About this Recording
8.559063 - BARATI: Symphony No. 1 / Chant of Darkness / Chant of Light
English  French  German  Spanish 

George Barati (1913—1996)

Sinfonie Nr. 1 (1963) • Chant of Darkness (1993) • Chant of Light (1994/95)

Bartók, Ormandy, Ligeti, das Budapester Streichquartett – die große Bedeutung Ungarns für die Musik des 20. Jahrhunderts steht in keinem Verhältnis zu der politisch kleinen Rolle dieser Nation. Ein Grund dafür mag die internationale Präsenz der künstlerischen Elite Ungarns sein. Im Zuge der Faschisierung Ungarns in den 1930er Jahren und des Aufstands von 1956 wanderten viele Künstler aus, bevorzugt in die USA. Musiker, wie Bartók, George Szell und Joseph Szigeti waren ein immenser Gewinn für das amerikanische Musikleben; im Gegenzug gewannen auch sie, an neuer Hoffnung und neuen Chancen.

Weniger bekannt, aber nicht weniger bedeutend war George Barati. Er wurde in Györ geboren und studierte an der Franz-Liszt-Akademie in Budapest bei Zoltán Kodály und Leo Weiner. In seiner Heimat wirkte er als Cellist in verschiedenen Orchestern und Ensembles; er war unter anderem erster Cellist des Budapester Sinfonieorchesters. Als der Fünfundzwanzigjährige im Jahre 1938 in Princeton, New Jersey, ankam, war er bereits ein reifer Musiker. Er gründete gemeinsam mit anderen Musikern das Pro Ideale Streichquartett in Princeton, wurde beauftragt, eine Streicherabteilung am Westminster Choir College aufzubauen und lehrte Cello an verschiedenen Einrichtungen der Stadt. Daneben bildete er sich auf kompositorischem Gebiet weiter und nahm Unterricht bei Roger Sessions, dessen Dichte des Klangs und der Gedanken ihn in seinen eigenen Kompositionen beeinflußte. Im Jahre 1944 wurde er amerikanischer Staatsbürger und leitete während der letzten Kriegsjahre das Militärorchester in Alexandria. Nach dem Krieg zog er nach San Francisco, spielte unter Pierre Monteux im dortigen Sinfonieorchester und wurde bald selbst ein vielbeachteter Dirigent. Er leitete das 1948 gegründete Barati Kammerorchester, von 1950–1968 das Sinfonieorchester Honolulu, später das Sinfonieorchester Santa Cruz, das Villa Montalvo Kammerorchester und das Barati Ensemble, das er 1989 gegründet hatte. Daneben arbeitete er als Gastdirigent weltweit mit über 80 Orchestern. Barati erhielt zahlreiche Preise und war Ehrendoktor der Universität von Hawaii. Seit 1991 beherbergt die Universität Santa Cruz ein Barati-Archiv.

Die vorliegende CD verbindet Baratis großartige und hier erstmals aufgenommene Sinfonie aus dem Jahr 1963 mit zwei Werken aus seinen letzten Lebensjahren. Alle diese Kompositionen vereinigt Baratis kraftvolle Ausarbeitung des motivischen Materials, die Intensität der rhythmischen Energie und die Meisterschaft der Instrumentation, die den Dirigenten verrät. Barati hat oft betont, daß seine Arbeit als Interpret eine Grundvoraussetzung für sein kompositorisches Schaffen ist. Barati hat eine Vielfalt von Einflüssen in sein Werk aufgenommen. Die europäische Tradition von Beethoven über Brahms, Berlioz, Debussy, Strawinsky, Bartók und Schönberg vermischt sich mit folkloristischen Klängen pazifischer Länder wie Japan, Korea und Polynesien, die er während seiner Zeit in Hawaii kennengelernt hatte. Das bedeutet nicht, daß seine Musik leicht zugänglich ist. „Jedes Stück muß etwas Vielschichtiges, Geheimnisvolles in sich tragen, das sich erst später enthüllt", schrieb er selbst. Obwohl Barati vorwiegend atonal komponierte, war er kein Zwölftonkomponist im eigentlichen Sinne. Er verwendete zuweilen dodekaphonische Techniken, kombinierte sie aber „mit mehr persönlichen und expressiven Elementen", wie er schrieb.

Das wird in seiner Sinfonie deutlich, in der er serielle Techniken mit einer bewußt unsystematischen Freiheit behandelt. Baratis „Alpensinfonie" entstand während eines Aufenthalts im schweizerischen St. Cergue, in einer Zeit, in der er neben seiner Arbeit mit dem Orchester in Honolulu als Gastdirigent durch Europa und Asien reiste. Die Sinfonie ist von der landschaftlichen Schönheit der Alpen inspiriert worden: Atemberaubende Aussichten, glitzernde Gebirgsbäche; Wunder der Natur, die gleichzeitig Größe und kleinstes Detail in sich bergen. Selbst das Pfeifen der Bergbahn erscheint in der Komposition. Der erste Satz Maestoso ist sehr organisch aufgebaut. Ein Hauptthema (Streicher und Holzbläser) und ein Nebenthema (Oboen und Fagotte) werden verarbeitet und kehren nach einem großartigen, kontrapunktisch dicht gearbeiteten Höhepunkt in variierter Gestalt wieder. Die Komplexität des Klangbildes wird durch eine zuweilen tänzerische Vitalität gemildert. Die motivische Arbeit erinnert an Bartók und noch mehr an Beethoven, während manche dunkel gefärbte Harmonie Schönberg heraufbeschwört. Der zweite Satz Andantino tranquillo beginnt mit einer Reihe lyrischer Melodien und Fragmente, in die unvermittelt ein Scherzo einfällt. Es hinterläßt deutliche Spuren in der Reprise des Andantino, das ohne Pause in das Finale übergeht. Das Allegro con fuoco ist farbenprächtig instrumentiert; es tendiert in seinen Eckteilen zum Tragischen. Die Fanfare des Beginns der Sinfonie schließt den Kreis um das Werk.

Im Jahre 1996 starb George Barati in den Straßen von Los Gatos, Kalifornien – ein ähnlich tragisches und unerklärliches Ereignis wie der Tod Anton Weberns ein halbes Jahrhundert zuvor. Die schweren Kopfverletzungen, an denen Barati starb, wurden zunächst auf einen Sturz des über Achtzigjährigen zurückgeführt, offensichtlich wurde er aber von einem bis heute unbekannten Täter erschlagen. „Eines der traurigsten Dinge ist, daß er gerade erst den Weg zu einem neuen Kompositionsstil gefunden hatte", sagte seine Frau Ruth Anfang 1999, kurz bevor sie starb. Die Früchte dieses neuen Stils bilden den zweiten Teil der vorliegenden CD. Barati hatte Chant of Darkness (Gesang der Dunkelheit, 1993) als Ausdruck der Trauer um seine Tochter komponiert, die 1992 im Alter von 39 Jahren verstorben war. Später entschloß er sich, den Pessimismus dieses Werkes mit einem Schwesterwerk auszubalancieren, mit Chant of Light (Gesang des Lichts, 1994/95). Darin findet man viel von dem jungen Barati: Seine Vorliebe für die Intervalle Sekunde und Septime, seinen Hang zu kleinsten motivischen Zellen und seine üppigen Orchesterfarben. Der „Gesang" des Lichts ist in „Liedform" (A-B-A) komponiert, mit einem Scherzo inmitten von Eckteilen, die in ihrem Andante-Charakter an den ersten Satz der Sinfonie erinnern.

Chant of Darkness beginnt und endet mit dem unbestimmten Klang des Einstimmens eines Orchesters. Lassen wir zu diesem sehr persönlichen Werk den Komponisten selbst sprechen: „In den dunklen Tagen, als unsere geliebte Tochter an Brustkrebs starb, habe ich meine Gefühle in diesem Werk niedergeschrieben – unmittelbar und direkt, ohne mir vorher Skizzen zu machen. Der Abgrund der Ungewißheit, das Fehlen jeglichen Realitätssinns, Schmerz, Wut, Verzweiflung, Vakuum – alles das floß in eine Komposition ein, die sich selbst geschrieben hat, deren Quellen mir verborgen bleiben, deren Schöpfer zu sein ich kaum zu beanspruchen wage. Diese Musik ist für alle, die das Leid eines schweren Verlusts ertragen müssen, und die einen Ausdruck der Trauer suchen, der über die Grenzen der Worte hinausgeht."

 

 

Paul J. Horsley

Deutsche Fassung: Tilo Kittel


Close the window