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8.559173 - HARBISON: Four Songs of Solitude / Variations / Twilight Music
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John Harbison (geb

John Harbison (geb.1938):

Variations • Four Songs of Solitude • Twilight Music

John Harbison ist einer der bedeutendsten Komponisten Amerikas. Zu seinen wichtigsten Werken gehören vier Streichquartette, drei Sinfonien, die Kantate The Flight into Egypt (Die Flucht nach Ägypten), für die er 1987 den Pulitzer-Preis erhielt, sowie drei Opern, darunter The Great Gatsby (Der große Gatsby), ein Auftragswerk der Metropolitan Opera, das im Dezember 1999 mit großem Erfolg uraufgeführt wurde. Harbisons Musik besticht durch außergewöhnlichen Einfallsreichtum und Vielfalt des musikalischen Ausdrucks. Er hat für alle denkbaren Besetzungen komponiert, von den größten bis zu den intimsten; in seinen Kompositionen lässt er sich vom Jazz ebenso inspirieren wie von den vorklassischen Formen eines Schütz und Bach, der reizvollen Tonalität eines Prokofjew und den strengen atonalen Techniken des späten Strawinsky. Harbison ist auch schriftstellerisch begabt. In seiner Studienzeit galt er als ein hervorragender Dichter, das Libretto zu Gatsby stammt von ihm selbst. Seine Erläuterungen und Kommentare zu Kunst und Handwerk des Komponierens werden sehr geschätzt, und bis heute ist es ihm eine wichtige Aufgabe geblieben, die vielfältigen Bedeutungen des zeitgenössischen Komponierens durch das gesprochene Wort zu vermitteln.

            Zu seinen neuesten Werken und Uraufführungen gehören Six American Painters (Sechs amerikanische Maler) in Fassungen für Flöten- und Oboenquartett sowie das Streichquartett Nr.4, das im Auftrag des Santa Fe Chamber Music Festivals, des La Jolla Chamber Music Festivals und des Caramoor Festivals für das Orion Quartet entstand. Für das Boston Symphony Orchestra komponierte er ein Requiem und Vier Psalmen (vollendet 1999), ein Auftragswerk des Israelischen Konsulats in Chicago zum 50. Jahrestag der Gründung des Staates Israel. Außerdem erlebte seine Oper The Great Gatsby in jüngster Vergangenheit bedeutende Neuinszenierungen an der Metropolitan Opera und an der Lyric Opera in Chicago.

            Harbison war composer-in-residence beim Pittsburgh Symphony Orchestra und beim Los Angeles Philharmonic Orchestra, bei den Musikfestivals in Tanglewood und Santa Fe sowie an der American Academy in Rom. Seine Musik wurde von den weltbesten Ensembles aufgeführt, und über dreißig seiner Kompositionen sind bei großen Labels auf Schallplatte erschienen. Als Dirigent hat Harbison mit zahlreichen renommierten Orchestern und Kammerensembles zusammengearbeitet. Mit dem St Paul Chamber Orchestra, dessen künstlerischer Leiter er von 1990 bis 1992 war, brachte er Werke von Monteverdi bis zur Gegenwart zur Aufführung. Harbison war Musikdirektor der Cantata Singers in Boston und hat viele weitere Ensembles dirigiert, darunter das Los Angeles Philharmonic Orchestra, das Boston Symphony Orchestra, das Scottish Chamber Orchestra und die Handel and Haydn Society. Viele Jahre war er ständiger Gastdirigent der Emmanuel Music in Boston und hat Aufführungen von Bach-Kantaten, Motetten des 17. Jahrhunderts und neuer Musik geleitet.

            John Harbison wurde am 20. Dezember 1938 in Orange, New Jersey, geboren. Er entstammt einem musikalischen Elternhaus und begann mit fünf Jahren, am Klavier zu improvisieren, mit zwölf Jahren gründete er eine Jazzband. Nach Abschluss seines Studiums an der Harvard University und an der Princeton University übernahm er eine Lehrtätigkeit am Massachusetts Institute of Technology, wo er im Jahre 1984 zum „Class of 1949 Professor of Music“ und im Jahre 1994 zum „Killian Award Lecturer“ (Ehrendozent) ernannt wurde. Er unterrichtete außerdem an der CalArts und der Boston University, im Jahre 1991 war er der „Mary Biddle Duke Lecturer in Music“ an der Duke University, gegenwärtig gehört er dem Lehrkörper des Aspen Music Festivals an. Harbison ist Träger vieler bedeutender Preise und Auszeichnungen, unter anderem erhielt er im Jahre 1980 den Friedheim First Prize des Kennedy Centers für sein Klavierkonzert, im Jahre 1989 ein MacArthur Fellowship und im Jahre 1998 den Heinz Award, gestiftet für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Künste und Geisteswissenschaften. Gemeinsam mit seiner Frau Rose Mary Harbison, für die er einen Großteil seiner Kompositionen für Geige geschrieben hat, veranstaltet er in seinem Landhaus in Wisconsin das Token Creek Music Festival. Harbison engagiert sich besonders für die Förderung junger Komponisten, er gehört dem Vorstand der American Academy in Rom, des Copland Fund (als Vorsitzender) und der Koussevitzky Foundation an und ist Jurymitglied der Fromm Foundation und der American Academy of Arts and Letters.

 

Variations • Four Songs of Solitude • Twilight Music

Die Variations, vollendet im Jahre 1982, entstanden im Auftrag von Frank Taplin für Rose Mary Harbison, David Satz und Ursula Oppens. Die erste Inspiration für das Stück war eine Statue der tanzenden kanaanitischen Göttin der Fruchtbarkeit. Ich begann eine Folge von Tänzen: Tanz des Geistes, Tanz des Körpers, Tanz der Seele und Derwisch-Finale. Daraus wurde eine Folge von Variationen, mit den gleichen vier Abschnitten. Die ersten drei Abschnitte bestehen aus jeweils fünf Variationen, der letzte Abschnitt ist eine Fuge mit anschließendem Epilog. Das Thema wird in der ersten Variation im Kanon gegen sich selbst vorgestellt, weitere fünf Kanons werden folgen, jeder in einem anderen zeitlichen Abstand. Der Hörer wird die klaren harmonischen Konturen bemerken, die im weiteren Verlauf des Stückes immer mehr an Flexibilität gewinnen. - Die „klassische“ Form der Variations hat sowohl die Interpreten als auch die Hörer zuweilen verführt zu glauben, sie befänden sich hier auf vertrautem Gelände; es hat sich jedoch gezeigt, dass sie schwierig und immer wieder eine Herausforderung sind.

            Die Four Songs of Solitude (Vier Lieder der Einsamkeit) für Violine solo entstanden im Sommer 1985 als ein Geschenk für meine Frau Rose Mary, die sie im darauf folgenden Winter uraufführte. Es sind Lieder, keine Sonaten oder Fugen. Das erste Lied kehrt oft zu seinem Anfangsgedanken zurück, um immer wieder einen anderen Weg zu gehen; der gleichbleibende lyrische Fluss wird durch eine Refrainmelodie ausbalanciert, die zweimal erscheint. Das zweite Lied beginnt mit einer volksliedartigen Melodie, die unmittelbar von einem kraftvolleren Gedanken, in einer Tonart einen halben Ton höher, beantwortet wird. Der Dialog zwischen diesen beiden Gedanken vereinigt sie schließlich. Das intensivste Stück ist das dritte Lied, dessen Melodie von großen Intervallen gekennzeichnet ist und zu immer kürzer und intimer werdenden Reflexionen über sich selbst führt. Das letzte Lied ist das virtuoseste und komplizierteste. Es geht von einem langsamen Mottogedanken aus, der häufig wiederkehrt, und beginnt einen Tanz mit einer ostinaten tiefen Stimme als Begleitung. Zweimal gerät das ganze auseinander, am Schluss jedoch gelingt es, eine wenn auch brüchige Verbindung wieder herzustellen. - „Einsam“ ist der Komponist, noch mehr aber der Interpret. Die Welt des Solisten ist wie die eines Langstreckenläufers, besonders bei so anspruchsvollen Stücken wie den vorliegenden. Das Werk wurde im Jahre 1985 an der Harvard University uraufgeführt.

            Die Twilight Music (Musik des Zwielichts) entstand unmittelbar nach meinem ersten Streichquartett. Diese beiden Kompositionen sind, als Reaktion auf die großen Orchesterwerke, die ich davor geschrieben habe, eher abstrakt und straff organisiert. Im Quartett wird das besonders deutlich, das vorliegende Stück verbirgt seinen abstrakten strukturellen Ansatz hinter einem wärmeren Äußeren. - Das Horn und die Violine haben wenig Gemeinsames, sie sind nur scheinbar miteinander zu vereinen. Wenn sie gleiches musikalisches Material teilen, dann in erster Linie um zu zeigen, wie unterschiedlich es jeweils zur Geltung kommt. In diesem Stück finden die beiden Instrumente am Anfang zwanglos zueinander, um am Ende eher förmlich auseinander zu gehen. Zwischenzeitlich folgen sie dem Klavier in ein Presto, das sich in die „zwielichtigen“ Halbtöne auflöst, die dem Stück seinen Namen gegeben hat. Der dritte Abschnitt, eine Antiphon, ist der Kern, der Ursprung der Intervalle, die den Charakter des Stückes ausmachen. Es ist die Art Musik, zu der ich mich immer wieder hingezogen fühle - alles scheint nach außen hin höchst einfach und vertraut, das Stück wirkt vollkommen mühelos, dennoch findet eine zielgerichtete, selbständige musikalische Auseinandersetzung statt. Das Bild der Trennung, das der Schlussabschnitt vermittelt, erwächst unmittelbar aus der Natur der Instrumente. Das Stück war ein Auftragswerk der Chamber Music Society des Lincoln Centers für die Interpreten David Jolley, James Buswell und Richard Goode.

 

John Harbison

Deutsche Fassung : Tilo Kittel


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