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8.559114 - JOPLIN: Piano Rags, Vol. 1
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Scott Joplin (1868-1917): Ragtimes für Klavier

Scott Joplin (1868-1917): Ragtimes für Klavier

 

Wir kennen und lieben die Musik von Scott Joplin. Doch von seinem Leben wissen wir ganz schön wenig. Es gibt unterschiedliche Thesen darüber, wo und wann er geboren wurde, und selbst die meistverbreitete Theorie, wonach er am 24. November 1868 das Licht der Welt erblickte, könnte falsch sein. Joplins Mutter konnte sich nicht recht erinnern und gab an, er sei in Texarkana, Texas, geboren worden. Doch diese Stadt wurde erst rund fünf Jahre nach dem angegebenen Datum gegründet. Dann allerdings zog die Familie tatsächlich dorthin, nachdem sie die Farm verlassen hatte, auf der der noch als Sklave geborene Vater Joplin gearbeitet hatte. Der junge Scott durfte seit seinem siebten Lebensjahr im Haus seines weißen Nachbarn Klavier spielen. Ein Musiklehrer des Ortes hörte ihn da herumnudeln, interessierte sich für den talentierten Knaben und gab ihm kostenlosen Unterricht.

 

Die High School absolvierte er in seiner zukünftigen Home Base Sedalia, Missouri. Und er verdiente seinen Lebensunterhalt als Wandermusiker. Spielte, wo und wann immer er konnte, gründete eine eigene Band, mit der er sich für Geld hören ließ, schrieb Songs und saß in den Clubs der schwarzen Oberschicht am Klavier. Einer dieser Clubs war der Maple Leaf Club. Möglich, dass er sich an einem lokalen College sogar das Notenlesen und -schreiben beibringen ließ. Schon früh veröffentlichte er erste eigene Songs und Ragtimes für Klavier, die damals besonders in Mode waren. Außerdem arbeitete er an einigen größeren Bühnenwerken, womit er die ersten Schritte unternahm, um sein lebenslanges Interesse an der Oper umzusetzen.

 

1901 ging Joplin mit seiner ersten Frau Belle nach St. Louis. Einige Zeit verbrachte er auch in Chicago, dann ging’s zurück nach Arkansas, und dort war es bald vorbei mit der Ehe. Im Juni 1904 heiratete er Freddie Alexander, die schon rund zehn Monate später als Zwanzigjährige an einer Lungenentzündung starb. Jetzt verließ Scott Joplin Sedalia, und er kam nie wieder zurück. Nach der erfolglosen Tournee mit einer (heute verschollenen) Oper A Guest of Honor hatte er furchtbare Schulden abzutragen, und so musste er sich nach Geld umsehen, während seine Karriere begann. Er rackerte sich in St. Louis ab und ging 1907 schließlich nach New York City, wo er Kontakt zu Verlegern aufnahm (schließlich war der Musikalienhandel in der Zeit vor der Schallplatte ein sehr einträgliches Geschäft) und als Komponist allmählich gute Einkünfte erzielte. Er schrieb die Oper Treemonisha, die von vielen Kennern als sein Meisterwerk betrachtet wird; als der junge Irving Berlin den äußerst erfolgreichen Song Alexander’s Ragtime Band veröffentlichte, behauptete Joplin, vieles davon sei aus den Szenen seiner Oper entwendet worden. 1916 holte er sich eine tertiäre Syphillis, die ihn zunächst ins Krankenhaus und dann in die Irrenanstalt brachte, wo er 1917 starb – im Alter von vermutlich 49 Jahren.

 

Scott Joplins Meisterschaft steht nicht zur Debatte. Doch der selbsternannte „König der Ragtime-Komponisten“ war keineswegs der Erfinder dieser Form, die bereits in hunderten von Beispielen gedruckt worden war, bevor die erste Publikation erschien, die wir von ihm kennen. Anders als die Komposition in einer Sonatenform oder ähnlichem ist der Ragtime mehr ein Stil denn eine Ansammlung von Konstruktionsbeschränkungen, ohne deswegen formlos zu sein. Joplin meinte, dass er seine Bezeichnung seiner typisch „gerupften Bewegung“ (= ragged time) verdankte. Der Ragtime liebt die freie Synkope, das heißt die Gegenrhythmen, die sich über einem klar geschlagenen Takt entfalten.

 

Diese Art musikalischer Gimmicks erschien zumindest den Ohren des goldenen Zeitalters als dekadent und als ein Hinweis darauf, dass hier dunklere musikalische Kräfte am Werk waren (was man sowohl im Hinblick auf die Heftigkeit als auch auf die Hautfarbe verstand – Ragtime Song nannte man auch „Negerlieder“). Der Ragtime war wohl mehr etwas für Tanzlokale und Kneipen als für die Oberschicht, doch mochte sich Joplin auch auf diesem Terrain bewegen, so hielt er sich doch immer für einen Komponisten und nicht für einen Singvogel aus der Tin Pan Alley1).

 

Die vorliegende CD beginnt mit Joplins berühmtester Komposition, dem 1899 (oder 1897) entstandenen Maple Leaf Rag, dem bekanntesten instrumentalen Rag aus jener Zeit. Es geht die Mär, ein weißer Verleger sei in diesen Club der schwarzen Oberschicht gekommen – was damals einfach nicht passieren konnte – und habe Scott Joplin am Klavier vorgefunden, der gerade den Maple Leaf Rag spielte. Der Verleger habe ihm dann das Stück abgekauft und, wie man allgemein berichtet, damit ein gutes Geschäft gemacht. Ob das nun stimmt oder nicht, Joplin wurde mit diesem Rag schlagartig berühmt, und selbst wenn er sich in seinen nach demselben Prinzip komponierten Easy Winners übertraf, so ist es doch der Maple Leaf, der unsere Aufmerksamkeit bis heute fesselt: Die schillernden, taktübergreifenden Synkopen sind selbst für einen Rag ungewöhnlich und verleihen dem Stück zusammen mit den blue notes und chromatisch gleitenden Melodien eine ausgesprochen verführerische Oberfläche.

 

Diese Aufnahme enthält auch den großen Klavierhit The Entertainer. Diese interessante Miniatur wurde in den 1970ern allenthalben der große Klavierhit, nachdem sie in dem Film Der Clou verwendet wurde und die Menschen auf den Rag im allgemeinen und auf Joplin im besonderen aufmerksam machte.

 

Heliotrope Bouquet: A Slow Drag Two Step entstand 1907 in Chicago – und zwar als eine Gemeinschaftsarbeit von Joplin und Louis Chauvin, einem ebenfalls bekannten, jüngeren Ragtime-Komponisten (den Joplin sehr bewunderte). Auf merkwürdige und ungewöhnliche Weise wird hier der sinnliche Rhythmus der Habanera verwendet – wie auch in Solace–A Mexican Serenade. Seit jeher entdeckt man Ähnlichkeiten in den Rhythmen der lateinamerikanischen Musik und des Ragtime.

 

Seinen Pine Apple Rag schrieb Joplin für eine berühmte Vaudeville-Gruppe namens The Musical Spillers. Diese spielte es auf zwei Xylophonen und einer Marimba, wobei sie von einem Theaterorchester, mithin einem kleinen ad hoc-Ensemble, begleitet wurde. Es ist ein Hauruck-Stück, das (zumindest auf seiner zweiten Ebene) von einer einzigen rhythmischen Figur beherrscht wird – und auch das ist ungewöhnlich für einen Ragtime. Wenn es die Spillers spielten, erhielten sie dafür oft einen solchen Beifall, dass sie es wiederholen mussten.

 

Der Paragon Rag bietet dem aufmerksamen Hörer einen witzigen Exkurs des Komponisten: Im zweiten Thema hört man, wie Joplin versucht, einige der üblichen Konventionen loszuwerden – in diesem Fall das „hnng-tscha“ der linken Hand, das man bei einem Rag erwarten konnte –, und er versucht, die Grenzen der Form zu erweitern. Ähnlich fortschrittlich zeigt er sich in Elite Syncopations, wo er selbst chromatische Bassgänge in Oktaven benutzt.

 

Pleasant Moments und Bethena gehören zur Gattung des kantablen Ragtime-Walzers und sind voll prachtvoller, üppiger Harmonien und wiegender Melodien (der Ragtime gilt ja gemeinhin als aggressive, schilddrüsenfunktionssteigernde Musik, während der Ragtime-Walzer als eine Art von Sedativ wirkt). Mehr als in vielen andern seiner Kompositionen findet man in diesen beiden Stücken kontrapunktische Elemente sowie Dialoge zwischen den beiden Händen (während üblicherweise die linke Hand die Begleitung und die rechte die Melodie zu spielen hat).

 

Eine der ersten Kompositionen von Joplin, der Original Rag, sollte für neue und gestandene Joplinisten von Interesse sein, weil er zeigt, wie früh Scott Joplin wusste, mit welchem Material er umging. Es sind hier alle Elemente zu finden, die man in seinen späteren Werken wiederentdecken wird: seine Fähigkeit, weite und sogar synkopierte Melodien auszuspinnen; die Chromatik; das leichte, zielbewusste Empfinden für harmonische Entwicklungen (ein Kennzeichen echter Komponisten, das bei den Leuten aus der Tin Pan Alley nicht unbedingt vorhanden war). Selbst viel spätere und kleinere Stücke wie der Fig Leaf–a High Class Rag oder der Country Club Rag zeigen dieselben stilistischen Kunstgriffe, die sich in den früheren Werken nachweisen lassen: Obwohl er vorandrängte, fühlte sich Joplin eben doch einer bestimmten unerschütterlichen Tradition verbunden.

 

Daniel Felsenfeld

Deutsche Fassung: Cris Posslac

 

1. Tin Pan Alley – der Broadway, das Zentrum der Schlagerproduktion.


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