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8.559159 - LAZAROF: Tableaux / Violin Concerto / Symphony No. 2
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Henri Lazarof (geb

Henri Lazarof (geb. 1932)

Tableaux für Klavier und Orchester • Violinkonzert • Symphonie Nr. 2

 

In seiner Vielseitigkeit erinnert Henri Lazarof auffallend an so leuchtende Vorgänger wie Leonard Bernstein und Camille Saint-Saëns, deren wissenschaftliche und künstlerische Kenntnisse sich nicht auf ihre eigentliche kompositorische Berufung beschränkten. Bernsteins pädagogisches Können wurde durch seine Kindersendungen weltbekannt. Saint-Saëns las unter anderem Astronomie. Und der Bulgare Lazarof ist nicht nur ein häufig aufgeführter Komponist mit Aufträgen der Seattle Symphony, der Berliner Philharmoniker und der London Sinfonietta, sondern hat auch Komposition sowie französische Sprache und Literatur unterrichtet.

 

Henri Lazarof wurde am 12. April 1932 in Sofia geboren. Seinen ersten Musikunterricht erhielt er mit sechs Jahren. 1948 graduierte er an der Hochschule von Sofia, von 1949 bis 1952 studierte er an der neuen Jerusalemer Akademie und von 1955 bis 1957 bei Goffredo Petrassi an der römischen Accademia di Santa Cecilia. 1957 übersiedelte er in die USA, wo er dank eines vollen Stipendiums an der Brandeis University von Arthur Berger und Harold Shapero ausgebildet werden konnte. 1959 erwarb er seinen Magistergrad. Schon als Brandeis-Student erlangte er aufgrund seiner großen kompositorischen Begabung einige Bekanntheit: 1958 wurde sein Streichquartett mit dem Ersten Preis der Bostoner Brookline Public Library ausgezeichnet, und seine Cantata entstand im Auftrag der Brandeis University für deren Festival von 1959.

 

In diesem Jahr zog Lazarof nach Kalifornien, wo er bis heute lebt. Er wurde Dozent für französische Sprache und Literatur an der Universität von Kalifornien, kam drei Jahre später in die Musikabteilung des Instituts und wurde schließlich als Professor der Fakultät emeritiert. 1963 organisierte er das Festival für Zeitgenössische Musik,  das Aufführungen und Vorträge von Luciano Berio, Karlheinz Stockhausen und Leonard Stein enthielt. Seiner internationalen Reputation half vor allem der erste Internationale Preis von Mailand, den Lazarof 1966 für seine Structures Sonores erhielt.

 

In den Jahren 1970 und 1971 vollendete er sieben große Werke, während er sich als  artist in residence der bundesdeutschen Regierung in Westberlin aufhielt. Anschließend ging er wieder an die kalifornische Universität zurück, wo er zum Künstlerischen Leiter des Festivals für Neue Musik 1973 berufen wurde. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte brachte der fleißige Komponist viele neue Werke heraus, indessen er seine handwerklichen Fähigkeiten immer weiter verbesserte.

 

Lazarof hat sich lange mit der Kunst des russischen Malers Wassily Kandinsky befasst, der eine der wesentlichsten und größten Figuren der abstrakten Malerei war. Nachdem Kandinsky bei einer Ausstellung im Jahre 1895 auf die ungegenständlichen Werke der französischen Impressionisten negativ reagiert hatte, ging er schließlich bei der Definition des Realismus-Begriffs weit über Monet und dessen Kollegen hinaus. Als Kind musikalischer Eltern hatte Kandinsky in seiner Jugend den Umgang mit dem Klavier und dem Cello gelernt. Er sagte, dass die Farbe die Tastatur, das Auge die Harmonik und die Seele ein Klavier mit vielen Saiten sei. Wie Skrjabin legte er großen Wert auf die Beziehung zwischen Farben und Harmonien, zwischen Tönungen und Tonhöhen usw. Angeblich sah er Farben, wenn er Musik hörte.

 

Kandinskys abstrakte Bilder sind wunderbare Manifestationen einer rhythmischen Resonanz, in der sich sein Sinn für musikalisch-visuelle Verbindungen spiegelt. Vielleicht war es diese Musikalität seiner Kunst, die Lazarof tiefer in Kandinskys Schaffen eindringen ließ. Eine äußere Anregung, kompositorisch auf die herrlichen Werke des Malers zu reagieren, kam von dem Pianisten Alexis Weissenberg: Er schlug Lazarof vor, ein großes, freskenartiges Werk zu schreiben. Mit Hilfe von Gerard Schwarz und der Seattle Symphony, die die Tableaux in Auftrag gab, konnte Lazarof nach Paris, München und New York reisen, um sich dort Hunderte von „Kandinskys“ anzuschauen. Was dabei herauskam, ist ein kraftvoller, nuancenreicher Gobelin mit Texturen, die von äußerster Sparsamkeit bis zu höchster, üppiger Vielschichtigkeit reichen.

 

Das Werk verlangt ein Soloklavier sowie ein bedeutendes Instrumentarium aus vierfachem Holz, sechs Hörnern, vier Trompeten, drei Posaunen, Tuba, Pauken, Streichern und ein erstaunliches Arsenal von Schlaginstrumenten (darunter Marimba, Vibraphon und Celesta). Mit zwei solistischen Tableaux umrahmt das Klavier sieben weitere geistreiche und vielfach schattierte „Bilder“. Dabei wird die gesamte Komposition von einem starken rhythmischen Impuls vorangetrieben, selbst  in den vergleichsweise ruhigen, sparsam besetzten Abschnitten der Partitur. Zwar ist das harmonische Vokabular kantig und bisweilen sogar herb, doch verwendet Lazarof  auch wirkungsvolle Konsonanzen und gesangliche Elemente – beispielsweise zu Beginn des sechsten Tableau.

 

Der Pianist Garrick Ohlsson spielte die Uraufführung der Tableaux am 8. Januar 1990 mit Gerard Schwarz und der Seattle Symphony.

 

Sein Violinkonzert schrieb Lazarof zwischen Dezember 1985 und Juli 1986 in Zürich und Los Angeles. Das Werk entstand im Auftrag der Kammersymphonie von San Francisco und ist David Lazarof, dem Sohn des Komponisten, gewidmet. Als er mit der Arbeit an dieser Partitur begann, hatte Lazarof schon insgesamt neun Konzerte verfasst, die mit verschiedenen Soloinstrumenten die unterschiedlichsten orchestralen Klangwelten erkundeten. Das Violinkonzert ist für doppeltes Holz, Streicher, Schlagzeug, Klavier, Celesta und Harfe geschrieben. Je nach der Größe des Streicherapparats eignet es sich sowohl für Kammerorchester als auch für philharmonische Klangkörper. Seine Dreisätzigkeit lässt uns natürlich die traditionelle  Anlage (schnell-langsam-schnell) erwarten, doch die Satzüberschriften zeigen dann ein anderes Bild: In Aria, Scherzo und Epilog finden sich wiederkehrende thematische Elemente, die sowohl für Einheit als auch für Gegensätzlichkeiten sorgen, derweil sie durch die verschiedenen Gruppen des Orchesters wandern.

 

1990 schrieb Lazarof seine zweisätzige Symphonie Nr. 2 im Auftrag der Seattle Symphony, deren Musikern das Werk auch gewidmet ist. Gerard Schwarz leitete am 23. März 1992 die Premiere.

 

Der erste Satz beginnt mit geheimnisvoll aufsteigenden Figuren, die zunächst in den Klarinetten zu hören sind und einen rauschenden Effekt erzeugen, der zugleich allerdings so etwas wie eine ängstliche Vorahnung verrät. Die pointillistischen, aufsteigenden Klänge der verschiedenen Schlaginstrumente erinnern an den Ausbruch zu Beginn des Finales aus Mahlers sechster Symphonie sowie an den unheimlichen Augenblick, als Alban Bergs Wozzeck ins Wasser geht, um sich das Leben zu nehmen. Eigentlich reichen sie sogar zurück bis zu den „Raketen“ des 18. Jahrhunderts, die man unter anderem in den Schlusssätzen von Mozarts Kleiner Nachtmusik oder der Symphonie Nr. 40 g-moll findet. (Ob das nun bewusste oder unbewusste Anspielungen sind, in jedem Fall ist Lazarofs Musik sowohl das Produkt ihrer eigenen Zeit als auch ein Resultat des musikalischen Kontinuums.) Trotz der durchgehenden, bisweilen gehetzten Aktivität der vor allem von den Streichern ausgehenden Polyphonie entfaltet sich das eigentliche harmonische Tempo langsam, wobei die Akkorde der Blechbläser eine wesentliche Rolle spielen. Parallel zu den zahlreichen aufsteigenden Verzierungsfiguren gibt es viele plötzliche Crescendi, die ungeachtet Dynamik und Textur mit großer Sparsamkeit behandelt werden.

 

Der zweite Satz beginnt mit tiefen Pedaltönen in Bässen und Pauken, die von den Streichern und Bläsern ruhig kommentiert werden. Ein plötzlicher energischer Ausbruch des Blechs resultiert in gesteigerter Bewegung und expressiven Dissonanzen. Nach dem kontrapunktisch angelegten ersten Satz erzeugt Lazarof jetzt mit mächtigen Akkordblöcken dramatische Wirkungen. Periodisch melden sich die aufsteigenden Figuren des ersten Satzes wie ruhige Reminiszenzen zurück, und nach einer sich steigernden, von einem längeren ruhigen Teil unterbrochenen Wellenbewegung aus Spannungen und Entspannungen entwickelt sich aus dem aggressiven harmonischen Material schließlich ein gelöster Choral, der das Werk zu einem nachdenklichen, wenngleich nicht wirklich beruhigten Ende bringt.

Steven Lowe

 

© 2003 Seattle Symphony

Deutsche Fassung: Cris Posslac


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