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8.559165 - DAUGHERTY, M.: Philadelphia Stories / UFO (Glennie, Colorado Symphony, Alsop)
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MICHAEL DAUGHERTY (geb. 1954)
Philadelphia Stories für Orchester • UFO für Soloschlagzeug und Orchester

Philadelphia Stories (2001) für Orchester, meine dritte Sinfonie, entstand als Auftragswerk für das Philadelphia Orchestra. Die Welturaufführung durch das Philadelphia Orchestra unter der Leitung von David Zinman fand am 15. November 2001 in der Academy of Music in Philadelphia statt. Das Werk, eine Art Stadtrundfahrt durch die Klänge und Rhythmen Philadelphias, besteht aus drei Sätzen: der erste beginnt bei Sonnenuntergang, der zweite nach Mitternacht und der dritte bei Sonnenaufgang. In Sundown On South Street schildere ich die Bewegung der Menschenmenge auf einer der belebtesten Straßen der Stadt, bekannt für ihre Nachtclubs und Musiker aus allen Gesellschaftsschichten. Zu den Generationen von Musikern, die in Philadelphia lebten und diese Straße frequentierten, zählten Künstler wie Sun Ra, John Coltrane, Fabian, Mario Lanza und Patty LaBelle. In den 1980er Jahren gehörte ich zu den regelmäßigen Besuchern der Nachtclubs in der South Street mit Auftritten am Jazzklavier und mit experimenteller elektronischer Musik. Philadelphia war auch der Ort, wo Edgar Allan Poe The Tell-Tale Heart schrieb, eine seiner berühmtesten Gruselgeschichten. In seiner Lyrik beschwor Poe häufig den Klang von Instrumenten wie Laute und Lyra herauf, und so ist Tell-Tale Harp eine Arabeske für zwei Soloharfen und Orchester. Stereophonisch auf dem Podium platziert, spielen die beiden Harfenist(inn)en obsessive Rhythmen, rollende Akkordketten und gespenstische Echos in einer periodischen, pulsschlagartigen Folge. Um Poe zu zitieren, hören wir hier „Geister, die sich musikalisch nach dem wohlgestimmten Gesetz einer Laute bewegen“. In Bells for Stokowski stelle ich mir vor, wie Leopold Stokowski (1882-1977), einer der einflussreichsten und widersprüchlichsten Dirigenten und Arrangeure des zwanzigsten Jahrhunderts, bei Sonnenaufgang die Independence Hall besucht und den Klang der Freiheitsglocke und all der anderen Glocken in der Stadt widerhallen hört. Als Chefdirigent des Philadelphia Orchestra (1912-36) erregte er mit Welturaufführungen von Orchesterwerken eines Strawinsky und Varèse Aufsehen und schockierte Musikpuristen mit seinen klangopulenten Orchestertranskriptionen von Werken J.S. Bachs. In meiner Hommage à Stokowski habe ich ein Originalthema im Stile Bachs komponiert, das durch eine Reihe von tonalen und atonalen Variationen in meiner eigenen Musiksprache moduliert wird. Später folgt auch meine eigene Transkription von Bachs CDur- Präludium aus dem Wohltemperierten Klavier. In der Coda erinnere ich an den berühmten, übertriebenen „Stokowski-Sound“, indem ich das Orchester wie eine gewaltige, dröhnende Orgel klingen lasse.

UFO (1999) für Soloschlagzeug und Orchester wurde von sog. nichtidentifizierten fliegenden Objekten und Klängen inspiriert. Das für Evelyn Glennie geschriebene Konzert entstand als Auftragswerk für das National Symphony Orchestra, unterstützt durch Fördermittel des John and June Hechinger Commissioning Fund. Die Uraufführung am 10. April 1999 im Kennedy Center in Washington D.C. spielten Evelyn Glennie (Schlagzeug) und das National Symphony Orchestra unter der Leitung von Leonard Slatkin. Das Konzert beginnt mit Traveling Music, wo der Schlagzeugsolist, verkleidet als außerirdischens Wesen, zu dem Geräusch einer mechanischen Sirene geheimnisvoll im Konzertsaal auftaucht. Der zweite Satz, Unidentified, erinnert an den berühmten UFOCrash 1947 in Roswell, New Mexico, als riesige, unidentifizierbare Metallteile in der Wüste entdeckt wurden und vom US-Militär zur „Area 51“ in Nevada geschafft wurden, deren geheime Basis als Aufbewahrungsort für unidentifizierte Objekte galt. Was geschah mit diesen verstreuten Metallteilen? Ihr Klang ist auf dem Konzertpodium zu hören, wenn der Schlagzeugsolist auf dem Xylophon und acht unidentifizierten Metallstücken spielt. In Flying, dem dritten Satz, hören wir das virtuose Spiel des Solisten auf Vibraphon und Becken, die im Raum schweben und im Licht schimmern wie fliegende Untertassen. Im vierten Satz glänzt der Solist mit improvisatorischen Fingerfertigkeitsübungen auf fremdartig klingenden Schlaginstrumenten, begleitet von einem Solo- Kontrafagott und der im Rang postierten Schlagzeugabteilung. Bei diesem Satz mit dem Titel ??? mag der Hörer sich fragen, ob es sich hier um das Sichten eines weiteren UFO handelt. Der letzte Satz mit seinen pulsierenden 5/4-Rhythmen trägt den Titel Objects. Blitzschnelles virtuoses Trommeln des Solisten lässt die Illusion von äußeren Insignien und innerer Maschinerie eines fein abgestimmten außerirdischen Flugkörpers entstehen.

Michael Daugherty

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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