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8.559115 - ROCHBERG: Symphony No. 5 / Black Sounds
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George Rochberg (geb

George Rochberg (geb.1918)

Fünfte Sinfonie · Black Sounds · Transcendental Variations

George Rochberg wurde am 5. Juli 1918 in Paterson     im US-Bundesstaat New Jersey geboren. Bereits während seiner College-Zeit trat er als Pianist in Jazzbands in New York auf, bevor er 1939 sein Kompositionsstudium an der Mannes School of Music begann, wo Hans Weisse, George Szell und Leopold Mannes seine Lehrer waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte er sein Studium am Curtis Institute of Music in Philadelphia bei Rosario Scalero fort. 1951 erhielt er einen Direktorenposten beim Musikverlag Theodore Presser und 1960 wurde er Vorsitzender der Musikfakultät der Universität Pennsylvania. 1979 erfolgte seine Ernennung zum Annenberg Professor of the Humanities, und diesen Lehrauftrag erfüllte er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1983.

            Bereits seine ersten substanziellen Kompositionen wurden mit Preisen ausgezeichnet. So erhielt er 1953 für seine Night Music den George Gershwin Memorial Award; hinzu kamen u.a. Naumberg Schallplattenpreise, Guggenheim Fellowships, Ehrendoktorate, ein Fellowship an der Amerikanischen Akademie in Rom, ein Fulbright-Stipendium 1951-52 sowie im Jahr 2000 der ASCAP Award für sein Lebenswerk.

            1983 wandte sich John Edwards, Manager des Chicago Symphony Orchestra, an Rochberg mit dem Kompositionsauftrag für ein Werk zur 600-Jahrfeier der Stadt im Jahre 1986; ein anonymer Mäzen, so Edwards, habe sich ausdrücklich ein ‚Konzert für Blechbläser und Orchester‘ erbeten. Rochbergs Antwort: „Wenn ich meine neue Sinfonie schreibe, werde ich das Blech nicht vernachlässigen!“ Einige Monate später traf Rochberg mit Georg Solti          zusammen. Der Komponist, dem ein großes Orchester mit vierter Trompete und zusätzlichem Schlagwerk vorschwebte, erzählte dem Maestro von der Idee eines ‚Konzerts für Blechbläser‘. „Die stammte von mir“,  entgegnete Solti, und natürlich war er mit einer groß besetzten Sinfonie sofort einverstanden.

            Rochbergs Fünfte Sinfonie steht in krassem Gegensatz zu dem, was man bis dahin von ihm      gewöhnt war. Sie ist ein Destillat seiner ‚harten‘ Romantik: voller Expressivität, aber niemals als Selbstzweck, voller Leidenschaft, aber mit zwingender Logik. Die Musik wird von einem aus nur wenigen Intervallen bestehenden thematischen Kernmaterial zusammengehalten – brillant manipuliert, um musikalische Motive von unterschiedlichstem Charakter zu erzeugen. Ganz und gar ungewöhnlich ist auch die Gliederung dieses Werks – einer               durchkomponierten Komposition von 28 Minuten Länge – in sieben Hauptabteilungen: Introduktion, Episode I, Durchführung I, Episode II, Durchführung II, Episode III, Finale. Jede der Episoden ist von          kontemplativem, traumähnlichem Charakter, während der Eröffnungs - und Schlussteil sowie die Durchführungsabschnitte jeweils in schnellem Tempo komponiert sind, getrieben von Verzweiflungsschreien am Rande von Chaos und Zusammenbruch. Und doch enthält die zweite Episode eine Art Waldmusik von betörender Schönheit, in der der Ruf von vier Hörnern mit der Ferne der Zeit zu verschmelzen scheint, dem kaum wahrnehmbaren Echo einer verlorenen Epoche des Roland-Liedes. Auch die dritte Episode beschäftigt sich mit der Zeit, und zwar mit dem Zeitalter Einsteins und Hawkings: die ‚kosmische Uhr‘. Die Musik der ersten Episode dringt sogar bis ins Finale vor, in dem ein weitatmiges Cellosolo sich an der zeitlosen Welt festzuklammern und das Eindringen der öden Wirklichkeit bis zuletzt abzuwehren scheint.

            „‚In medias res‘: so wollte ich diese aus                          verschiedenen Teilen bestehende Fünfte Sinfonie   beginnen lassen“, schreibt der Komponist in seinen in Vorbereitung befindlichen Memoiren. „Als ob alles bereits begonnen hat – irgendwo außerhalb des Hörbaren – in einem Wüten von heftigen Emotionen – plötzlich umgibt es dich – ist es da und entführt dich mit seinen beharrlichen Rufen, die durch den Tumult          hindurch schneiden, in seine Welt.“

            Seltsamerweise ist dieses Riesenwerk nach Solti  von keinem anderen Dirigenten aufgeführt worden. Unsere Einspielung in Saarbrücken im Jahr 2000 (erst die zweite Aufführung, sechzehn Jahre und zwei Monate nach der Premiere), bedeutete für mich die Erfüllung eines lang gehegten Wunsches. Das Saarbrücker Orchester hatte einige Tage zuvor öffentliche Aufführungen von Rochbergs Violinkonzert gegeben, aber die Fünfte Sinfonie war als reine Studioproduktion geplant. Wir spielten die ‚takes‘ in Rekordzeit ein, sodass wir zweieinhalb Stunden eher fertig waren als vorgesehen. Das Orchester erklärte sich bereit, das Werk noch einmal als Ganzes zu            spielen, und zwar als eine Art Privataufführung für den Komponisten und seine Frau Gene. Dieses ‚Konzert‘ für zwei Personen gehört zu den bewegendsten Augenblicken meines Lebens.

            Black Sounds ist ein abwechselnd zorniges, ödes und trostloses Werk, das einen engen Bezug zu den 1964 entstandenen Apocalyptica für großes Bläserensemble, Klavier und zwölf Schlaginstrumente aufweist. Es gibt nur wenige inhaltliche Änderungen in dieser Bearbeitung für zwölf Holz- und Blechbläser, Klavier/Celesta und zwölf Schlaginstrumente, obwohl bezeichnenderweise die Kadenzen für eine Batterie von ungestimmten Trommeln und Tamtams in Apocalyptica für Black Sounds als notierte Paukenpassagen neu geschrieben wurden. Black Sounds ist eine Auftragskomposition des Lincoln Center für eine Fernsehsendung vom 24. September 1965, in der das Stück zuerst als ein Ballett von Anna Sokolow unter dem Titel The Act, der szenischen Darstellung eines Mordes, aufgeführt wurde. Die Partitur der Apocalyptica enthält als Einleitung die       folgenden Zeilen aus Shakespeares König Lear, die auch in Black Sounds ihre Gültigkeit bewahren:

   Blast, Winde, bis eure Wangen bersten! tobt! wütet!

   Ihr Katarakte und Orkane, ergießt euch,

   bis ihr die Wetterhähne unserer Kirchtürme ertränkt habt!

   Ihr schwefligen, gedankentötenden Feuer,

   Boten der eichenspaltenden Blitzschläge,

   versengt mein weißes Haupt! Und du, tosender Donner,

   hämmre zur Scheibe die runde Wölbung der Welt,

   zerschlag‘ die Formen der Natur, alle Keime ersticke,

   die undankbar den Menschen machen!

            Transcendental Variations, ein ekstatisches Werk  für Streichorchester, ist eng mit Rochbergs Drittem Streichquartett von 1971-72 verwandt – einem der umwälzendsten Werke der amerikanischen Musik unserer Zeit. Das Quartett ist das erste Werk, in dem Rochberg nicht länger mit der ‚Tonalität‘ als                essentiellem Bestandteil seiner Ausdruckspalette    flirtet, sondern sie vorbehaltlos umarmt, indem er die Musik mit Virtuosität und einer höchst persönlichen Stimme tränkt. Obwohl es sich um eine ‚diatonische‘ Komposition handelt, enthält die Partitur unzählige melodische Kollisionen, wobei oft genug                             überraschende Dissonanzen durch multiple Vorhalte oder komplexe kanonische Schnittpunkte produziert werden, die vor dem zwanzigsten Jahrhundert undenkbar gewesen wären.

            Der Dirigent Vilem Sokol schlug Rochberg 1975 eine Bearbeitung des langsamen Satzes des Quartetts für Streichorchester vor. Bei den so entstandenen Transcendental Variations handelt es sich um eine gründliche Neubearbeitung. Die Texturen sind auf eine Weise ausgeweitet, die gegenüber den intimen  Klängen des ursprünglichen Quartetts eine opulente Klangfülle erzeugt und dem Werk großartige Tiefe und Leuchtkraft verleiht. Der Begriff ‚Transzendenz‘ ist für Rochberg unlösbar verbunden mit seiner Auffassung von Zeit, oder besser von Zeitlosigkeit. Die sieben Variationen sind in einer auf den ersten Blick trügerisch simplen Weise angeordnet. Das eigentliche            ‚Thema‘ wird erst im Finale enthüllt. Die Variationen transzendieren nicht nur jegliche religiöse Bedeutung, sie weisen sie vielmehr zurück. Das wahre Innenleben bleibt verborgen. Während das Werk mit antiken Mystizismen spielt, bleibt es am Ende selbst ein           unergründliches Geheimnis.

 

Christopher Lyndon-Gee

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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