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8.559161 - PISTON: Symphonies Nos. 2 and 6
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Walter Piston (1894-1976): Symphonie Nr

Walter Piston (1894-1976): Symphonie Nr. 2 • Symphonie Nr. 6

 

Noch mehr als ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod findet Walter Piston nicht die Wertschätzung, die er eigentlich verdiente. Obwohl man durchaus seinen außergewöhnlichen Sinn für orchestrale Farben, seine immensen kontrapunktischen Fähigkeiten und sein lebenslanges Festhalten an klassischen Formen anerkannte, minderten ihn viele Autoren zu einem bloßen Akademiker herab – ganz so, als seien intellektuelle Strenge und die Arbeit mit historischen Modellen an sich etwas schlechtes. Selbst seine bemerkenswert klar und deutlich notierten Partituren und seine frühe Beschäftigung mit den Ingenieurswissenschaften scheinen zunächst nicht für einen wirklich kreativen Künstler, sondern für einen schwer zu befriedigenden Handwerker zu sprechen. Schon bei einer oberflächlichen Betrachtung der Musikgeschichte wird man feststellen können, dass auf dem Olymp der großen Komponisten derart konservative Persönlichkeiten wie Bach, Mendelssohn und Brahms leben, die allesamt damit zufrieden waren, ihre eigene lebendige Musik auf den Strukturen zu errichten, die ihnen die jeweiligen Vorfahren hinterlassen hatten. Desgleichen verbindet Walter Piston seine ungewöhnliche Strenge mit der Empfindsamkeit eines musikalischen Poeten. Wohlmeinende Stimmen bezeichneten ihn als einen “Komponisten für Komponisten”, was sicherlich als Kompliment gemeint war, aber dahingehend auch interpretiert werden könnte, dass ihm der direkte Kontakt zum Publikum gefehlt habe. Tatsächlich wurde seine Musik von Komponisten wie Strawinsky, Krenek, Sessions, Hanson, Thomson und Carter bewundert, indessen auch begeisterte Laien seine Werke aufmerksam und unbefangen anhören.

 

Piston stammte aus Neu-England. Geboren wurde er 1894 in Rockland, Maine, als Sohn englisch-italienischer Vorfahren (sein Großvater väterlicherseits, Antonio Pistone, war ein Seefahrer aus Genua). Seit seinem zehnten Lebensjahr wuchs Piston in Boston auf. Nachdem er 1916 eingezogen worden war, verbrachte er die nächsten drei Jahre als Saxophonist in der Navy. Seine Ausbildung erhielt er vor allem in Harvard, wo er 1926 – zwei Jahre nach seinem Abschluss mit summa cum laude – selbst Mitglied des Lehrkörpers wurde, nachdem er zuvor noch in Paris bei Paul Dukas und der legendären Nadia Boulanger studiert hatte. Walter Piston blieb in Harvard, bis er 1960 als Professor emeritiert wurde. Er war ein hervorragender Lehrer, der im Laufe seiner langjährigen Unterrichtstätigkeit Schüler wie Elliott Carter, Irving Fine, Harold Shapero und Leonard Bernstein ausgebildet hatte. Zu seinen vielen Auszeichnungen gehörten ein Guggenheim-Stipendium (1934) sowie Pulitzer-Preise für die dritte und die siebte Symphonie (1948 bzw. 1960). Im Jahre 1951 erhielt er als erster Preisträger den Walter W. Naumberg Chair of Music.

 

Seit 1943 wendete sich allmählich das Blatt des Zweiten Weltkrieges zugunsten der Alliierten. Damals komponierte Walter Piston mit seiner Symphonie ein Werk von deutlich amerikanischem Empfinden, das gleichzeitig aber jede patriotische Kriegsbegeisterung vermied. Die neue Partitur wurde mit dem Preis der New Yorker Musikkritik ausgezeichnet und damals sowohl beim Boston Symphony Orchestra, bei den New Yorker Philharmonikern und beim Cleveland Orchestra aufgeführt. Danach geriet sie weitgehend in Vergessenheit – bis zum Jahre 1970, als unter der Leitung von Michael Tilson Thomas eine Aufnahme des Werkes entstand.

 

Den Auftakt der Symphonie bildet ein Moderato, an dessen Anfang ein lang ausgesponnenes, dunkel gefärbtes und von einer gewissen Sorge getragenes Streicherthema steht. Die Bläser verliehen den Streicherfundamenten einige Farbspritzer, bevor Piston die Tempi anzieht, die Bewegungen und die Lautstärke steigert und dadurch die Temperatur des Satzes erhöht. Es folgt ein von Bläsern und Schlagzeug dominierter Abschnitt: Mit seinen flotten, synkopischen Rhythmen klingt dieser Abschnitt verdächtig amerikanisch – wie ein autobiographischer Spiegel des Komponisten, der in seinen jungen Jahren in etlichen Bands gespielt hatte. Die ruhigen Streicher werden zu entfernten Bläserkommentaren und zurückhaltenden Paukenschlägen wiederholt. Piston verarbeitet das Thema in einer kanonischen Imitation, die allerdings völlig frei von akademischen Notengespinsten ist. Periodische Blechbläserchoräle verleihen der Musik gelegentlich eine wirkungsvolle strenge Miene, die das Gegengewicht zu den rüderen Augenblicken bildet.

 

Das in sich versunkene Adagio ist von tiefer Ruhe und trauriger Nostalgie erfüllt. Der Satz beschwört ein Gefühl schlichter amerikanischer Unschuld und bringt zunächst ein liebenswertes Solo der ersten Klarinette, bevor die Soloflöte die Führung übernimmt. Hier legt Piston eine geradezu schmerzliche Schönheit an den Tag – und er straft all die späteren, leichtfertig und unbegründet erhobenen Vorwürfe Lügen, dass er ein Akademiker gewesen sei. Die Streicher erreichen einen dynamisch gesteigerten, innigeren Abschnitt, bevor das Klarinettenthema sich wieder zurückmeldet und dabei durch gelegentliche „blue notes” den amerikanischen Hintergrund des Werkes noch verstärkt.

 

Das abschließende Allegro stürmt unter dem Antrieb perkussiver Schläge und emphatischer Blechbläser-Rufe voran. Es gibt drei voneinander unabhängige Themen: einen tanzartigen Gedanken, ferner einen eindringlichen Gesang von Englischhorn und Klarinette, und als drittes eine vom Blech bestimmte, zuversichtliche Weise. Diese drei durchziehen den rondo-artigen Satz.

 

Die Symphonie Nr. 6 entstand 1955 zur 75. Konzertsaison des Boston Symphony Orchestra, das das Werk auch unter der Leitung von Charles Münch zur Uraufführung brachte. Gewidmet ist das neue Stück dem vorherigen musikalischen Direktor des BSO, Serge Koussevitzky, und seiner Frau Natalie. Pistons enger Kontakt zu dem Orchester begann, als er sich 1926 in Boston niederließ. Während der nächsten viereinhalb Jahrzehnte spielten die Musiker an die zwei Dutzend Werke von Piston, darunter einige, die er eigens für sie komponiert wurden. Der Komponist bemerkte: “Als ich an meiner sechsten Symphonie arbeitete, stellte ich allmählich fest, dass das Werk in einer ganz besonderen Situation entstand, denn es war für ein ganz bestimmtes Orchester gedacht, für ein Orchester, mit dem ich aufgewachsen war und das ich ganz genau kannte. Jede Note, die ich mir vorstellte, klang mir mit außergewöhnlicher Klarheit, als würde sie unmittelbar von denen gespielt , die sie auch bei der Aufführung spielen sollten. Im weiteren Verlauf kam es mir gelegentlich sogar so vor, als ob die Instrumente selbst ihre Melodien schrieben. Ich hielt mich zurück, auch nur eine Note dieser Symphonie am Klavier zu spielen.”

 

Aus diesen Worten kann man zu Recht schließen, dass die sechste Symphonie von Piston mehr als nur seine übliche Kunstfertigkeit als Orchestermaler verlangte. Das Werk fließt an delikat kontrastierenden Timbres und funkelnden Farbausbrüchen nur so über. Im Kopfsatz mit der ungewöhnlichen Bezeichnung Fluendo espressivo fasziniert zunächst das lange Einleitungsthema, das ganz moderat mit Streichern und Bläsern besetzt ist. Dann verleihen die absteigenden Harfenskalen der Musik einen goldenen Schimmer, bevor eine zweite, wieder lang ausgeführte Weise mit reicher Ornamentik entsteht. Im Gegensatz zu dem unwandelbaren ersten Thema ist der zweite Gedanke ausgesprochen vielgestaltig.

 

Das anschließende Scherzo mischt sich seine eigenen Klang- und Stimmungskontraste zusammen. Ein vom Schlagzeug belebter Wirbelwind des Orchesters erzeugt eine unheilvolle, von unterschwelliger Angst erfüllte Atmosphäre. So entsteht ein vorzüglicher Hintergrund für das nachfolgende Adagio. Hier liefern die tiefen Streicher einen klanglichen Farbauftrag, aus dem sich ein Solocello mit einer ungemein fesselnden Melodie erhebt, die den ganzen Satz bestimmen wird, selbst wenn sie auf andere Instrumente übergeht. Zwar enthält diese Partitur keine Tonartenbezeichnungen, doch das Finale steht ganz eindeutig in einem strahlenden A-dur. Nachklänge jazziger Synkopen versetzen diese glanzvolle, optimistische Musik in Bewegung. Eingefügt sind zwei kontrastierende, ebenso reizende wie warmherzige Episoden, in denen unter anderem Harfe und Flöte eine Rolle spielen. Das Werk schließt mit einem Ausbruch positiver Energie, indessen das volle Orchester noch einmal das Cellothema vom Anfang wiederholt.

 

 

Steven Lowe

 

g Seattle Symphony

 

Deutsche Fassung: Cris Posslac


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