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8.557884 - LE ROUX: Complete Works for 1 and 2 Harpsichords
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Gaspard Le Roux (um. 1707)
Sämtliche Werke für ein und zwei Cembali

 

Es war der bedeutende amerikanische Cembalist Albert Fuller, der Gaspard Le Roux in den 1950er Jahren vor der Vergessenheit bewahrte, als er die erste Aufnahme sei-ner Werke machte und der Welt eine wissenschaftliche Edition der Stücke nebst einem wichtigen Vorwort schenkte. Ihm widme ich diese neue Einspielung – aus Dankbarkeit für alles, was ich während meiner Jahre als Student an der Juilliard School von ihm gelernt habe. Vieles davon habe ich wiederum meiner früheren Schülerin Naoko Akutagawa vermitteln wollen, die hier ihre Debütaufnahme vorlegt.

Le Roux gehörte zur ersten Clavecinisten-Riege des 17. Jahrhunderts. Nur Louis Couperin und Jean-Henri d’Anglebert übertreffen ihn in quantitativer, selten jedoch in qualitativer Hinsicht. Im Vorwort der Ausgabe, die 1705 in Paris erschien und deren Reihenfolge wir hier genau folgen, versprach Le Roux weitere und größer angelegte Werke für den Fall, dass seine Bemühungen auf die Gunst des Publikums stoßen. Im Juni 1707 war er jedoch bereits tot, und es sind nur vier weitere Stücke (für Singstimme) von ihm erhalten.

Wann und wo Le Roux geboren wurde, ist nicht bekannt. Da er aber 1690 erstmals erwähnt und bald darauf in Dokumenten als etablierter, erfolgreicher Musiker aufgeführt wird, können wir annehmen, dass er in recht jungen Jahren starb. Seine Cembalostücke bewegen sich allerdings fest in der Tradition des 17. Jahrhunderts und könnten angesichts ihres Stils sehr wohl ein Vierteljahrhundert vor ihrer Veröffentlichung entstanden sein. Was gedruckt wurde, ist vermutlich eine Auswahl aus seinem gesamten Schaffen.

Die Stücke werden nach sieben Tonarten gruppiert, sind aber ein wenig zu ungeordnet, als dass man diese Gruppen als Suiten bezeichnen könnte. In ihnen begegnet uns der ganze Reichtum der französischen Tanzmusik, wie sie die Lautenisten und Jean-Baptiste Lully zur Gemütsergötzung König Ludwigs XIV. und der Aristokratie, die sich im Dunstkreis seines Hofes bewegte, kodifiziert hatten. Betrachtet man das durchgängige Niveau der Erfindung, das rhetorische Flair und Gleichgewicht, die Raffinesse der Ornamentierung und die Tiefe des Ausdrucks, so gibt es nur wenige, die es in diesem Stil mit Le Roux aufnehmen könnten. Vier Schmuckstücke finden sich auch unter den nicht mensurierten Préludes im Stile Louis Couperins; diese verlangen vom Interpreten erhebliches Einfühlungsvermögen, da der Stecher offensichtlich von der freien Notation in ausschließlich ganzen Noten verwirrt war.

Seine größte Überraschung hat Le Roux sich allerdings bis zum Schluss aufgehoben: die brillantesten Variationen, welche die gesamte französische Cembalistenschule im italienischen Stil geschaffen hat. Es sind dies Veränderungen über eine Sarabande, die deutlich an die Folies d’Espagne erinnert und tatsächlich Le Roux’ Antwort auf Corellis berühmte Follia und auf diejenige des Kollegen d’Anglebert darstellt. Es scheint ein Charakteristikum dieser bescheidenen Persönlichkeit zu sein, dass er keine Konfrontation mit den bedeutenden Meistern über ein und dasselbe Thema suchte, ein Charakteristikum aber auch seines Genies, dass seine zwölf Couplets den Vergleich mit diesen sehr wohl aushalten. Le Roux beendet die bemerkenswerte Demonstration seiner Vielseitigkeit mit einer beinahe impressionistischen Variation, die Erinnerungen an das in einem maurischen Springbrunnen funkelnde Mondlicht weckt. Nachdem er sich zum Abschied mit einem anbetungswürdigen kleinen Menuett verneigt hat, bietet er mit einer Gigue für zwei Cembali eine spektakuläre Zugabe, in der die typisch französische Tanzfreude geradezu überströmt.

Es ist das einzige Stück, das eigens für zwei Cembali geschrieben ist. Doch die Edition bietet am Ende der jeweiligen Seite von den meisten Stücken parallele Fassungen für zwei Oberstimmen mit einer Basslinie, die nach Le Roux’Ansicht ihren Effekt auf zwei Cembali machen würde. Er gibt fünf Beispiele dafür, wie man passende Arrangements gestaltet; diese haben wir an den jeweils richtigen Stellen in die „Suiten“ integriert. Le Roux gibt den Gruppen keine Namen. Außerdem haben wir ein halbes Dutzend unserer eigenen Einrichtungen hinzugefügt, die sich über das gesamte Buch verteilen. Diese ansonsten einzigartige Prozedur könnte François Couperin zu der Empfehlung veranlasst haben, man solle seine großen Trios auf zwei Cembali spielen.

Glen Wilson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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