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8.559077 - LOEFFLER: Music for Stringed Instruments / String Quartet
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Charles Martin Loeffler (1861-1935)

Musik fur vien Streichinstrumente (1917) • Streichquartt in a-Moll (1889)

quintett fur drei Violinen, Bratsche und Violincello (1894)

Als er im Jahre 1935 starb, war Charles Martin Loeffler einer der angesehensten Komponisten in Amerika. Er war im Jahre 1882 nach Boston gekommen, als Zweiter Konzertmeister des jungen Boston Symphony Orchestra, und war seitdem eine feste Größe im Musikleben dieser Stadt. Als er sich mehr und mehr dem Komponieren zuwandte, erschien sein Name nicht mehr nur als Interpret, sondern zunehmend auch als Komponist auf den Programmen des BSO. Aber nicht nur dort, seine Orchesterwerke wurden von Klangkörpern in London, Berlin, Paris, New York, Philadelphia, Cleveland und Chicago aufgeführt. Dirigenten, wie Mahler, Richard Strauss, Monteux, Kussewitzky, Nikisch, Stokowski, Reiner und Rodzinski setzten sich für seine Musik ein. Innerhalb eines Jahrzehnts nach Loefflers Tod allerdings gingen die Aufführungen seiner Werke beinahe auf Null zurück; der musikalische Zeitgeschmack favorisierte die Moderne. Es ist beruhigend zu sehen, dass sein reiches musikalisches Erbe wiederentdeckt und gespielt wird, wenn auch erst nach vielen Jahren.

Das Quartett in a-Moll für zwei Violinen, Viola und Violoncello aus dem Jahr 1889 gehört zu den frühesten vollendeten Werken Loefflers. Obwohl es eine Vielfalt an Stilen und Einflüssen aufweist, ist in diesem Werk von der „dekadenten" Harmoniesprache, das heißt vom Impressionismus, der seine späteren Kompositionen prägen wird, noch nichts zu spüren. Ein weiteres Merkmal des Quartetts ist der klare Aufbau der Sätze. Der erste Satz ist in Sonatenform konzipiert, der zweite Satz ist ein Menuett. Bemerkenswert an diesem dreiteiligen Satz ist zum einen die kanonische Führung der Instrumentalstimmen, zum anderen die Tatsache, dass Loeffler das thematische Material später noch einmal verwendete: im Eingangs- und Schlussabschnitt von La chanson des Ingénues, einem Lied, das er im Jahre 1893 für Singstimme, Viola und Klavier komponierte, auf einen Text aus Paul Verlaines Sammlung Poèmes saturniens. Im dritten Satz Andante assai (con quasi Variazioni) kommt Loefflers besonderes Interesse für alte Musik zum Ausdruck. Der Satz trägt den (im Original) deutschen Untertitel „Im Stil eines mittelalterlichen Volksliedes", er besteht aus der einleitenden „Volkslied"-Melodie und vier Variationen. Das Finale ist ein Rondo pastorale, dessen heiterer Gesamteindruck allerdings in der Coda eine leichte Trübung erfährt - durch die unglücklichen Anklänge an Glinkas Ouvertüre zu Ruslan und Ludmilla.

Der zweite Satz des Werkes wurde vom Adamowski-Quartett im Rahmen eines seiner Konzerte während der Spielzeit 1889/90 in Philadelphia aufgeführt; es war die erste öffentliche Aufführung einer Komposition Loefflers überhaupt. Das gleiche Ensemble hat später den zweiten und dritten Satz dem Bostoner Publikum vorgestellt, in einem Konzert in der Union Hall am 12. April 1892. Der Kritiker der Boston Post bezeichnete Loefflers Quartett als „raffiniert, überaus raffiniert; man kann nur bedauern, dass es so kurz ist".

Es gibt viele exzellente Beispiele für Streichquintette, in denen die Komponisten die übliche Streichquartett-Besetzung um eine zweite Bratsche oder ein zweites Violoncello erweitert haben. Loefflers Quintett in einem Satz für drei Violinen, Viola und Violoncello allerdings ist einzigartig. Die Besetzung ist um so außergewöhnlicher, als Loeffler selbst ein ausgezeichneter Bratscher war und dieses Instrument gern in Kammerensembles gespielt hat. Und überdies gibt es keinen Anhaltspunkt dafür, dass der Komponist sein Werk jemals als einer der drei Geiger öffentlich aufgeführt hat. Das Quintett in einem Satz entstand im Jahre 1894 und wurde am 18. Februar 1895 in der Union Hall in Boston uraufgeführt; es spielte das Kneisel-Quartett mit William Kraft als zusätzlichen dritten Geiger.

Trotz der Bezeichnung „in einem Satz" verwendet Loeffler in seinem Quintett unterschiedliche Themen, Tempi und Formen. In einem Brief an seinen Freund Richard Aldrich äußerte sich der Komponist folgendermaßen über den Aufbau des Werkes: „Das Quintett ist in einem Satz Allegro commodo ... mit einem ersten und einem zweiten Thema, das zu einer slawischen Episode Allegretto 3/4 führt (darin habe ich ein Motiv aus einem russischen Volkslied verwendet, das ich durch meinen Freund Krehbiel kennengelernt habe), über ein Allegro geht es dann zurück zum ersten Thema (Allegro commodo) -- 2. Thema, Coda -- finis." Das Werk wurde sowohl vom Publikum als auch von der Kritik sehr geschätzt. Im Boston Transcript war zu lesen, das neue Stück sei „vielleicht das vorzüglichste Stück für Streicher, das wir je gehört haben". In den nächsten drei Jahrzehnten ist das Quintett in einem Satz noch viele Male vom Kneisel-Quartett aufgeführt worden, unter anderem auch zum Trauergottesdienst für Loefflers Freund und Verleger Gustave Schirmer im Jahre 1907. Nach einer Aufführung im Februar 1913 äußerte sich der Kritiker der New York Sun begeistert über die Komposition; er nannte sie „ein frisches, spontanes und reizvolles Musikstück von einer Direktheit wie in alten Zeiten. Es sprüht vor Melodie, es glüht vor Harmonie. Anmutig, fließend und melodisch in der Thematik, durchsichtig, gut ausbalanciert und solide in der Ausführung der Stimmen, entfaltet es sich in einer klaren symmetrischen Form und entlässt den Hörer im Geiste erfrischt und im Herzen erwärmt." Bescheiden und zurückhaltend, wie er war, bemühte sich Loeffler in keiner Weise um eine Veröffentlichung des Werkes, trotz solcher Kritiken. Das Quintett erschien erst nach seinem Tod im Druck.

Loefflers bekanntestes Werk für Streicherensemble ist seine Musik für vier Streichinstrumente, die er zum Gedenken an Victor Chapman geschrieben hatte, den ersten amerikanischen Flieger, der im Ersten Weltkrieg gefallen war. Chapmans Vater war mit Loeffler befreundet und hatte dem Komponisten den ersten veröffentlichten Band von Victor Chapmans Briefen aus dem Krieg übersandt. Bei der Komposition seines musikalischen Denkmals für den gefallenen Piloten hat Loeffler auf die Gregorianischen Gesänge der frühen christlichen Kirche zurückgegriffen, im besonderen auf die Gesänge der Auferstehung und Erlösung. Das Werk wird zusammengehalten durch den Introitus der Ostermesse Resurrexi, et adhuc tecum sum (Ich bin auferstanden, und ich bin noch immer mit dir), den Loeffler in allen drei Sätzen verwendet. Das entsprechende melodische Material wird in der Einleitung zum ersten Satz vom Violoncello vorgestellt, später dient es als Hauptthema für den schnelleren Abschnitt dieses Sonatensatzes. Der zweite Satz trägt den Titel Le Saint Jour de Pâques (Ostersonntag), hier wird die Sequenz Victimae paschali laudes (Gelobet sei das österliche Opfer) aus der Ostermesse verarbeitet. Der letzte Satz, der ursprünglich als Tondichtung, als eine musikalische Zeichnung der Landschaft Frankreichs entstanden war, verwendet die Antiphon In paradisium deducant te Angeli (Mögen dich die Engel ins Paradies geleiten) aus der Trauerliturgie.

Loeffler vollendete die Musik für vier Streichinstrumente im Jahre 1917, die Uraufführung fand jedoch erst am 15. Februar 1919 statt, im Rahmen eines Konzerts des Flonzaley-Quartetts in der Aeolian Hall in New York. In den Jahren darauf überarbeitete der Komponist sein Werk grundlegend, im Jahre 1923 gab er es zur Veröffentlichung frei. Die Musik ist für die vier Streicher so kunstvoll wie adäquat gesetzt, Loeffler nutzte sein Wissen um die Möglichkeiten der Instrumente voll aus. In diesem Zusammenhang ist der zweite Satz von besonderem Interesse wegen der Anforderungen, die der Komponist an den Cellisten stellt: Er muss die C-Saite zwischenzeitlich auf A herunterstimmen, um sie, nachdem er sie wieder auf den normalen Ton gebracht hat, wiederum auf B und anschließend auf A herabzustimmen; alles während des Spiels. Der Schlussakkord verlangt vom Cellisten, dass er die C-Saite eine kleine Sexte tiefer auf E stimmt; wiederum während er auf dieser Saite spielt.

Bruce Gbur

Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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