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8.557919 - MARTINU, B.: Piano Music (Complete), Vol. 3 (Koukl)
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Bohuslav Martinů (1890–1959)
Sämtliche Klaviermusik • Folge 3

 

Bohuslav Martinů wurde in einem Kirchturm in Policka, einer kleinen böhmischen Stadt rund achtzig Kilometer nördlich von Brünn (Brno, heute Tschechische Republik), geboren. Bereits im Alter von zehn Jahren begann er zu komponieren, nachdem er schon zwei Jahre Violinunterricht gehabt hatte. Obwohl er das Prager Konservatorium besuchte, errang er keinen Abschluss. Als junger Mann wirkte er als Orchesterviolinist in Prag, bevor er 1923 nach Paris ging, um bei Albert Roussel zu studieren. Anfang der 1940er Jahre ging er in die Vereinigten Staaten, um vor der ausgreifenden Okkupation Europas durch die Nazis zu fliehen. Martinů war ein fruchtbarer Komponist; er schrieb über vierhundert Stücke, gut achtzig davon für Klavier. Obgleich diese einen so beachtlichen Teil seines Werkes bilden, standen sie stets im Schatten seiner Orchester- und Kammermusik.

Diese dritte CD mit Martinůs Klaviermusik repräsentiert seinen reifen Stil. Sie beginnt mit zwei Meisterwerken des Genres: der Fantaisie et toccata und der einzeln stehenden Sonate. Diese beiden Werke bilden wie Säulen gleichsam das Alpha und Omega seiner „nachpariserischen“ oder „amerikanischen“ Periode. In dieser Phase war seine Präsenz als Komponist und Mentor im Musikleben von New York und Neuengland am fühlbarsten.

Der Beginn der Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 war der entscheidende Wendepunkt in Martinůs Leben und Karriere. Anfang 1940 floh er mit seiner Frau Charlotte von Paris nach Aix-en-Provence, da er auf einer schwarzen Liste der Nazis stand und die deutschen Truppen sich Paris näherten. Beim Verlassen der Stadt hatte er nur vier eigene Partituren bei sich, doch schrieb er geschäftig neue Musik, während er auf das Visum für die Vereinigten Staaten wartete. Fantaisie et toccata H. 281 ist eines jener Werke, komponiert im August/September 1940 in Aix-en-Provence. Es ist dem tschechischen Pianisten Rudolf Firkušný (1912–1994) gewidmet, der in dieser Zeit zusammen mit Martinů auf die Überfahrt nach Amerika wartete. Firkušný gab die Uraufführung in der Town Hall von New York am 2. Februar 1943.

Die Länge beider Teile von Fantaisie et toccata hat keine Vorläufer in Martinůs Klavierwerk, das zumeist aus relativ kurzen Sätzen besteht, die man als „vereinzelt“ bezeichnen könnte, wenn man sie aus dem Kontext der jeweiligen Sammlung herauslöst. In dieser Hinsicht ist nur seine späte Sonate vergleichbar.

Die Sonate H. 350 ist Martinůs größtes und zugleich letztes Hauptwerk für Klavier. Es entstand in Nizza vom 26. November bis 17. Dezember 1954 zwischen der 6. Sinfonie und dem 4. Klavierkonzert „Incantations“ und ist Rudolf Serkin (1903–1991) gewidmet. Die Premiere fand jedoch am 3. Dezember 1957 in Brünn mit Eliška Nováková statt, der Frau von Jan Novák (1921–1984), eines mährischen Komponisten, der 1947/48 gut fünf Monate bei Martinů in New York studiert hatte, um dann nach Brünn in die Tschechoslowakei zurückzukehren. Die beiden korrespondierten bis zu Martinůs Tod 1959. Serkin hat die Sonate zwar nicht offiziell uraufgeführt, doch spielte er sie gleich am 4. Dezember, dem Tag nach der Premiere in Brno, in New York City. Er war ein enger Freund Martinůs und schätzte das Stück sehr, das er in Recitals oft vor Beethovens Hammerklavier- Sonate spielte.

Die drei Folgen von Etüden und Polkas entstanden zwischen 27. Juli und 28. August 1945, während der Komponist auf Cape Cod, Massachusetts, im ruhigen Erholungsort South Orleans lebte. Die Sammlung ist neben der Czech Rhapsody für Violine und Klavier, der Sonate für Flöte und Klavier, dem Orchesterscherzo Thunderbolt P-47 und der 4. Sinfonie, die er in New York begonnen hatte, das fünfte Werk, das er dort vollendete. Rudolf Firkušný gab die Premiere der Etüden und Polkas in der Carnegie Hall in New York City am 18. Januar 1946. Die ersten sechs Stücke bilden Buch I, jeweils fünf Stücke die Bücher II und III.

Der „Polka“ genannte Tanz hat seinen Ursprung im Böhmen des 19. Jahrhunderts und ist nach wie vor ein populäres Idiom der tschechischen Volksmusik. Ein weit verbreiteter Irrtum bringt das Wort mit dem Polnischen in Verbindung, es kommt jedoch vom tschechischen Wort p Û lka, das wörtlich „die Hälfte“ bedeutet und sich auf den Rhythmus der Musik bezieht („Halbschritt“).

Obwohl diese Etüden und Polkas an Smetana, Dvořák und die tschechische Volksmusik denken lassen, entbehren sie doch niemals der unverwechselbaren individuellen Stimme des reifen Martinů, erfüllt vom Optimismus der Nachkriegszeit und der Sehnsucht nach dem Heimatland, das er niemals wiedersah.

Wie ein retrospektiver Vergleich zu den Etüden und Polkas und ein Kommentar zu Martinůs Entwicklung als Komponist führt das letzte Werk dieser CD, Trois danses tcheques (Tri ceskè tance), den Hörer zurück in das Jahr 1926, Martinůs Zeit in Paris, als er noch ohne weiteres zwischen der Stadt und seiner Heimat hin und her reisen konnte. Die Tänze tragen ihre stark volksmusikalischen Wurzeln in den Titeln: Obkrocák (ein Gruppen-Rundtanz mit springenden Bewegungen), Dupák (ein „stampfender“ Tanz) und Polka. Diese Tänze sind nicht zu verwechseln mit den Three Czech Dances für zwei Klaviere H. 324 von 1949 für das Klavierduo Ethel Barlett und Rae Robertson, bei denen es sich nicht um Transkriptionen des früheren Werks für Soloklavier handelt, sondern um gänzlich andere Musik.

Nach langen Jahren in den Vereinigten Staaten war Martinůs Beitrag zur amerikanischen klassischen Musik signifikant genug, um 1955 zum Mitglied des National Institute of Arts and Letters gewählt zu werden. Im Mai des folgenden Jahres verließ er Amerika ein letztes Mal, um sich in der Schweiz anzusiedeln, wo er 1959 starb.

Mark Gresham
Deutsche Fassung: Thomas Theise

 


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