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8.557924 - DURUFLE: Organ Music (Complete)
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Maurice Duruflé (1902-1986)
Sämtliche Orgelwerke

 

Maurice Duruflé wurde am 11. Januar 1902 im französischen Louviers geboren. Von 1910 bis 1918 besuchte er die Sängerschule an der Kathedrale von Rouen, wo ihn Jules Haelling im Klavier- und Orgelspiel unterrichtete. 1919 ging er nach Paris, um bei Charles Tournemire und Louis Vierne Orgel zu studieren. Ein Jahr später kam er ans Pariser Conservatoire, wo er in den Klassen von Eugène Gigout (Orgel), Jean Gallon (Harmonie), Abel Estyle (Begleitung), Georges Caussade (Fuge) und Paul Dukas (Komposition) mit Ersten Preisen ausgezeichnet wurde.

1930 erhielt Duruflé den Organistenposten der Pariser Kirche St. Etienne-du- Mont, den er sich seit 1953 mit seiner Ehefrau teilte. Daneben war er von 1943 bis 1969 Professor für Harmonielehre am Pariser Conservatoire. Er unternahm viele Konzertreisen als Solist und brachte sowohl die sechste Orgelsymphonie von Louis Vierne (1935) wie auch das Orgelkonzert von Francis Poulenc (1938) zur Uraufführung. In den fünfziger Jahren transkribierte er anhand älterer Aufnahmen Improvisationen von Vierne und Tournemire, und in späteren Jahren wurde er mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht. Seine Karriere kam im Mai 1975 zum Erliegen, als er und seine Frau in einen schweren Autounfall verwickelt waren. Zwar erholten sich beide davon, doch trat Duruflé seither nur noch selten öffentlich auf. Er starb am 16. Juni 1986.

Die musikalische Sprache des überaus selbst-kritischen Komponisten Maurice Duruflé kann man als eine Synthese zweier Richtungen auffassen – der impressionistischen Tradition Debussys und Ravels sowie dem modalen, von der Gregorianik inspirierten Stil Gabriel Faurés.

Das Ehepaar Duruflé hat etliche Aufnahmen an der Orgel der Kathedrale von Soissons gemacht, deren Geläut das Thema für die Fuge über das Thema des Carillon des Heures der Cathédrale von Soissons op. 12 aus dem Jahre 1962 anregte. Die kurze Fuge, die dem Organisten der Kirche, dem Kanonikus Henri Doyen gewidmet ist, steigert sich zu einem toccatenartigen Schlussteil, während das Thema mit seinen Achtelbewegungen zahlreichen geistreichen kontrapunktischen Kunst-griffen ausgesetzt wird.

Mit seinem Prélude, Adagio et Choral varié über das Thema des Veni Creator op. 4 gewann Duruflé 1930 den Kompositionspreis der Amis de l'Orgue (Freunde des Orgelspiels). Das thematische Material des Prélude wird aus zwei Phrasen des Hymnus Veni Creator gebildet. Die erste dieser Phrasen wird unter Benutzung delikater Flötenregister in der Art einer Fortspinnung verarbeitet, die längeren Notenwerte der zweiten werden vom Pedal und dann von der linken Hand in zarten Rohrblattregistern gespielt. Nach einer kurzen Überleitung entwickelt sich ein lyrischeres Adagio, das aus drei Abschnitten besteht: Die äußeren Abschnitte bringen den Choral in Molltonarten mit der vollen Voix céleste und umrahmen ein Zwischenspiel à la Tournemire, das vom dunkleren Timbre der Voix humaine charakterisiert ist. Der Satz endet mit einem Crescendo, das einen intensiven, überwältigenden Höhepunkt erreicht. Dieser macht dem sublim harmonisierten Veni Creator- Hymnus Platz, der dann viermal variiert wird: Zunächst liegt das Thema im Pedal, dann wird es nur manualiter gespielt; die dritte Variation bringt das Thema als Kanon, und am Ende steht eine Art Toccata, in der das Thema wiederum kanonisch behandelt wird.

Das Prélude über den Introitus des Epiphaniasfestes op. 13 (1961) entstand für Orgue et Liturgie, eine Publikationsserie liturgischer Musik. Duruflé zeigt in diesem kurzen Satz über den Introitus Ecce advenit dominator Dominus seine meisterhafte Fähigkeit, Gestalt und Tönung des Chorals einzufangen.

Charles Tournemire ist das delikate Scherzo op. 2 (1926) gewidmet, ein Rondo, dessen drei lebhafte Refrains von ebensovielen kontrastierenden Couplets im Gleichgewicht gehalten werden. Das Werk schließt mit einer ruhigeren Coda, die durch eine schwingende Figur aus der Introduktion und dem ersten Zwischenspiel charakterisiert wird. Duruflé hat das Scherzo später in seinem Andante und Scherzo für Orchester bearbeitet.

Prélude et Fugue über den Namen Alain op. 7 (1942) schrieb Duruflé im Gedenken an seinen Kollegen Jehan Alain, der im Juni 1940 bei Saumur gefallen war. Das Prélude enthält zwei Themen. Das erste ist aus dem Namen „Alain“ abgeleitet, und zwar so, dass das musikalische Alphabet über das H der ersten Oktave hinaus fortgesetzt wird („Alain“ resultiert demnach in der Tonfolge A-D-A-A-F). Das zweite Thema stammt aus Alains berühmtestem Orgelwerk, den Litanies. Das „Alain“-Thema liefert auch das Material für das gesangliche erste Subjekt der Doppelfuge, worauf ein bewegteres zweites Thema folgt. Die abschließende Klimax wird in ähnlicher Weise wie bei der Soissons- Fuge aufgebaut. Es mag an dem Eindruck des vollkommenen Gleichgewichts und an den perfekten architektonischen Proportionen liegen, dass diese Komposition zu einem der beliebtesten Orgelstücke Duruflés geworden ist.

Die Méditation op. posth. (1964) war bis zu ihrer Veröffentlichung im Jahre 2002 unbekannt. Duruflé schrieb das Stück in Rondoform und benutzte das wohlgestalte Hauptthema später auch im Agnus Dei seiner Messe Cum Jubilo. Die Zwischenspiele bringen ein freieres zweites Thema mit akkordischer Begleitung, und die Méditation geht mit einer friedlichen Coda in C-dur zu Ende.

Hommage à Jean Gallon (1953) stammt aus den 64 devoirs d'harmonie, einer Sammlung von Studien, die die ehemaligen Schüler von Jean Gallon verfassten. Hört man diese herrliche Harmonisierung, so vermag man sich leicht vorzustellen, welchen Eindruck Duruflé als Professor für Harmonielehre am Pariser Conservatoire gemacht hat.

Die Suite op. 5 (1933) hat Maurice Duruflé seinem Lehrer Paul Dukas gewidmet. Das Prélude es-moll wird von einer Spannung beherrscht, die sich aus der übermäßigen Quarte zwischen dem Bass und einem gehaltenen Dominant-Akkord ergibt. Mit jedem Auftreten des Themas steigert sich die Lautstärke, bis schließlich ein volltönender C-dur-Sextakkord erreicht ist, mit dem sich die von Anfang an spürbare Spannung auflöst. Nach einem Diminuendo folgt ein Rezitativ, in dem die ersten Töne des Themas verarbeitet werden. Das Stück schließt in der düsteren Stimmung des Anfangs.

Die intimere Sicilienne ist ein Rondo, dessen delikater, dreimal auftretender Refrain von zwei Episoden unterbrochen wird. Den Satz charakterisieren impressionistische Texturen und Harmonien sowie das Intervall der übermäßigen Quarte, ein Merkmal der zweiten Episode.

Die Ravel-artige Toccata erinnert an einen wilden spanischen Tanz und bringt zwei Hauptthemen: Das erste, heroisch-geschärfte, liegt im Pedal, während der zweite, zartere Gedanke an die zweite Episode der Sicilienne erinnert. Man weiß, dass Duruflé mit dieser Toccata nicht zufrieden war: Er unterzog das Werk, wie viele andere auch, einer Revision und schrieb einen völlig neuen Schluss, der hier ebenso wie die anderen Änderungen berücksichtigt ist.

Henry Fairs
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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