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8.557905-06 - AVISON: 6 Violin Concertos, Op. 3 / 8 Violin Concertos, Op. 4
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Charles Avison (1709/10-1770)
Concerti op. 3 und op. 4

Die englische Stadt Newcastle-upon-Tyne war im 18. Jahrhundert nicht nur ein rühriges Zentrum von Indus-trie und Handel, sondern auch ein Ort der Musik. Die Schiffe, die in großer Zahl den Fluss Tyne auf- und ab-wärts fuhren, konnten dabei ebensogut ein Cembalo an Bord haben wie Kohle oder Kurzwaren, denn Newcastle war die Heimat von Charles Avison, dem größten englischen Komponisten von Orchesterkonzerten.

Avison wurde am 16. Februar 1709 getauft, vielleicht auch 1710, wie einige Wissenschaftler meinen. Er erfuhr seine frühe Ausbildung durch seinen Vater und ging dann im zarten Alter von 15 Jahren nach London, um seine Ausbildung voranzutreiben und Karriere zu machen. Hier wird er wohl erstmals mit dem großen italienischen Geiger Francesco Geminiani, der seit 1714 in England lebte, zusammengekommen und dessen Schüler geworden sein. 1735 kam Avison nach Newcastle zurück, wurde Organist an der Kirche St John the Baptist und begründete eine Reihe von Subskriptions-konzerten, aus denen schließlich die Musikgesellschaft von Newcastle wurde. 1736 übertrug man Avison das Organistenamt an St Nicholas, der wichtigsten Kirche der Stadt, und dieses hatte er inne, bis er am 9. oder 10. Mai 1770 in Newcastle starb.

Avison war zudem ein provokanter Autor und Kritiker, der seine sehr persönlichen Ansichten gern mit Leidenschaft zum Ausdruck brachte. Besonders herausfordernd gab er sich 1752 in seinem Essay on Musical Expression, in dem er behauptete, dass der „Ausdruck” wichtiger sei als das Befolgen der formalen Kompositionsregeln. Auch ließ er durchblicken, dass Geminiani ein besserer Komponist als die englische Ikone Georg Friedrich Händel sei: „Der Größte in der instrumentalen Musik ... [war] Geminiani, dessen Eleganz und Geist der Komposition uns vielmehr zum Muster hätte dienen sollen.” Der daraus resultierende Sturm des Protestes störte Avison nicht. Er blieb ein standhafter Bewunderer des italienischen Komponisten, der sich mit gleichermaßen schmeichelhaften Worten über seinen distinguierten englischen Protégé äußerte. So schrieb Geminiani im Jahre 1760, nachdem er Avison besucht hatte, um dessen 13-jährigen Sohn Ed- ward spielen zu hören: „Mein Freund, ich liebe all Ihre Produktionen. Sie sind mein Erbe. Dieser Knabe wird der Ihre sein ... Genies wie ihn zu erziehen, ist der einzige Weg, wie die Musik fortbestehen kann.”

Als Avison starb, war er als der führende Musiker Nordenglands anerkannt. Der Nachruf des Newcastle Courant vom 12. Mai 1770 bestätigte die Wertschätzung, die er genoss, und bemerkte ferner, wie bescheiden und einnehmend Avison als Mensch gewesen sei: „Seinen Verlust werden alle, die das Vergnügen seiner Bekanntschaft genossen, zutiefst beklagen, da man ihn ebenso seiner persönlichen Liebenswürdigkeit wie seines beruflichen Könnens und seiner exzellenten Kompositionen wegen schätzte.”

Avison komponierte Kammermusik, Klaviersonaten mit Begleitung und Vokalwerke, doch den größten Teil seines kompositorischen Schaffens machen über fünfzig Concerti für Orchester aus. Es überrascht nicht, dass er die Vorbilder für diese Werke im italienischen concerto grosso Arcangelo Corellis und Francesco Geminianis fand. Diese beiden Komponisten erfreuten sich in England während des 18. Jahrhunderts dauerhafter Beliebtheit, insbesondere Corelli. Der englische Musikhistoriker Charles Burney beobachtete 1789, dass die „Concerten von Corellis [sic!] allen Angriffen der Mode widerstanden ... sie verbieten Kritik und machen uns vergessen, dass es auch andere Musik von solcher Art gibt.” Avison war derselben Ansicht und machte klar, was er über die aktuellen Modeerscheinungen dachte: „Ich habe auch darnach gestrebt, den hurtigen Stil des Komponierens zu vermeiden, der jetzt im Schwange ist ... Seine Herrschaft wird nicht von langer Dauer sein ... Wenn irgendwer die Macht dieser Wahrheit anzweifelt ... lasse man ihn ein Concerto Corellis oder Geminianis hören.”

Avisons Concerti opus 3 und opus 4 sind im Stile des italienischen concerto grosso gehalten, das das Streichorchester in zwei Gruppen teilt – das concertino (Solo) und das ripieno (die andern Mitglieder des Orchesters). Dieses Arrangement erlaubt dramatische Kontraste zwischen beiden Gruppen, indessen es dem Sologeiger reichlich Gelegenheit zur Entfaltung seines virtuosen Könnens bietet. Avisons concerti grossi gestatteten überdies dem vornehmen Amateur, die weniger anspruchsvollen ripieno-Abschnitte auszuführen. Einer dieser Herren war der Astronom William Herschel, der Entdecker des Planeten Uranus.

Obwohl Avison im allgemeinen die viersätzige Anlage (langsam-schnell-langsam-schnell) des standardisierten concerto grosso in den meisten seiner entsprechenden Werke bevorzugte, zeigen ihn die hier eingespielten Concerti in einer experimentierfreudigen Stimmung. Besonders zu bemerken ist, wie Avison vom viersätzigen Standard abweicht. So besteht das Concerto op. 3 Nr. 4 beispielsweise aus fünf Sätzen, und zwar dergestalt, dass der zweite langsame Satz in zwei Abschnitte gegliedert ist. Opus 4 zeigt sich sogar noch experimentierfreudiger: Das dritte Konzert hat neun Sätze, und die Nummern 4 und 5 bestehen aus fünf selbständigen Teilen. Op. 4 Nr. 6 kommt auf die großartige Summe von zehn Sätzen und enthält zwei Fugen, die an den Stil des früheren 17. Jahrhunderts erinnern. Avison experimentiert überdies in diesen beiden Kollektionen mit der harmonischen Sprache. Beispielsweise verwendet er in einigen der zweiten langsamen Sätze Tonarten, die außerhalb der üblichen Dur-Moll- Verwandtschaft oder Dominantbeziehung liegen, so in op. 3 Nr. 6 und op. 4 Nr. 8. Im vierten Concerto des Opus 4 kommt er sogar nie wieder zur Ausgangstonart des Werkes zurück.

Das Opus 3 wurde 1751 veröffentlicht. Das umfangreiche Vorwort, das Avison fast all seinen Kompositionen voranstellte, enthält wertvolle Informationen über die Aufführungpraxis. Unter anderem nennt er die Zahl der Instrumente, die nötig waren, um eine Balance zwischen concertino und ripieno zu erzielen, und er spricht von der wahren Art, das Cembalo-Continuo zu spielen. Überdies verrät uns Avison, dass er den Gebrauch von Blasinstrumenten vermied, weil diese „so unterschieden sind in ihrem Ton und Register von den- jenigen der streichenden Art, wozu der unversöhnliche Widerspruch kommt, dass jene im Ton nach oben gehen, während diese voraussichtlich sinken werden.” Mit andern Worten, sie waren immer gegeneinander verstimmt.

Das Opus 4 erschien 1755 mit einer Widmung an Lady Milbanke, Avisons Cembaloschülerin und Gönnerin. Durch diese Widmung erfahren wir, dass die Werke vor ihrer Veröffentlichung aufgeführt wurden: „Die Billigung, die Euer Ladyship den einzelnen Stücken widerfahren ließen, und die graziöse Aufführung, die sie durch Euch erfuhren, waren der erste Grund, warum ich an deren Herausgabe dachte.”

Im Anschluss an die Experimente seiner Opera 3 und 4 wandte sich Avison mit seinen nachfolgenden Publikationen opp. 6, 9 und 10 wieder dem konventionelleren italienischen Modell des concerto grosso zu. Gleichwohl gehören die hier vorliegenden Concerti zu seinen unvergänglichsten Werken. Er brachte sie 1758 zusammen mit einer revidierten Fassung des Opus 6 in seiner Kollektion von Sechsundzwanzig Concerti neu heraus, und sie wurden auch nach dem Tode des Komponisten noch aufgeführt. Das Concerto op. 4 Nr. 4 war besonders beliebt bei dem Concert of Antient Music, auf dessen Programmen es zwischen 1785 und 1812 regelmäßig auftauchte.

Mark Kroll
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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