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8.559167 - TORKE: Rapture / An American Abroad / Jasper
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Michael Torke (geb.1961)
Rapture – Schlagzeugkonzert • An American Abroad • Jasper

 

Die hier aufgenommenen Werke entstanden zwischen 1998 und 2001. Alle drei sind für Orchester geschrieben, mithin für ein Medium, das immer teurer und unerschwinglicher wird, dem Komponisten aber die größten dramatischen und farblichen Möglichkeiten bietet. Als Associate Composer des Royal Scottish National Orchestra war ich allerdings in der Lage, die vorliegenden Werke zu schreiben und aufnehmen zu lassen. Während die Tonträgerfirmen Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre gern große Summen für Aufnahmen und Vertrieb neuer Musik ausgaben, ist es heute kaum mehr möglich, derartige Projekte zu realisieren.

Musik und Theater spielen sich in der Zeit ab. Anders als in der Malerei, die der Betrachter in einem Augenblick erfassen kann, bedarf die Musik der Zeit, um sich entfalten zu können. Sie füllt die Zeit aus und ist andererseits der Sklave der Zeit, wenn sie sich manifestieren will. Während nun aber das Theater wirkungsvolle Geschichten erzählt, kann die Musik die Zeit in einen Schwebezustand versetzen, kann sie uns Zeit vergessen lassen. Eine Erzählung führt uns von A nach B und läßt uns C erwarten. Die rituellen Möglichkeiten der Musik können auf das erzählerische Element verzichten und uns Puls und Duft meditativer Ekstase vermitteln. Mögen die Melodien und Rhythmen der drei Kompositionen An American Abroad, Rapture und Jasper auch "ausgerichtet" klingen, da uns das vordergründige Hörerlebnis von einem Punkt zum nächsten zu tragen scheint, so drückt die Musik insgesamt jedoch eine Feier ihrer selbst aus, einen ununterbrochenen Schwebezustand um ihrer selbst willen.

In seinem späten surrealistischen Gedicht News for a Delphic Oracle beschreibt W.B.Yeats einen mythischen Zustand sexueller Transzendenz. Eine Art von Entzücken: ... Diese Unschuldigen beleben ihren Tod ... Tanzen durch überkommene Muster ... Die brutalen Trommelschläge könnte man als Gewalttätigkeit verstehen, doch wenn sie sich organisieren und eindringlich werden, dann zeigt sich allmählich eine rituelle Wirkung und ein Hingerissensein, in dem sich Religiöses und Sexuelles vereinen. Die Entdeckung dieser Art von Transzendenz hat mich in dem Schlagzeugkonzert Rapture interessiert. Wenn Yeats schreibt: ... Von den Mauern der Berge, von da, wo Pans Höhle ist, fällt unerträgliche Musik hinab - dann charakterisiert er diesen Zustand der Verklärung als "übervoll", "überfließend", "überwältigend". So viel nämlich ist zu tragen, dass wir uns nur dem Entzücken unterwerfen können. Die Rhythmen, die Colin Currie in Rapture spielt (der mir übrigens bei der Komposition des Stückes eine außerordentliche Hilfe war) - diese Rhythmen werden im wahrsten Sinne des Wortes von Tönen beschattet, die verschiedenen Orchester-mitgliedern zugewiesen sind. Während sich die Schlagzeugrhythmen entwickeln, verstehen wir also, wohin diese Schläge gehen werden, denn die Töne, die ihnen zugeordnet sind, stellen gewissermaßen die Richtungsfähnchen dar. Am Ende jedoch erleben wir nur noch, wie es sich anfühlt, in ein Ritual einzutauchen, aufgefordert zu sein, sich der Musik hinzugeben und dabei ein Gefühl der Versenkung zu erfahren.

An American Abroad verwendet Themen und Melodien, die so klingen, als ob der Zuhörer auf einer Reise wäre. Wir hören die natürliche Naivität, das Staunen und die Neugier, mit der ein Amerikaner eine Auslandsreise empfinden könnte. Es wäre vielleicht ein transformativer Weg von A nach B zu erwarten - oder gar ein weiteres Voranschreiten bis zum Punkt C. Doch das Endergebnis ist für den Hörer mehr ein Kompositum von Eindrücken, ein Reisetagebuch, eine Dia-Vortrag ... Es ist das Vergnügen und die Melancholie einer Romanze, die immer noch klingt und die wir vielleicht nur ungern vergessen.

Jasper verwendet eine Melodie mit dem auffallenden Merkmal, dass jeder Ton der diatonischen Leiter nur einmal vorkommt. (Zum Beispiel ergeben alle weißen Tasten des Klaviers die diatonische C-Dur-Tonleiter.) Diese Melodie wird nun Permutationen und Variationen unterworfen - beinahe so, als probierte man in einem Bekleidungsgeschäft verschiedene Gewänder an. Was wir erleben, ist ein Schwebezustand der Melodie, die immer neuen Wandlungen, Beugungen und anderen Impulsen ausgesetzt ist, ein Baldachin aus Zweigen, dessen Schatten wir lieben, der aber nie den Himmel erreicht.

Michael Torke
Übersetzung: Cris Posslac

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Der Komponist

Das Magazin Gramophone rechnet die Werke von Michael Torke zur "optimistischsten, vergnüglichsten und erbaulichsten Musik, die in den letzten Jahren geschrieben wurde". Michael Torke ist ein "vitaler, einfallsreicher Komponist" (Financial Times) und "meisterhafter Orchestrator, dessen schimmernde Palette von Timbres ihn zum Ravel seiner Generation macht" (New York Times) - und er hat mittlerweile praktisch jedes musikalische Genre mit substantiellen Werken bereichert. Jede seiner Kompositionen trägt einen unverwechselbaren persönlichen Stempel, der sich durch die Kombination rastloser rhythmischer Energie und hinreißend schöner Melodien beschreiben läßt. Zu seinen jüngsten Projekten gehören: eine Millennium-Symphonie, die von Michael Eisner und der Walt Disney Company in Auftrag gegeben und unter Kurt Masur von den New Yorker Philharmonikern uraufgeführt wurde; die zusammen mit A.R. Gurney für Great Performances und die New York City Opera geschriebene Trilogie Central Park; und schließlich The Contract, ein abendfüllendes Ballett für James Kudelka und das National Ballet of Canada. Weitere Aufträge sind House of Mirth (wieder mit einem Libretto von A. R. Gurney) für die New York City Opera, ein neues Handlungsballett für das National Ballet of Canada nach The Italian Straw Hat und eine Musiktheater-Meditation über Marcel Carnés Children of Paradise für John Kelly & Co.


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