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8.557880 - SAINT-SAENS: Cello Sonatas Nos. 1 and 2 / Cello Suite
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Camille Saint-Saëns (1835–1921)
Cellosonaten op. 32 und 123 • Suite op. 16

 

Camille Saint-Saëns war wie Mozart und Mendelssohn ein musikalisches Wunderkind. Schon mit zweieinhalb Jahren gab ihm seine Großtante Charlotte Masson den ersten Klavierunterricht, und bald verbanden sich seine musikalischen Interessen mit einer allgemeinen Begeisterung für jede Art literarischen und wissenschaftlichen Lernens. Er schuf Musik der verschiedensten Gattungen, und das in einer schöpferischen Laufbahn, die die gesamte zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts und die beiden ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts überspannte: Sie begann, als Mendelssohn noch lebte, und endete erst nach dem Tode Debussys.

Saint-Saëns wurde 1835 als Sohn eines Regierungsbeamten geboren, der drei Monate nach der Geburt seines einzigen Kindes starb. Der Knabe wurde von seiner Mutter und der bereits erwähnten Großtante erzogen, die kurz zuvor selbst Witwe geworden war. Nachdem sie ihm die Anfangsgründe auf dem Klavier beigebracht hatte, erhielt er Unterricht bei dem Kalkbrenner- und Mendelssohn-Schüler Camille Stamaty. Es dauerte nicht lange, und er gab die ersten öffentlichen Konzerte: Mit zehn Jahren beherrschte er alle Klaviersonaten Beethovens auswendig. Auch auf zahlreichen anderen Gebieten zeigte er sich ebenso interessiert wie begabt. 1848 kam er ans Pariser Konservatorium, wo er bei François Benoist Orgel und bei Fromenthal Halévy Komposition studierte und auch weiterhin seine pianistischen, organistischen und kompositorischen Fähigkeiten unter Beweis stellte. Seine intellektuelle Neugier bewog ihn, sich für die zeitgenössische Musik und die Renaissance älterer Komponisten einzusetzen.

Camille Saint-Saëns war ein Freund der Sängerin Pauline Viardot und verkehrte in ihrem Kreis. Er unterrichtete vier Jahre an der neuen École Niedermeyer, wo unter anderen Gabriel Fauré zu seinen Schülern zählte, zu dem er enge freundschaftliche Beziehungen unterhielt. Nach dem Desaster des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 war er wesentlich an der Gründung der Société Nationale de Musique beteiligt, die sich die Verbreitung der französischen Musik, der Ars Gallica, zum Ziel gesetzt hatte. 1872 starb seine Großtante. Drei Jahre später ging er eine Ehe ein, die nach sechs Jahren mit dem Tod der beiden kleinen Söhne ihr abruptes Ende fand. Seit dem Tode seiner Mutter im Jahre 1888 lebte er allein. In späteren Jahren unternahm er in Begleitung seines Hundes und eines treuen Dieners weite Reisen. Als er 1921 in Algier starb, hatte sich seine Reputation in der Heimat weitgehend überlebt. In Frankreich war die Zeit der Six gekommen. Debussy war tot, Fauré sollte ihm bald folgen – und Strawinsky hatte in Paris schon acht Jahren zuvor mit Le sacre du printemps für einen Skandal gesorgt. Saint-Saëns komponierte weiterhin, unbeeindruckt von der unschönen Äußerung Ravels, es wäre für die Musik vielleicht ein Gewinn gewesen, wenn er im Krieg Granathülsen gedreht hätte. Im Ausland genoss Saint-Saëns nach wie vor einiges Ansehen. Der Mann, den man einst den französischen Mendelssohn genannt hatte, war der Verfasser musikalischer Werke, die mit ihren klaren Texturen und ihren anziehenden Erfindungen das Publikum in ganz ähnlicher Weise ansprachen wie die Werke seines Vorgängers. Seine Musik war darauf berechnet zu erfreuen, nicht zu schockieren.

Saint-Saëns schrieb seine erste Cellosonate c-Moll op. 32 im Jahre 1872 – als Frankreich nach der katastrophalen Niederlage Napoleons III. bei Sedan gleichsam am Boden lag. Charlotte Masson war im selben Jahre gestorben, und das Werk spiegelt etwas von der persönlichen Trauer – einerseits über den Verlust der nahen Verwandten, die bei seiner Erziehung und musikalischen Ausbildung eine große Rolle gespielt hatte, andererseits über den aktuellen Zustand seines Landes. Während der Belagerung von Paris hatte Saint-Saëns in der Nationalgarde gedient. Der nach der französischen Kapitulation durch die Pariser Kommune initiierte Aufstand jedoch und der Verlust mehrerer Freunde veranlassten ihn zur Flucht nach England, von wo er bald zurückkehrte, um seine patriotische Energie in die neue Société Nationale de Musique zu investieren.

Die neue Sonate, die in dieser Zeit der Turbulenzen und persönlichen Verluste entstand, nutzt in vollem Umfang die tieferen Register der beiden Instrumente. Sie wurde bei einer der beliebten Montagssoireen uraufgeführt, die Saint-Saëns veranstaltete. Seine Mutter erhob Einwände gegen das Finale, worauf der Komponist den Satz vernichtete, um nach einigen Tagen des Schmollens das definitive Finale zu präsentieren. Der erste Satz der Sonate beginnt mit einer kraftvollen, gemeinsamen Exposition des Cellos und des Klaviers, bevor eine Passage kommt, in der ein Instrument das Echo des andern spielt. Das zweite Thema in Des führt zu einem Schlussabschnitt, in dem das Klavier das ferne Echo eines Walzers zu intonieren scheint. Nach der Durchführung leitet das Klavier die Reprise ein, wozu anfangs das Cello seine Pizzikati beisteuert. Der langsame Satz in Es-Dur (Andante tranquillo sostenuto) beginnt mit einer begleitenden Staccato-Figur, über der ein Choral zu hören ist. Das Cello übernimmt die Begleitfiguren und überlässt dem Klavier den Choral. Im Zentrum des Satzes steht eine Passage von stärkerer Empfindung, bevor der auf verschiedene Weise behandelte Choral wiederkehrt und aus dem kunstvolleren Klaviersatz heraustritt, bevor das Cello seine raschen Begleitfiguren spielt. Man hat vermutet, dass dieses Thema aus Meyerbeers Oper L’Africaine stammt, über die Saint-Saëns bei der Trauerfeier für seinen von den Kommunarden ermordeten Freund Abbé Duguerry improvisierte. Die anspruchsvolle Klavierstimme des letzten Satzes übertönt an keiner Stelle das Violoncello, dem weitgehend das melodische Interesse gilt. Das Klavier übernimmt das zweite Thema in der C-Dur-Reprise, bevor der Satz in der Ausgangstonart c-Moll endet.

1862 komponierte Saint-Saëns seine Suite für Violoncello und Klavier op. 16, die er später auch für Cello und Orchester bearbeitete [Naxos 8.553039]. Das einleitende Prélude in d-Moll verwendet in zeitgenössischer Weise ein Idiom, das man aus den Cellosuiten von Bach kennt; dazu liefert das Klavier eine leichtgewichtige Begleitung. Es folgt eine Sérénade in g-Moll mit Melodien und Texturen, die flüchtig an Spanien erinnern. Das Scherzo Es-Dur wiegt sich wie ein Walzer und gewinnt an Intensität, bevor das Äquivalent eines ruhigeren Trio- Abschnitts folgt. Eine Rückung nach E-Dur führt zu der nachdenklichen Romance, die eindringlicher wird, ehe das Klavier nach einem kurzen Cello-Rezitativ das Hauptthema wiederholt. Das Finale beginnt mit einer imposanten Einleitung, auf die eine Fuge folgt, deren Subjekt im Cello exponiert wird. Der Satz demonstriert die kontrapunktischen Fertigkeiten seines Verfassers und verwendet Elemente der Introduktion, bevor schließlich die von Bach herkommende d-Moll-Figuration des Kopfsatzes wieder aufgegriffen wird und ein brillanter Schluss in D-Dur das Werk krönt.

Saint-Saëns hat nicht viele Beiträge zum Cello-Repertoire geliefert. 1872, im Jahr der ersten Sonate, komponierte er auch sein 1. Cellokonzert, dem er 1902 ein zweites folgen ließ. 1875 hatte er sein Allegro appassionato für Violoncello und Klavier geschaffen, und 1905 folgte schließlich seine zweite Cellosonate F-Dur op. 123. In diesem Jahr feierte er seinen 70. Geburtstag, und es gab eine Aufführung des 2. Cellokonzerts mit Joseph Hollmann, das die Kritik ungünstig mit dem Ersten verglich. Dasselbe Urteil erfuhr unverdientermaßen auch die zweite Cellosonate, mit der Saint-Saëns bei einem Aufenthalt in Alexandria begonnen und die er in Biskra vollendet hatte. Der erste Satz in Sonatenform erinnert mit seinen punktierten Rhythmen und seinem ersten Thema an den Barock, worauf bald eine sanftere lyrische Stimmung folgt, bei der man an ein Lied seines Schülers Fauré denken könnte. Das Scherzo besteht aus Thema und Variationen. Die d-Moll-Melodie selbst bewegt sich im unablässigen Rhythmus einer Tarantella. Die erste Varia- tion verändert das Metrum, wobei das Klavier rasche, kontinuierliche Sechzehntel und das Cello kurze Einwürfe bringt. Der Dialog der zweiten Variation führt zu einer Variation im 9/8-Takt mit der Bezeichnung Tranquille – sans lenteur, deren sanftes Trällern vom Molto allegro der vierten Variation unterbrochen wird, in der Cello-Pizzikati das perlende Klavier begleiten. Die kraftvolle fünfte Variation führt zu einer sechsten in Gestalt einer Fuge. Die siebte Variation, Poco allegretto, tranquillo, steht in D-Dur und behandelt das Material kanonisch, die achte bringt das jetzt mit Presto bezeichnete Thema wieder, zu dem das Cello eine gegenrhythmische Begleitung spielt. Im dritten Satz, einer Romanza in B-Dur, steht das Cello im Vordergrund. Der Mittelteil des warm-herzigen, lyrisch-melodischen Satzes verrät größere Emotionen. Gegenüber seinem Verleger meinte Saint-Saëns, dieser Satz würde das Publikum entweder zu Tränen rühren oder einschläfern. Der letzte Satz, der wie eine Toccata vorangetrieben wird, lässt den melodischen Kommentar des Cellos durch die unablässige Bewegung des Klaviers erklingen; das ganze führt zu einem aufregenden Endspurt.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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