königsfamilie und dem Publikum von Niccolò Paganini vorgestellt wurde. Damit begann eine Konzertkarriere, die den jungen Musiker schon bald auf viele der angesehensten Bühnen des Landes brachte, wobei ihm seine unglaublichen technischen und expressiven Fähigkeiten verdientermaßen das Epitheton eines Virtuosen eintrugen. Der Journalist und Musikkritiker Enrico Montazio schrieb damals in glühenden Worten von den Talenten dieses Flötisten, den er für einen der größten Solisten seiner Zeit hielt.

Seit 1838 widmete sich Ciardi zu gleichen Teilen dem Konzertieren und der kompositorischen Arbeit. Vornehmlich schrieb er Musik für sein eigenes Instrument, doch auch eine Oper konnte er zu seinen Schöpfungen zählen. In den vierziger Jahren wurde sein Ruhm daheim wie auch im Ausland immer größer, und 1847 unternahm er eine erfolgreiche Reise nach London, wo er an Covent Garden und in anderen Sälen gefeiert wurde. 1853 ging er nach St. Petersburg, um Kammerflötist des Zaren und Professor an der Kaiserlichen Kapelle, der Theaterschule und dem Konservatorium zu werden. Einer seiner dortigen Kollegen war Peter Tschaikowsky, mit dem er Freundschaft schloss und dem er die Flötentöne beibrachte. Ciardi blieb bis zu seinem Tode 1877 in Russland, und in all diesen Jahren stieg er dank seiner künstlerischen Verdienste und seines Professionalismus zum besten europäischen Flötisten auf.

Nach allem, was man über ihn hört, muss er ein wirklich großer Musiker gewesen sein - in seinem Geschmack und seinem Verständnis für sein Instrument Paganini vergleichbar, und gewiss ein einflussreicher Vertreter des italienischen Flötenspiels im 19. Jahrhundert. Die allesbeherrschende Oper hatte die Instrumentalmusik - mehr aus kommerziellen denn künstlerischen Gründen - lange Zeit mehr oder weniger ins Abseits gedrängt; daher war Ciardi nicht nur ein Star unter den Solisten, sondern auch eine wichtige Figur bei der instrumentalen Renaissance, die in der zweiten Hälfte seines Jahrhunderts Platz griff.

Er hat nur ein Konzert für sein Instrument geschrieben - das Gran Concerto D-dur op. 129 für Flöte und Klavier. Dieses Werk bearbeitete er zwar für Flöte und Orchester, doch wurde diese Fassung nie veröffentlicht, und auch handschriftliche Kopien sind nicht erhalten. Das Opus entstand um 1859, als Ciardi bereits seit einiger Zeit in St. Petersburg war, und es stellt alle für die Flöte charakteristischen Eigenschaften heraus - von ihrem erhabenen lyrischen Ausdruck bis zu ihrer brillanten Beweglichkeit - , wodurch sich dem Solisten herrliche virtuose Darstellungsmöglichkeiten eröffnen.

Der erste Satz ist in Sonatenform gehalten, und die Flötenstimme variiert das Thema auf äußerst einfallsreiche Weise. Es folgen ein Andante sostenuto Fdur sowie ein Finale Allegro scherzoso, dessen vorherrschende Leichtigkeit und melodische Fantasie ein wahres Hörvergnügen bescheren.

Schon als junger Student hatte Ciardi ein starkes Interesse an der toskanischen Volksmusik gezeigt. Er sammelte und transkribierte verschiedene stornelli für Flöte und Singstimme. In dem Repertoire für sein eigenes Instrument finden sich auch pädagogische Stücke sowie andere Kompositionen mittlerer Schwierigkeit für Amateure; hervorragend aber sind die für wirklich vollendete Spieler gedachten Werke. Sie bieten den Flötisten ein großes Spektrum an Virtuosität und dienten Ciardi als Grundlage seiner eigenen Konzertdarbietungen.

Seine bevorzugte Form war die der Fantasia, denn ihre formale und stilistische Freiheit erlaubte es ihm, mit dem thematischen Material nach Gutdünken zu verfahren und Variationen in den verschiedensten Stilen und Tonarten zu improvisieren. L’eco dell’Arno op. 34 ist ein solches Stück. Diese Fantasie über traditionelle toskanische Themen ist dem Florentiner Tenor Carlo Baucardè (1825-1883) gewidmet. Die Fantasie ist von einem lebhaften toskanischen Gefühl durchtränkt, und seine folkloristischen Wurzeln demonstrieren ebenso deutlich wie unterhaltsam die enge Verbundenheit des Komponisten mit seiner Heimat.

Die dem Opus 34 folgenden Werke für Flöte und Klavier sind weitere Belege für Ciardis Talent, schöne Melodien zu gestalten und suggestive, virtuose Stücke zu schreiben. Besonderes Gewicht legte er auf die Erfindung fantasievoller, gefälliger melodischer Linien, wobei er vertraute Themen mit Bravourpassagen und virtuosen Variationen abwechseln ließ - alles in allem also Musik, die das Publikum liebte und die definitiv seine natürliche Zuneigung zu dem Instrument und seine außerordentlichen Leistungen als Interpret spiegelte. In der Rivista musicale di Firenze aus den 1840er Jahren erschien eine begeisterte Kritik zu Ciardis Auftritten, die von einem „bewundernswerten Spieler“ sprach: „Er bringt die verrücktesten Schwierigkeiten deutlich heraus ... und führte eine Variation mit solcher Geschwindigkeit und solcher Vollkommenheit auf, dass das Publikum den Eindruck gewinnen mochte, es spielten drei Instrumente zugleich.“ Da versteht man leicht, warum er als der „Paganini der Flöte“ bekannt wurde.

Ein weiteres verblüffendes Beispiel instrumentaler Virtuosität ist Le Rossignol du nord op. 45, eine Folge brillanter, liedartiger Variationen über ein volkstümliches russisches Thema. Gleichermaßen eindrucksvoll ist Carnevale di Venezia op. 22 für Flöte und Streicher, ein Scherzo nach der Canzonetta ‘Cara mamma mia, das erneut verrät, wie sehr Ciardi die Volksmusik liebte und wie oft er von ihr angeregt wurde.

Sospiro del cuore, eine Elegie für Flöte und Klavier, ist beinahe eine Romanze, die durch ihre intensive und ausdrucksvolle Lyrik stilistisch und emotional einem Gesangsstück gleicht. Indessen erzeugen die Polka- Mazurka Di chi? und das Capriccio La smorfiosetta mit ihrer frohgemuten und manierierten Schreibweise eine vorzeitige fin-de-siècle-Atmosphäre, die nach einer eleganten Flöte verlangt.

Luisella Botteon
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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