About this Recording
8.557934 - CLARKE, R: Viola Music
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Rebecca Clarke (1886–1979)
Musik für Bratsche

 

Als ich dann mit meiner Bratschensonate diesen einzigen Hauch von Erfolg hatte, den ich in meinem Leben hatte, da hörte ich von dem Gerücht, ich hätte das Stück gar nicht selbst geschrieben, sondern das hätte jemand anders für mich getan. Ich habe auch ein paar kleine Zeitungsausschnitte, in denen es heißt, ich könne das unmöglich selbst geschrieben haben. Außerdem hatte ich früher einen besonders witzigen Ausschnitt, in dem behauptet wurde, dass es eine Rebecca Clarke gar nicht gäbe, sondern dass das ein Pseudonym für Ernest Bloch sei!

So sprach Rebecca Clarke 1976 in einem Interview über ihre Sonate für Bratsche und Klavier aus dem Jahre 1919. Sie hatte das Werk für einen Wettbewerb komponiert, den Elizabeth Sprague Coolidge im Rahmen ihres Kammermusikfestivals finanzierte, das alljährlich in Pittsfield, Massachusetts, stattfand. Insgesamt 73 Komponisten reichten damals anonym ihre Wettbewerbsstücke ein, die in jenem Jahr für Bratsche und Klavier geschrieben sein mussten.

Fatalerweise konnte sich die sechsköpfige Jury zwischen den beiden letzten Finalisten nicht entscheiden, worauf Mrs. Coolidge den Ausschlag gab und Blochs Suite for Viola zum Sieger kürte und Clarkes Sonate auf den zweiten Platz verwies. Das Werk wurde dann zwar bei dem Festival aufgeführt und anschließend veröffentlicht; doch in den Jahrzehnten nach diesem „Hauch von Erfolg“ gerieten die Komponistin und ihre Musik völlig in Vergessenheit. Die Wiederentdeckung begann mit einer Rundfunksendung, die zum 90. Geburtstag der Komponistin ausgestrahlt wurde. Seither dürfte Rebecca Clarkes Bratschensonate das meistgespielte größere Werk in dieser Besetzung geworden sein. Es gibt mehr als ein Dutzend CD-Aufnahmen, und kürzlich entstand zudem ein Arrangement für Viola und Orchester.

Rebecca Clarke wurde in England geboren und ausgebildet, hatte aber durch ihren amerikanischen Vater enge Beziehungen in die USA, wo sie auch ihre bekanntesten Stücke schrieb. Sie studierte Komposition am Royal College of Music in London bei Sir Charles Stanford, der als Lehrer von Ralph Vaughan Williams und Gustav Holst bekannt ist. Ihre Eltern waren begeisterte Amateurmusiker, und sie selbst begann als Kind mit dem Geigenspiel, verlegte sich dann aber, einem Vorschlag Stanfords folgend, auf die Bratsche und war viele Jahre als ausübende Musikerin tätig. Seit 1924 lebte sie in London. Während sie 1939 ihren Bruder in den USA besuchte, begann der Zweite Weltkrieg, weshalb sie nicht in ihre Heimat zurückkehrte. Nachdem sie einige Zeit in Connecticut als Kindermädchen gearbeitet hatte, heiratete sie 1944 den Pianisten James Friskin. Seither lebte sie in New York City, wo sie 1979 im Alter von 93 Jahren starb.

Im Laufe ihres Lebens hat Rebecca Clarke nur zwanzig Werke veröffentlicht. Es gab lange Phasen, in denen sie sehr wenig Musik schrieb, und schließlich gab sie das Komponieren ganz auf. Ihr Nachlass enthält an die achtzig Stücke im Manuskript. Von den hier eingespielten Werken wurden nur die Sonate, die Passacaglia (über eine altenglische Weise) und das Chinese Puzzle zu ihren Lebzeiten veröffentlicht.

Die Kritik hat das breite stilistische Spektrum der Bratschensonate bemerkt: Rebecca Clarkes Sprache weist hier in der lyrischen Intensität vieler Themen, in der üppigen Textur und in der Klarheit, mit der im Kopfsatz die Sonatenform benutzt wird, deutlich auf Johannes Brahms hin. Ihren Kollegen Ralph Vaughan Williams hat Rebecca Clarke selbst als stilistischen Einfluss bezeichnet, und in der modal getönten Harmonik kann man das erkennen, was bisweilen als englischer Impressionismus bezeichnet wird. Wichtige technische Elemente bei der Errichtung der großen Architektur sind thematische Rückbezüge und Transformationen. Ein Beispiel dafür ist das Motiv des „Trompetenrufs“, mit dem die Sonate beginnt und das im Sinne der zyklischen Anlage am Ende wiederholt wird; dieses Motiv sowie andere, die aus seinen Fragmenten abgeleitet sind, lassen sich nachweisen. Der Mittelsatz (Vivace) ist ein munteres Scherzo, dessen Dissonanzen und zackige Harmonik nicht ohne Ironie sind; in seiner Exotik erinnert der Satz an Ravels Klaviertrio. Der Anfang des dritten Satzes beschwört unverkennbar Claude Debussys Little Shepherd, steigert sich aber zu großer Breite und Monumentalität. Der Schluss ist ganz einfach hinreißend, und wenngleich Clarkes Sonate vor 87 Jahren auch nur als Zweiter Sieger bezeichnet wurde, so ist sie doch eindeutig ein Gewinner.

In der Passacaglia (über eine altenglische Weise) griff Rebecca Clarke auf bereits vorhandenes Material zurück, um eine musikalische Struktur und eine Beziehung zur Tradition herzustellen. Das Stück gründet sich auf den Hymnus Veni creator, der in dem von Ralph Vaughan Williams zusammengestellten Englischen Hymnale (1906) erschien. Der Hymnus wird zwar Thomas Tallis zugeschrieben, doch hat die Forschung dessen Autorschaft nicht bestätigen können. Das Veni creator dient der Komponistin als organisierendes Element, das mehr unter der Oberfläche als im Vordergrund wirkt. Clarke brachte die Passacaglia selbst am 28. März 1941 in New York City zur Uraufführung. Der Erfolg des Konzertes führte zur Veröffentlichung des Werkes. Es war das letzte Stück, dessen Drucklegung Rebecca Clarke erlebte. In meinem Aufsatz in A Rebecca Clarke Reader (The Rebecca Clarke Society, 2005) habe ich angedeutet, dass der plötzliche Tod von Frank Bridge am 10. Januar 1941 die Komponistin zu diesem melancholischen Werk angeregt haben könnte, das stärker als ihre anderen Stücke von der britischen Tradition durchtränkt ist.

Bei der Datierung der Musik, die Rebecca Clarke als Manuskript hinterlassen hat, handelt es sich um Schätzungen. Diese entstanden, als die Komponistin nach Jahrzehnten ihr Schaffen wieder in Augenschein nahm. Das Lullaby von 1909 wurzelt in der romantischen Tradition, zeigt dabei aber modale Schattierungen und folkloristische Eigenarten, wie man an der pentatonischen Melodie hört. Die Atmosphäre des Mittelteils mit seiner funkelnden Bewegung kontrastiert zu den äußeren Abschnitten. Die Coda verbindet die Melodie mit einer einprägsamen Gegenstimme des Klaviers.

Das Lullaby über eine altirische Weise (1913) ist insgesamt kantiger und bringt eine gewundene Melodie sowie ein fröhlich bewegtes polytonales Wechselspiel. Der offene Schluss ist geheimnisvoll und evokativ. Wie in der schottischen Weise I’ll bid my heart be still, die Rebecca Clarke 1944 setzte, wird die Melodie nicht variiert, sondern in verschiedene Zusammenhänge, Tonarten und Texturen eingebettet.

In verschiedenen wichtigen Interviews erwähnte Rebecca Clarke ihr Pseudonym „Anthony Trent“. Ein vom 13. Februar 1918 erhaltenes Programmheft zeigt, dass es sich bei Morpheus um das Stück dieses „Trent“ handelt. Die Verfasserin meinte 1976, dass es nicht besonders gut sei – doch diese Bemerkung spiegelt sowohl ihre chronische Bescheidenheit wie auch die Erkenntnis, dass ihre Arbeit bisweilen unfair beurteilt wurde: Das ist was für Women’s Lib ... Das Stück von Anthony Trent fand eine viel größere Aufmerksamkeit als die Stücke, die ich selbst, also unter meinem eigenen Namen geschrieben habe. Morpheus ist voll atmosphärischer Effekte und dramatischer Züge; es stellt die Viola in den Vordergrund und nimmt einiges von dem Flair vorweg, das uns in der Bratschensonate - besonders in deren drittem Satz – begegnet.

Das Chinese Puzzle schrieb Rebecca Clarke 1921 für Violine und Klavier. Ein Jahr später richtete sie das Stück für Bratsche ein. In ihren Memoiren bemerkt sie, dass sie die Melodie durch einen chinesischen Freund ihrer Familie kennengelernt habe. Die Authentizität der Weise habe sie dann 1923 überprüft, als sie im Zuge ihrer Weltreise nach Peking kam. Das populäre, eingängige Stück wurde 1926 veröffentlicht und von der Komponistin auch für Flöte, Streicher und Klavier arrangiert.

Das Arrangement der schottischen Weise I’ll bid my heart be still war Rebecca Clarkes letztes Werk für Bratsche. Die Melodie findet sich in dem 1906 von ihrem Lehrer Charles Villiers Stanford herausgegebenen New National Songbook. Sie schrieb das Stück in den leidenschaftlichen Sommermonaten des Jahres 1944, die ihrer Verehelichung voraufgingen, und hat bei der Komposition offensichtlich ihren zukünftigen Ehemann James Friskin im Sinn gehabt, der ja Schotte war. Die Liebesbeziehung wird in einer Reihe bewegender Briefe dokumentiert, die zu den wenigen gehören, die Rebecca Clarke aufbewahrte. Als Friskin das Stück erhalten hatte, ermutigte er sie in seinem Brief vom 24. Juli 1944 zu weiteren Kompositionen: Nachdem ich die letzten zwölf Takte deines kleinen Bratschenstücks, das ich sehr anrührend finde, noch einmal betrachtet habe, will mir scheinen, dass du wieder mit etwas Größerem anfangen solltest – ich möchte sogar wetten, dass es schon da ist und du es nur herauslassen müsstest. Was wäre mit einer zweiten Bratschensonate? Bitte versuch es. Doch es gibt keinen Hinweis, dass sie es versucht hätte. Vielmehr könnte I’ll bid my heart be still („Ich bitte mein Herz, ruhig zu sein“) eine Mitteilung der Komponistin an sich selbst sein. Ihre Ehe mit James Friskin erlaubte es ihr, mit der sorgenvollen Komponistin in ihr Frieden zu schließen, indem sie diese zur Ruhe brachte, bis 1976 die Wiederentdeckung begann.

Sowohl in seinen asymmetrischen Rhythmen, der eckigen Melodie und den schrillen harmonischen Dissonanzen schlägt das um 1918 entstandene Untitled Piece einen Kurs ein, der in der Dumka von 1941 kraftvoller ausgeführt ist. Das letztgenannte Werk ist für Violine, Viola und Klavier geschrieben und zeigt, wie nachdrücklich Rebecca Clarke der Kammermusiktradition des 19. Jahrhunderts verbunden war - natürlich denkt man sogleich an Dvořáks Dumky-Trio.

Der Begriff Dumka bezeichnet eigentlich einen traditionellen slawischen Klagegesang und wurde hier als Titel für eine instrumentale Form übernommen, die einerseits die düstere Stimmung bewahrt, andererseits aber auch in kontrastierenden Abschnitten die Emotionen hochgehen lässt. Dvořáks Dumky ist der Plural des Wortes, meint also mehrteilige Reihe von „Dumkas“. In späteren Jahren erinnerte sich Rebecca Clarke, das Stück 1941 geschrieben zu haben. Dieses Datum kann freilich, wie bei vielen anderen zu ihren Lebzeiten unveröffentlichten Werken, nur eine Schätzung sein.

Formale Klarheit und polytonale Harmonien lassen ein modernistisches, neoklassizistisches Ethos einfließen, während die äußerst spannungsvollen Kontraste verwirrender Emotionen die Leidenschaften einer kostbaren, ethnisch gewürzten Romantik darstellen. Es gibt keinerlei Informationen, aus denen der Ursprung des Stückes erhellte. Allerdings war Rebecca Clarke zu Beginn der vierziger Jahre mit der Herausgabe und den Korrekturen eines Buches über den tschechischen Komponisten Bohuslav Martinů beschäftigt, der verschiedene instrumentale Dumky geschrieben hat und so möglicherweise die Anregung zu dem Werk lieferte.

Prelude, Allegro und Pastorale aus dem Jahre 1941 hat Rebecca Clarke ihrem Bruder Hans, einem bekannten Biochemiker, und dessen Frau Frieda gewidmet. Hans spielte Klarinette, Frieda Violine; beide waren gute Amateurmusiker. Rebecca schrieb allerdings für ihr eigenes Instrument, die Bratsche, woraus eine schöne Kombination zweier Instrumente von ähnlichem Umfang resultierte.

Die Komponistin reichte Prelude, Allegro und Pastorale 1942 beim Festival der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik ein, das damals an der University of California in Berkeley veranstaltet wurde. Eine Rolle spielte dabei möglicherweise ihre freundschaftliche Beziehung zu Albert Elkus, dem Dirigenten und Professor an jener Universität und Mitorganisator des Festivals. Ihre Komposition gehörte jedenfalls zu den 33 Stücken, die angenommen wurden – das einzige Werk einer Frau und eines von nur drei britischen Komponisten, wie sie selbst und andere beobachteten.

Der Bitte um eine Erläuterung entsprach Rebecca Clarke in einem Brief an die Organisatoren des Festivals. Darin gab sie nicht nur eine treffende und lebendige Beschreibung des Werkes, sondern man spürt in den Zeilen auch etwas von ihrer freundlichen Persönlichkeit:

Das Ganze ist sehr unprätentiös: ein kurzes, anspruchsloses kleines Prelude; ein Allegro, das ich ursprünglich als Toccata bezeichnen wollte, weil beide Spieler viele Möglichkeiten haben, ihr Können zu zeigen ... Das Thema ist mehr oder weniger „Spiegelschrift“, und in der Coda kreuzen sich die Instrumente überdies ständig. Es gibt in der Mitte des Satzes ein Fugato, nach einem zweiten Thema im Pizzikato der Bratsche. Der gesamte zweite Satz sollte sehr lebhaft klingen und ist, so glaube ich, für beide Spieler recht wirkungsvoll. Der dritte Satz, Pastorale, ist eher melancholisch und nostalgisch und endet in sehr ruhiger Weise.

Ein Artikel über dieses Werk, der 1999 in dem Magazin The Strad veröffentlicht wurde, steht auf der Website www.rebeccaclarke.org zur Verfügung. Zwar hat sich Rebecca Clarke nie um die Veröffentlichung dieses Duos bemüht, doch sie schätzte es sehr, wie sie 1978 in einem Interview sagte, und war beglückt, als es ihr von Freunden in ihrer New Yorker Wohnung privatim vorgespielt wurde. Das Stück erschien im Jahre 2000 als erstes Instrumentalwerk aus Rebecca Clarkes Nachlass im Druck.

Liane Curtis
President – The Rebecca Clarke Society
www.rebeccaclarke.org

Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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