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8.559021 - SIEGMEISTER: Piano Music, Vol. 2
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Elie Siegmeister (1909-1991) Klaviermusik Vol. 2

Elie Siegmeister gehört zu den Komponisten, die im 20. Jahrhundert einen Stil entwickelt haben, den man als typisch „amerikanisch“ erkennen kann, bei aller Individualität im Stil solcher Komponisten, wie Barber, Copland oder Bernstein, die man im gleichen Atemzug nennen könnte. Zeit seines Lebens versuchte er, den Geist Amerikas in seiner Musik widerzuspiegeln, ungeachtet der sich ständig wandelnden musikalischen Ansätze und Werte.

Elie Siegmeister wurde 1909 in New York City in eine gehobene Mittelstandsfamilie hineingeboren. Als Junge zeigte er keine außergewöhnliche Begabung, häufige Konzert­und Opernbesuche mit seinen Eltern regten aber seine Phantasie immer mehr an Nach erstem Klavierunterricht bei Emil Friedberger studierte er Musiktheorie und Komposition bei Seth Bingham an der Columbia University, er verließ diese Einrichtung 1927 als Bachelor of Arts (ähnlich dem Magister in Deutschland). Nach vier Jahren in Paris, wo er von Nadia Boulanger gefördert wurde, kehrte er nach Hause zurück und begann, als Komponist zu arbeiten. Siegmeisters Kom­positionen aus den dreißiger und vierziger Jahren zeigen sein besonderes Interesse an der amerikanischen Volksliedtradition. Aus dieser Zeit stammen seine bekanntesten Werke, die mit ihrer einfachen und direkten Musiksprache ein breites Publikum flir sich gewinnen konnten.

Um das Jahr 1950 begann eine Zeit, in der Siegmeister nach neuen Wegen zu einer noch persönlicheren Musiksprache suchte Obwohl er nicht auf der Welle der amerikanischen Avantgarde mitschwamm, wurde sein Musikstil komplexer und vielschichtiger. Das Ergebnis war eine Synthese aus dichten musikalischen Strukturen und deutlichen Einflüssen aus Jazz und Folk. In dieser Weise schuf er eine Musik voller Dramatik und Intensität, ohne die Verbindung zum Publikum aus dem Auge zu verlieren. Siegmeister arbeitete über Jahrzehnte als Lehrer an der Hofstra University, daneben war er Vizepräsident des American Music Center und Vorstandsmitglied der ASCAP, der amerikanischen GEMA. Er starb 1991 in Manhasset im Staat New York.

Mit seiner fünfsätzigen Suite Sunday in Brooklyn (Sonntag in Brooklyn) konnte Siegmeister 1946 an die großen Erfolge anknüpfen, die er mit seinen Orchesterwerken amerikanischer Thematik verzeichnen konnte. Selbst ein Kind Brooklyns, war er geradezu prädestiniert dazu, die verschiedenen Seiten des Lebens in diesem pulsierenden New Yorker Stadtteil wiederzugeben. Das erste Stück Prospect Park stellt mit gleitenden Akkorden und weit ausschwingenden Melodien einen Spaziergang durch die grüne Oase Brooklyns dar. Sunday Driver (Sonntagsfahrer), das zweite Stück, gibt weniger eine gemütliche Fahrt wieder, als vielmehr die hektische Gangart des modernen Lebens. Die Nervosität wird von einem fortlaufenden Achtelrhythmus erzeugt, der in die Akzentgruppen 3+3+2 untergliedert ist. Weiche Akkordostinati in der linken Hand breiten über das dritte Stück Family at Horne (Die Familie zu Hause) eine behagliche, intime Atmosphäre. Das kurze vierte Stück Children’s Story (Kindergeschichte) ist seinen beiden Töchtern Mimi und Nancy gewidmet und wirkt wie eine liebevolle Erinnerung des Vaters an die gemeinsame Zeit mit seinen kleinen Kindern. Das temperamentvolle SchluGstück Coney Island gibt besonders lebendig die wimmelnde Menschenmenge und die vielen Geräusche wieder, von denen dieser bekannte Vergnügungspark erfüllt ist.

Siegmeister vollendete seine einsätzige Klaviersonate Nr.2 im Jahre 1964 und widmete sie dem Pianisten Alan Mandel. Diese Sonate ist mit der zwanzig Jahre früher entstanden American Sonata kaum noch zu vergleichen. Sie veran­schaulicht Siegmeisters wachsendes Interesse an komplexen, zuweilen explosiven Klangstrukturen. Diese Sonate verwendet Klangwirkungen, die im gesamten Klavierwerk Siegmeisters einzig dastehen, darunter Cluster (Klangballungen), gezupfte Saiten und Flageoletts, die im Innenraum des Flügels erzeugt werden Drei scharf gezeichnete und deutlich kontrastierende Motive stehen jeweils für die drei Elemente Klangfülle, Rhythmus und Lyrik. Der mehrteilige Aufbau erinnert an die Form des Sonatenallegros Siegmeisters Bestreben, auf jegliches Beiwerk zu verzichten, macht dieses Sonate zu einer seiner straff organisiertesten Kompositionen.

Siegmeister betrachtete sein Thema and Variationen Nr. 1 als seine erste vollwertige Komposition. Er hatte sie 1932 geschrieben, im Alter von 23 Jahren. Der kantige, rauhe Zug in diesem Werk erinnert an Ives und Strawinsky und ist eine Rebellion des jungen Komponisten gegen den Neoklassizismus französischer Komponisten der zwanziger Jahre, den Siegmeister als allzu "hübsch" empfand. Die 26 Variationen sind Beethovens Variatianen in c-Moll nachempfunden. Das Thema ist eigentlich eine Akkordfolge in der Tonart c-Moll, alle Variationen sind in der Art einer Chaconne darauf aufgebaut und stellen jeweils eine spezifische Rhythmusfigur oder Kompositionstechnik in den Vordergrund.

Die fünfzehn Jahre, die zwischen der 1979 entstandenen Klaviersonate Nr. 3 und deren Vorgängerin liegen, schlagen sich auch musikalisch nieder. Siegmeister kehrt wieder zur dreisätzigen Form zurück, der konzentrierte Stil der Nr. 2 weicht einer breiteren, verzweigteren Ausarbeitung der Nr.3. Hinter den scheinbar ausufernden Figurationen des ersten Satzes verbirgt sich eine streng durchgearbeitete Sonatenform. Der ruhige zweite Satz zeigt Siegmeisters faszinierende Art, seine im wesentlichen atonale Klangsprache durch dezente Jazzeinflüsse zu modifizieren. Eine verträumte Einleitung zum dritten Satz verbindet die Ruhe des vorangegangenen mit dem rasenden Toccata-Finale, das pausenlos vorwärtsdrängt und die Leistungsfähigkeit des Interpreten bei der Bewältigung der unglaublichen Sprünge, weiträumigen Akkorde und rapiden Staccato­passagen bis an ihre Grenzen fordert.

From These Shares (Aus diesem Land), die 1985 vollendete letzte Klaviersuite Siegmeisters, knüpft an die Dichte und Komplexität der Klaviersonate Nr.3 an, verfeinert sogar noch das Zusammenwirken von Farbe und Klang. Die fünf Sätze tragen mit einer Ausnahme die Namen amerikanischer Dichter und weisen somit auf die Inspirationsquelle des Komponisten hin. Der rhapsodisch-freie erste Satz Whitman wurde von der Gedichtsammlung „Leaves of Grass“ (Grashalme) dieses Poeten angeregt. „Tom Sawyer" von Mark Twain bildet den Ausgangspunkt für den scharf gezeichneten zweiten Satz. „ ,Sommer in WaIden’ widerspiegelt die sonnendurchflutete Einsamkeit der Wälder New Englands”, schrieb Siegmeister über dieses Werk von Thoreau, das dem dritten Satz zugrunde liegt. Dem energischen vierten Satz ist das Motto I play it cool (Ich mache auf kühl) des Afroamerikaners Langston Hughes vorangestellt, der in seinen Gedichten „hämisch lachende, bittersüße Bilder von Harlem“ entwirft, so der Komponist. Inspiriert von den Worten „Ich habe keine Angst um die Menschheit ... denn die Menschheit und ihre Torheit wird bestehen ...“ aus „A Fabel“ (Eine Legende) von Faulkner beschließt Siegmeister seine musikalischen Betrachtungen über „these shores“, „dieses Land“ Amerika.

Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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