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8.559102 - COPLAND: Works for Violin and Piano (Complete)
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Aaron Copland (1900-1990) Musik für Violine und Klavier

Einfach ausgedrückt, war Aaron Copland einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Er definierte ein Klangbild, das ausgesprochen „amerikanisch" war; im Alleingang bereitete er einen großzügig angelegten Weg für die Komponisten seiner Heimat, indem er das in die „neue Welt" brachte, was bis dahin eine importierte und ausschließlich europäische Kunstform war. Er erfreute sich eines langen und schaffensreichen Lebens, das nahezu das gesamte Jahrhundert umspannte, und wirkte nicht nur als Komponist, sondern auch als Dirigent, Pianist, Lehrer, Autor, Konzertveranstalter und Förderer der Musik.

Coplands Eltern waren in ihrer Jugend aus Polen und aus Litauen nach New York City eingewandert; Aaron war ihr fünftes Kind, geboren im Jahre 1900. Er zeigte eine besondere Begabung für das Klavier und erhielt Unterricht bei Victor Wittgenstein und bei Clarence Adler. Daneben nahm er Stunden in Harmonielehre und Kontrapunkt bei Rubin Goldmark, einem geachteten, aber konservativen Lehrer, der an Beethoven und Fux hing, und gegen den Copland, wie es junge Menschen tun, aufbegehrte, da er sich selbst für Skrjabin, Debussy und Ives begeisterte (letzteren nannte Goldmark „gefährlich"). Schließlich, als er zwanzig Jahre alt war, ging der angehende Komponist nach Paris und wurde Schüler von Nadia Boulanger.

Unter Nadia Boulanger begann Copland, seine ersten vollwertigen Stücke zu schreiben. Außerdem begann er in dieser Zeit, ein Notizbuch zu führen, in dem er akribisch jeden musikalischen Gedanken festhielt - ein Beispiel für die „geizige" Seite Coplands, eines Menschen, der dafür bekannt war, dass er mit allem haushaltete, vor allem mit Noten. Seine Lehrerin eröffnete ihm die für ihn völlig neue Welt eines Strawinsky; unter diesem Einfluss begann er sich besonders für den Jazz zu interessieren. Wohl kannte er diese Musik ein wenig aus seiner Jugend in New York, größtenteils aber handelte es sich um einen Jazz, wie er durch die Augen der Franzosen gesehen wurde. Als er nach Amerika zurückkehrte, hatte er bereits die Partitur zu dem Ballett Grohg und umfangreiche Skizzen im Gepäck, aus denen später die Music for the Theatre und die Symphonic Ode werden sollten. Er hat begonnen, seine eigene Stimme zu finden.

Coplands legendäres kompositorisches Schaffen hat alles verändert - die Amerikaner mussten nicht mehr im „Teutonischen" Zuflucht suchen, mussten nicht mehr versuchen, Brahms zu sein. Werke, wie die Symphony No.3 (in der er seine Fanfare for the Common Man verwendete), Rodeo, Billy the Kid, Appalachian Spring, die Twelve Poems of Emily Dickinson und El Salon Mexico zeigten den amerikanischen Komponisten, dass es möglich war, ein Klangbild zu schaffen, das sowohl national gefärbt als auch musikalisch auf höchstem Niveau war. Er lehrte Generationen von Komponisten, sich von allem inspirieren zu lassen, was sie umgab - sei es Gershwin, Debussy, Jazz, seien es Volkslieder oder Tänze.

Copland war allerdings mehr als nur ein Schöpfer amerikanischer Nostalgie, er war ein höchst anspruchsvoller und kultivierter Musiker, der sich den ästhetischen Tendenzen seiner Zeit durchaus bewusst war. Einige seiner Werke, wie die frühen Piano Variations oder das Spätwerk Inscape, sind wahrhaft moderne Schöpfungen, die den Einfluss der Zweiten Wiener Schule nicht verleugnen. Zu seinem stilistisch sehr vielseitigen Schaffen gehören auch zahlreiche kammermusikalische Werke, ein Großteil davon ist auf der vorliegenden CD zu hören.

Copland schien zwei Naturen in sich zu vereinigen - die des Populisten und die des Ästheten. Die Sonate für Violine und Klavier allerdings scheint zwischen beiden zu stehen; sie ist unbeschwert und voller hübscher Melodien, aber gleichzeitig komplex in der Harmonik und unkonventionell in der Anlage. Das Werk ist Leutnant Harry H. Dunham gewidmet, einem engen Freund Coplands, der im Krieg gefallen war, und zudem zeigt das Datum der Uraufführung (17. Januar 1944, mit der Geigerin Ruth Posselt und dem Komponisten am Klavier), dass der Krieg den Pazifisten Copland sehr wohl beschäftigt hat. Die Sonate ist mit ihren drei traditionell überschriebenen Sätzen Andante, Lento und Allegro giusto ein wahrhaft neoklassizistisches Werk, aber sie ist reinster Copland - wie stets, bediente er sich der Theorie, soweit er sie brauchte, im übrigen aber folgte er seinem Instinkt.

Die Zwei Stücke für Violine und Klavier hatte Copland Mitte der 1920er Jahre für ein Konzert in Paris komponiert, das von Nadia Boulanger ausgerichtet wurde, und in dem er selbst mit dem Geiger Samuel Dushkin auftrat. Hier sehen wir Copland, wie er mit neuen Ideen spielt, nicht zuletzt mit dem Jazz, der ihn so faszinierte, und der sein in zeitlicher Nachbarschaft entstandenes Klavierkonzert entscheidend prägte. Wenn auch vieles in spätere Werke einfließen sollte, sind doch die Zwei Stücke an sich von Interesse - es sind bitonale Kompositionen (in zwei Tonarten gleichzeitig gesetzt), die zweifellos von Darius Milhaud beeinflusst worden sind, den er sehr schätzte. In der Ukelele Serenade hat Copland seinen Spaß an dem Versuch, die Geige nach etwas klingen zu lassen, was sie nicht ist.

Coplands Klaviertrio Vitebsk ist eines seiner wenigen „jüdischen" Werke, es wird hier in einer Bearbeitung für Violine und Klavier vorgestellt. Es ist ein aufwühlendes Stück, voller greller Dissonanzen, die sogar Mikrotöne einbeziehen, Töne, die zwischen den Klaviertasten liegen, also nicht zur „westlichen" temperierten Stimmung gehören. Der straff organisierte Einzelsatz basiert auf dem jüdischen Volksmärchen Der Dybuk, das übrigens auch George Gershwin und Leonard Bernstein fasziniert hat. Das Märchen handelt von Geistern und von einer zum Scheitern verurteilten Liebe in einer kleinen chassidischen Gemeinde. Copland hoffte, die Musik würde, wie er selbst sagte, „die Härte und Dramatik des Lebens der Juden in Weißrussland widerspiegeln".

Die Zwei Präludien für Violine und Klavier stellen Versuche des jungen Copland dar, Dichtung in Musik zu übertragen, etwa wie es Liszt in seinen sinfonischen Dichtungen getan hat. Die Dichter, von denen sich Copland inspirieren ließ, waren Witter Bynner und Wallace Stevens, beide Amerikaner und Zeitgenossen des Komponisten. In diesen musikalischen Augenblicksbildern, die jeweils eine ganz bestimmte Stimmung einfangen, ist der künftige Copland bereits im Keim zu erkennen - sparsamer Satz, zupackende Rhythmen und scharfe Harmonien.

Coplands Duo war ursprünglich für Flöte und Klavier entstanden, der Komponist schrieb es im Jahre 1977 für Violine und Klavier um. Robert Mann, der Primarius des Juilliard-Quartetts und begeisterte Copland-Anhänger, hatte ihn darum gebeten. Diese Transkription nahm weit weniger Zeit in Anspruch als damals die Komposition - Copland arbeitete drei Jahre lang an dem Duo, das von William Kinkcaid in Auftrag gegeben worden war. Der berühmte Flötist wollte etwas haben, das „wie eine Sonate" wirken sollte, und Copland entsprach dem Wunsch mit diesem straff durchgeführten dreisätzigen Werk. Vor allem der zweite Satz, der den Komponisten am längsten beschäftigt hat, beschwört „eine gewisse Stimmung" herauf, so Copland, „die ich immer mit mir selbst verbinde - eine eher traurige und schwermütige, glaube ich".

Das Ballett Rodeo war ein Wendepunkt in Coplands Karriere, allerdings ein zwiespältiger: Das Werk war ein „Megahit", gleichzeitig aber das Stück, das ihn von seinen Freunden und Kollegen entfremdete - sie waren der Meinung, Copland habe sich verkauft, da er sogar eingängige Volkslieder in sein Werk aufnahm. Es ist eine regelrechte Cowboy-Romanze, die in einem Hoedown, einem Tanz (um nicht zu sagen „Schwof") gipfelt. Choreographie und Szenarium waren von Agnes de Mille, die auf Grund ihrer Arbeit an Rodeo den Auftrag erhielt, Oklahoma!, ein neues Musical von Rodgers und Hammerstein, zu choreographieren. Copland folgte mit seiner Musik ihren Vorstellungen, obwohl er persönlich lieber seine Idee, ein Ballett über Ellis Island zu schreiben, verwirklicht hätte. Rodeo wurde bei seiner Premiere 1942 in der Metropolitan Opera mit stehenden Ovationen gefeiert. Die Suite aus dem Ballett ist eines seiner populärsten Werke, hunderte Male aufgeführt und in unzähligen gültigen Aufnahmen zu hören.

Daniel Felsenfeld

Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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