About this Recording
8.559126 - BERNSTEIN: West Side Story
English  French  German 

Leonard Bernstein (1918–1990) West Side Story

 

Als ich 1957 an Maestro Bernsteins West Side Story mitarbeitete, war das ein Erlebnis, an das ich mich bis heute gern erinnere. Seite an Seite saßen wir am Klavier. Seine leidenschaftlichen Erklärungen und Analysen erfüllten mich mit Staunen und Bewunderung. Er spielte und sang alle Rollen, lachte über Officer Krupke und meinte, das und das sei „reinster Schumann“, wenn er gewisse musikalische Strukturen in seiner Partitur erläuterte. Das war der echte Bernstein: ein brillanter Komponist, vorzüglicher Pianist, überschwenglicher Lehrer. Überrascht war ich freilich nicht, denn wir kannten uns damals schon seit 25 Jahren, und ich hatte derartige Bravour-Aufführungen schon unzählige Male während unserer gemeinsamen Jugend in Boston erlebt.

Leonard Bernstein wurde am 25. August 1918 in Lawrence, Massachusetts, als Sohn russischer Einwanderer geboren. Er wuchs in einer komfortablen Umgebung auf und besuchte die angesehene Lateinschule in Boston, bevor er nach Harvard und ans Curtis-Institute ging. Mit dreizehn war Lenny ein hübscher, kräftig gebauter Junge, der Westen trug und den Damen, denen er vorgestellt wurde, die Hand küßte. Bei Parties saß er am Klavier, um die beliebten Songs der damaligen Zeit zu spielen. Er war äußerst artikuliert und immer bereit, Musik zu erklären, wenn ihm nur irgend jemand zuhörte.

Der junge Bernstein verfügte über eine inspirierte Klaviertechnik, und sein Vom-Blatt-Spiel war erstaunlich. Er konnte die schwierigsten Partituren prima vista spielen und komplexe Passagen mit Leichtigkeit transponieren. Nicht zuletzt diese Fähigkeit war es, die ihn so berühmten Dirigenten wie Fritz Reiner, Serge Koussevitsky und Artur Rodzinski lieb und teuer machte. Sein kompositorisches Können war bald offenkundig. Zu seinen „seriösen“ Werken gehören die drei Symphonien Jeremiah, The Age of Anxiety und Kaddish. Ferner schrieb er zwei Ballette, Fancy Free und Facsimile, beide zu Choreographien von Jerome Robbins, der später auch für Regie und Choreographie der West Side Story verantwortlich zeichnete. An Opern schrieb er Trouble in Tahiti, Candide und A Quiet Place.

Im Jahre 1971 verfaßte er zur Einweihung des Kennedy Center in Washington, D.C, das umstrittene Theaterstück Mass (Messe). Seinen ersten Broadway-Hit landete er mit On the Town, einem Musical nach dem Ballett Fancy Free, zu dem Betty Comden und Adolph Green, zwei seiner ältesten und zuverlässigsten Freunde, das Libretto geschrieben hatten. 1952 arbeitete er wiederum mit Betty und Adolph zusammen, dieses Mal in dem Stück Wonderful Town.

Interessant ist, daß Lenny kurze Zeit Violinunterricht erhalten hatte, bevor er sich mit zehn Jahren dem Klavier zuwandte. 1954 brachte er seine Serenade für Violine, Streicher und Schlagzeug zur Uraufführung. Ferner erschien der mehrfach preisgekrönte Film On the Waterfront (Die Faust im Nacken), zu dem er die Musik komponiert hatte. Seit 1951 war Lenny mit der bildschönen chilenischen Schauspielerin Felicia Montealegre verheiratet; aus dieser Ehe entstanden drei wunderbare Kinder: Jamie, Alexander und Nina.

Viel ist über das Multitalent Leonard Bernstein geschrieben worden. Man hat ihn als Konzertpianist, Dirigent, Komponist, Schriftsteller und Lehrer bewundert. Andere wiederum behaupteten, seine so vielfältigen musikalischen Interessen hätten die volle Entfaltung seines „seriösen“ Potentials verhindert. Doch gerade seine außergewöhnliche Vielseitigkeit war es, die das Musiktheater mittels der West Side Story zu neuen Höhen führte: Die Fähigkeit, seriöse Ballettmusik und klassisch gebaute Fugen mit eingängigem Pop, jazzigen, fingerschnippenden Melodien, herzergreifenden Love Songs und echtem Vaudeville-Humor zu verbinden—das konnte nur einem einzigen Mann gelingen, dem echten Renaissance-Musiker des 20. Jahrhunderts.

Während der Arbeit an der West Side Story fanden Zusammenkünfte statt, die Lenny als „pre-orchestration meetings“ bezeichnete. Zwar war er im klassischen Sinne ein meisterhafter Instrumentator, doch es war am Broadway nun einmal üblich, die Mitarbeit von Arrangeuren zu nutzen. Die schwierigen Bedingungen am Theater ließen den Komponisten nicht die Zeit, die sie zum Orchestrieren und Arrangieren ihrer Musik gebraucht hätten. Mein Kollege Irwin Kostal und ich trafen uns regelmäßig mit Lenny, um jeden Takt der Partitur genau zu untersuchen und alle Orchestrationsmöglichkeiten zu erörtern. Die Skizzen waren zwar vollständig, doch Lenny ermutigte uns immer zu neuen Vorschlägen und begrüßte vor allem jene in der Popmusik üblichen Verzierungen, auf die er als Klassiker nicht hätte kommen können.

Einige Tage nach diesen Treffen saßen wir dann bei einem „post-orchestration meeting“ zusammen. Mit einem Rotstift trug Lenny Striche und Ergänzungen in unsere Partitur ein. Wenn wir in Augenblicken der Inspiration etwas getan hatten, was ursprünglich nicht besprochen worden war, sagte er entweder „Bravo!“ oder „Also, warum habt ihr das gemacht?“ Bisweilen fragten wir Lenny nach dem Umfang der Instrumente, die er verwendet haben wollte, denn als Broadway-Arrangeure waren wir instinktiv zurückhaltend bei der Einschätzung der Theatermusiker, die Lennys Wünsche zu realisieren hatten. Doch er sagte jedesmal: „Natürlich können sie das spielen!“ Und er hatte recht: Sie konnten alles.

Die Orchestrierung fürs Theater ist zugleich begeisternd und kraftraubend, mitunter sogar verwirrend. Die West Side Story wurde in insgesamt drei Wochen instrumentiert. Jede Show scheint eine Nummer zu haben, die immer und immer wieder umgeschrieben und uminstrumentiert werden muß. Hier traf es Something’s Coming. Üblicherweise wurde jede Show zunächst in anderen Städten wie Philadelphia, Toronto und New Haven ausprobiert, bevor sie an den Broadway kam. In diesem Fall waren wir nun in Washington, D.C.

Der Regisseur und Choreograph Jerome Robbins mochte die Instrumentierung nicht besonders, und auch Stephen Sondheim, der Textdichter, war nicht gerade begeistert. Wir schrieben um, arbeiteten mehrere Tage an einer Revision und griffen schließlich in unserer Verzweiflung auf die ursprüngliche Version zurück. Auf einmal gefiel sie allen.

Lenny und Jerome Robbins hatten eine richtig klassische Ausbildung genossen, und wenn man sie bei der Arbeit beobachtete, war es, als sähe man dem Spiel zweier Schachgroßmeister zu. Zuerst entstand die Ballettmusik mitsamt dem Prologue, dem Rumble und der Tanzsequenz von Maria und Tony. Gelegentlich wollte Jerry einen Takt entfernen, damit die Musik zu seiner Choreographie paßte. Lenny war nicht gerade begeistert von diesem Ansinnen, doch in den meisten Fällen beugte er sich Jerrys Wünschen, weil er seine brillanten Fähigkeiten schätzte. Seriöse Ballettmusik und einprägsame Popmelodien gibt es reichlich in der Partitur. Ich staune über Cool mit seiner flappsigen Melodie und der klassisch gebauten Fuge, die in die Routine eingebunden ist. Ich staune über den Humor und den Wechsel von 6/8 und 3/4 in America. Ich staune über die virtuosen Blechbläser, die Lennys äußerst schwierigen Mambo spielen.

Die Premiere der West Side Story fand zur selben Zeit statt, als Leonard Bernstein zum Chefdirigenten der New Yorker Philharmoniker ernannt wurde. Während der Voraufführungen in Philadelphia hatten Lenny, Irwin und ich in einem entlegenen Fischrestaurant der Stadt zu Abend gegessen. Da wir kein Taxi fanden, sprangen wir in eine Straßenbahn und gingen in den hinteren Teil des Wagens. Lenny erspähte eine freie Sitzreihe, streckte sich aus und schloß die Augen. Ich schaute ihn an und dachte: „Das ist der Dirigent der New Yorker Philharmoniker? Hätte Toscanini ein Schläfchen in der letzten Reihe einer Straßenbahn gemacht?“ Doch das entsprach seiner ganz erdverbundenen, pragmatischen Art, die ihn in Verbindung mit seinen universellen musikalischen Fähigkeiten zum idealen Komponisten der Show machte.

Weder Lenny noch ich hätten gedacht, daß die West Side Story das Musiktheater revolutionieren sollte. Für mich war es eine begeisternde Reise, die von den frühen gemeinsamen Jahren am Klavier zur Entstehung eines legendären Broadway-Musicals führte. Ich hatte die Ehre, Leonard Bernstein meinen lebenslangen Freund und musikalischen Mentor nennen zu dürfen. Ich erlebte reines Genie, und dafür bin ich ewig dankbar.


Sid Ramin
Übersetzung: Cris Posslac


Close the window