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8.557992 - IMPRESSIONS FOR SAXOPHONE AND ORCHESTRA - Virtuosic Works by 20th Century Greek Composers
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Impressionen für Saxophon und Orchester
Theodorakis • Skalkottas • Antoniou • Alexiadis • Tenidis • Hadjidakis

 

Mikis Theodorakis zählt zu den beliebtesten und produktivsten Komponisten Griechenlands und ist international fraglos der bekannteste griechische Komponist. Geboren wurde er am 29. Juli 1925 auf der griechischen Insel Chios. Er studierte zuerst am Athener Konservatorium, später dann am Pariser Conservatoire (Musiktheorie bei Olivier Messiaen und Dirigieren bei Eugène Bigot). Zwischen 1954 und 1960 arbeitete er in Paris und London und komponierte neben sinfonischen Werken auch Ballett- und Filmmusiken, wobei Zorba, der Grieche seine bekannteste Partitur werden sollte. 1960 setzt er sich an die Spitze der Bewegung zur Reformierung der Kulturpolitik, die sich auf die Einheit von Wort und Musik stützte und komponierte Dutzende von Liederzyklen, Oratorien, Revuen, sowie Musik für griechische Dramen. Diese Bewegung stand in Verbindung zu den progressiven politischen Kräften der Zeit, die neben der Festigung der Demokratie in Griechenland vor allem auf eine tiefere, weiter reichende Wiedergeburt des griechischen Volkes abzielte. Dies brachte ihn immer öfter ins Zentrum des politischen Lebens, was schließlich in seinem aktiven Widerstand gegen die Militärdiktatur (1967-1974) gipfelte.

Das Cretan Concertino (2005) ist ein Arrangement von Yannis Samprovalakis für Theodore Kerkezos. Vorlage ist die 1952 entstandene 1. Sonatine für Violine und Klavier. Dem Werk wird auch der Untertitel „Kretisch“ zugeschrieben, da es Elemente kretischer Volksmusik aufnimmt. Der erste Satz basiert auf traditionellen Syrtos Chaniotikos Motiven und ähnelt dem dritten Satz, in dem ein kretisches Fest beschrieben wird: das Soloinstrument imitiert dabei die kretische Lyra, während die Pauken die Balothiés (Pistolenschüsse, die im Laufe des Festes in die Luft abgefeuert werden) nachzeichnen und das Orchester den tanzähnlichen ostinaten Rhythmus (Sousta) wiederholt, der bisweilen von Naturlauten der Insel unterbrochen wird. Der zweite Satz erweckt dann jene für das kretische Volk ebenso charakteristische lyrische Stimmung zum Leben. Im Anschluss an die narrative Kadenz des Saxophons schaffen Streicher und Harfe dann die Atmosphäre einer stillen Sommernacht.

Theodorakis komponierte sein Adagio für Sopransaxophon, Perkussion und Streicher 1993 als Auftragsarbeit für den italienischen Trompeter Mauro Maur. Die erste Fassung des Adagio war dabei für Trompete oder Flöte oder Klarinette, Streicher und Perkussion gesetzt. Gewidmet ist es den Opfern des Bosnien-Krieges: im Verlauf der Reprise des Hauptthemas, das voller Trauer ist, tönt im Tam-Tam der dumpfe Klang der Bombardierungen an. Das verwendete melodische Material entstammt dem Liederzyklus Beatrice auf der Strasse Null.

Nikos Skalkottas gilt als einer der größten Pioniere unter den Komponisten des 20. Jahrhunderts. Geboren am 8. März 1904 in Chalkis begann er im Alter von fünf Jahren mit dem Violinspiel. 1920 schloss er sein Studium am Athener Konservatorium mit dem ersten Preis und der Goldmedaille ab und erhielt ein Stipendium, das ihm bis 1933 weitere Studien in Berlin ermöglichte, zuerst Violin- Meisterkurse bei Willy Hess, dann Komposition bei Philipp Jarnach und Arnold Schönberg (1927-1931). Sein bemerkenswerter Kompositionsstil war früh schon von einem ganz persönlichen atonalen Idiom geprägt, wobei Skalkottas zu jener Zeit nur vereinzelt und wenn dann beinahe widerwillig das Zwölftonsystem anwandte. 1933 ließ er sich endgültig in Athen nieder, wo man ihm mit vollkommener Gleichgültigkeit begegnete. Er starb am 19. September 1949 – in derselben Nacht, in der sein zweiter Sohn geboren wurde.

Sein Concertino für Oboe und Klavier komponierte Skalkottas 1939. Es entstand auf Anfrage des Oboisten Matthew Fortounas, der Skalkottas Jahre später dann auch darum bat, den Klavierpart zu orchestrieren. Da der frühe Tod des Komponisten dieses Vorhaben vereitelte, hören wir auf dieser Aufnahme die von Yannis Samprovalakis 2005 eingerichtete Transkription für Sopransaxophon und Streicher.

Der erste Satz, Allegro giocoso, ist ebenso gewitzt wie verspielt. Das gesamte musikalische Material des Werkes ist bereits in den ersten Takten angelegt, um dann im sich anschließenden Teil technisch äußerst anspruchsvoll entwickelt zu werden. Der nostalgische, traumähnliche zweite Satz ist vor allem harmonisch recht interessant. Beim letzten Satz dann, in Rondo-Form, handelt es sich um eine Tarantella voller rhythmischer Energie und Lyrik. Skalkottas bewunderte den Klang und die unendlichen Möglichkeiten, die das Saxophon – und zwar namentlich das Sopransaxophon – bot, und das sich denn auch in vielen Instrumentationen seiner Werke findet. Dabei ist es interessant, dass das Concertino für Oboe von Gunther Schuller für Oboe und Kammerorchester arrangiert wurde, während Piero Guarino dasselbe Werk für Streicher arrangiert hat.

Theodore Antoniou, einer der einflussreichsten und produktivsten Musiker unserer Zeit, kann auf eine bemerkenswerte Karriere als Komponist, Dirigent und Professor für Komposition an der Boston University zurückblicken. Er studierte Violine, Gesang und Komposition am Athener Konservatorium sowie Dirigieren und Komposition an der Münchener Hochschule für Musik und dem Internationalen Musikinstitut in Darmstadt. Nachdem er bereits an der Stanford University, der University of Utah und der Philadelphia Musical Academy gelehrt hatte, wurde er 1978 zum Professor für Komposition an die Boston University berufen. Auch als Dirigent war Antoniou mit einigen bedeutenden Orchestern und Ensembles verbunden. So war er von 1974 bis 1985 als Assistenzdirigent für die zeitgenössischen Aktivitäten am Tanglewood Festival zuständig. Sein kompositorisches Schaffen ist ebenso zahl- wie abwechs-ungsreich: neben Opern, Chor- und Kammermusik, komponierte er auch Musik für Film und Bühne sowie solistisch besetzte Instrumentalmusik. Dabei beläuft sich allein die Zahl seiner Film- und Bühnenmusiken schon auf mehr als 150.

Das Concerto Piccolo für Altsaxophon und Orchester entstand zwar im Juli 2000, geht aber auf frühere Ideen des Komponisten zurück. Komponiert wurde es für Theodore Kerkezos, der auch Widmungsträger ist. Zugleich war es aber auch ein Geburtstagsgeschenk für Antonious Sohn, William. Wie der Titel des Werkes bereits suggeriert, handelt es sich um ein vergleichsweise kurzes Konzert, das aus drei Sätzen besteht: I. Cadenza a piacere – Allegro, II. Danza und schließlich III. Epilogo: Cantilena – Cadenza. Das Werk beginnt mit einer Kadenz für Saxophon, der sich ein Allegro-Abschnitt komplexer griechischer Rhythmen anschließt. Der zweite Satz ist von tänzerischem Charakter und führt das Soloinstrument häufig in die höchste Lage. Der dritte Satz beginnt mit einem ausdrucksvollen Lied des Saxophons und ist insgesamt sehr melodisch. Am Ende des Konzertes summt dann die Kontrabassgruppe singend den Ton E in tiefer Lage, während das Saxophon die Kadenz der Introduktion mit einfalls-reichen tonalen Rückungen spielt. Die Uraufführung im Jahr 2001 spielte Kerkezos mit dem Städtischen Orchester Thessaloniki unter Leitung des Komponisten in der Thessaloniki Megaron Concert Hall.

Der 1960 in Athen geborene Minas Alexiadis studierte Musiktheorie und Komposition, zunächst bei Yannis Ionnidis, später dann bei Günther Becker (Diplom in Komposition an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf). Darüber hinaus hat Alexiadis auch einen Abschluss in Jura und einen Doktortitel in Musikwissenschaft der Universität von Athen. Er hat Opern und Musiktheater komponiert, Kammermusik, elektronische und symphonische Musik sowie Instrumentalkonzerte, Film-, Bühnen- und Ballettmusik. Seine Werke werden vielfach international aufgeführt und gesendet und wurden zudem verschiedentlich mit Preisen ausgezeichnet. Aufnahmen seiner Werke wurden als LP oder CD in Griechenland, Deutschland, Italien und Japan veröffentlicht. Alexiadis war von 1989 bis 2002 Mitglied der Geschäftsführung der Griechischen Komponistenvereinigung und Generalsekretär der Griechischen Staatsoper von 2002 bis 2006. Zurzeit ist Minas I. Alexiadis Assistenzprofessor (Oper und Musiktheater) am Institut für Theaterwissenschaft an der Universität von Athen.

Die Phrygische Litanei basiert vollständig auf diatonisch-modalem Material, nämlich dem phrygischen Modus. Das Werk wurde inspiriert von der archaischen, traditionellen Musik Kleinasiens und der süd-östlichen Ägäischen Inseln. Durch Mikro-Imitationen, linearen Kontrapunkt, Varianten, Augmentationen und Diminuierungen, Phasenverschiebungen, Orgelpunkte und andere Kunstgriffe mehr, nimmt man das Stück als ein einziges, langes Cantabile in symmetrisch, ‚prozessionsartiger’ Bogenform wahr, das sowohl auf einem originär kompositorischen Konzept fußt, als auch auf einer außereuropäischen Interpretation des Idioms „sakraler Minimalismus“. Das Werk ist Theodore Kerkezos gewidmet.

Vassilis Tenidis wurde 1936 in Larissa geboren. Während seines Jurastudiums in Athen beschäftigte er sich auch mit der Gitarre und mit Musiktheorie. Zwar hat er mit den meisten Genres experimentiert, darunter Orchesterwerke, Kammer- und Chormusik, Jazz und Filmmusik. Sein eigentlicher Schwerpunkt aber ist das Theater, für das er mehr als 200 Bühnenmusiken komponiert hat – angefangen bei Musik für antike Tragödien und Komödien, über klassische und moderne Stücke bis hin zu Avantgarde-Produktionen. Tenidis leitet die Musikensembles der griechischen Radio-Television und ist Titularmitglied des griechischen Komponistenverbandes.

Die Rhapsodie von Pontos ist dem ausgezeichneten, unterdessen verstorbenen Dirigenten Odysseas Dimitriadis gewidmet. Bei der Komposition dieses Werkes ließ sich Tenidis, dessen Familie aus Pontos stammt, von der Volksmusik und den besonderen Skalen und Rhythmen dieser Region inspirieren. Die Gewandtheit der Instrumentalisten wird daher auch auf harte Proben gestellt (wobei der Solopart noch wesentlich anspruchsvoller ist), und in etlichen Abschnitten des Stücks verlangt der Komponist von ihnen, neue Spielweisen anzuwenden, die weit entfernt sind von den gemeinhin üblichen – was letztlich dem persönlichen Ausdruck dienen soll. Der Klang des Saxophons ahmt die in Pontos üblichen musikalischen Idiome nach, namentlich das wohl bekannteste Instrument der Region, die Pontos Lyra. Eine Zeit lang lebte und lernte Kerkezos mit Musikern aus Pontos, um von ihnen in die einzigartige Aufführungspraxis ihrer komplexen Musik und die besonderen Qualitäten ihrer Melodien und Rhythmen eingeführt zu werden. In seine Komposition hat Tenidis auch traditionelle Elemente von Pontos wie etwa Kriegstänze, Klagelieder, Weihnachtslieder und Kriegsschrei miteinfließen lassen. Die Uraufführung des Werkes wurde von Kerkezos und dem Bukarester Rundfunkorchester (Bukarest, Juni 1997) gegeben, wobei die Kadenzen vom Solisten selbst arrangiert und redigiert wurden.

Manos Hadjidakis wurde am 23. Oktober 1925 in Xanthi, im Norden Griechenlands, geboren. Im Alter von vier Jahren begann er das Klavierspiel zu erlernen und zwischen 1940 und 1943 studierte er Musiktheorie und - harmonie. Zudem studierte er an der Athener Universität Philosophie, während er zugleich Förderung von bedeutenden Künstlern und Intellektuellen wie Seferis, Elytis, Tsarouchis, Gatsos und Sikelianos erfuhr. Ab 1945, als auch seine Zusammenarbeit mit dem Griechischen Nationaltheater und dem Kunst Theater begann, schrieb er sowohl Musik für Griechischen Dramen, als auch Bühnenmusik für zeitgenössische Stücke. Neben seinen Arbeiten für das Theater komponierte Hadjidakis ab 1946 auch eine ganze Reihe von Filmmusiken: nicht allein für griechische Filme, sondern auch für ausländische Produktionen. So erhielt er 1960 einen Oscar für seinen Song in Jules Dassins Film Never on Sunday [Sonntags...Nie!].

Die ebenso lange wie fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Hadjidakis und Maurice Béjart und dessen “Ballet du XXe siècle” begann 1965 in Brüssel mit einer Aufführung von Aristophanes’ Die Vögel. Von 1966 bis 1972 lebte er in New York, wo er einige seiner wichtigsten Werke schuf: Rhythmology, Magnus Eroticus und Reflections. Hier begann er auch mit der Arbeit an The Era of Melissanthi, einer autobiographisch-musikalischen Geschichte, die in der Nachkriegszeit spielt. Er gründete und leitete das Orchestra of Colours (1989-1993) und war Leiter des 3. Programms des Griechischen Radios (1975-1981), das er gewissermaßen revolutionierte. Er starb am Nachmittag des 15. Junis 1994.

Constantine P. Carambelas-Sgourdas
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann

 

Gioconda’s Smile komponierte ich in einer Stimmung, die zwischen Verzweiflung und Reminiszenzen schwankte. Es geht um eine einsame Frau in einer großen Stadt. Jedes Lied ist ein Monolog, und alle Lieder zusammengenommen bilden ihre Geschichte. Eine Geschichte die zugleich modern und alt ist. Und wenn die Lieder Texte hätten, so wären sie wohl etwa so:

Mr. Knoll (Siebter Satz aus Gioconda’s Smile): Als ich hinausging, trat ein junger Mann zu mir. Alle anderen um uns her verschwanden und wir blieben allein zurück. Halb traurig, halb ironisch sah er mich an und sprach: „Ich bin einer dieser jungen Männer, der Sie gerne kennenlernen möchte.“ Ich antwortete, dass ich ganz allein sei und noch nicht dazu bereit, ihn zu empfangen. Dabei wollte ich das sehr, wagte es aber nicht. Er lächelte mich an und sagte: „Wie schade!“ und reichte mir seine Visitenkarte. Bis ich lesen konnte, was darauf geschrieben stand war er auch schon verschwunden. Es waren nur zwei Worte auf die Visitenkarte gedruckt: Knoll, Tod.

Manos Hadjidakis
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann

 


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