| About this Recording 8.559129 - ROCHBERG: Violin Concerto |
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George Rochberg (geb. 1918): Konzert für Violine und
Orchester (1974) Weltersteinspielung der rekonstruierten Originalfassung (2001) George Rochberg wurde am 5. Juli 1918 in Paterson im
US-Bundesstaat New Jersey geboren. Bereits während seiner College-Zeit trat er
als hervorragender Pianist mit verschiedenen Jazzbands in New York auf, bevor
er 1939 sein Kompositionsstudium an der Mannes School of Music begann, wo Hans
Weisse, George Szell und Leopold Mannes seine Lehrer waren. Als Soldat im
Zweiten Weltkrieg erlitt er in Europa schwere Verwundungen, konnte aber 1945
sein Studium am Curtis Institute of Music in Philadelphia bei Rosario Scalero
fortsetzen. 1951 erhielt er einen Direktorenposten beim Musikverlag Theodore
Presser und 1960 wurde er Vorsitzender der Musikfakultät der University of
Pennsylvania. 1979 erfolgte seine Ernennung zum Annenberg Professor of the
Humanities, und diesen Lehrauftrag erfüllte er bis zu seiner Emeritierung im
Jahre 1983. Bereits seine ersten substanziellen Kompositionen wurden mit
Preisen ausgezeichnet. So erhielt er 1953 für seine Night Music den George
Gershwin Memorial Award; hinzu kamen u.a. Naumberg Schallplatten-preise,
Guggenheim Fellowships, Ehrendoktorate, ein Fellowship an der Amerikanischen
Akademie in Rom, ein Fulbright-Stipendium für 1951-52 (als er Luigi
Dallapiccola kennen lernte und sich mit ihm anfreundete) sowie im Jahr 2000 der
ASCAP Award für sein Lebenswerk. Darüber hinaus wurde er mit zahlreichen
anderen Ehrungen überhäuft. 1996 erwarb die Basler Paul-Sacher-Stiftung seine
Manuskripte und Schriften. Das Geheimnis, das Rochbergs Musik dem willigen, neugierigen
und „unschuldigen“ Hörer erschließt, liegt nicht in der konventionellen
Weisheit, die ihn aufgrund seiner komplexen Mischung aus verschiedenen Musikidiomen
als den ersten „postmodernen“ amerikanischen Komponisten bezeichnet, sondern
eher in dem Versuch, sein außer-gewöhnliches Gespür für das Wesen der Zeit zu
verstehen. Bereits 1963 schrieb Rochberg in The New Image of Music,
dass die aufeinander folgenden Revolutionen der Zwölftonmusik und der
Nachkriegs-Avantgarde eine Art Befreiung bewirkt hätten, welche „den Klängen
gestattet, ihren eigenen Kontext zu kreieren“. Diese Befreiung des Klangs von
tonalen harmonischen Funktionen führte zum „Ende einer lange Zeit
vorherrschenden Zeitstruktur“, zu einer Welt, in der Konglomerate von reinem
Klang auf eine Weise funktioneren können, die nicht notwendigerweise durch
strukturelle Erwägungen eingeengt ist. „Der subjektive Mensch“, schreibt Rochberg, „begreift die
Existenz als Wandel, sich selbst und seine Geschichte im Mittelpunkt eines
Entstehungsprozesses. Das subjektive Wesen kann die Zeit nicht transzendieren;
es ist in ihr gefangen. Wenn der Mensch jedoch den gegenwärtigen Augenblick der
Existenz als ‚reale’ Zeit begreift, erweitert er seine Existenz, d.h. er füllt
seine Gegenwart mit Objekten, die einen Zustand der Permanenz annehmen.“ In
diesem Sinne bereicherte der Komponist sein Musikvokabular durch durch eine
Ausweitung der Ausdrucksmittel, bis er schließlich einen Zustand erreichte, den
er später bezeichnete als „eine Welt, in der sich alles auf einmal ereignet“. Spätestens 1959 galt Rochberg als Amerikas erster und
größter serieller Komponist. Mit seiner 1955-56 entstandenen und von George
Szell mit großem Erfolg uraufgeführten Zweiten Sinfonie schien Rochbergs Weg
als führender amerikanischer Vertreter der Avantgarde vorgezeichnet zu sein.
Doch bereits drei Jahre später, unzufrieden mit den Ausdrucksgrenzen einer
strikten Zwölfton-Umgebung, änderte er seine musikalische Sprache. Nachdem er
das Idiom einmal beherrschte, eilte er seiner Zeit weit voraus, indem er
versuchte, in neue Bereiche vorzustoßen. Die vielfach geäußerte Behauptung, es sei in erster Linie
eine persönliche Tragödie gewesen, die dazu geführt habe, dass sich Rochberg
von der Dodekaphonie abwendete und zur Tonalität zurückkehrte, entspricht nicht
völlig den Tatsachen. Seine Entwicklung hin zu einer Vielfalt von simultanen
Musikidiomen hatte sich bereits in seinen frühesten Kompositionen abgezeichnet.
Rochberg definiert seine Zwölftontechnik als eine Art „harte“ Romantik
(verwandt in etwa den Werken Alban Bergs) – man braucht sich nur den langsamen
Satz der Zweiten Sinfonie anzusehen, Rochbergs „serielles“ Werk par excellence,
um zu erkennen, dass die Tonreihe eine Musik hervorbringt, die zwischen
elegischer Schönheit und verzweifelten Angstexplosionen alterniert, zwischen
über-schwänglichem Selbstvertrauen und abgrundtiefer Tragödie. Rochbergs Bezug zur Vergangenheit ist demnach nicht von
Nostalgie geprägt, sondern vielmehr von intimer, lebendiger Vertrautheit. In
seinen Reflections on the Renewal of Music hat er es folgendermaßen
ausgedrückt: „Die Geschichte hilft uns nicht weiter, wohl aber die
Vergangenheit, die allzeit gegenwärtig ist.“ Dabei mag man auch an Williams
Faulkners Diktum denken: „Die Vergangenheit – sie ist noch nicht einmal
vorbei!“ Rochbergs Musik hat nichts Entliehenes oder Zitiertes an
sich. Der universelle Geist, der dazu da ist, um von einem Komponisten umarmt
zu werden, der bescheiden genug ist, um jeglichen Egoismus und die falsche
Suche nach Originalität „um jeden Preis“ abzulehnen, transzendiert Zeit und
Raum. In dem er einem gewollten Individualismus entsagt und den schöpferischen
Künstler als Repräsentanten eines endlosen Prozesses der menschlichen Existenz
und als Lieferanten unseres Kollektivgedächtnisses erkennt, kann der Komponist
die Summe der Erfahrungen zu einer einzigen integrierten Sprache
zusammenführen. „Die Hoffnung der zeitgenössischen Musik“, schreibt
Rochberg, „liegt darin, zu lernen, wie man alle Gegensätze und Paradoxe
miteinander in Einklang bringen kann; die Vergangenheit mit der Gegenwart,
Tonalität mit Atonalität. Daher habe ich in meiner jüngsten Musik versucht, sie
in Kombinationen anzuwenden, die in einer Bestätigung der ursprünglichen Werte
der Musik resultieren.“ Die Washington Post urteilte: „Rochberg repräsentiert den seltenen Typus eines
Komponisten, der seinen Frieden mit der Tradition geschlossen hat, während er
gleichzeitig ein erstaunlich individuelles Profil wahrt … es gelingt ihm, die
großartigen Konzepte traditioneller Musik in eine zeitgenössische Sprache zu
übertragen.“ George Rochbergs Konzert für Violine und Orchester ist eines
seiner meistgespielten und erfolgreichsten Werke. Allein von Isaac Stern wurde
es zwischen 1975 und 1977 siebenundvierzig Mal gespielt. Auf Vorschlag des
berühmten Violinvirtuosen hatte das Pittsburgh Symphony Orchestra Rochberg mit
der Komposition des Konzerts zum Gedächtnis an Donald Steinfirst,
Musikrezensent der Pittsburgh Post-Gazette, beauftragt. Stern und das
Pittsburgher Orchester spielten das Werk unter der Leitung von André Previn
1977 auch für die Schallplatte ein. Die siebente Aufführung des Violinkonzerts fand am 14. April
1975 in der New Yorker Carnegie Hall vor ausverkauftem Haus statt. Vor der
Abendkasse hatte sich eine Schlange gebildet, die bis zur 56. Straße reichte –
alles Zuschauer, die noch in letzter Minute auf eine Karte hofften.
Eigenartigerweise verlangte Stern ausgerechnet nach dieser außergewöhnlich
erfolg-reichen Aufführung Änderungen vom Komponisten. Das Ergebnis waren
Striche in einer Gesamtlänge von ca. vierzehn Minuten. Der einflussreiche Stern
empfand das Werk als „zu lang und anstrengend, sowohl für den Solisten als auch
für das Publikum“. Das Manuskript des Komponisten liest sich denn auch wie eine
Litanei von Frustration und Ermüdung; die schließlich im Juni 1976 als
„endgültig“ autorisierte Fassung enthält nicht weniger als sieben korrigierte
bzw. durchgestrichene Vollendungsdaten. Ganze neunzehn Partiturseiten wurden
getilgt, ganz zu schweigen von allen anderen Änderungen und Vereinfachungen
(u.a von Vierfachgriffen), dem Übertragen von Teilen des Solomaterials auf das
Orchester usw. Ich konnte mich zwar noch schwach daran erinnern, dass das
Konzert auf Sterns Wunsch einige Änderungen erfahren hatte, aber das gesamte
Ausmaß der Verstümmelung zeigte sich mir erst, als ich ernsthaft mit der
Vorbereitung des Materials für die Naxos-Aufnahme begann. Im Herbst 2000 hörte
ich von Stephen Jaffe, einem ehemaligen Schüler Rochbergs, wie entrüstet der
Komponist zur Zeit der frühen Aufführungen des Violinkonzerts war. Als ich mich
an Rochberg mit der Idee einer möglichen Rekonstruktion der „Originalfassung“
wandte, reagierte er wie jemand, der plötzlich einem lang vermissten
Kriegsgefangenen wiederbegegnet, in einer Mischung aus vorsichtigem Zweifel und
tiefstem Glücksgefühl. Nach langen Nachforschungen stellte sich zu meinem Erstaunen
heraus, dass nur eine einzige Abschrift der gesamten Partitur existierte –
Rochberg hatte bereits lange zuvor sein gesamtes Notenarchiv öffentlichen
Institutionen überlassen, u.a. der Baseler Paul-Sacher-Stiftung. Ich fertigte innerhalb von zwei Tagen eine Particellabschrift
der fehlenden Teile an und schickte sie Rochberg. Seine Antwort kam so rasch
wie eindeutig: „Fügen Sie alles wieder ein!“ Während der Arbeit – über das reine Öffnen der Striche
hinaus – bemerkte ich, dass es sich bei einer Reihe von Änderungen tatsächlich
um „Verbesserungen“ handelte, u.a. die Art von kleinen Korrekturen, die fast
jeder Komponist nach den ersten Aufführungen vornimmt (ein notorisches Beispiel
war, zum Entsetzen seines Verlegers und Notenstechers, Gustav Mahler). Ich
stimmte daher im Laufe der Arbeit sämtliche Änderungen mit Rochberg ab; die
Rekonstruktion der „wiedervereinten“ Partitur wurde denn auch in allen Details
von ihm abgesegnet. Im Januar 2000 konnte ich mit der Anfertigung des
Orchestermaterials beginnen. Bei dieser Arbeit war die enge Zusammenarbeit mit
Peter Sheppard Skærved so inspirierend wie unentbehrlich. Nichts ist diesem
großartigen Musiker unmöglich; er kann sich in die Vorstellungen des
Komponisten hineindenken und scheut keine Mühe, sie hörbare Wirklichkeit werden
zu lassen. Im Violinkonzert manifestiert sich Rochbergs Dialektik
zwischen einer zwölftönigen, „harten“ Romantik und einer elegischen, lyrischen
Tonalität vielleicht am vollendetsten. Das Ganze ist voller Ausdruck, aber
niemals um seiner selbst willen, leidenschaftlich, aber stets mit logischer
Stringenz. In der alten Stern-Einspielung beginnen der erste und fünfte
Satz auf dieselbe Weise, nämlich mit dem Aufmerksamkeit heischenden, wütenden
Aufschrei des Solisten. In der rekonstruierten Eröffnung des fünften Satzes
wird diese Aufregung hinausgezögert, sodass aus ihr eine „umgekehrte Reprise“ à
la Bruckner entsteht, gewonnen aus Tutti-Material, das erst ein einziges Mal –
vierzig Minuten zuvor – erklungen ist. Und so werden auch die herrlich kreisenden
und aufsteigenden Triolenfiguren vorbereitet, mit denen der Solist dieses
Mammutwerk zu einem logischen Abschluss führt. Das Konzert entspricht dem Konzept einer qualvoll entstandenen Form mehr als jedes andere Werk des Repertoires. In diesem Gegenteil eines Virtuosenstücks lässt sich der Solist mit einer einsamen Stimme der Menschlichkeit in einem gefühllosen, weder guten noch schlechten, sondern neutralen Kosmos vergleichen. Die Violine herrscht und fleht abwechselnd, schreit ihre Wut heraus, beruhigt die Masse der Instrumente und peitscht sie im nächsten Augenblick wieder auf. Der eindrucksvolle Schluss ist ganz Resignation und Stille; niemand hat „gewonnen“, aber etwas Neues und unaussprechlich ist entstanden. Christopher Lyndon-Gee |
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