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8.559142 - MASON: Piano Music
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William Mason (1829-1908) Klaviermusik

William Mason (1829-1908) Klaviermusik

Während Amerika im 19. Jahrhundert auf beachtliche Erfolge auf politischem, militärischem und wirtschaftlichem Gebiet verweisen konnte, fehlte es der Musikkultur des Landes zur gleichen Zeit an nationaler Identität. Der Einfluss der alten europäischen Traditionen, die allgemein verehrt wurden, lastete schwer auf den amerikanischen Komponisten und Musikern, und das bis in das 20. Jahrhundert hinein. Dennoch, die amerikanischen Komponisten dieser Zeit, die dem europäischen Stil verpflichtet waren, haben Werke geschaffen, die sowohl Schönheit und Anziehungskraft als auch Substanz besitzen. Zu den Vertretern dieser Bewegung gehören solche Namen wie John Knowles Paine, Amy Beach, Edward MacDowell und William Mason. Diese Komponisten haben, neben anderen, das Fundament aus solidem musikalischem Können und technischer Perfektion geschaffen, auf dem die wahrhaft innovative, „moderne" amerikanische Musiksprache entstehen konnte.

So begabt und intelligent er war, ist William Mason den meisten eher durch das hohe Ansehen, das seine Familie im Lande genoss, als durch seine eigenen Leistungen bekannt. Sein Vater Lowell Mason (1792-1872) hatte sich besonders um die musikalische Volksbildung und um die Kirchenmusik verdient gemacht, sein Bruder Henry Mason (1831-1890) war auf dem Gebiet des Musikinstrumentenbaus erfolgreich tätig, und schließlich sein Neffe Daniel Gregory Mason (1873-1953) war ein geschätzter Komponist, Schriftsteller und Musikprofessor an der Columbia University.

William Mason wurde am 24. Januar 1829 in Boston, Massachusetts, geboren. Er war der dritte von vier Söhnen des Ehepaares Lowell und Abigail Mason. Obwohl seine musikalische Begabung früh zu erkennen war, wurde sie von den Eltern nicht besonders gefördert, zum Teil deswegen, weil sein Vater wünschte, er würde einmal Geistlicher werden. Ungeachtet dessen begann Mason um 1845, Klavier bei Henry Schmidt an der Bostoner Musikakademie zu studieren. In dieser Zeit komponierte und veröffentlichte er seine ersten Klavierstücke, die Deux Romances sans paroles op.1. Sein Debüt als Pianist folgte ein Jahr später an der Musikakademie; er spielte die Variationen über das Air aus Méhuls „Joseph" op.20 von Henri Herz, eine Komposition für Klavier und Streichquintett.

Im Jahre 1849 tat Mason das, was in Amerika von jedem angehenden Komponisten und Interpreten erwartet wurde; er ging nach Europa, genauer nach Deutschland, um sich dort weiter ausbilden zu lassen. Sein Klavierstudium dauerte im ganzen fünf Jahre und führte ihn von Bremen aus nach Leipzig, Prag und Weimar. Seine außergewöhnliche Begabung erregte die Aufmerksamkeit solch legendärer Pianisten wie Ignaz Moscheles, Alexander Dreyschock und Franz Liszt, und Mason genoss das Privileg, von ihnen unterrichtet zu werden.

Im Jahre 1854 kehrte er in die Vereinigten Staaten zurück, mit dem Ziel, sich einen Namen als Konzertpianist zu machen. Seine ehrgeizigen Tourneeprojekte brachten den erhofften Erfolg; jedoch sehr bald, nach noch nicht einmal einem Jahr, kam er zu der Überzeugung, dass das Virtuosendasein zwar gut für das Selbstbewusstsein, aber intellektuell und musikalisch unfruchtbar sei. Er beschloss, sich in New York niederzulassen, und begann in dieser Stadt, die der geographische Mittelpunkt seines Lebens bleiben sollte, eine vielseitige Tätigkeit als Interpret, Lehrer und Komponist. In dieser Zeit gründete er gemeinsam mit dem Geiger Theodore Thomas und anderen Musikern das Mason-Thomas-Quartett, das in den dreizehn Jahren seines Bestehens zahlreiche Welturaufführungen oder amerikanische Erstaufführungen bestritt, unter anderem diejenige von Brahms’ Trio in H-Dur op.8.

Noch bedeutender als alles bisher Erwähnte war jedoch seine einflussreiche Tätigkeit als Klavierpädagoge. Seine erste Klavierschule, die er gemeinsam mit E. S. Hoadly geschrieben hatte, erschien im Jahre 1867. Weitere solcher Lehrwerke folgten, darunter eine Klaviermethodik für Anfänger (1871), eine Systematik technischer Übungen (1878) sowie Anschlag und Technik, Opus 44 (1891/92). Außerdem bekleidete Mason zahlreiche Funktionen, die seinen unermüdlichen Einsatz für eine fundierte Ausbildung von Musikstudenten aller Altersgruppen widerspiegeln; unter anderem war er Präsident des National Musical Congress und der American Vocal Music Association. Mason blieb bis ins hohe Alter ein gefragter Lehrer. Er starb nach kurzer Krankheit am 14. Juli 1908 in seinem Haus in New York.

William Masons Klaviermusik widerspiegelt eine Epoche in der amerikanischen Musik, in der es modern, wenn nicht sogar ratsam war, europäische Vorbilder nachzuahmen. Seine Werke sind fast ausnahmslos in ABA-Form aufgebaut und erheben keinen Anspruch auf Tiefgang oder ausgefeilte motivisch-thematische Arbeit. Sie sind nicht mehr und nicht weniger als Kinder ihrer Zeit; stets unterhaltsame und farbenfrohe „Salon-" Stücke, die aber mitunter auch zu näherem Hinsehen anregen. Das ist natürlich eine sehr allgemeine Charakterisierung; bei alledem sollte man nicht übersehen, dass Mason in seiner kompositorischen Herangehensweise an das Klavier sehr wohl eine Entwicklung vollzogen hat, immerhin umspannte sein schöpferisches Leben einen Zeitraum von sechzig Jahren. Die vorliegende Aufnahme möchte sowohl die Vielfalt seiner Klaviermusik als auch die drei Phasen seines kompositorischen Schaffens dokumentieren.

Viele seiner frühen Werke, die zwischen 1849 und 1856 entstanden sind, wurden aus dem großartigen Virtuosenstil heraus geboren, wie er für die Mitte des 19. Jahrhunderts typisch war. Die brillanten Oktaven und Arpeggien, die kadenzartigen Ausschmückungen und die extremen Lagen, die er ausnutzt, zeigen die Einflüsse von Franz Liszt und Sigismund Thalberg, dem großen österreichischen Pianisten, den Mason mehrere Male hören konnte und dessen Spielweise er genau beobachtet hat. Masons Valse de Bravoure op.5 und Silver Spring op.6 (Silberfontäne) sind so gegensätzliche wie einander sich ergänzende Beispiele für das Virtuosenzeitalter. Silver Spring erweckt mit ihrer wundervollen Melodie, die in ein Gewebe von wogenden Arpeggien eingebettet ist, den Eindruck eines „dreihändigen" Spiels, eine Technik, für die Thalberg berühmt war.

Masons Entscheidung, seine Virtuosenkarriere aufzugeben, zog einen Stilwandel in seiner Klaviermusik nach sich. Weniger opulent in ihrer Virtuosität, sind Masons Kompositionen aus der Zeit von 1857 bis 1890 von der melodischen Poesie und den tänzerischen Rhythmen gekennzeichnet, die für viele Werke Chopins charakteristisch sind. Masons Rêverie poétique beispielsweise, mit ihrer singenden Melodie über einer wellenförmigen Begleitung, ist Chopins berühmter Nocturne Des-Dur op.27 Nr.2 nachempfunden; gleichermaßen erinnert Masons zart-lyrisches Lullaby op.10 (Wiegenlied) an Chopins Berceuse op.57. Vier weitere Werke in dieser Aufnahme repräsentieren Masons Vorliebe für Tanzformen: Valse-Caprice op.17, Polka-Caprice op.23 Nr.1, Mazurka-Caprice op. 23 Nr.2 und La Sabotière: Danse aux Sabots op.33 (Holzschuhtanz). Die Vielfalt und die rhythmische Anziehungskraft dieser Werke beschwört die Welt der meisterhaften Mazurken und Walzer Chopins herauf.

Masons pädagogische Interessen schlugen sich in mehreren Sammlungen von Stücken für Klavier zu vier Händen nieder, die meisten davon sind speziell für die Paarung Lehrer und Schüler gedacht. Zu den wenigen Stücken, die für zwei gleichwertige Partner komponiert worden sind, gehört die hübsche Badinage op.27, die ebenfalls in der mittleren Schaffensperiode Masons entstanden ist.

Die späten Klavierwerke Masons schließlich, die im wesentlichen in den Jahren 1890 bis 1905 komponiert worden sind, ähneln der mehr persönlichen und komplexen Musiksprache eines Brahms, Schumann oder Fauré. Masons Amourette op.48, Capriccio Fantastico op.50 und Improvisation op.52 veranschaulichen seine Hinwendung zu mehrschichtigen kontrapunktischen Strukturen und zu einer schwebenden Harmonik. Mason hat alles Ausschweifende, das in seinen früheren Werken vorhanden war, abgelegt und hat zu einem differenzierten, verfeinerten Reifestil gefunden, der späteren Generationen amerikanischer Komponisten einen Anknüpfungspunkt bot für die Entwicklung einer national eigenständigen Klaviermusik.

Kenneth Boulton

Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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