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8.557914 - MARTINU, B.: Piano Music (Complete), Vol. 1 (Koukl)
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Bohuslav Martinů (1890-1959)
Sämtliche Klaviermusik • Folge 1

 

Bohuslav Martinů wurde auf dem Kirchturm des böhmischen Dorfes Polička geboren, das rund 80 Kilometer nördlich von Brünn in der heutigen Tschechischen Republik liegt. Mit dem Komponieren begann er im frühen Alter von zehn Jahren, nachdem er bereits zwei Jahre zuvor erstmals die Geige in die Hand genommen hatte. Er besuchte zwar das Prager Konservatorium, doch wollte es ihm nicht gelingen, das Studium zu einem ordentlichen Abschluss zu bringen. Als junger Mann arbeitete er als Orchestergeiger in Prag, bevor er 1923 nach Paris ging, um bei Albert Roussel zu studieren. Martinů war ein fruchtbarer Komponist. Er schuf mehr als vierhundert Werke, darunter rund achtzig Stücke für Klavier, die allerdings, obwohl sie einen großen Teil seines Schaffens darstellen, bezeichnenderweise im Schatten seiner Orchesterwerke und Kammermusiken stehen.

Die hier eingespielten Stücke stammen allesamt aus der Zeit von 1920 bis 1938, wobei der Foxtrot noch 1920 in Polička entstand. Alle weiteren Kompositionen schrieb Martinů in Paris, bevor er 1940 in die USA emigrierte. Hier kann man die Ausdrucksvielfalt hören, die die Entwicklung seines reifen Stils begleitete.

Martinů hat 1920 zwei Foxtrots geschrieben, H. 126 und H. 123. Die hier aufgenommene Pièce (H. 126) ist ein amüsantes kleines Juwel, das deutlich von den besten amerikanischen Rags und Two-Steps inspiriert ist. Der Komponist bedient sich in diesem Werk einer schlichten Diatonik, die aber durch ein paar Wendungen der harmonischen Richtung noch heute herrlich frisch wirkt.

Die fünf Fabeln gehören zu den ersten Stücken, die Martinů in Paris komponierte. Die Satztitel wollen keine eigentlichen Geschichten andeuten. Vielmehr folgt auf die folkloristische Einleitung Ala ferme (Auf dem Bauernhof) die abstrakte Darstellung verschiedener Tiere, die in Fabeln üblicherweise vorkommen – ein Kaninchen, Affen, ein Huhn und ein wütender Bär.

Le Noël (Weihnachten) und die Trois esquisses (Drei Skizzen) sind trotz ihres identischen Entstehungsdatums 1927 von auffallender Unterschiedlichkeit. Le Noël ist geprägt von unverkennbar französischem Charme, während die Trois esquisses abstrakte Schnappschüsse populärer Tanz-Idiome aus Nord- und Südamerika (Blues, Tango und Charleston) darstellen.

Die Acht Preludes für Klavier komponierte Martinů 1929 in zwei Kollektionen zu je vier Stücken, die aber im folgenden Jahr bei Alphonse Leduc in einem Band herauskamen. Der Verleger scheint auch die en forme-Titel erfunden zu haben, denn Martinůs Noten enthalten lediglich die Angaben des Tempos, die im dritten und sechsten Stück irgendwie mit den hinzugefügten Titeln kollidieren.

Alle acht Stücke sind Mademoiselle Charlotte Quennehen gewidmet, die zwei Jahre später Martinůs Frau wurde. Diese Preludes zeigen den Einfluss jazzverwandter Wendungen aus der Sicht eines europäischen Musikers, der sich überdies einer erweiterten Diatonik bediente.

Obwohl Martinů in seinen frühen Jahren deutlich von amerikanischen Idiomen beeinflusst wurde, mag man umgekehrt über seinen Einfluss auf amerikanische Komponisten nachdenken, die in jener Zeit Paris besuchten, so etwa David Diamond, mit dem Martinu fortan in Kontakt stand. Die verschiedenen Einflüsse wie amerikanischer Jazz, Martinůs böhmische Wurzeln, seine profunden Begegnungen mit Strawinskys Musik und – besonders wichtig – Albert Roussels Rolle als Mentor formten den reifen Kompositionsstil seiner Pariser Periode. Die Esquisses de Dances von 1932 sind dafür ein gutes Beispiel.

Den Sommer des Jahres 1938 verbrachte Martinů in Vieux Moulin, wo er Fenêtre sur le jardin (Fenster zum Garten) komponierte. Der Titel verdankt sich der simplen Tatsache, dass er bei seinem Aufenthalt in einem kleinen, selbständigen Bauernhaus wohnte und von seinem Arbeitszimmer in einen Garten voller Rosen schauen konnte, die der Künstler Zrzavý Frau Charlotte Martinů geschenkt hatte. Kurz danach kam ein Anruf von Rudolf Firkušný, der vor dem bevorstehenden Einmarsch der Nazis in Paris warnte und den Martinůs riet, Frankreich zu verlassen. Sie gingen zunächst nach Portugal und kamen schließlich in die USA.

Martinů hat einmal über seine Musik gesagt: Ich glaube, dass die größte Gefahr der zeitgenössischen Musik heute darin besteht, dass sie sich durch Analysen und Erklärungen zu rechtfertigen sucht. Anscheinend fürchtet sie, nicht ausreichend „zeitgenössisch“ oder „modern“ zu sein. All das kann nur zur Entstehung einer Geisteshaltung führen, die den Komponisten daran hindert, seinen Gedanken wirklich freien Lauf zu lassen. Sie kann ihn nur davon abhalten, sich ganz und gar, vollkommen und ehrlich auszudrücken. Wir spielen ständig mit den Worten „modern“ und „zeitgenössisch“, und während wir das tun, verkomplizieren wir für uns den schöpferischen Prozess, der in sich selbst recht geheimnisvoll und kompliziert ist. Es ist offensichtlich kein gutes System, um jeden Preis der Neuartigkeit nachzujagen. Das hat nicht das mindeste mit dem Wunsch nach neuem musikalischen Ausdruck zu tun. Neuer musikalischer Ausdruck sollte sich aus dem jeweiligen Gegenstand ergeben, sollte das Resultat einer Persönlichkeit und seiner Erfahrung sein, nicht das Ergebnis ungewöhnlicher technischer Mittel. Technische Mittel sind die Privatangelegenheiten des Künstlers. Die Technik kommt vom Werk selbst her, nicht von der Technik. Musik ist keine Frage der Kalkulation. Der kreative Impuls ist identisch mit dem Wunsch zu leben, sich lebendig zu fühlen. [1943]

Mark Gresham
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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