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8.559022 - THOMSON, V.: Symphonies Nos. 2 and 3 / Symphony on a Hymn Tune
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Virgil Thomson (1896-1989)
Sinfonie über ein Kirchenlied (1928)
Sinfonie Nr. 2 C-Our (1931-41)

 

In einer biographischen Skizze aus den vierziger Jahren schrieb Virgil Thomson über sich: „Ich wurde in Kansas City, Missouri, geboren (25 November 1896) und bin hier aufgewachsen. Studiert habe ich in Boston und Paris. Im Fach Komposition war ich Schüler von Nadia Boulanger Ich war noch ziemlich jung, als ich Musik an der Harvard University unterrichtete und die Orgel der King's Chapel in Boston spielte. Später kehrte ich nach Paris zurück und lebte dort viele Jahre, bis die Deutschen kamen, um es genau zu sagen. Jetzt lebe ich in New York und arbeite als Musikkritiker ftir die New York Herald-Tribune.

Als Virgil Thomson am 30. September 1989 in New York starb, verlor die Welt einen großen Musiker Leonard Bernstein äußerte sich in der New York Times: „Der Tod von Virgil T. ist wie der Tod einer amerikanischen Großstadt: unerträglich. Obwohl es vielleicht fast genauso schwer war, mit ihm zu leben wie ohne ihw: Virgil war liebevoll und barsch, großmütig und verletzend. Wir alle liebten seine Musik und haben sie doch selten aufgeführt. Aber er wird in der Musikgeschichte stets lebendig bleiben, schon durch den außerordentlichen Einfluß, den seine geistreiche und schnörkellose Musik auf seine Kollegen hatte, besonders auf Aaron Copland, und durch ihn auf einen Großteil der amerikanischen Musik in unserem Jahrhundert.“

Thomson hinterließ über 150 Kompositionen, darunter ua Konzerte Orchesterwerke, Opern, geistliche Chormusik, Kammermusik und Filmmusik. Sie verschmelzen auf einzigartige Weise amerikanische und internationale Einflüsse. Als Musikschriftsteller seichnete er sich durch ein hohes Niveau und erlesenen Geschmack aus; seine Kommentare über Musik und Musiker zählen zu den elegantesten und intelligentesten ihrer Art. Er war zudem Dirigent und Pianist und einer der ersten amerikanischen Komponisten, die sich besonders der Filmmusik zuwandten. Thomson war Träger zahlreicher hoher Auszeichnungen und Ehrendoktor namhafter Institutionen.

Die ersten drei Sätze der Symphony on a Hymn Tune (Sinfonie über ein Kirchenlied) entstanden 1926 in Paris. Zwei Jahre später wurde das Werk vollendet und instrumentiert, 1945 nahm Thomson nochmals leichte Veränderungen vor. In dieser Fassung wurde die Sinfonie am 22 Februar 1945 uraufgeführt; der Komponist dirigierte die Philharmonische Gesellschaft New York. Die Sinfonie basiert auf einer alten schottischen Melodie, die im Süden der USA zu verschiedenen Texten gesungen wird, am häufigsten zu „How Firm a Foundation“ („Ihr Gottgläubigen, wie fest ist der Grund gelegt für euer Vertrauen in Sein großes Wort!“). In allen vier Sätzen der Sinfonie wird die Melodie als Hauptthema verwendet und verarbeitet, als Nebenthema erscheint eine weitere bekannte Kirchenmelodie, „Yes, Jesus Loves Me“ („Ja, Jesu, liebt mich“).

Thomson hat seine Sinfonie folgendennaßen in Worten zusammengefaßt: „Die lntroduction ist eine Art Konversation zwischen solistisch und paarweise eingesetzten Instrumenten, das Allegro ist eine Folge und teilweise Überlagerung von tanzähnlichen Abschnitten, die aus dem Hauptthema entwickelt wurden Das liedhafte und besinnliche Andante cautabile besteht aus einer Folge von Variationen über ein Thema, das von der Melodie des Kirchenliedes abgeleitet ist. Das vor allem rhythmisch geprägte Allegretto verarbeitet die Haßlinie des Kirchenliedes in der Fonn einer Passacaglia. Das abschließende Alla breve, eine Kanzone über einen Teil des Haupt­themas, greift auf das gesamte Grundmaterial der Sinfonie zurück, es läßt das Kirchenlied nochmals in seiner Gesamtheit erklingen, bevor es mit Motiven der lntroduction endet.“ Thomson verwendete diesen Satz auch in einer leicht veränderten Fassung als Finale seiner Filmmusik zu The River (Der Fluß) von Pare Lorentz.

Die Sinfonie Nr 2 entstand im November 1930, wurde aber 1941 völlig neu instrumentiert. Die Uraufführung fand am 14. November 1941 statt, Sir Thomas Heecham dirigierte das Seattle Symphony Orchestra. Anschließend wurde das Werk von vielen anderen Orchestern in den USA und im Ausland gespielt. Thomson schrieb über diese Sinfonie: „Meine zweite Sinfonie ist vom Themenaufbau her zyklisch, die ersten Takte bilden das Motiv, den Keim, aus dem alles weitere hervorgeht. Die Form ist asymmetrisch, sie ist ständig im Anwachsen begriffen, da kein Abschnitt und nahezu keine Phrase wörtlich wiederholt wird. Die Melodien sind klar diatonisch, die Hannonik ist durchweg tonal: der erste und dritte Satz in C-Dur, der zweite Satz in As-Dur. Diese Sinfonie ist überwiegend lyrisch betont, verzichtet aber nicht gänzlich auf tänzerische und heitere Episoden, zuweilen treten sogar militärische Züge in den Vordergrund.“

Thomsons Sinfonie Nr 3 ist eine revidierte und orchestrierte Fassung seines Streichquartetts Nr 2 (1932). Eine Aufführung dieser Neufassung kam aber zunächst nicht zustande. Im Jahre 1972 verwendete sie der Komponist für eine Ballettszene in seiner Oper Lord Byron. Als er im Nachhinein feststellen mußte, daß das Quartett der dreißiger Jahre und die Oper aus den Siebzigern musikalisch nicht zusammenpaßten, gab er das Werk separat als seine Sinfonie Nr 3 heraus. Sie wurde am 26 Dezember 1976 in New York uraufgeführt. Es spielte das American Symphony Orchestra unter Kazuyoshi Akiyam. Über sein im wesentlichen heiteres Werk äußerte sich Thomson: „Es ist in einem Stil komponiert, den ich als klassisch bezeichnen würde, oder anders: Es ist dieselbe Art Quartett, wie sie Mendelssohn oder Schubert geschrieben haben.“ Der erste Satz hat die Fonn eines Sonatensatzes; an Stelle des Scherzos erscheint „ein schöner großer Walzer“ (Thomson). Das Adagio ist sehr verhalten, und auch über dem Finale, laut Thomson „eine Art Rondo“, liegt ein Zug von Nachdenklichkeit.

Zu Pilgrim, and Pioneers (Pilger und Pioniere) erklärte der Komponist: ,,1964 arbeitete ich mit John Houseman an dem Film Journey to America (Reise nach Amerika), der den Besuchern der Weltausstellung in New York die Geschichte der Einwanderung nahebringen sollte. Die Filmmusik verwendet alte Kirchenlieder, Folklore, die Musik unseres Volkes, vieles natürlich aus einem etwas nostalgischen Blickwinkel. Mir kam es besonders darauf an, die Intensität meiner Musik exakt auf den Einsatz der gesprochenen Kommentare abzustimmen, so daß die Lautstärke nicht mehr durch den Toningenieur von Hand geregelt werden muß.“ Thomson bearbeitete die Filmmusik zu dem vorliegenden Konzertstück, das vom Mozart Festival Orchestra unter Baird Hastings am 27, Februar 1971 in New York uraufgeführt wurde. Prilgrims and Pioneers erscheint hier erstmalig auf CD.

Marina und Victor Ledin
(unter Verwendung von Virgil Thomsons elgenen, zur Uraufführung der Werke verfaßten Kommentaren)
Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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