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8.557990 - MAHLER: Symphony No. 5
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Gustav Mahler (1860–1911)
Symphonie Nr. 5 cis-moll

 

Gustav Mahler hat in der Musik unserer Zeit eine einzigartige Position erlangt. Er wusste die Symphonie der deutsch-österreichischen Tradition wiederzubeleben und in ihr nicht nur ein deutliches Gefühl des Weltschmerzes zu erzeugen, sondern insgesamt eine große emotionale Spannweite zu erfassen. Mahler gelang es, die Symphonie nicht nur formal und orchestral, sondern auch durch die Einbeziehung des Liedes zu erweitern – was eine logische Folge der Beethovenschen Chorsymphonie darstellte und eine ganze musikalische Tradition vereinte.

Mahler wurde 1860 in Böhmen als Kind einer recht einfachen Judenfamilie geboren, die keine großen intellektuellen oder kulturellen Ansprüche erhob. Sein Vater war zeitweilig kaum etwas anderes als ein Hausierer, brachte es aber doch zu einem erfolgreichen Geschäft, zu dem eine Brennerei und verschiedene Schenken gehörten. Dabei las er, was er finden konnte, um seine geistigen Interessen zu vertiefen. Mahler konnte schließlich am Wiener Konservatorium studieren und an der Universität einschreiben.

Einen Namen machte sich Mahler zunächst als Dirigent, und zwar durch eine Reihe von Engagements in Kurorten, wo er während der Sommermonate Opern dirigierte. Von hier aus kam er zu wichtigeren Bühnen in Prag, Leipzig, Budapest und Hamburg. 1897 erreichte er den Gipfel dessen, was sich ein Dirigent nur erträumen konnte: Er wurde Direktor der Wiener Hofoper. Während der nächsten zehn Jahre sorgte er für eine Renaissance der Oper, namentlich durch seine Mozart- und Wagner-Aufführungen. Bis 1907 hatte er sich dann so viele Feinde gemacht, dass er abzudanken beschloss. Seine hohen künstlerischen Ansprüche im Opernhaus wurden angefeindet, ferner die Tatsache, dass er viel Zeit auf die Aufführung seiner eigenen Werke verwandte, und schließlich war er einigen Kritikern auch als Jude ein Dorn im Auge.

1907 war nicht nur das Jahr, in dem Mahler die Leitung der Wiener Hofoper niederlegte. Er hatte damals auch den Tod einer seiner beiden Töchter zu beklagen – ein Verlust, der ihn außerordentlich bedrückte. Weitere Gründe zur Sorge brachte die Diagnose einer Herzschwäche, die ihm fortan jede körperliche Anstrengung verbot. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er zum Teil in den USA, wo er zunächst an der Metropolitan Opera dirigierte, die damals eben eine schwierige Phase durchmachte, um danach eine Reform der New Yorker Philharmoniker durchzuführen. Daneben erfüllte er eine Reihe von Dirigierverpflichtungen in Europa. Er starb im Mai 1911. Zu Lebzeiten war er mit seinen Werken auf einige Opposition gestoßen; seine spätere Bedeutung hingegen ist gar nicht abzusehen – sowohl als einer der größten Komponisten seiner Generation wie auch aufgrund des Einflusses, den er auf Zeitgenossen und jüngere Kollegen ausgeübt hat.

Zu Mahlers Werken gehören unter anderem zahlreiche Lieder sowie zehn Symphonien, deren letzte unvollendet ist. Dazu kommt Das Lied von der Erde, eine weitere, wenngleich nicht numerierte Symphonie aus den späten Jahren. Seine fünfte Symphonie vollendete er im Sommer 1902, kurz nach seiner Hochzeit mit Alma Schindler, einer jungen Frau von vielfältigen und beträchtlichen Talenten. Sie war die Tochter des Landschaftsmalers Anton Schindler und heiratete nach Mahlers Tod zunächst den Architekten Walter Gropius, später dann den Schriftsteller Franz Werfel.

Nach der vergleichsweise sparsam instrumentierten Vierten ist die fünfte Symphonie wieder für ein großes Orchester geschrieben: 4 Flöten (3. u. 4. abwechselnd mit Piccoloflöten), 3 Oboen (3. Oboe abwechselnd mit Englisch Horn), 3 Klarinetten (3. Klarinette abwechselnd mit Bassklarinette), 3 Fagotte (3. Fagott abwechselnd mit Kontrafagott), 6 Hörner (davon eines mit einem Solopart), 4 Trompeten, 3 Posaunen, 1 Basstuba, 4 Pauken, Becken, Große Trommel, Kleine Trommel, Triangel, Glockenspiel, Tamtam, 1 Harfe und Streicher. Diese Instrumente benutzte Mahler auf neuartige Weise, indem er ihre extremen Lagen erforschte und eine neue musikalische Welt betrat.

Das Werk besteht aus drei Abteilungen, deren erste die Sätze I und II umfasst. Den Auftakt bildet ein Trauermarsch in cis-moll, den die erste Trompete mit einem schwermütigen Ruf, wie er auf einem Kasernenplatz ertönen könnte, eröffnet. Dieser leitet zu einer klagenden Melodie hin, die zunächst von den ersten Violinen und den Violoncelli exponiert und dann von den Holzbläsern übernommen wird. In diese düstere Musik fährt es wie ein Verzweiflungsschrei, ein leidenschaftlicher Ausbruch, hinein. Dieser sinkt in sich zusammen, wenn erneut der Trompetenruf erschallt, um die Reprise des dunkel getönten Themas zu vermelden. – Trotz seines bedeutenden Inhalts bildet dieser Marsch nur die Einleitung zu dem turbulenten, thematisch eng verwandten zweiten Satz in a-moll: Stürmisch bewegt. Mit grösster Vehemenz will Mahler diesen in Sonatenform angelegten Teil ausgeführt wissen. Fagotte, Violoncelli und Kontrabässe wiederholen zu Beginn ein kurzes, heftiges Achtelmotiv, in das zunächst die Trompeten hineinschmettern und dann der Holzbläserschrei einer aufsteigenden None tönt, die bereits im ersten Satz zu hören war und hier schmerzlich aufgelöst wird. Bedeutend langsamer (im Tempo des ersten Satzes “Trauermarsch”) führen die Violoncelli in f-moll das zweite Thema ein. In der vielschichtigen Durchführung gibt es weitere Erinnerungen an den ersten Satz, während die Reprise das Hauptthema nur kurz andeutet, um es danach fragmentarisch mit dem zweiten zu kombinieren. Ein Choral im Stile Bruckners wird erreicht und löst sich unter stürmischer Attacke in seine Bestandteile auf. Dann verklingt der Satz allmählich im Nichts.

Die zweite Abteilung der fünften Symphonie besteht aus einem einzigen Satz, dem Scherzo in D-dur, das das substantielle Zentrum des gesamten Werkes bildet und schon in seiner Besetzung ungewöhnlich ist, gibt es hier doch neben den vier “normalen” Hörnern noch die fünfte Hornstimme eines corno obligato, das zwischendurch beinahe konzertante Aufgaben erfüllt. Innerhalb des Scherzos finden sich zwei verschiedene Trios, die vor der abschließenden Coda miteinander kombiniert werden, und der kunstvoll-komplexe Satz bildet einen fröhlichen, optimistischen Kontrast zu den voraufgegangenen Ereignissen. Der Hauptteil – kräftig, nicht zu schnell – trägt die Merkmale eines österreichischen Ländlers, worauf die Streicher etwas ruhiger das erste, walzerhafte Trio anstimmen.

Unvermittelt wird das Scherzo wiederholt. Die Musik geht in eine mit wild! bezeichnete Fugato-Passage über, die wiederum molto moderato von dem zweiten Trio und dem Walzerthema des ersten Trios unterbrochen wird. Ein weiteres Mal ist das Scherzo zu hören; dann kommt es auf dem dynamischen Höhepunkt der Coda zu einem komplizierten Nebeneinander der verschiedenen thematisch-motivischen Gedanken.

Die dritte Abteilung des Werkes beginnt mit dem heute bisweilen auch selbständig aufgeführten Adagietto F-dur für Harfe und Streicher, das durch Luchino Viscontis Thomas-Mann-Verfilmung Der Tod in Venedig zu außerordentlichem Ruhm gelangte. Thematisch ist dieser Satz mit dem Rückert-Lied Ich bin der Welt abhanden gekommen verwandt, das Mahler im Sommer 1901 geschrieben hatte. Sehr langsam ist diese unaussprechlich schöne Musik zu spielen, deren unmittelbar bewegende Einfachheit unendlich weit von jeder Sentimentalität entfernt ist. Die kurze Einleitung zum Finale bricht den Zauber. Zunächst tönt ein lang ausgehaltenes A im ersten Horn, das im Echo der ersten Violinen leise widerhallt. Dann spielt das erste Fagott auf das Wunderhorn-Lied vom Lob des hohen Verstandes an, zögernd zunächst von der ersten Oboe und dann von der ersten Klarinette (A) kommentiert. Und endlich bringen die Hörner das Hauptthema dieses abschließenden Rondos (Allegro giocoso. Frisch). Die Violoncelli stimmen einen fugierten Abschnitt an, dem ganz “rondo-mäßig” die Wiederholung des Hauptthemas folgt, wonach Celli und Bässe ein weiteres Mal in Achteln fugierend losstürmen. Einem dritten Thema (grazioso), das aus dem Herzen des Adagietto gewonnen wurde, folgt eine Modifikation des zweiten “Fugato-Teils”, in den ein marschartiger Abschnitt eingelassen ist. Wieder ist das “Adagietto-Thema” zu hören, und ein drittes Mal stürmen die fugierenden Achtel dahin. Das erste Thema wird in abgewandelter Form aufgegriffen und von einem vierten Fugato unterbrochen. Noch einmal erklingt das “Adagietto-Thema”, bevor die Coda mit einem (von Alma Mahler anscheinend missbilligten) Blechbläserchoral sowie Fragmenten der voraufgegangenen Geschehnisse die monumentale, ungemein innovative Symphonie beschließt.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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