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8.557980 - PENDERECKI, K.: Te Deum / Hymne an den heiligen Daniel / Polymorphia / Ciaconna (Klosinska, Rehlis, Warsaw National Philharmonic, Wit)
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Krzysztof Penderecki (geb. 1933)
Te Deum • Hymne an den heiligen Daniel • Polymorphia • Chaconne

 

Der Aufruhr, den Krzysztof Penderecki 1962 in den Kreisen der europäischen Avantgarde mit seinem Stabat Mater auslöste, mag uns heute überraschen. Nach solch radikalen Orchesterwerken wie der Threnodie für die Opfer von Hiroshima (1961) und den Fluorescences (1962) [Naxos 8.554491] trug ihm die deutliche Vereinfachung und emotionale Direktheit nicht zum letzten Mal in seiner Karriere den Vorwurf ein, er habe sich vom musikalischen Fortschritt abgewandt. Man sollte allerdings bedenken, in welch zwiespältiger Situation sich Penderecki als fortschrittlicher Komponist und gläubiger Katholik in der äußerlich konformistischen, dem Namen nach atheistischen Umgebung des nachstalinistischen Polen befand. Sein Stabat Mater war eines der ersten offenen Glaubensbekenntnisse, die es seit dem Zweiten Weltkrieg in Polen gab, und Penderecki zögerte nicht, es in ein umfassenderes Bekenntnis einzubetten, als er 1964 die Möglichkeit dazu hatte: So entstand die Passio et mors Domini nostri Iesu Christi secundum Lucam oder Lukas-Passion [Naxos 8.557149], deren rein technische Vielgestaltigkeit darüber hinaus ein Paradigma für die großen Chorwerke werden sollte, die der Komponist seither geschrieben hat.

Unter diesen späteren Werken nimmt das Te Deum einen prominenten Platz ein. Der kreative Impuls kam durch die Wahl Karol Wojtylas zum ersten polnischen Papst am 16. Oktober 1978. Im nächsten Herbst begann Penderecki mit der Arbeit, die er im September 1980 abschloss. Die Uraufführung fand unter der Leitung des Komponisten in der Basilika des heiligen Franziskus von Assisi zu Krakau statt. Wer nun aber ein festlich nach außen gewandtes Werk in der Art Dvořáks oder Bruckners erwartet hatte, den dürfte die Düsternis erschreckt haben, mit der Penderecki das Thema behandelte – obwohl alle Aspekte des Textes eine solche Betrachtungsweise offenbaren. Während sich das 1974 entstandene Magnificat als ein Werk des Übergangs dargestellt hatte, mit dem sich Penderecki von den Avantgarde-Techniken zu lösen begann, die in den vergangenen fünfzehn Jahren das Zentrum seines Schaffens eingenommen hatten, so ist nun das Te Deum eindeutig in der monumentalen, neoromantischen Sprache des ersten Violinkonzerts von 1977 [Naxos 8.555265] und der geistlichen Oper Paradise Lost aus dem Jahre 1978 gehalten, die 1980 ihren Höhepunkt in der zweiten Symphonie fand [Naxos 8.554492], bevor Pendereckis Musik vielgestaltiger und pluralistischer wurde.

Das Te Deum entwickelt sich aus dem Kernmotiv, das am Anfang erklingt, und wird ohne Pausen aufgeführt; gleichwohl besteht es aus drei Abschnitten, deren zweiter mit den Worten Te Martyrum candidatus laudat exercitus und deren letzter bei Salvum fac populum tuum Domine beginnt. Am Anfang des ersten Teils (Te Deum laudamus) hören wir unheilvolle Paukenwirbel, die den Einsatz der tiefen Streicher und Blechbläser ankündigen und mit diesen eine düster glühende Grabesstimmung erzeugen. Gleichermaßen trauerhaft setzt der Chor ein. Dann steigert sich die Musik zu einem Höhepunkt, dessen Entschlossenheit rasch vergeht. Hier setzen die Solisten in ausdrucksvoller Polyphonie ein und singen im Wechsel mit dem Chor ihre Gedanken. Die weiterhin ängstlich-bittende Atmosphäre erreicht eine kräftige Klimax, bei der das ungestimmte Schlagzeug deutlich im Vordergrund steht. Die weiblichen Solostimmen antworten in schmerzlichen Phrasen, und allmählich macht die Spannung dem Klang von Glocken Platz. Eine verhuschte Passage beschließt diesen Teil. Der zweite Abschnitt bricht mit unheilvollen Klängen des Orchesters los und wird durch den Chor intensiviert, während ein knirschend-dissonanter Höhepunkt erreicht wird. Der Bariton widerspricht mit kräftigen Tönen, bringt die Musik dann aber nach und nach in ruhigere Gewässer. Eine weitere kurze Aufwallung, und der Mezzosopran geleitet den Sopran und den Chor ins Geschehen, worauf der Teil über eisigen Streicherakkorden sein Ende findet. Der dritte Teil beginnt mit flehentlichen Bitten des Chores, die bald mit Seufzern des Soprans alternieren. Ein weiterer Höhepunkt wird wieder von Schlagzeugsalven dominiert; dann sorgen Tenor und Chor für eine größere Ruhe. Nach einem feierlichen Orchesterzwischenspiel entfaltet sich die Musik mit einer deutlicher bemerkbaren Entschiedenheit. Die Solisten engagieren sich in rauschenden Dialogen, und ein letzter chorischer Höhepunkt bringt das Werk zu einem Schluss, der in seiner strengen Erwartungshaltung kaum karthartisch ist.

In seinen neueren Chorwerken tendiert Penderecki zwar insgesamt zu umfangreicheren Architekturen, doch gibt es auch verschiedene kompaktere Stücke. Von 1997 datieren zwei solcher Stücke, die einander ergänzen: die Hymne an den heiligen Adalbert sowie die hier eingespielte Hymne an den heiligen Daniel. Der Anfang dieses Werkes gehört zum Anrührendsten, das Penderecki geschrieben hat: Der unbegleitete Chor spannt seine beseelte Polyphonie aus, deren Textur durch die Bässe klangvoll unterstützt wird. Während sich der Gesang expressiv belebt, setzt das Orchester ein, um eine zuversichtliche Klimax zu initiieren. Eine stille Fortführung leitet zu einem hymnischen Gipfelpunkt, der jetzt von Trompeten- und Glockenklängen erfüllt ist. Von hier aus erreicht das Stück seinen mächtigen, grandiosen Abschluss.

Die beiden anderen Werke definieren die Essenz aus Pendereckis Sprache über einen Abstand von mehr als drei Jahrzehnten. Polymorphia aus dem Jahre 1961 ist eines der innovativen Streicherstücke, die damals entstanden, und wir finden hier die progressiven Neigungen des jungen Komponisten besonders offenkundig. Über den dichten Schichten eines Cello- und Bass-Akkords erheben sich die hohen Streicher in den verschiedensten Glissando-Techniken, während sich Textur und dynamisches Niveau der Musik intensivieren. Es folgt eine Passage, in der pizzicato und col legno- Techniken miteinander verbunden sind, die sich über den gesamten Streicherapparat erstrecken, bis ein aggressiver, voller Höhepunkt erreicht ist. Dieser bricht plötzlich ab, und es bleibt nur ein einziger ausgehaltener Akkord über, der zu einer vorantreibenden Klimax führt und im Schlussakkord einen wahren coup de théâtre bringt.

Zwar hat Penderecki seit seinem zweiten Violinkonzert aus dem Jahre 1995 [Naxos 8.555265] kein großes Orchesterwerk mehr geschrieben (eine „sechste Symphonie“ ist seit damals „in progress“); doch inzwischen sind mehrere kleinere Stücke entstanden. Die Chaconne für Streicher, die das vorliegende Programm beschließt, hat jedoch eine etwas andere Geschichte. Sie trägt den Untertitel in memoria Giovanni Paolo II, entstand 2005 zur Erinnerung an den verstorbenen Papst Johannes Paul II. und wurde am 17. September desselben Jahres in Breslau uraufgeführt – eine späte Ergänzung des Polnischen Requiem [Naxos 8.557386-87], das der Komponist in den frühen achtziger Jahren verfasst hatte. Die Chaconne repräsentiert die direkte Ausdrucksweise, die man in vielen neueren Werken Penderecki zu hören bekommt: Das Hauptthema ist ein barockartiges Lamento und bildet den Ausgangspunkt für eine Folge dicht gearbeiteter Variationen. Die Musik belebt sich im Laufe ihrer Entwicklung, erreicht dann aber ihre Klimax in einer Variation, die das unterschwellige Gefühl des Elegischen aufs neue betont, bevor das Werk in zarten und doch erwartungsvollen akkordischen Figurationen verklingt.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 

Die gesungenen Texte sind online unter www.naxos.com/libretti/557980.htm

 


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