About this Recording
8.557894 - VERDI: Don Carlos (Highlights)
English  German 

Giuseppe Verdi (1813-1901)
Don Carlos (Höhepunkte)

(1886 Moderna / 1867 Paris Fassungen)

 

Die letzte, italienische Fassung seiner Oper Don Carlos brachte Giuseppe Verdi 1884 an der Mailänder Scala heraus. Die Grand-Opéra von Paris hatte ihm Schillers Schauspiel zur Vertonung vorgeschlagen, nachdem er dort bereits seine Opern Jérusalem und Les vêpres siciliennes uraufgeführt und 1865 zudem die französische Version seines Macbeth auf die Bühne gebracht hatte. Die Premiere des neuen Auftragswerks fand am 11. März 1867 in Paris statt. Bevor es soweit war, musste der Komponist zahlreiche Striche vornehmen, weil das komplette Werk viel zu lang war. Auch späterhin kam es zu Bearbeitungen, vor allem in den Jahren 1882 und 1883. Grundlage war dabei das französische Libretto, das schließlich für die letzte Version ins Italienische übersetzt wurde. Die verschiedenen Fassungen der Oper stellen Regisseure und Dirigenten immer wieder vor individuelle Entscheidungen; die italienische Einspielung der Königlich Schwedischen Oper enthält viele Teile der Originalfassung, um möglichst getreu den Verlauf des Schillerschen Dramas darzustellen.

Die Handlung

Erster Akt

[Track 1] Don Carlos, der Sohn des spanischen Königs Philipp II., soll Elisabeth de Valois heiraten und hat inkognito die spanische Gesandtschaft nach Fontainebleau begleitet, um einen Blick auf seine zukünftige Frau zu werfen. Die winterliche Szene spielt zunächst im Walde von Fontainebleau, wo Carlos allein ist und die Klänge königlicher Jäger hört.

[2] Don Carlos wartet auf Elisabeth und hofft auf die Freuden wahrer Liebe.

Bei ihrer Begegnung verlieben sich Elisabeth und Don Carlos ineinander. Bald aber kommt aus dem Palast die Kunde, dass bei den Friedensverhandlungen zwischen Frankreich und Spanien beschlossen wurde, Elisabeth mit König Philipp selbst zu vermählen – sehr zum Leidwesen des jungen Paares.

Zweiter Akt

[3] Der zweite Akt beginnt in dem spanischen Kloster von St. Just. Don Carlos sucht Trost an der Gruft seines Großvaters Karl V. Dieser hatte dem Thron entsagt und war Mönch geworden.

[4] Zu Carlos tritt dessen Jugendfreund Rodrigo, Marquis von Posa. Er ist eben aus Flandern heimgekehrt und will Don Carlos für die Freiheit des dortigen Volkes gewinnen, das unter dem spanischen Joch leidet.

Don Carlos gesteht Rodrigo, dass er Elisabeth, die Frau seines Vaters, liebt.

5 Die zweite Szene des zweiten Aktes spielt in einem Garten vor den Toren des Klosters St. Just. Die Damen des spanischen Hofes, unter ihnen Prinzessin Eboli, sind hier versammelt. Die Prinzessin singt ein altes maurisches Liebeslied, bei dem sie ein Page auf der Mandoline begleitet.

Als Elisabeth herbeikommt, tritt Rodrigo vor, um ihr einen Brief ihrer in Frankreich weilenden Mutter zu überreichen. Auch hat er eine Botschaft von Don Carlos: Darin heißt es, sie solle Rodrigo vertrauen und mit ihm ein Treffen verabreden. Prinzessin Eboli hingegen nimmt an, dass Carlos insgeheim in sie verliebt sei.

6 Rodrigo setzt sich für Carlos ein, und Elisabeth erklärt sich zu einer Zusammenkunft bereit. Rodrigo geht mit Eboli ab.

Carlos erscheint und bittet Elisabeth um Nachsicht: Sie möchte sich bei seinem Vater dafür verwenden, dass man ihn zum spanischen Gesandten in Flandern macht. Er empfindet sie als kaltherzig; sie weist den Vorwurf zurück und verteidigt sich damit, dass die Pflicht trotz ihrer Gefühle dieses Verhalten erfordere. Carlos spricht von seiner Liebe zu ihr.

7 Carlos muss ihr seine Liebe gestehen und umarmt sie. Sie warnt ihn vor der Gefahr, in die er sich begibt. Als er sie verlässt, kniet Elisabeth betend nieder.

Der König erscheint und ist wütend, die Königin ohne Gefolge vorzufinden. Er entlässt die Gräfin von Aremberg und schickt sie zurück nach Frankreich.

8 Elisabeth versucht, die Gräfin zu trösten und sagt ihr, sie habe auch dann einen Platz im Herzen der Königin, wenn sie aus Spanien verbannt sei. Sie gibt ihr zum Abschied einen Ring.

Rodrigo tritt jetzt hervor und berichtet dem König, wie das flandrische Volk unter der Inquisition zu leiden habe. Philipp hat jedoch kein Mitleid mit den Ketzern: Er warnt Rodrigo vor dem Großinquisitor, bewundert allerdings Mut und Aufrichtigkeit des jungen Mannes.

Dritter Akt

Schauplatz ist der Garten der Königin. Im Palast findet derweil ein Maskenball statt. Elisabeth ist müde und will einige Zeit allein im Gebet verbringen. Sie befiehlt Prinzessin Eboli, ihren Mantel anzulegen, damit man glaubt, die Königin sei noch immer anwesend.

9 Die Hofdamen bewundern den gestirnten Himmel, während sich Prinzessin Eboli in der Rolle der Königin gefällt.

Carlos wurde durch eine Botschaft in den Garten bestellt. Er kommt und erklärt der Frau, die er für die Königin hält, seine Liebe. Prinzessin Eboli ist wütend und enttäuscht und schwört, sich an der Königin und Carlos zu rächen. Rodrigo hat die Szene beobachtet und will die Prinzessin töten; Carlos hindert ihn daran.

0 Vor der Kathedrale von Valladolid feiert das Volk die bevorstehende Ketzerverbrennung.

Die Gefangenen werden herbeigeführt. Carlos erscheint mit einer Gruppe flandrischer Gesandter, die um Gnade und Frieden für ihr Volk bitten. Philipp weist sie ab – worauf sein Sohn stürmisch das Schwert zieht. Der König befiehlt, ihn zu entwaffnen. Keiner der Anwesenden wagt zu gehorchen, bis Rodrigo ihm das Schwert aus der Hand nimmt. Carlos glaubt sich verraten und gibt nach.

Vierter Akt

! Sorgen peinigen den König in seinen Gemächern, weil er den eigenen Sohn verurteilen muss.

@ Er glaubt, dass er nie die Liebe seiner Frau gewinnen wird.

# Man meldet den Großinquisitor, der darauf besteht, dass Carlos sterben muss.

Fernerhin, so führt der alte Mann aus, müsse auch Rodrigo getötet werden.

$ Der König ist einen Augenblick allein; dann kommt Elisabeth herein. Sie fällt zu seinen Füßen nieder und bittet ihn, ihr gegen eine Palastintrige beizustehen: Man hat ihre Juwelen gestohlen, und sie verlangt Gerechtigkeit. Philipp teilt ihr mit, dass sich der Schmuck mitsamt einem Portrait von Don Carlos in seinem Besitz befinde. Elisabeth beteuert ihre Unschuld: sie sei früher ja mit Carlos verlobt gewesen.

Philipp stößt sie beiseite. Sie stürzt nieder und wird ohnmächtig. Rodrigo und Prinzessin Eboli eilen herbei, um ihr zu helfen.

% Die vier Personen reagieren unterschiedlich auf die vorigen Ereignisse.

Eboli gesteht jetzt, dass sie das Juwelenkästchen dem König gegeben habe, dessen Geliebte sie gewesen sei. Elisabeth verbannt sie in ein Kloster.

^ Die Prinzessin Eboli verflucht ihre eigene Schönheit.

Ihre Rache soll jetzt darin bestehen, dass sie einen bewaffneten Aufstand zu Don Carlos’ Rettung anzettelt.

Rodrigo hat versucht, die Schuld für die Unruhen in Flandern auf sich zu nehmen, indem er dem König durch Papiere, die sich in seinem Besitz befinden, seine Verantwortung darlegen will.

& Im Gefängnis verabschiedet er sich von seinem Freund Carlos; er erzählt von dem Geständnis, dass er vor dem König abgelegt hat, und drängt Carlos, für ihn nach Flandern zu gehen. Es fällt ein Schuss, und der Marquis stürzt tödlich getroffen nieder.

* Sterbend sagt er dem Freund, dass Elisabeth alles wisse und ihn im Kloster treffen wolle: Es sei seine Pflicht, Spanien zu retten.

Der König kommt, um seinen Sohn freizulassen, wird von diesem aber des Mordes an Rodrigo bezichtigt. Carlos gibt zu, dass sein Freund für ihn gestorben sei. Man meldet, dass die von Prinzessin Eboli aufgehetzte Menge herbeikomme, um Carlos zu retten.

Das Erscheinen des Großinquisitors wendet das Blatt: Die Aufrührer knien vor ihrem König nieder; indessen gesteht Prinzessin Eboli, die als Page angetan ist, Elisabeth ihre tiefen Gefühle für Carlos.

Fünfter Akt

( Im Kloster von St. Just kniet Elisabeth betend vor dem Grabe Karls V. Sie erinnert sich ihres früheren Glücks in Fontainebleau und will von Don Carlos Abschied nehmen, bevor dieser nach Flandern geht.

) Elisabeth und Carlos verabschieden sich voneinander.

¡ Philipp und der Großinquisitor kommen hervor, um Carlos als Verräter und Ketzer zu ergreifen. In diesem Augenblick erscheint zum Entsetzen aller Anwesenden eine Gestalt, bei der es sich anscheinend um Karl V. handelt, und zieht Carlos mit sich in die Gänge des Klosters.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac

---

 

Vier Fassungen, sieben Adaptionen: Zur Aufnahme des Don Carlos durch die Königlich Schwedische Oper

Heute wird Don Carlos ebenso häufig in Französisch wie in Italienisch aufgeführt. Einzelne Produktionen bzw. CD- und Schallplatteneinspielungen variieren jedoch erheblich hinsichtlich der Auswahl der Szenen und der Musik. Der Umfang des originalen Materials ist so groß, dass Regisseure, Dramaturgen und Dirigenten dazu neigen, das Werk auf äußerst individuelle Weise auf die Bühne zu bringen, manchmal ohne ihre Absichten wirklich deutlich zu machen. Auch wenn mitunter von einer französischen und einer "italienischen" Fassung von Don Carlos gesprochen wird, gibt es keine "italienische" Fassung, sondern lediglich eine italienische Übersetzung, denn Verdi komponierte fast die gesamte Musik auf der Grundlage eines Librettos in französischer Sprache. Zwar hat Verdi vier verschiedene Fassungen genehmigt, doch wird Don Carlos häufig in einer Mischform aufgeführt, die er selbst nur schwer wieder erkannt hätte.

1. Paris 1866-67

A. Die französische Oper in fünf Akten, die Verdi 1866 für die Pariser Opéra komponiert hat.

B. Die gekürzte Oper in fünf Akten mit Ballett wird bei der Generalprobe am 24. Februar 1867 aufgeführt. Das Material wurde vor allem im 4. Akt stark gekürzt, insbesondere Ebolis Geständnis an die Königin vor der Arie ‘O don fatal’ und die Kerker-Szene.

C. Die Oper, weiter gekürzt, jedoch immer noch fünf Akte umfassend, wird am 11. März uraufgeführt. Zu den Passagen, die gestrichen wurden, gehören die Szenen mit Elisabeth und dem hungernden Volk im 1. Akt und die Beschreibung der Verhältnisse in Flandern, wie sie Carlos vom Marquis de Posa im 2. Akt geschildert werden.

D. Die zweite Aufführung vom 13. März ist mit der Uraufführung identisch, jedoch endete die Kerker- Szene des 4. Aktes nun mit dem Tod Posas. In dieser Adaption, die noch weiter gekürzt und ins Italienische übersetzt wurde, erlebte Don Carlos seine Erstaufführung 1867 in London. Die italienische Erstaufführung fand im selben Jahr in Bologna statt.

2. Neapel 1872

E. Die neue italienische Übersetzung einer leicht gekürzten Adaption D, nun mit neuer Musik für das Duett von Philipp und Posa im 2. Akt, die einzige Passage in Don Carlos, für die Verdi Musik auf einen italienischen Text komponierte.

3. Mailand, La Scala, 1884

F. Eine umfassende Überarbeitung kürzte die Oper auf vier Akte, teilweise mit neuer Musik, die auf der Basis eines überarbeiteten französischen Librettos komponiert und dann ins Italienische übersetzt wurde. Nun wurde der 1. Akt entfernt, ebenso der Maskenball und das Ballett, das in dem früheren 3. Akt enthalten war. Die großen Duette von Carlos und Posa, Posa und Philipp, und Carlos und Elisabeth weichen erheblich von früheren Adaptionen ab. Das selbe trifft auf die Aufruhszene und das abschließende Finale zu.

4. Modena 1886

G. Fünf Akte in Italienisch. Jetzt geht ein gekürzter 1. Akt (= Paris) einer überarbeiteten Adaption F der Akte 2 - 5 (= Mailand) voraus.

 

Welcher Don Carlos?

Das Bestreben, das hinter der Fassung steht, die die Königlich Schwedische Oper seit Dezember 1999 aufführt, soll so verständlich wie möglich Schillers und Verdis Geschichte erzählen, die von der tragischen Einfluss des Machtkampfs zwischen Kirche und Staat auf das Schicksal von fünf Menschen handelt. Dabei sollte vermieden werden, zu abrupt zwischen den verschiedenen Fassungen hin und her zu springen.

Von Anfang an wollte der Regisseur Friedrich Meyer Oertel einen Großteil des 1. Akts bewahren, die Szene in Fontainebleau, in der sich Carlos und Elisabeth begegnen und ineinander verlieben, die seit 1930 in Stockholm nicht mehr aufgeführt worden war. Zudem wollte er die Oper mit dem frühen geheimnisvollen gedämpften Finale des 5. Aktes enden lassen. Der Dirigent Alberto Hold-Garrido bestand auf der Klage Philipps und des Männerchors über Posas Erschießung - Linien, die im Requiem von Verdi wiederkehren.

Aus dramaturgischer Sicht ist das französische Libretto des Don Carlos gut konstruiert und lässt keinen wichtigen Schritt der Handlung unerklärt. Es gibt daher keinen triftigen Grund für das Auslassen der kurzen Szene des 3. Aktes, das so oft zu finden ist, in der die Königin und die Prinzessin Eboli mit fatalen Konsequenzen die Kostüme tauschen, in denen sie auf dem Maskenball erscheinen. Darüber hinaus geben wir der Aufruhrszene im 4. Akt (wo Carlos sich im Gefängnis befindet), genügend Raum, um dem Zuschauer die Möglichkeit zu geben zu begreifen, wer hinter dem Aufstand steckt - wiederum Eboli - und wie dadurch die Grundlage für das Treffen der Liebenden im letzten Akt geschaffen wird. Die Fassung, die hier von der Königlich Schwedischen Oper auf Italienisch gesungen wird, hat daher große Ähnlichkeit mit der Modena-Fassung von 1886, die um einige wichtige Elemente der Pariser Fassung von 1867 ergänzt wurde.

Stefan Johansson
Chefdramaturg der Königlich Schwedische Oper Stockholm

Deutsche Fassung: Peter Noëlke

 

Die Libretto sind online unter http://www.naxos.com/libretti/doncarlos.htm.


Close the window