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8.559024 - BARBER, S.: Orchestral Works, Vol. 1 - Symphonies Nos. 1 and 2 / First Essay for Orchestra (Royal Scottish National Orchestra, M. Alsop)
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Samuel Barber (1910-1981)
Orchesterwerke, Folge 1

 

Samuel Barber machte sich schon in jungen Jahren einen Namen als Komponist spätromantischer Ausrichtung. Er wurde in Westchester, Pennsylvania, geboren und trat 1924 in das Curtis Institute of Music in Philadelphia ein, um Klavier und Komposition zu studieren Kein Geringerer als Vaughan Williams äußerte sich lobend über seine Vertonung von Matthew Arnolds Dover Beach. 1933 gewann er mit der Konzertouvertüre The School for Scandal (Die Lästerschule) den Bearns-Preis der Columbia University. Mit diesem Werk beschwört Barber die Welt der gleichnamigen Restaurationskomödie von Richard Brinsley Sheridan herauf, einem englischen Dramatiker des 18. Jahrhunderts.

Schneidende Akkorde der Blechbläser führen zu einem kapriziösen Thema der Streicher. Nach einem kurzen Höhepunkt erklingt in der Oboe eine wundervoll nachdenkliche Melodie; sie wird von den Streichern übernommen. Ein bukolisches Klarinettenmotiv führt das Geschehen in lebhaftere Bereiche, hin zum zentralen Höhepunkt des Werkes. Streicherkaskaden und wuchtige Blechbläser kündigen die Reprise des Hauptthemas im vollen Orchester an. Die Melodie der Oboe kehrt ebenfalls zurück, gefolgt von einer kurzen Fugato Passage, die zur Coda überleitet. Synkopierte Rhythmen und eine triumphale Schlußfanfare beenden das Werk.

Die Uraufführung der Ouvertüre durch das Philadelphia Orchestra legte den Grundstein für Barbers Erfolg in seiner Heimat. Mit der Premiere seiner Ersten Sinfonie (1937) in Amerika, gespielt vom Cleveland Orchestra unter Arthur Rodzinsky, konnte er seinen Ruf als Komponist ersten Ranges weiter festigen. Diese verhältnismäßig kurze Sinfonie ist zusammenhängend in einem Satz konzipiert, sie läßt aber eine innere Viersätzigkeit erkennen.

Der erste Abschnitt Allegro mo non troppo stellt ein Thema vor, das ein wenig an Sibelius erinnert. Die führenden Streicher werden immer wieder von Einwürfen der Blechbläser unterbrochen. Die Violoncelli bringen ein mehr nach innen gerichtete, Thema, das anschließend von den Blechbläsern majestätisch wiederholt wird. Der musikalische Schwung geht unmittelbar in den folgenden Scherzo Abschnitt über. Rhythmische Impulse treiben dieses Allegro molto unaufhörlich vorwärts, bis es in einem scharfen rhythmischen Unisono seinen Gipfelpunkt erreich. Die musikalische Energie wird von Holzbläsersoli gedämpft und in den anschließenden langsamen Abschnitt Andante tranquillo geleite. Eine elegische Melodie der Oboe steht im Vordergrund; sie wird von den Bratschen und Celli übernommen und ihrem Höhepunkt im gesamten Orchester zugefuhrt, Ein verhaltener, aber dennoch entschlossener musikalischer Gedanke schließt sich an, auf dem der gesamte Schlußabschnitt Con moto aufgebaut ist, der in der Art einer Passacaglia stetig anwächs. Mit der musikalischen Geste ihres Beginns schließt sich der Kreis um die Sinfonie in einer mitreißenden Coda.

Im Jahre 1937 wurde die Sinfonie irn Rahmen der Salzburger Festspiele gespiel. Der große Dirigent Arturo Toscanini hörte das Werk und war so begeistert, daß er bei Barber eine Komposition für sein neu gegründetes NBC Symphony Orchestra bestellte Barber schrieb daraufhin seinen Essay for Orchestra. Er wurde 1938 in New York uraufgeführt, Diesem Werk sollten später zwei weitere mit diesem Titel folgen.

Der Beginn des Werkes schafft eine schicksalhafte Atmosphäre; der Klagegesang in den mehrfach geteilten Streichern wird immer leidenschaftlicher Der Höhepunkt mit an Copland gemahnenden Blechbläsern führt zurück zum schwermütigen Beginn. Die Stimmung schlägt plötzlich um, als eine erregte Passage in den hohen Streichem und Holzbläsern die kraftvolle Reprise des Hauptthemas vorbereitet. Nach diesem Höhepunkt schwächt sich das Geschehen allmählich ab und läßt die Violinen mit fragenden Melodiefiguren in der Höhe zurück.

Die Einberufung Barbers in die US Air Force 1943 brachte den Auftrag für seine Zweite Sinfonie mit sich. Sie wurde ein Jahr später vom Boston Symphony Orchestra unter Sergej Kussewitzky uraufgefuhrt. Im Jahre 1947 überarbeitete Barber sein Werk nochmals, das New Symphony Orchestra spielte diese Fassung auf Schallplatte ein Die Aufnahme wurde 1951 gleichzeitig in Großbritannien und in Amerika veröffentlicht. Dennoch konnte sich das Werk im Konzertrepertoire nicht durchsetzen. Möglicherweise kam Barber mit der Zeit zu dem Schluß, daß seinem Werk die große sinfonische Einheit fehlt, er zog es 1964 zurück. Drei Jahre später ging er den drastischen Weg und vernichtete seine Originalpartitur und so gut wie alle Druckausgaben. Erst nach seinem Tod ist ein Exemplar wieder aufgetaucht, sodaß dieses düsterste und tonal am weitesten vorstoßende unter Barbers großen Werken zu neuem Leben erweckt werden konnte.

Schon der Beginn des ersten Satzes läßt eine neue Kraft in Barbers Musiksprache erkennen. Der energische Vorwärtsdrang legt mehr Wert auf Wechsel musikalischer Strukturen als auf eigentliche Themen; auch der elegische Oboengedanke bringt kein Nachlassen der immensen Spannung mit sich. Der Satz spitzt sich weiter zu, schneidende Blechbläser, regelrechte Bombardements der Streicher und explosives Schlagwerk unterstreichen den neuen Charakter der Musik. Die Oboenmelodie erscheint nun in den Streichern, bevor die musikalischen Bestandteile des Satzes in stählerner Dichte gebündelt werden. Die Spannung löst sich in den Violinen, die am Schluß über das Eingangsmotiv des Satzes nachsinnen. Der zweite Satz wird von einem wiegenden Rhythmus der tiefen Streicher eröffnet. Wie das Englischhorn mit seiner nachdenklichen Melodie hinzutritt, wird die ruhige, nächtliche Stimmung des Satzes offenbar. Die melodische Entwicklung wird an die Flöten und Klarinetten weitergegeben Die gedämpften Streicher schaffen einen atmosphärischen Hintergrund. Der Höhepunkt des Satzes wirkt eher sehnsüchtig als leidenschaftlich; die Reprise des Hauptthemas in expressiver Farbgebung rundet den Satz ab Nach dem Mißerfolg der Sinfonie hat Barber diesen Satz umgearbeitet und unter dem Titel Night Flight (Nachtflug) separat herausgegeben.

Das Finale explodiert in Tonscherben. Streicher und Hörner tragen die sonderbar bruchstückhaften Strukturen einem schroffen Streicher-Fugato zu, dessen Intensität weiter zunimmt. Thematische Elemente der vorangegangenen Sätze erscheinen, bevor der Beginn des Finales in neuer Härte wiederkehrt. Klagende Streicherfiguren drücken den Satz nieder. Ein resignatives Ende der Sinfonie scheint vorherbestimmt. Doch der Beginn bäumt sich nochmals gewaltig auf und beschließt das Werk in erbittertem Trotz.

Der Dirigent Andrew Schenk, der die Wiederbelebung dieser Sinfonie in den späten achtziger Jahren maßgeblich vorangetrieben hat, resümiert das Werk so. "Es beschwört die Majestät des Fluges, die Schrecken des Krieges, die Einsamkeit unter nächtlichem Himmel, den Triumph des Sieges herauf. Für alles das hat es ein besseres Schicksal verdient, als vergessen zu werden, wie es der Komponist selbst fllr sein Werk bestimmt hatte."

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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