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8.557920 - VIVALDI: 4 Seasons (The) / Violin Concertos, Op. 8, Nos. 5-6
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Antonio Vivaldi (1678-1741): Concerti op. 8 Nr. 1-6
Le Quattro Stagioni • La tempesta di Mare • Il piacere

 

Jede Biographie über Antonio Vivaldi beginnt mit der Feststellung, dass sein Vater Giovanni Barbier war. Es muss aber auch gesagt werden, dass er als professioneller Geiger wirkte und der einzige Lehrer war, den sein Sohn je hatte. Antonio wurde selbst bald ein erstklassiger Violinist, so gut, dass er mit seinem Vater an San Marco in Venedig auftreten konnte; niemand hätte jedoch daran gedacht, dass er auch die Berufslaufbahn eines Musikers einschlagen würde – denn er war für das Priesteramt bestimmt. Mit fünfzehn empfing er die Tonsur und mit 25 wurde er zum Priester geweiht. Schon bald wurde er allerdings – angeblich aus gesundheitlichen Gründen – vom Lesen der Messe entbunden.

Tatsächlich hat sich Vivaldi nicht der Religion, sondern der Musik verschrieben. Nur wenige Monate nach seiner Ordination wurde er im Jahre 1703 maestro di violino am Pio Ospedale della Pietà, einer venezianischen Schule für verwaiste oder verwahrloste Mädchen, die auf eine bedeutende musikalische Tradition zurückblicken konnte, und für den Rest seines Lebens sollte er auf die eine oder andere Weise mit der Pietà in Verbindung bleiben. In einer Zeit, die vielleicht fortschrittlicher war als die unsrige, war man am Ospedale der Ansicht, dass die Mädchen durch ihren Instrumentalunterricht eine nützliche Fertigkeit erlangten, dank derer sie der Armut entkommen konnten und davor bewahrt blieben, dem Staat ein Leben lang zur Last zu fallen. Vivaldis Aufgaben bestanden darin, die Mädchen auf der Geige zu unterrichten und Musik für sie zu komponieren – weshalb denn auch die meisten seiner 450 Konzerte für die Schülerinnen des Ospedale della Pietà entstanden.

Doch Antonio Vivaldi blieb kein unbekannter Schullehrer für Geige. Als 1705 seine Triosonaten op. 1 erschienen waren, verbreitete sich sein Name schnell in ganz Europa. Als 1711 dann seine concerti grossi mit dem Titel L’Estro armonico zur Veröffentlichung anstanden, wandte er sich an den Amsterdamer Musikverleger Estienne Roger, und das nicht nur, weil dieser über Drucktechniken verfügte, die allem, was man in Italien kannte, weit überlegen waren, sondern auch, weil seine Musik in Nordeuropa bekannter war als in seiner Heimat. Bewundert wurde er unter anderem von Johann Sebastian Bach, der zehn Konzerte des italienischen Kollegen transkribierte, um zu begreifen, was sein Kollege mit der Konzertform erreicht hatte.

Wenig wissen wir über den Menschen Vivaldi. Er trug den Spitznamen il prete rosso (der rote Priester), offenbar wegen seiner roten Haare, und soll nach allem, was man hört, eine schwierige Person gewesen sein. Er kränkelte, litt sein Leben lang an Asthma, war eingebildet und vom Gelde fasziniert; wer immer mit ihm zu tun hatte, berichtete von seiner harten Verhandlungsweise. Dennoch verschwendete Vivaldi sein Vermögen – vieles davon im Bestreben, auch mit seinen Opern Erfolg zu erringen. Er starb unerwartet mit 63 Jahren, als er während einer Reise in Wien Station machte – die Stadt der Musik hatte für ihn, wie später für Mozart, nichts als ein namenloses Grab.

1725 veröffentlichte der damals 47-jährige Vivaldi in Amsterdam als sein op. 8 zwölf Konzerte, die er Il cimento dell’armonia e dell’inventione (Der Wettstreit zwischen Harmonie und Erfindung) nannte. Die ersten sechs dieser Konzerte, die allesamt hier eingespielt sind, tragen erläuternde Titel, und die ersten vier – Die vier Jahreszeiten – gehören inzwischen zu den berühmtesten Musikstücken überhaupt. Jedes der Werke ist eine miniaturistische Tondichtung, die verschiedene Geschehnisse der jeweiligen Jahreszeit darstellt, und Vivaldi ließ zu jedem Konzert ein sonnetto dimostrativo (illustrierendes Sonett) drucken, in dem ausgeführt wird, was sich musikalisch ereignet. Die vier Jahreszeiten sind ein frühes Beispiel für Programmusik, doch sollte der Hörer nicht jene Art detaillierter musikalischer Schilderungen erwarten, wie sie Richard Strauss und andere Komponisten geschaffen haben. Strauss war ein Meister, wenn es darum ging, mit dem Orchester Szenen zu malen. Demgegenüber könnten Vivaldis bald zweihundert Jahre ältere Stücke ein wenig unschuldig erscheinen: Seine schnellen Sätze beschreiben gern Stürme, die langsamen hingegen den Schlummer von Schäfern – und doch ist diese Musik so ansteckend und anziehend, sind ihre vielen kleinen Charakteristika so bezaubernd, dass Die vier Jahreszeiten eine ewige Frische zu atmen scheinen. Vom ersten Augenblick an erfreuten sie sich so großer Beliebtheit, dass sie in Paris bald nachgedruckt und in ganz Europa gespielt wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es dann eine Aufnahme der Vier Jahreszeiten, die das neue Interesse an der Barockmusik weckte. Inzwischen sind die Stücke mehr als zweihundert Mal aufgenommen worden.

Alle vier Werke hat Vivaldi in seiner Standard-Konzertform geschrieben: Der erste Satz beginnt mit einem ritornello, einem Refrain, der im ganzen Werk wiederkehren wird, und dazwischen artikuliert sich der Solist mit seinen eigenen, virtuosen und reich verzierten Beiträgen. Der langsame Satz – stets der kürzeste – bietet ein melodisches Zwischenspiel, während das Finale, dynamisch und extrovertiert, bisweilen in Tanzform gestaltet ist.

Mit einem elastischen ritornello marschiert der Frühling fröhlich herauf, und alsbald imitiert die Solovioline das Gezwitscher der Vögel, das Gemurmel von Bächen und das Wehen sanfter Winde. Donner und Blitz brechen los, doch wenn der Sturm vorüber ist, hört man wieder die Vögel singen. Im langsamen Satz hält ein Hirte sein friedliches Schläfchen, während sein Hund wacht, dessen aufmerksames Knurren man durchweg in den Bratschen hört. Nymphen und Schäfer tanzen dann in einem Finale, das eine gewisse Verwandtschaft mit der Gigue zeigt, ohne ein wildes Bacchanal zu werden: So endet der Frühling mit einem äußerst würdevollen Tanz.

Wenn der Sommer beginnt, ächzt alle Welt unter der drückenden Sonnenglut: Entsprechend zögerlich und erschöpft ist das ritornello, an das sich die Solovioline mit der Stimme verschiedener Vögel anschließt: Kuckuck, Taube, Goldammer lassen sich hören, worauf sich das melancholische Klagen eines Hirtenknaben vernehmen lässt, der den Sturm aufziehen sieht. Im Adagio steigert sich seine Furcht: Surrende Mücken und Fliegen wechseln mit Donnerschlägen ab – im abschließenden Presto geht der Sturm los. Sechzehntel stürzen donnernd herab, indessen wild gezackte Blitze zucken.

Der kecke Anfang des Herbstes beschreibt einen Bauerntanz, den die Solovioline übernimmt. Bald rutscht und taumelt der Geiger über alle vier Saiten, derweil die Bauern berauscht zu Boden sinken und einschlafen. Das außerordentlich schöne Adagio molto zeigt ihren „süßen Schlummer“. Zu Beginn des Schluss-Satzes imitiert das Orchester den Klang von Jagdhörnern, worauf Vivaldi ein recht bildhaftes Szenario der Jagd entwirft: Die dahineilenden Triolen der Violine zeichnen das flüchtende Wild, das schließlich zusammenbricht und erschöpft stirbt.

Am Anfang des Winter „bibbert“ das Orchester vor Kälte, und später versucht man, sich durch heftiges „Stampfen“ warm zu halten. Im Largo besingt eine graziöse Violine die zufriedenen Menschen, die in der Stube vor einem wärmenden Feuer sitzen, indessen draußen gleichmäßig das Pizzikato der Regentropfen herunterklatscht. Im abschließenden Allegro zeigt die Solovioline die verzweifelten Bemühungen, auf dem Eise zu laufen. Das Eis kracht und bricht, und ein starker Wind streicht dahin – doch dann schließt die Musik mit grimmiger Freude: Mag das Wetter auch noch so rauh sein, es bringt doch auch Vergnügen mit sich.

Die nächsten beiden Concerti des op. 8 haben ebenfalls beschreibende Titel, doch es fehlt ihnen das sonnetto dimostrativo, das die dargestellten Ereignisse beim Namen nennte: Daher ist der musikalische Ausdruck hier eher allgemeiner Natur. Im Concerto Es-dur La tempesta di mare (Der Sturm auf dem Meere) wird ein expressives Largo von zwei Presto-Ecksätzen umrahmt, die von nicht endender Energie getrieben werden. Das Concerto C-dur trägt den Titel Il piacere (Das Vergnügen); diese einzige verbale Andeutung eines programmatischen Inhalts könnte freilich auch nachträglich hinzugefügt worden sein.

Eric Bromberger
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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