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8.559153 - CRESTON: Symphony No. 5 / Toccata / Partita
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Paul Creston (1906 - 1985)

Paul Creston (1906 - 1985)

Toccata • Symphony No. 5 • Out of the Cradle • Partita • Invocation and Dance

 

Der bekannte amerikanische Komponist Paul Creston wurde 1906 in New York City als Sohn italienischer Einwanderer geboren. Als Kind unterrichteten ihn Gaston Dethier im Klavierspiel und Pietro Yon an der Orgel. Die kompositorischen Ambitionen, die schon der Achtjährige verriet, wurden allerdings nicht gefördert. Der Autodidakt Creston bezeichnet Bach, Scarlatti, Chopin, Debussy und Ravel als seine wichtigsten Lehrer. Auch seine umfassenden historischen, literarischen und philosophischen Kenntnisse verdankt der Komponist seinem konzentrierten Selbstunterricht. Mit fünfzehn Jahren war er gezwungen, die Schule zu verlassen, um zum Lebensunterhalt seiner Familie beizutragen. Weniger disziplinierte Geister hätten durch eine solche Wendung des Geschicks womöglich den Mut verloren. Nicht so der junge Creston, der für seine Ausbildung nur noch mehr Verantwortung übernahm. Schon während seiner Schulzeit hatte er beschlossen, sich einen geläufigeren amerikanischen Namen zuzulegen, und so nannte er sich fortan nicht mehr Giuseppe Guttoveggio: Der Nachname Creston stammte aus einem Schauspiel, in dem er damals mitgespielt hatte, und der Vorname Paul verdankte sich einer willkürlichen Entscheidung.

 

Wie schon Robert Schumann musste sich auch Creston zwischen einer literarischen und einer musikalischen Karriere entscheiden. 1932 beschloss der damals 26jährige, sich der Komposition zu widmen, und weil es den Vertretern dieser Zunft nicht eben leicht ist, ihr Brot mit dieser rätselhaften Tätigkeit zu verdienen, arbeitete er in jungen Jahren als Kino-Organist. (Der berühmte erste Tonfilm The Jazz Singer entstand zwar schon 1927, doch es dauerte noch beinahe ein Jahrzehnt, bis sämtliche Kinos in den Staaten ihr Equipment umgerüstet hatten; bis dahin konnte man als Stummfilmbegleiter immer noch ein Auskommen finden.)

 

Anders als etwa Walter Piston verfügte Paul Creston über keinerlei Kontakte zum musikalischen Establishment oder Orchestern vom Range des Boston Symphony Orchestra; gleichwohl fand er während der Weltwirtschaftskrise sehr schnell ein Publikum. 1938 erhielt er ein Guggenheim-Stipendium, 1941 den Preis der New Yorker Musikkritiker. Ein Jahr später brachten Arturo Toscanini und das NBC Symphony Orchestra seinen Choric Dance No. 2 zur Aufführung. Im Laufe der nächsten Jahre wurden seine Werke, darunter die beiden ersten Symphonien, auch von anderen großen Dirigenten und Orchestern gespielt. Crestons Musik wurde von wichtigen Radiostationen und in großen Konzertsälen präsentiert, als die Klassik nicht unbedingt Allgemeingut war. Das tonale Vokabular fand in den dreißiger Jahren und nach dem Zweiten Weltkrieg bei Musikern und Publikum eine überaus freundliche Aufnahme – zur selben Zeit also, da Aaron Copland das amerikanische Konzertpublikum mit seinen populär-populistischen Balletten eroberte. Im Laufe der sechziger Jahre bewegte sich das musikalische Pendel auch in Amerika deutlich zum Serialismus und anderen neueren Kompositionsmethoden hinüber. Damals geriet Crestons Musik ebenso in Vergessenheit wie die Werke all jener amerikanischen Kollegen, die sich atonalen Techniken versagt hatten. Doch während der letzten zwei Jahrzehnte scheint die Welt das große Vermächtnis der amerikanischen Symphoniker wiederzuentdecken, und so geht auch Crestons Stern wieder auf.

 

Seine Toccata schrieb Creston 1957 zum 40. Jubiläum des Cleveland Orchestra, das das Werk am 17. Oktober desselben Jahres unter der Leitung seines berühmten Chefdirigenten George Szell uraufführte. Unter Toccata (ital. toccare = schlagen, anschlagen) versteht man seit Jahrhunderten ein Stück improvisatorischen, virtuosen Charakters, und da Szell das Orchester von Cleveland zu einem der weltbesten philharmonischen Klangkörper geformt hatte, konnte Creston ein Werk schreiben, das diesen Ruf in jeder Hinsicht bestätigte. Das Resultat ist eine dankbare Partitur voll unaufhaltsamer Energie, die einzelnen Musikern eine große Fülle an Darstellungsmöglichkeiten bietet. Das erste Thema des Werkes ist aus großen Intervallsprüngen gestaltet, die ein wenig an Copland erinnern und gibt sich unverkennbar amerikanisch. Soli für Klarinette, Flöte, Oboe und Fagott verleihen der imposanten musikalischen Landschaft individuelle Farbspritzer. Mit gelegentlichen lateinamerikanisch anmutenden Riffs dehnt Creston die American Connection nach Süden aus. Die Texturen sind ebenso sparsam und neoklassizistisch wie bei Strawinsky, ohne dass sie dessen Schärfe verrieten. Der heitere, üppiger besetzte Mittelteil enthält unter anderem ein liebenswürdiges, von zarten Streichern eingefasstes Oboensolo. Mit der Rückkehr zur Virtuosität des Anfangs findet das Werk seinen schwungvollen Abschluss.

 

Crestons fünfte Symphonie war ein Auftrag zum 25. Jubiläum des National Symphony Orchestra, das das Werk unter der Stabführung von Howard Mitchell am 4. April 1956 aus der Taufe hob. Der erste Satz (Con moto) beginnt mit einem sanften, langen Thema der Unisono-Streicher, das in ein rascheres Fugato übergeht. Eindringlichkeit und Dynamik steigern sich durch zusätzliche Streicherschichten sowie durch die Einbeziehung der Blechbläser und des Schlagzeugs. Ein knappes, ängstlich-gewundenes Oboenthema durchzieht den aggressiven Orchestersatz. Das tiefe Blech bemüht sich mit einem edlen Thema, die Ruhe wiederherzustellen, doch die Ruhelosigkeit bleibt. Das zentrale Element des gesamten Satzes ist tatsächlich eine unablässige, druckvolle Geschäftigkeit.

 

Das Largo eröffnet mit einem dramatischen Aufschwung der Streicher und einem nachdrücklichen akkordischen Ausbruch des Orchesters. Die leidenschaftliche Unrast bleibt erhalten, wenngleich nicht so aggressiv wie im ersten Satz. Ein faszinierendes, neugierig-gespanntes Oboenthema meldet sich zu Worte. Im Kontrapunkt der tiefen Streicher bleibt die Anspannung erhalten, was dann freilich durch ein eindringliches Thema der Soloflöte ein wenig ausgeglichen wird. Wie schon in der Toccata können sich auch hier die jeweils ersten Bläser äußern. Der gesamte Satz ist zwiespältig: Intensive und lyrische Melodien fließen oder mäandern in großen Bögen durch eine stark modulierende orchestrale Landschaft. Nach einer abschließenden Zusammenfassung verhilft das von gedämpften Streicherklängen begleitete Englischhorn dem Satz zu einem ruhigen Ende.

 

Das Finale (Maestoso - Allegro) beginnt mit dem dramatischen Donnern der Blechbläser und wogenden Rhythmen, die von aggressiven Schlagzeug- und Paukeneinwürfen durchsetzt sind. Plötzlich beruhigt sich das Orchester, und es beginnt vor dem ruhig rhythmisierten Hintergrund des Ensembles ein neues Thema der hohen Streicher. Das Blech präsentiert einen neuen melodischen Gedanken, der weit positiver ist als alles, was man im bisherigen Verlauf der Symphonie hatte hören können. Die äußerst rhythmische Musik weckt den Eindruck eines beinahe manischen Jubels. Das Werk endet mit einer abrupten, emphatischen Wendung.

 

Out of the Cradle schrieb Paul Creston im Jahre 1934. Das ergreifende Werk geht auf “Out of the Cradle Endlessly Rocking“ aus Walt Whitmans Grashalme zurück. Ursprünglich hieß das teils nachdenkliche, teils elegisch-sorgenvolle Gedicht A Child’s Reminiscence (Erinnerung eines Kindes). Es geht darin um das Thema von Liebe und Verlust, das hier symbolisch am Schicksal eines Spottdrossel-Paar festgemacht wird: Einer der beiden Vögel stirbt beim Versuch, den Ozean zu überqueren, und dementsprechend fängt die Musik das Wogen des Meeres und den Flug durch wellenförmige Rhythmen und stürmische Linien ein. Insgesamt ist das Stück von einer klaren, neoklassizistischen Besetzung von entschieden amerikanischem Timbre gekennzeichnet. Gelegentlich fühlt man sich an die Naturmystik erinnert, die Igor Strawinsky in den ruhigeren Momenten seines Sacre du printemps beschwört. Out of the Cradle findet ein ruhiges Ende: Die Seelen der Spottdrossel und ihres menschlichen Pendants kehren in die tröstlichen Arme der See zurück.

 

Mit seiner Partita von 1937 beschwört Paul Creston Geist und Klang der Brandenburgischen Konzerte von Bach. Der erste, treffend als Präambulum überschriebene Satz ist so energisch und motorisch wie ein rascher Satz des Barock. Flöte und Violine unterhalten sich in ihren Soli über lang ausgesponnene Melodien miteinander. Eine liebenswerte Sarabande schließt sich an. Die tiefen Streicher geben die langsame rhythmische Bewegung vor, über der die beiden Solisten eine ebenso traurige wie zarte Melodie intonieren und kommentieren. Das Sentiment und die melodische Gestaltung erinnern in diesem Fall an einen langsamen Satz von Bach. Als ausgewogener Kontrast folgt eine rasche, witzige und energiegeladene Burleske, die durch die enge Imitation von Violine und Flöte noch zusätzlich animiert wird. Die Air ist ein entspanntes, zart-melancholisches Duett über einer sanften Pizzikato-Begleitung. Eine lebhafte Tarantella beschließt das Werk und erinnert in ihrem unaufhaltsamen Bewegungsdrang an ein perpetuum mobile.

 

Die 1953 entstandene Komposition Invocation and Dance beginnt wie ein stilles Geheimnis. Sanfte und doch dissonante Akkorde der tieferen Register erzeugen den Hintergrund für die chromatisch gewundenen Melodien der Bläser. Analog zur Dynamik steigert sich auch die in den ersten Akkorden enthaltene Spannung. Kraftvoll vorwärtsdrängende Ostinati und schreiende Blechbläser verleihen dem Ganzen ein erhebliches Maß jener ursprünglichen Energie, die wir aus Strawinskys Sacre kennen. Janusgesichtig erweist Creston hier einerseits Strawinskys epochalem Ballett von 1913 seine Reverenz, während er andererseits einem eindeutig amerikanischen Klang und einer Art der Synkopierung huldigt, die an seinen jüngeren Kollegen Leonard Bernstein erinnert – ohne dass Creston etwas von der Broadway-Schmiere verriete.

 

Steven Lowe

g 2003 Seattle Symphony

Deutsche Fassung: Cris Posslac


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