About this Recording
8.559143 - MCKAY: Suite for Viola and Piano / My Tahoe Window / An April Suite
English  French  German 

George Frederick McKay (1899-1970) Kammermusik

George Frederick McKay, der „Dekan der Komponisten des Nordwestens", wie man ihn nannte, hat während der vierzig Jahre, die er als Professor an der University of Washington in Seattle wirkte, eine Vielfalt an Werken komponiert und arrangiert, von Orchesterwerken über Ballettmusiken bis hin zu Arrangements für Tanzkapellen. An derselben Universität hatte er im Jahre 1919 begonnen, Komposition bei Carl Paige Wood zu studieren. Nach zwei Jahren erhielt er ein Stipendium und konnte sein Kompositionsstudium an der Eastman School of Music in Rochester, New York, fortsetzen. Hier gehörten Christian Sinding und Selim Palmgren zu seinen Lehrern. McKays eigentliches Instrument war die Violine, dennoch verstand er es ausgezeichnet, für Klavier zu komponieren, wie es die Werke auf der vorliegenden CD zeigen.

Die amerikanische Unterhaltungsmusik der 1920er Jahre war nicht nur durch die wachsende Popularität des New Orleans Jazz gekennzeichnet. Afroamerikanische und vom Klezmer beeinflusste Musik drängte auf die Bühne. Shows wie Shuffle Along (1921) von Eubie Blake und Noble Sissle und Florenz Ziegfelds Follies haben das populäre amerikanische Lied grundlegend verändert. Dass McKay die amerikanischen Melodien und Rhythmen kannte und liebte, zeigt besonders deutlich seine Caricature Dance Suite aus dem Jahr 1924. Er hatte sie während seiner Zeit in Seattle begonnen und später an der Eastman School vollendet; sie wurde sein erstes veröffentlichtes Werk, erschienen im deutschen Verlag Schott. Die Suite existiert auch in einer Fassung für Orchester.

Der erste Satz Snickertyskip (etwa „Kicher-Tanz") ist dreiteilig; der erste Teil basiert auf einem Cakewalk-Rhythmus ähnlich dem Ragtime, der mittlere Abschnitt bringt eine liebliche Melodie und führt schließlich zum Cakewalk zurück. Verhältnismäßig kurz sind die beiden anschließenden Sätze, Jabbertyflip („Plapper-Tanz") und Swaggerhop („Stolzier-Tanz"; „skip", „flip" und „hop" bezeichnen Tänze, etwa im Sinne von „Hopser", „Hüpfer" oder „Springer"). Der vierte und gleichzeitig letzte Satz, Burlesque March (Parodie-Marsch), ist ein rhythmisch und melodisch reizvolles Stück, das auch in einer (sehr erfolgreichen) Bearbeitung für Tanzkapelle erschienen ist. Die Suite lässt unmittelbar deutlich werden, wie McKay begonnen hat, seine eigene Stimme zu entwickeln - eine unverkennbar amerikanische Stimme, geprägt von jazzigen Rhythmen und, was bei seinen Zeitgenossen viel zu selten zu finden ist, von einer besonderen Begabung für das Melodische.

Nach seinem Abschied von der University of Washington lebte McKay die meiste Zeit am Lake Tahoe. Die sieben Sätze seiner Suite From My Tahoe Window - Summer Moods and Patterns (Von meinem Fenster in Tahoe aus - Stimmungen und Bilder des Sommers; komponiert in den 1960er Jahren) sind allesamt verhältnismäßig kurze Stücke, die sein Verhältnis zur Natur im allgemeinen widerspiegeln, aber auch seine persönliche Reaktion auf die sich ändernden Jahreszeiten seines eigenen Lebens. Sunrise (Sonnenaufgang) ist ein träumerisches Stück, das zuweilen an ein Klaviersolo von Bill Evans erinnert. Es wird gefolgt von A Morning Mood (Eine Morgenstimmung), einem kurzen und etwas eigenartigen Satz. Looking Upwards (Nach oben schauend) beginnt mit aufsteigenden Figuren und führt zu wechselnd bluesartigen und zart melancholischen Momenten, um schließlich zu der Musik des Anfangs zurückzufinden. Wie alle diese Stücke ist auch Storm Clouds (Gewitterwolken) programmatisch im Charakter, vermeidet aber jegliches Klischee; vielmehr scheint es sowohl das Potenzial als auch das Bedrohliche solcher Wolken widerzuspiegeln. Caballeros ist eine von energischen Rhythmen geprägte Hommage an die Herren, die man so bezeichnet: spanische Ritter und Edelmänner. Die beiden letzten Sätze sind introspektiv und nachdenklich im Charakter. Sundown (Sonnenuntergang) ist das optimistischere von beiden, wohingegen Summer’s End (Ende des Sommers) nicht nur im wörtlichen Sinne gemeint sein könnte, sondern auch als ein Bild für den Übergang in einen Lebensabschnitt, in dem die Zahl der Tage abnimmt.

Obwohl die nächsten beiden Kompositionen aus dem gleichen Jahr 1924 stammen, sind sie vollkommen unterschiedlich im Charakter. Wir verdanken es der Sorgfalt von McKays Schwester Diantha, die diese Werke über Jahrzehnte aufbewahrt hat, dass die Americanistic Etude op.27 und An April Suite op.3 in der vorliegenden Aufnahme wiedererscheinen kann. Die Americanistic Etude (Etüde im amerikanischen Stil) ist eine verrückte Rhythmusstudie, metrisch und harmonisch so amerikanisch wie der Charleston; kaum ein Takt bleibt ohne die jazztypischen Synkopen. Allerdings zeigt der Schluss, wie schwer es sein kann, ein Stück zu Ende zu bringen; hier wirkt er etwas unglücklich. An April Suite (Eine April-Suite) reflektiert die Jugendzeit McKays; schon die Introduction ist ganz Romantik; romantisch sind auch die Melodik und die Harmonik im zweiten Satz An April Morning (Ein Aprilmorgen), obwohl dieser am eigenständigsten wirkt. Die beiden abschließenden Sätze A Remembered Happiness (Erinnerung an vergangenes Glück) und Finale führen den romantischen, wenn nicht sogar gelegentlich französischen Charakter dieser nostalgischen Suite fort.

In den 1930er Jahren schloss McKay Freundschaft mit so manchen schillernden Persönlichkeiten und Künstlern, die in Seattle lebten, unter anderem mit John Cage, mit dem Maler Mark Tobey und mit der Tänzerin und Choreographin Bonnie Bird. Ihr widmete McKay seine 1938 entstandene Dance Suite No.2. Den Tanz an sich könnte man auch unter dem Gesichtspunkt betrachten, dass er sich mit Energien unterschiedlicher Niveaustufen beschäftigt. Die Dance Suite No.2 bietet mit ihren fünf reizvollen und vom Energieniveau her unterschiedlichen Sätzen dem Choreographen Gelegenheit, sowohl mit dieser Energie als auch gegen sie zu arbeiten.

Das 1945 entstandene Stück Dancing in a Dream (Tanzen wie im Traum) für zwei Klaviere wirkt wie eine Fantasie über einen Fred-Astaire-Film oder ein Broadway-Musical, in dem sich die Tänzer mit Leichtigkeit und Grazie über die Leinwand oder die Bühne bewegen.

Die Auswahl aus den Fünf Liedern für Sopran veranschaulicht McKays Liebe zur Dichtkunst, sowohl zur dramatischen als auch zur heiteren. Es ist bemerkenswert, wie unmittelbar die Worte alle Aspekte der Musik bestimmen, sei es die Melodieführung, die Begleitung, die Dynamik oder das Metrum. Drei Lieder wurden für die vorliegende Aufnahme ausgewählt: Bunches of Grapes (Weintrauben) nach Walter de la Mare, Days of the Week (Wochentage) nach einem anonymen Dichter, und schließlich The Flower Will Bloom Another Year (Die Blume wird ein weiteres Jahr blühen) nach Yeats.

Every Flower That Ever Grew (Jede Blume, die jemals wuchs) ist eine Vertonung eines alten irischen Liedtextes, entstanden im Jahre 1969, ein Jahr nachdem sich McKay aus dem Berufsleben zurückgezogen hatte. Dieses Lied widerspiegelt McKays Hinwendung zu Kompositionen, mit denen er seinen Hörern erhebende Momente bereiten wollte.

Die letzte Komposition auf der vorliegenden CD ist die fünfsätzige Suite für Viola und Klavier (1948). Dieses Werk zeigt, dass McKay, der selbst ein ausgezeichneter Geiger war, fesselnd und gleichzeitig instrumentengerecht für Streicher komponieren konnte. Der erste Satz Allegro moderato, vigoroso e parlando entfaltet ein kontrapunktisches Wechselspiel zwischen Viola und Klavier, das die Musik dramatisch, aber dennoch rhythmisch und melodisch ansprechend wirken lässt. Der zweite Satz Cantante e poetico wird von einer lieblichen, elegischen Melodie charakterisiert. Das Moderato scherzoso e grotesco ist ein Satz voller rhythmischer und dynamischer Energie, der einen guten Kontrast zu den langsamen bzw. liedhaften Sätzen bildet, von denen er umrahmt wird. Der längste Satz in dieser Suite ist der vierte, Moderato cantabile überschrieben; er ist eine Rückbesinnung auf die neoromantisch-empfindsame Seite McKays. Der Finalsatz Moderato marziale, ritmico e marcato besitzt all die Eigenschaften, die in dieser Satzbezeichnung angedeutet werden, und er fasst in vielerlei Hinsicht ein wichtiges Element im gesamten Schaffen McKays zusammen - seine Fähigkeit, Musik zu komponieren, die ansprechend wirkt und zugleich fest in der Tradition der Kunstmusik dieser Zeit verwurzelt ist.

Michael Coolen

Deutsche Fassung: Tilo Kittel


Close the window