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8.557904 - LISZT: Verdi Paraphrases and Transcriptions (Liszt Complete Piano Music, Vol. 25)
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Franz Liszt (1811–1886)
Konzertparaphrasen und Transkriptionen von Motiven aus Verdi-Opern

 

Als er sich an die Kommission der Kammer wandte, sagte er, die Kunst werde für sich selbst sprechen, denn ein Plagiat, auch wenn es von „List“ komponiert sei... hätte einen nur geringen oder gar keinen künstlerischen Wert. Wenn man Pianisten und andern Instrumentalisten das freie Plagiat erlaubte... würden sie eher die Ideen anderer stehlen, als eigenes Material zu schreiben.

(Mary Jane Phillips-Matz: Verdi: A Biography, Oxford 1993, S. 483)

Giuseppe Verdis etwas wunderlicher Tribut an Franz Liszt verdeutlicht, was er – zumindest im Jahre 1865 – von Operntranskriptionen hielt. Diese gehörten zum Standardrepertoire vieler Virtuosen und halfen, berühmte Melodien noch berühmter zu machen, jedoch ohne dass der eigentliche Komponist davon profitiert hätte. Liszt war nun allerdings mehr als ein virtuoser Klavierspieler: In den 1850er Jahren brachte er als Dirigent in Weimar verschiedene Verdi-Opern zur Aufführung. Als George Eliot und George Henry Lewes – George Eliot war das Pseudonym der englischen Schriftstellerin Mary Ann Evans (1819– 1880), die lange mit ihrem zwei Jahre älteren Kollegen George Henry Lewes bis zu dessen Tode im Jahre 1878 in eheähnlichem Verhältnis zusammenlebte – 1854 Weimar besuchten, konnten sie Franz Liszt als Dirigent des Ernani erleben: „Liszt sah fabelhaft aus, als er dirigierte. Das großartige Profil seines Gesichts und das wehende Haar zeichneten sich durch die Bühnenbeleuchtung vorteilhaft und in scharfen Konturen ab“ (zitiert nach Alan Walker : Franz Liszt: The Weimar Years, 1848–1861, London, 1989, S. 251). Liszts Paraphrasen über Verdi-Opern sind eher Würdigungen als Plagiate, und was immer Giuseppe Verdi auch von reisenden Klavierspielern gehalten haben mag – seinen Kollegen Liszt hat er klar respektiert.

Franz Liszt wurde 1811 im ungarischen Raiding geboren. Sein Vater Adam war Amtmann im Dienste der Fürstenfamilie Esterházy, deren Kapellmeister Joseph Haydn einst gewesen war. Schon früh wurde Franz vom ungarischen Adel gefördert, so dass er 1822 nach Wien gehen konnte. Von hier aus führte ihn sein Weg nach Paris. Zwar verweigerte ihm Luigi Cherubini die Zulassung zum Konservatorium, doch wusste der Jüngling mit seinen Darbietungen das Publikum zu beeindrucken. Unterstützt wurde er jetzt durch die Klavierbauer-Familie Erard, für deren Produkte er bei seinen Konzerttourneen Werbung machte. 1827 starb der Vater, worauf seine Mutter nach Paris kam. Franz Liszt unterrichtete, studierte und profitierte von den intellektuellen Kreisen, mit denen er in der Seine-Metropole Kontakt pflegte. Neues Interesse am virtuosen Klavierspiel entstand, als er den großen Geiger Nicolò Paganini hörte, dessen technische Fertigkeiten er nun nachzuahmen begann.

In den nächsten Jahren schuf Franz Liszt zahlreiche Kompositionen – darunter auch Lieder und Opernfantasien. Seine Beziehung zu der verheirateten Comtesse Marie d'Agoult veranlasste ihn, Paris für einige Jahre den Rücken zu kehren. Er lebte zunächst in der Schweiz, kam dann nach Paris zurück, um endlich nach Italien, Wien und Ungarn zu reisen. 1844 endete die Beziehung zu der Geliebten und Mutter seiner drei Kinder. Seine Konzertkarriere dauerte noch bis 1847: In diesem Jahr begann sein Verhältnis zu der polnischen Fürstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein, die vor ihrem ungeliebten russischen Gemahl geflohen war und sich 1848 mit Liszt in der Goethe-Stadt Weimar niederließ. Hier beschäftigte sich Franz Liszt nun mit einer neuen Form der Orchestermusik, der symphonischen Dichtung; außerdem widmete er sich der Revision und Publikation früherer Werke.

1861 ging der inzwischen fünfzigjährige Franz Liszt nach Rom, wo Fürstin Carolyne bereits seit dem Vorjahr lebte. Nach erfolgter Scheidung und Annullierung schien der Weg zur Eheschließung offen, doch beide lebten fortan in getrennten Wohnungen. Liszt empfing schließlich die niederen Weihen und lebte abwechselnd in Weimar, wo er jüngere Künstlergenerationen unterrichtete, in Rom, wo er seinen geistlichen Interessen nachging, und in Pest, das ihn als Nationalhelden feierte. Er starb 1886 in Bayreuth, wo seine Tochter Cosima residierte und mehr damit beschäftigt war, die Musik ihres drei Jahre zuvor verstorbenen Ehemannes Richard Wagner zu verbreiten, als sich um ihren Vater zu kümmern.

Liszts Konzertparaphrasen sind mehr als bloße Transkriptionen. In ihnen findet vielmehr eine neue Interpretation des originalen thematischen Materials statt, wie sogleich eine der besten und bekanntesten Bearbeitungen zeigt, die 1859 entstandene Paraphrase de concert über den 1851 in Venedig uraufgeführten Rigoletto. Titelheld der Handlung ist der Hofnarr des Herzogs von Mantua, der diesem bei seinen Liebesabenteuern stets ein hilfreicher Komplize war. Nachdem er dem Herzog geholfen hat, die Tochter des alten Grafen Monterone zu entehren, trifft ihn der Fluch des verzweifelten Vaters. Rigoletto verliert seine eigene Tochter Gilda, die der Herzog zunächst verführt und die dann zu dessen Vergnügen von Leuten des Hofes verschleppt wird. Im letzten Akt dingt Rigoletto den Mörder Sparafucile, der den Herzog töten soll, während dieser mit Sparafuciles Schwester Maddalena tändelt. Inzwischen werden sie aus der Dunkelheit von Rigoletto und Gilda beobachtet, die sich trotz der erwiesenen Untreue ihres Geliebten für diesen opfern wird. Diese Szene diente Liszt als Grundlage seiner Paraphrase, die beherrscht wird von des Herzogs Bella figlia d'amore (Schöne Tochter der Liebe), den fröhlichen Antworten Maddalenas und den Einwürfen Gildas, die den wahren Charakter des Herzogs erkennen muss.

Seine ägyptische Oper Aida schrieb Verdi zur Einweihung des Kairoer Opernhauses 1871. Aida, die Tochter des äthiopischen Königs, lebt als Sklavin in Ägypten. Sie liebt den Feldherrn Radamès, der gegen die Äthiopier in einen neuen Krieg zieht und nach seinem Triumph mit Amneris, der Tochter des Pharao, vermählt werden soll. Bei einem Stelldichein mit der geliebten Aida gibt er militärische Geheimnisse preis, die deren inzwischen gleichfalls gefangener Vater Amonasro belauscht. Radamès wird des Verrats angeklagt und dazu verurteilt, bei lebendigem Leibe eingemauert zu werden. Nachdem der letzte Stein des Grabes geschlossen ist, taucht Aida auf: Sie hat sich in der Hinrichtungsstätte versteckt, um mit dem Geliebten gemeinsam in den Tod zu gehen. Amneris beklagt inzwischen das Los des Mannes, den auch sie geliebt hat. Liszt veröffentlichte 1879 seine Paraphrase über Danza sacra e duetto final. Der sakrale Tanz wird am Ende des ersten Aktes aufgeführt, als man Radamès als Zeichen seines militärischen Oberbefehls das heilige Schwert übergibt. Die Priesterin singt im Tempel ihr Gebet an den mächtigen Gott Phtha ( Possente Fthà ), an das sich der Tanz anschließt. Im vierten Akt sind die Priesterinnen wieder im Tempel zu hören, derweil Radamès und Aida in der geschlossenen Grabkammer vom Leben Abschied nehmen: O terra addio; addio, valle di pianti (O Erde, lebe wohl, du Tal der Tränen, lebe wohl), indessen die zutiefst erschütterte Amneris ihr eigenes Gebet spricht.

Recht kompliziert ist die Handlung des 1853 in Rom uraufgeführten Trovatore. Manrico, der Titelheld, hält sich für den Sohn der Zigeunerin Azucena. In Wahrheit ist er einer der beiden Söhne des alten Grafen Luna, mit dessen Entführung sich Azucena einst für die Ermordung ihrer Mutter gerächt hatte. Aus dem Troubadour wurde ein Aufrührer und geschworener Feind des jungen Grafen Luna, der sich im Gegensatz zu seinem Widersacher vergeblich um die Adlige Leonora bemüht, die Manricos Liebe erwidert und ihn auch in dessen Festung heiraten will. Da kommt die Meldung, dass Luna Azucena ergriffen hat und sie – wie einst ihre Mutter – auf den Scheiterhaufen bringen will. Bei seinem Rettungsversuch gerät Manrico selbst in die Hände des Todfeindes. Im vierten Akt kommt Leonora zu dem Turm, in dem Manrico eingekerkert ist, um dem Geliebten Hoffnung zu bringen. Aus dem Innern des Gebäudes hört man das Miserere d'un' alma già vicina / Alla partenza che non ha ritorno! (Hab' Erbarmen, o Herr, mit einer Seele, die deinem ew'gen Throne naht mit Beben). Auf Leonoras entsetztem Ausruf Quel suon, quelle preci solenni, funeste (O Himmel, was hör' ich! Welch schaurige Klänge?) singt Manrico im Turme mit den Worten Ah che la morte ognora / È tarda nel venir (Schon naht die Todesstunde) seiner Geliebten ein Lebewohl. Wieder wählte Franz Liszt diesen Augenblick der größten Tragik für die Paraphrase, die er 1859 komponierte. Im Anschluss an diese Szene bietet Leonora dem Grafen an, sich ihm für die Freilassung des Geliebten hinzugeben; sie hat jedoch insgeheim Gift genommen und stirbt – wie auch Manrico. Nach dessen Exekution verrät Azucena dem Grafen endlich, dass er seinen eigenen Bruder hat hinrichten lassen. Ihre Rache ist vollendet.

Verdis 1842 entstandene Oper I Lombardi wurde 1847 für Paris umgearbeitet und dort unter dem Titel Jérusalem aufgeführt. Die Pariser Fassung verlagert die Handlung aus der Lombardei nach Frankreich. Hélène ist die Tochter des Grafen von Toulouse, der den Vater ihres Geliebten ermordet hat; ihr Gebet ist auch in der französischen Fassung ein Teil des ersten Aktes. Liszts Klavierbearbeitung von 1848 ist in diesem Fall eher eine Transkription denn eine Paraphrase. Sie ist Madame Marie Kalergis, einer geborenen Gräfin Nesselrode gewidmet. Die Tremolo-Effekte, die in der Oper von Geigen erzeugt werden, hat Liszt beibehalten – deutlicher noch in der alternativen Bearbeitung für das neu erfundene armonipiano mit seinem Tremolopedal.

In den Jahren 1867/68 entstand die Bearbeitung des Coro di festa e marcia funebre aus der Oper Don Carlos, deren Originalfassung 1867 in Paris ihre Premiere erlebte. Ausgehend von Schillers dramatischer Dichtung, dreht sich das Geschehen um den spanischen Infanten Carlos, den Sohn Philipps II., und seine Liebe zu Elisabeth de Valois, mit der er zunächst verlobt ist, bevor sie aus Gründen der Staatsraison den alten König heiraten muss. Weitere Komplikationen entstehen dadurch, dass sich Carlos mit flämischen Rebellen einlässt und seinerseits von der Prinzessin Eboli geliebt wird. Am Ende soll der Titelheld im Kloster St. Just getötet werden – und zwar am Grabe seines Großvaters Karl V. Doch das Gittertor zur Grabkammer öffnet sich und ein Mönch, tatsächlich der alte Kaiser, der das Kloster gegründet hat, bringt seinen Enkel in Sicherheit. Die Institution der Kirche spielt hier eine wichtige Rolle, und das große Finale des dritten Aktes zeigt ein Volksfest vor der Kathedrale von Valladolid zu Ehren des regierenden Königs. Dieser spektakulären Szene folgt ein Trauermarsch, zu dessen Klängen die Mönche Ketzer auf die Scheiterhaufen führen.

Liszts Réminiscences de Boccanegra datieren von 1882, sind also nur ein Jahr jünger als die Revision, die Verdi seiner 1857 komponierten Oper hatte angedeihen lassen. Sie spielt im mittelalterlichen Genua und handelt von Verschwörungen gegen den Dogen Simone Boccanegra und von den Machenschaften des Goldschmieds Paolo Albiani. Am Ende wird Boccanegra zwar von Paolo vergiftet, doch seine Tochter Amelia wird die glückliche Gemahlin des neuen Dogen Gabriele Adorno. Liszts Reminiszenzen beginnen mit einer Anspielung auf den Prolog von 1881, in dem Simone Boccanegra als neuer Doge vorgeschlagen wird. Darauf folgt der Schlusschor des zweiten Aktes, wo zu den Worten All'armi, o Liguri (Zu den Waffen, o Ligurier) ein Volksaufstand gegen den Dogen beginnt, der aber niedergeschlagen wird. Ferner verwendet Liszt Elemente aus dem Schlussensemble des vierten Aktes, der neben dem Tod des Boccanegra eine allgemeine Versöhnung bringt. Liszt beendet das Werk mit einem Rückgriff auf das Thema des Prologs.

Liszt schrieb 1847 eine Konzertparaphrase nach der 1844 in Venedig uraufgeführten Oper Ernani, die aber nicht veröffentlicht wurde. Im nächsten Jahr entstand eine zweite Paraphrase de concert, die der Komponist 1859 überarbeitete. Don Juan von Aragon hat seinen Vater und seine Güter durch den tyrannischen Vater des jetzigen spanischen Königs verloren und fristet seither als Bandit Ernani sein Leben. Er liebt Elvira, die Nichte des alten Don Ruy Gomez de Silva, der sie sich selbst zur Ehefrau zwingen will und sie daher sowohl gegen den lüsternen König Don Carlo wie auch gegen Ernani verteidigen muss. Durch verschiedene Verwicklungen gerät der junge Adlige schließlich in die Hände Silvas, der ihn töten will, sich dann aber auf ein vorübergehendes Abkommen einlässt, Carlo zu ermorden. Ernani gibt dem Alten als Zeichen seines Schwurs ein Jagdhorn und verspricht, sich jederzeit zu entleiben, wenn Silva darauf bläst. Nachdem am Ende der Oper eigentlich nichts mehr geschehen kann und der von den Kurfürsten zum neuen Kaiser Karl V. gewählte Don Carlo allen Verschwörern verziehen hat, vollzieht der unbelehrbare Silva seine Rache: Er stößt in das Horn, worauf sich der ehrbewusste Ernani tatsächlich umbringt. – Der dritte Akt spielt vor dem unterirdischen Grab Karls des Großen in Aachen. Eben findet die Wahl des neuen Kaisers statt, und der auf das Ergebnis wartende Carlo hat das Komplott belauscht. Mit seinem O sommo Carlo (O überragender Karl) wendet er sich ratsuchend an seinen legendären Amtsvorgänger. Diese Melodie bildet die Grundlage für Liszts Paraphrase.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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