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8.559017 - GROFE: Death Valley Suite / Hudson River Suite / Hollywood Suite
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Ferde Grofé (1892-1972)

Death Valley Suite • Hollywood Suite • Hudson River Suite

Ferde Grofé kam am 27. März 1892 in New York City als Ferdinand Rudolph von Grofe zur Welt. Kurz nach seiner Geburt verzog seine Familie dann allerdings nach Los Angeles. Sein Vater war ein Bariton und Schauspieler, seine Mutter Cellisitin und Musiklehrer, wobei ihr Ruf so unbedeutend nicht war und zu ihren Schülern immerhin der berühmte amerikanische Cellist und Dirigent Alfred Wallenstein. Ferde studierte Klavier, Violine und Harmonielehre bei seiner Mutter und Viola bei seinem Großvater und besuchte City-Schulen in Los Angeles sowie das Vincent’s College, das man heute als Loyola University kennt. Nachdem sein Vater 1899 gestorben war, folgte er seiner Mutter nach Deutschland, die dort drei Jahre am Leipziger Konservatorium studierte. Zurück in Los Angeles eröffnete Madame Grofé ein Musikstudio. Zu dieser Zeit, in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts, schrieb Grofé seine ersten Kompositionen: drei Piano-Rags mit den Titeln Harem, Rattlesnake und Persimmon.

1906 zog Ferde Grofé von Zuhause aus und ging fortan etwas kunstfernen Tätigkeiten nach, als Buchbinder, Kraftfahrer, Platzanweiser, Zeitungsausträger, Liftboy, Lithograph, Schriftsetzer und Stahlarbeiter. Violine und Klavier übte er in seiner Freizeit. Seine erste Auftragsarbeit entstand 1909 für die Versammlung eines Elch-Clubs in Los Angeles: The Grand Reunion March. Grofé trat der American Federation of Musicians im selben Jahr bei und spielte in den folgenden zehn Jahren Viola im Los Angeles Symphony Orchestra.

1917 spielte Grofé als Pianist im Orchester Paul Whitemans, eine Stelle, die er ab 1920 für zwölf Jahre fest innehatte. Außerdem wurde er noch Whitemans Assistent, Arrangeur und Notenbibliothekar. Schon seine ersten Arrangements von Whispering, Avalon und Japanese Sandman wurden Verkaufsschlager und landeten millionenfach auf den Plattentellern. 1923 spielte er mit Whitemans Orchester in Europa, 1924 nahm er sich erstmals eine „Auszeit" und orchestrierte Gershwins Rhapsody in Blue, was ihm einiges an Bekanntheit einbrachte. Auch widmete er sich wieder selbst dem Komponieren, und so entstanden Werke wie Metropolis, Blue Fantasy in E Flat, Mississippi Suite oder auch Three Shades of Blue, die allesamt eine erstaunliche Beherrschung des symphonischen Jazz-Idioms offenbaren.

Die 1930er Jahre sollten die fruchtbarste Phase für Grofé werden. 1931 entstand seine populäre Grand Canyon Suite und 1932 trat er dem Dirigentenstab der NBC bei. Ein Jahr später komponierte er die Tablois Suite, ein musikalisches Portrait des Zeitungswesens, sowie die Tondichtung Rip Van Winkle, die er 22 Jahre später in seiner Hudson River Suite verwenden sollte. In den nächsten Jahren entstanden Werke wie die Hollywood Suite, Killarney - Irish Fantasy, Rudy Valley Suite, Kentucky Derby Suite sowie die Ballettmusik Café Society. 1937 leitete er zwei Konzerte des New York Philharmonic und 1939 begann er an der Juilliard School Komposition und Orchestration zu lehren. Neben Kompositionsaufträgen und Engagements als Dirigent entstanden in den nächsten 30 Jahren Dutzende neuer Werke, darunter Filmmusiken, Arrangements für Jazz-Bands sowie natürlich seine stimmungsvollen „Natur-Suiten". In den 1960er Jahren bemerkte Grofé dazu rückblickend, daß die Inspiration zu diesen Werken im wesentlichen Amerika selbst gewesen wäre: „Ich denke viele meiner Kompositionen sind aus den Ansichten, Klängen und Eindrücken heraus entstanden, die uns allen vertraut sind. So habe ich in meiner Musik einfach nur deshalb von Amerika gesprochen, weil Amerika zu mir gesprochen hat, so, wie es auch zu Dir oder jedem anderen von uns gesprochen hat." Ferde Grofé verstarb nach einer Reihe von Herzinfarkten am 3. April 1972 in Santa Monica, Californien.

Grofé hat stets ausführliche Anmerkungen zu jedem seiner Orchesterwerke verfaßt. Da diese Notizen deutliche Rückschlüsse auf die Intention des Komponisten zulassen, sollen sie nachfolgend zur Gänze für die hier eingespielten drei Suiten wiedergegeben werden.

Die Hollywood Suite war ursprünglich als Ballettmusik für eine Produktion der Kompanie von Fanchon und Marco gedacht und entworfen. Die Premiere fand am 15. August 1935 im Hollywood Bowl statt. Das folgende Szenario lag der Produktion zugrunde: „Das Ballett „Hollywood" ist eine Synthese aus dem, was dieser berühmte Name für die ganze Welt symbolisiert, nämlich die glamouröse, artifizielle Welt des Films. Zu Beginn ist die Bühne nichts als ein leerer Raum. Ein Hinweisschild verrät allerdings, daß es sich hier um "Bühne Nr. 4" handelt. Ein Bühnenarbeiter kehrt den Boden mit Bewegungen, die so unbeteiligt sind wie das Schwingen eines Uhrpendels, als ein Mädchen auftaucht, das genau jenen Typus repräsentiert, für den man Hollywood kennt. Komparsin, Einspringerin oder Double, in dieser Reihenfolge oder alles in einem (doch nennen wir sie das Double), ist sie diejenige, die vom Glamour angezogen worden ist, die ihren Hunger gezähmt hat und die die Hoffnung immer noch nicht aufgegeben hat. Tischler treten auf und bauen eine Szenerie, in der Elektriker die Lichter montieren und Dekorateure und Requisiteure letzte Hand anlegen. Jedes Team bemüht dann irgendwann einmal beiläufig das Double, sei es, um die Position einer Säule, die richtige Hängung einer Requisite oder die korrekte Ausleuchtung zu überprüfen. Und obwohl sie offensichtlich jeder irgendwie braucht, wird sie doch bald von allen ignoriert. Dann kommen die Kameramänner, der Regisseur. Und dann der Star mit einem ganzen Gefolge von weiblichen Bediensteten. Das Double probt die Szene mit großem Einsatz und als – Dank ihr – schließlich alles eingerichtet ist, wird sie aus der Szenerie entfernt und macht Platz für den Star, der die Szene an ihrer Statt „schießt". Der Star soll jetzt tanzen, doch wieder ruft man das Mädchen, da der Star eben nicht tanzen kann. Für die Naheinstellungen jedoch steht selbstverständlich wieder der Star vor der Kamera. Nachdem dann auch die große Tanznummer der Ballettmädchen im Kasten ist, der Drehtag um ist und jeder die Bühne schnell zu räumen trachtet, die Lichter, die Requisiten die Kameras und das Filmteam selbst, bleibt nur eine verlorene Figur zurück: das unbekannte Double, das der Bühnenarbeiter, jener mit den Bewegungen, die so fatal unbeteiligt sind wie das Schwingen eines Uhrpendels, sie mit dem übrigen Schutt des Tages von der Bühne fegt. Das ist sie, die Bühne Nr. 4 in Hollywood." Die hier eingespielte sechsteilige Suite formte Grofé 1938 aus der Ballettmusik neu zusammen.

Seit die ersten Emigranten das Death Valley gesehen haben, kursieren phantastische Berichte über die dort herrschenden höllischen Temperaturen und die in ihm verborgenen stupenden Reichtümer. Death Valley, Teil der Großen Amerikanischen Wüste, liegt überwiegend im südöstlichen Kalifornien. Indianer, Emigranten, Goldsucher und Bergarbeiter: sie alle haben ihre Spuren im Death Valley hinterlassen, das sich gleichwohl nur wenig verändert hat in den letzten Millionen Jahren. Als man 1949 das 100jährige Bestehen des Staates Kalifornien feierte, wurde die gemeinnützige Vereinigung The Death Valley ‘49ers gegründet. Die Organisation kannte Grofé als einen Komponisten, der sehr lebendig die Weite der amerikanischen Landschaft in Töne zu bannen verstand und beauftragte ihn mit der Komposition einer Suite, die an die Feierlichkeiten zur Entdeckung dieser ebenso unwirtlichen wie herrlichen Wildnis erinnern sollte. Ein großartiger Umzug zum Gedenken an die Leistungen der kalifornischen Pioniere fand am 3. Dezember 1949 im Desolation Canyon statt. Der Umzug stellte die Ereignisse von 1849 mit einem Zug von Planwagen und dem Hollywood Bowl unter der Leitung von Ferde Grofé nach. Und so hörten mehr als 65.000 Gäste, die dem Umzug beiwohnten, die Uraufführung von Grofés Death Valley Suite. Der Komponist selbst steuerte dazu den folgenden Programmtext zu seiner viersätzigen Suite bei: „I. „Funeral Mountains". Die Musik malt ein Bild von der Erhabenheit und der Trostlosigkeit der Landschaft; sie folgt dem Tageslauf vom ersten Schimmer des Sonnenaufgangs über die gnadenlose Mittagshitze bis hin zu den violetten Schatten der Nacht. II. „‘49er Emigrant Train". Inmitten der Wildnis der Wüste und halbtot vor Durst sind die Emigranten der höllischen Sonne des Death Valley ausgesetzt. Die Musik malt ein sehr lebendiges Bild vom Knarren der trockenen Achsen, dem Scheuern der Wagenräder, den Rufen der Kutscher und dem Knallen ihrer Peitschen. Versteckt lauern Indianer auf ihre Chance zum Angriff — wir hören das Sirren ihrer Pfeile, das Brüllen der verwundeten Ochsen und die Verwirrung unter den Emigranten. Und doch: den beinahe unüberwindbaren Hindernissen zum Trotz ist der Wille der Pioniere nicht unterzukriegen und vermag ihnen neue Kraft und neuen Mut zu spenden. III. „Desert Water Hole". Der erschöpfte, ausgedörrte Zug von Emigranten schleppt sich weiter durch die blendende Hitze der ausgetrockneten Salzbetten des Death Valley als plötzlich die Ochsen ihre Köpfe recken und aus heiseren Kehlen brüllen: sie haben Wasser gewittert! Tiere, Männer und Frauen rennen auf den offenen, klaren, sprudelnden Quell zu und tauchen die Köpfe in das lebenserhaltende Element. Dem Tod so noch einmal von der Schippe gesprungen, erheben die Emigranten ihre Stimmen und danken und preisen Gott für seine Gnade. Dann erklingt eine Fidel und im Handumdrehen feiern alle gemeinsam mit Tanz. IV. „Sand Storm". Weit über die Ebene des Death Valley rast ein tanzender Derwisch aus wirbelndem Sand durch die Wüste. Immer näher kommt der Sturm und der Sand stürzt kaskadenartig und zischend die Hänge hinab. Der schwindelerregende Zyklon wirbelt trunken und fegt den Sand in einer singenden Wolke von den Hügeln. Grazile Zephire aus den Schluchten, Brisen von den Berghängen, Winde von den Bergkämmen und Stürme von den Gipfeln vereinen ihre stürmischen Stimmen über der Ebene der Wüste. Der Sturm bricht seinen Weg durch Grasland und Gehölz und erreicht schließlich seinen Höhepunkt. Doch die überlebenden Siedler erheben sich, gestärkt von dieser Prüfung und entschlossen, in dieser Wildnis eine neue Zivilisation aufzubauen."

Der Dirigent Andre Kostelanetz hatte sich schon eine ganze Weile mit der Idee zu einer Suite über die Legenden zum Hudson River beschäftigt. Im Herbst 1954 traf er Grofé, und als die Sprache auf dieses Projekt kam, machte sich Grofé umgehend an die Arbeit. Bereits 1932 hatte er eine Tondichtung mit dem Titel Rip Van Winkle entworfen. Nun bot sich die Gelegenheit, dies zu einer großangelegten Suite auszubauen. Die Arbeit dauerte etwa fünf Monate und Grofé konnte die Suite am 21. Mai 1935 in Santa Monica beenden, gerade noch rechtzeitig zum Probenbeginn für die Premiere, die dann am 25. Juni im Carter Barron Amphitheater zu Washington stattfand. Das National Symphony Orchestra wurde geleitet von Kostelanetz. Vom Komponisten stammt die folgende Werkbeschreibung: „I. „The River" beginnt mit dem breiten, ausladend-majestätischen Unterlauf des Hudson, ehe er auf den Atlantik trifft. Doch auch die prächtigen Klippen und die Wälder an den Steilufern, die er passiert, werden zu Musik. Diese Stimmung wird in den weiten melodischen Linien und ihren verschiedenen Ausschmückungen eingefangen und steht für das Dahinströmen des mächtigen Hudson. II. „Henry Hudson" ist ein musikalisches Portrait des berühmten Entdeckers. Die Melodie ist heroisch und versucht das Temperament und den Mut dieses unsterblichen Navigators nachzuzeichnen. III. „Rip Van Winkle" ist die Geschichte von Washington Irving in musikalischer Form. Sie beginnt mit Rip, der nach seinem Hund pfeift, der mit Bellen antwortet. Was folgt ist der gemächliche Aufstieg in die Catskills. Schließlich trifft Rip auf die zwergenkleinen, bärtigen Männer, die in einem Hohlweg kegeln. das Rollen der Bälle klingt aus der Ferne wie Donnergrollen. Rip schließt sich ihrem Spiel an. Dann folgen 20 Jahre Schlaf, bis er wieder erwacht. Er pfeift nach seinem Hund, doch diesmal kommt keine Antwort. Sein zerzaustes Äußeres, die rostige Lauf und der verrottete Schaft seiner Flinte sind alles, was die Zeit übrig ließ. Zu guter Letzt findet er Trost bei seiner Tochter und seinen Enkeln, denen er Geschichten von Henry Hudson und seinen närrischen Mannen erzählt. IV. „Albany Night Boat". Die Musik schildert mit ihrem romantischen Thema eine Mondnacht an Bord eines Bootes. Während das Boot sanft über das Wasser gleitet, beginnt an Deck eine Jazzband zu spielen. Man ist ausgelassen, lacht und tanzt, derweil ringsumher der Zauber der Nacht liegt. V. „New York". Die Skyline, die zahllosen Lichter, das Treiben und die Aufregung der Metropole: der turbulente, nie endende Strom des Lebens beschließt die Suite als ihr Höhepunkt."

Victor and Marina A. Ledin

Übersetzung: Matthias Lehmann


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