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8.559065 - CARPENTER: Adventures in a Perambulator / Symphonies Nos. 1 and 2
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John Alden Carpenter (1876-1951)

Abenteuer in einem Kinderwagen • Sinfonien Nr. 1 und 2

Obwohl heute weitgehend in Vergessenheit geraten, gehörte John Alden Carpenter (28. Februar 1876 - 26. April 1951) zu den bedeutendsten amerikanischen Komponisten seiner Zeit. Seine Orchesterwerke wurden von den führenden zeitgenössischen Dirigenten aufgeführt, und große Sänger sangen seine Lieder. Auf dem Höhepunkt seines Ruhmes, zu Beginn der 1920er Jahre, war er der einzige amerikanische Komponist, der ein Stück im Auftrag des Leiters der Ballets Russes Serge Diaghilew schrieb.

Carpenter, dessen Name sich bis zu den legendären Pilgrims (Pilger-Väter) von Plymouth zurück verfolgen lässt, wurde in Park Ridge, Illinois, in der Nähe von Chicago in eine wohlhabende und kultivierte Familie geboren. Ersten Musikunterricht erhielt er bei seiner Mutter und anderen Lehrern in Chicago. Später studierte er bei John Knowles Paine in Harvard, eine kurze Zeit bei Elgar in England und nach seiner Rückkehr nach Chicago bei dem brillanten Theoretiker Bernard Ziehn. Er bekleidete eine leitende Position in der Schiffsausrüster-Gesellschaft seines Vaters; da die Geschäfte jedoch überwiegend von seinen Brüdern geführt wurden, hatte er genügend Zeit, seine musikalischen Interessen zu verfolgen. Zusammen mit seiner Frau, Rue Winterbotham, förderte er die Künste in Chicago und kam mit den Werken so bekannter Künstler wie Picasso und Strawinsky, Irene Castele und Cole Porter in Berührung. Nach Rue Winterbothams Tod heiratete Carpenter eine andere berühmte Chicagoerin, Ellen Borden, deren Schwiegersohn Adlai Stevenson war.

Carpenter erntete zu Beginn des 20. Jahrhunderts landesweiten Ruhm für seine Lieder, die ein tiefes literarisches Einfühlungsvermögen verraten sowie eine umfassende Kenntnis der zeitgenössischen europäischen Musikströmungen. Darüber hinaus zeichnen sie sich durch eine elegische Melancholie und einen schnurrigen Humor aus, den viele Zuhörer für besonders amerikanisch hielten. Der Erfolg seines ersten Orchesterwerkes, Adventures in a Perambulator (1914), verhalf seinem Namen zu weit größerer Berühmtheit. In den folgenden Jahren schrieb Carpenter weitere Orchesterwerke, Kammermusik, Lieder und Solo-Klavierwerke sowie drei Ballette, The Birthday of the Infanta (1917-18), Krazy Kat (1921) und Skycrapers (1923-24), das von den Ballets Russes in Auftrag gegeben, aber nie aufgeführt wurden. Sein Konzert für Klavier und Orchester (1915) war für die Dauer eines Jahrzehnts das Paradestück Percy Graingers. Einige dieser Stücke folgten dem Weg, den er in Adventures in a Perambulator mit Anklängen an amerikanische populäre Musik eingeschlagen hatte. Obwohl gegen Ende seines Lebens seine einstmals modisch-moderne Musik recht altmodisch wirkte, wurden seine besser bekannten Orchesterwerke regelmäßig neu belebt. Auch einige seiner Lieder, darunter die berühmtesten seiner Lieder-Zyklen Gitanjali (1913) und die patriotische Hymne The Home Road (1917) konnten sich im Repertoire halten.

Carpenter komponierte seine berühmten „Adventures" für das Chicago Symphony Orchestra und dessen Dirigenten Frederick Stock, der sich für viele seiner Werke einsetzte. Die Beschreibung eines Tages im Leben eines Babys, inspiriert von Carpenters eigenem Kind Ginny, stellt einen ungewöhnlich Einfall dar, den man eher in einem Comic strip als in der Musik vermuten würde. Und tatsächlich wurde das Stück von Walt Disney für seinen Film Fantasia ausgewählt, letztlich aber doch nicht realisiert.

Carpenter schrieb ausführliche Anmerkungen zu dem Stück. Im ersten Satz, En voiture!, (Einsteigen bitte!), ziehen das Baby und die Kinderschwester los, die humpelnden Synkopen der Celesta-Melodie sollen angeblich von einem kleineren Defekt an einem Rad von Ginnys Kinderwagen inspiriert worden sein. Der zweite Satz, Der Polizist, stellt einen irischen Polizisten vor, der sich in einen kleinen Flirt mit der Kinderschwester vertieft, bevor er von dem ungeduldigen Baby unterbrochen wird. Im dritten Satz wird das Baby von einem Leierkastenmann in seinen Bann gezogen, zu dessen Repertoire ein Miserere aus Il Trovatore, Eduardo Di Capuas Oh, Marie und Irving Berlins Hit Alexander’s Ragtime Band gehören. Am Ende des Satzes kehrt der Polizist zurück, verscheucht den Leierkastenmann und hinterlässt nur noch die Erinnerung an die „schöne verbotene Musik".

Der vierte Satz, der teilweise während eines Urlaubs Carpenters am Lake Geneva in Wisconsin komponiert wurde, beschreibt Babys Eindrücke von The Lake, (dem See). In Babys folgender Begegnung mit den Hunden zitiert Carpenter sowohl Septimus Winners Where, Oh Where Has My Little Dog Gone und Ach, du lieber Augustin. Im letzten Satz, Dreams – (Träume), werden die Abenteuer das Tages noch einmal in Erinnerung gerufen, während Mutter Baby mit einem Lied, das an das französische Wiegenlied Dodo, l’enfant do erinnert, schlafen legt.

Adventure in a Perambulater wurde von Stock und dem Chicago Symphony Orchestra am 19. März 1915 uraufgeführt und schon bald von allen großen amerikanischen – und einigen internationalen – Orchestern übernommen. 1941 gab Carpenter eine überarbeitete Fassung heraus, die dieser Einspielung zu Grunde liegt. Sie weist erhebliche Kürzungen in The Lake und Dreams auf, und auch die gesamte Instrumentation wurde weit reichenden Veränderungen unterzogen.

Sowohl die Erste als auch die Zweite Sinfonie sind Bearbeitungen früherer Werke. Die Erste Sinfonie (1940) geht auf eine frühere Erste Sinfonie (1916-17) mit dem Untertitel Sermons in Stones – (Predigten in Steinen) nach Shakespeare zurück. Obwohl die ursprüngliche Erste Sinfonie, ein großes dreisätziges Werk, positive Aufnahme gefunden hatte, wurde sie nie richtig populär. Als Stock ein Werk für den 50. Jahrestag der Gründung des Chicago Symphony Orchestras suchte, erarbeitete Carpenter eine neue Fassung des Stücks. Er kürzte das wuchernde Original drastisch zu einem komplexen einsätzigen Werk voller sprunghafter Tempo- und Stimmungswechsel zusammen. Einige Themen übernahm Carpenter aus dem früheren Werk, überarbeitete das Material aber so stark, dass die Fassung von 1917 eher als Skizze zu dem späteren Werk angesehen werden kann.

Stock und das Chicago Symphony Orchestra spielten die Uraufführung der überarbeiteten Ersten Sinfonie am 24. Oktober 1940. „Es ist friedliche Musik", notierte Carpenter zur Zeit der Premiere, „und in diesen Tages ist das vielleicht schon etwas." Obwohl das Stück unter anderem die Anerkennung von Percy Grainger fand und in den 1940er Jahren von Fritz Reiner, Fabien Sevitzky und Bruno Walter aufgeführt wurde, geriet das Werk in den nächsten Jahren zunehmend in Vergessenheit.

Die Zweite Sinfonie erblickte 1941-42 als Orchesterfassung des Klavierquintetts aus dem Jahr 1934 das Licht der Welt. Walter bezeugte erneut Carpenter seine Anerkennung, indem er die Uraufführung des Werkes am 22. Oktober 1942 mit dem New York Philharmonic Orchestra spielte. In den folgenden Jahren überarbeitete Carpenter sowohl das Original-Quintett (1946-47) als auch die Zweite Sinfonie (1947). Die spätere Fassung der Sinfonie, die dieser Aufnahme zu Grunde liegt, wurde von Fritz Busch und dem Chicago Symphony Orchestra am 2. Juli 1949 in Ravinia mit großem Erfolg uraufgeführt.

Die Entwicklung vom Quintett von 1934 zur Zweiten Sinfonie von 1947 erfolgte schrittweise, und Carpenter bewahrte alle Versionen von einer Fassung zur nächsten auf. Alle vier Fassungen des Werkes zeigen einen forschen ersten Satz, einen süß-sehnsuchtsvollen langsamen Satz und ein lebhaftes Finale, dessen Hauptthema auf eine Melodie zurückgeht, die der Komponist und seine Frau 1934 während eines Urlaubs in Algier gehört hatten. Obwohl die Erste und die Zweite Sinfonie ganz unterschiedliche stilistische Sprachen sprechen – die Erste entstand nach einem Werk aus dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, die Zweite nach einem Werk aus der Mitte der dreißiger Jahre – repräsentieren beide Kompositionen ein modernes und nüchternes romantisches Profil, das mitunter an einen amerikanischen Nielsen oder Roussel denken lässt. Virgil Thompsons Beschreibung der Zweiten Sinfonie als „opulent und mollig, intelligent, wohl strukturiert, kultiviert und bestimmt, ohne dabei jedoch protzig oder übermäßig bescheiden zu sein" scheint auch gut auf die Erste Sinfonie Anwendung finden zu können. Wie „Adventures" verraten die beiden Sinfonien mit ihrem Charme und ihrer Poesie, ihrer rhythmischen Lebhaftigkeit und ihrer lyrischen Wärme das Werk eines Komponisten, der einen Teil seiner Energie auf Ballette und Lieder verwandte. Dennoch verfügt jedes Werk über eine einzigartige und deutlich eigenständige Individualität.

Howard Pollack

Deutsche Fassung: Peter Noelke

Howard Pollack ist der Autor des Buches John Alden Carpenter: A Chicago Composer sowie weiterer Bücher.

Abenteuer in einem Kinderwagen

Booklet-Text von John Alden Carpenter

I: En Voiture

Jeden Morgen – nach meinem zweiten Frühstück – wenn der Wind und die Sonne es erlauben, gehe ich aus. Ich sollte es vorziehen, alleine zu gehen, aber mein Wunsch ist zu vermessen. Meine Kinderschwester ist angewiesen, mich zu begleiten. Sie ist älter als ich und sehr mächtig. Während ich auf sie warte, resigniert, höre ich ihre fröhlichen Schritte, immer gleich. Ich bin eingewickelt in ein Vakuum aus Wolle, in das kein Luftzug dringt. Eine Tür wird geöffnet und wieder geschlossen. Ich werde in einen Kinderwagen gelegt, ein Gurt wird über meinen Bauch geschnallt, meine Kinderschwester tritt festen Schrittes hinter mich – und los geht’s.

II: Der Polizist.

Draußen ist es wunderbar! Es ist immer anders, obwohl man schon einmal da gewesen zu sein scheint. Es ist mir alles ein Rätsel. Einige Klänge scheinen wie Düfte. Einige Blicke haben Echos. Es ist verwirrend, aber es ist das Leben! Zum Beispiel der Polizist; ein unvergleichlicher Mann; rund wie ein Ball, größer als mein Vater, blau – furchtbar – faszinierend. Ich spüre ihn, bevor er kommt. I sehe ihn, nachdem er gegangen ist. Ich versuche, sein Aussehen zu analysieren. Es sind nicht allein die Knöpfe oder der Gürtel oder der Knüppel. Ich vermute, es sind seine Augen und die Art, wie er geht. Er geht wie das Verhängnis.

Meine Kinderschwester empfindet das ebenso. Sie ist weniger bestimmt, weniger stark. Mein Kinderwagen eilt voran, hält inne und hält an. Sie unterhalten sich. Sie stellen sich Fragen – einige mit Antworten, einige ohne. Ich höre zu, mit gebotener Diskretion. Wenn ich das Gefühl habe, sie wären weit genug gegangen, gebe ich meiner Kinderschwester ein Zeichen, ein privates Zeichen, und der Polizist setzt seinen ungeheuren blauen Marsch fort. Er ist weg, aber ich spüre ihn noch, nachdem er gegangen ist.

III: Der Leierkasten

Dann ist da plötzlich etwas anderes. Ich glaube es ist ein Klang. Wir kommen näher. Mein Gehör wird aufs Äußerste gekitzelt. Ich stelle fest, dass das fesselnde Geräusch aus einem Kasten kommt – einem Ding wie meine Spieldose, nur viel größer und auf Rädern. Ein dunkler Mann dreht die Musik aus dem Kasten mit einer Kurbel, so wie ich es mit meinem mache. Eine dunkle Dame, aufwendig gekleidet, kurbelt, wenn der Mann müde wird. Beide lächeln, auch ich lächle, mit Zurückhaltung, denn Musik ist die heimtückischste Art des Lärms. Und was für Musik! So fröhlich! Ich zerre an dem Gurt über meinem Bauch. Ich habe den wilden Gedanken, mit meiner Kinderschwester und meinem Kinderwagen zu tanzen – wir alle drei zusammen. Plötzlich, auf dem Höhepunkt unserer Erregung, fühle ich das Herannahen eines Phänomens, an das ich mich erinnern kann. Es ist der Polizist. Er hat die Musik gestoppt. Er hat den dunklen Mann und die Frau mit ihrem Musikkasten verscheucht. Er sucht die Bewunderung meiner Kinderschwester für seine Tat. Er entfernt sich, seine Knöpfe glänzen, aber aus der Ferne höre ich wieder die verbotene Musik. Herrliche verbotene Musik.

IV: Der See

Mit Abenteuern schon fast gesättigt, schiebt mich meine Kinderschwester beherzt weiter, und kurz bevor ich mein Gleichgewicht wieder finde, blicke ich einem neuen Eindruck ins Angesicht. Das Land ist zu Ende, und da, zu meinen Füßen, ist der See. Alle meine Sinne vereinigen sich zu einem einzigen. Ich sehe, ich höre, ich fühle das Beben der kleinen Wellen, wenn sie vor den größeren fliehen und den Sand heraufrollen. Ihre Furcht ist nur vorgetäuscht. Sie wissen genau, dass die großen Wellen liebenswürdig sind, denn sie können Tausende von Sonnenstrahlen ungestraft auf ihren Rücken tanzen sehen. Wellen und Sonnenstrahlen! Wellen und Sonnenstrahlen! Blaues Wasser – weiße Wolken – tanzend, schwingend! Eine weiße Möwe am Himmel. Das ist Mein See!

V: Hunde

Wir gehen weiter, vermutlich gibt’s nichts weiter auf dieser Welt. Wenn doch, ist es überflüssig. Doch es gibt etwas! Hunde! Wir stoßen auf sie ohne Vorwarnung. Nicht auf einen – auf alle. Zuerst einer nach dem anderen, dann paarweise, schließlich in Gruppen. Kleine Hunde, mit Schwestern; große Hunde mit alten Eltern. Brave Hunde, böse Hunde, Hunde und lockere Vögel. Sie lachen, sie kämpfen, sie flirten, sie rennen. Und zu guter letzt, um mein Interesse wach zu halten, fängt der allerkleinste Racker mit dem Spiel „Lauf-dem-Anführer-nach" an, gefolgt von allen anderen. Es ist famos!

VI: Träume

Diese Hunde sind fort! Es ist verwirrend, aber es ist das Leben! Mein Kopf wird taub. Ich bin überglücklich. Plötzlich bin ich der Überzeugung, dass es gut ist, nicht alleine zu sein. Der feste Schritt hinter mir gibt mir Sicherheit. Die Räder meines Kinderwagen machen ein Geräusch, das meine Nerven beruhigt. Ich liege ganz ruhig. Ich bin ganz zufrieden. Um klarer denken zu können, schließe ich meine Augen. Meine Gedanken sind fesselnd. Ich denke über meine Mutter nach. Die meiste Zeit haben meine Mutter und meine Kinderschwester in meinem Kopf nur ein und die selbe Identität; aber nachts, oder wenn ich meine Augen schließe, kann ich sie leicht auseinander halten, denn meine Mutter hat den größeren Charme. Ich höre ihre Stimme jetzt ziemlich deutlich und spüre die Berührung ihrer Hand. Es ist schön, die Abenteuer des Tages noch einmal zu durchleben – die langen blauen Wellen, die sich in der Sonne kräuseln, der Polizist, der größer ist als mein Vater, der Musikkasten und meine Freunde, die Hunde. Es ist schön, ganz ruhig zu liegen, mit geschlossenen Augen, und den Rädern des Kinderwagens zuzuhören. „Wie unheimlich groß die Welt ist. Wie unendlich viele Dinge es gibt!"

John Alden Carpenter

Deutsche Fassung: Peter Noelke


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