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8.559176 - EBERHARD: Piano Concerto / Prometheus Wept
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Dennis Eberhard (geb.1943) Shadow of The Swan (Piano Concerto) • Prometheus Wept

Vor einigen Jahren hatte ich die besondere Gelegenheit, die russische Pianistin Halida Dinova kennen zu lernen. Sie hatte gerade eine Einspielung von Skrjabin- Klavierwerken beendet und bat mich, ihr bei der Reihenfolge zu helfen, in der die Stücke auf der CD erscheinen sollten. Als ich mich nach acht Stunden intensiver Arbeit von ihr verabschiedete, war ich überwältigt von dieser Persönlichkeit. Halidas packende Interpretation von Skrjabins Musik, die ungeheure Gefühlstiefe und Sensibilität ihres Vortrags ließen mich nicht mehr los. Ich begann ihre Karriere zu verfolgen, und je öfter ich sie spielen hörte, umso mehr beeindruckte mich ihre Fähigkeit, die von ihr interpretierten Werke bis in die Tiefen auszuloten, sie in einer Weise lebendig werden zu lassen, wie ich es noch nie erlebt hatte. Auch als schöpferische Künstlerin, die meine eigenen musikalischen Wertvorstellungen und ästhetischen Auffassungen teilte, faszinierte sie mich, und so entstand die Idee, ein Stück für sie zu komponieren, das auf ihre ganz persönlichen Qualitäten zugeschnitten sein sollte. Ich entschied mich für ein Klavierkonzert.

Während der Arbeit am zweiten Satz hörte ich plötzlich die ersten Meldungen vom Unglück des russischen Unterseeboots Kursk. Zunächst die Hoffnung auf Rettung, dann die von Tag zu Tag schwindenden Aussichten, die heroischen internationalen Anstrengungen, die Männer zu befreien, und schließlich die ultimative Tragödie, der Tod aller einhundertachtzehn Marinesoldaten – das alles bewegte mich zutiefst, aber zugleich inspirierte es mich, indem mir bewusst wurde, dass meine Komposition unzertrennlich mit diesem tragischen Ereignis verbunden sein würde. Ich entschloss mich, das Klavierkonzert dem Andenken der bei diesem Unglück im August 2000 umgekommenen Besatzung zu widmen.

Unwillkürlich musste ich dabei an Jewgeni Jewtuschenkos ergreifendes Gedicht Babi Jar denken. Aus einem mir zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten Grund begann ich mich mit seiner Lyrik zu beschäftigen. Plötzlich entdeckte ich ein kurzes Gedicht mit dem Titel Requiem für Challenger. Ich war sprachlos. Diese Verse ließen vor meinen Augen die schockierenden Fernsehbilder der tragischen Explosion an jenem schicksalhaften Morgen des Jahres 1986 wiedererstehen. Besonders berührte mich die Ironie von Jewtuschenkos Metapher für diese gewaltige Explosion: „…dieser große weiße Schwan des Todes, entstanden aus dem letzten Atemzug von sieben verdunsteten Seelen…“ Unwillkürlich drängte sich mir eine Parallele zwischen diesem schrecklichen Ereignis und der Kursk-Katastrophe auf.

Seit Beginn meiner Arbeit an dem Konzert hatte ich nach einer Verbindungslinie zwischen unseren beiden Kulturen gesucht, die sich zu einem musikalischen Geflecht fügen würde, einer Art gemeinsamem Nenner. Diesen Bezug hatte ich nun also gefunden, der Kreis hatte sich auf traurige Weise geschlossen. Ein Stück, dessen Entstehung von einem Desaster russischer Technologie inspiriert wurde, betrachtet mit den Augen eines amerikanischen Komponisten, wird verknüpft mit der Erinnerung an ein Desaster amerikanischer Technologie, gesehen aus dem Blickwinkel eines russischen Dichters. Beide Ereignisse erschütterten die Welt. Das Bild eines großen weißen Schwans, dessen Schwingen sich explosionsartig in Rauch auflösen, und der zur Erde fällt wie die Kursk auf den Boden des Meeres, die Erinnerungen von soeben noch lebendigen Menschen mit sich reißend, ist erschütternd. Gleichzeitig erinnert es uns daran, dass sowohl das Leben als auch die Kunst ein Kontinuum darstellen. Wir Menschen sind nichts als ein Teil dieses Kontinuums. Wir leben, wir sterben, und doch bleiben wir lebendig im Gedächtnis derjenigen, die unser Schicksal bewegt hat. Diese beiden Katastrophen wurden inzwischen von den verheerenden Terroranschlägen des 11. September 2001 auf New York und Washington in den Schatten gestellt, die die Menschen aus aller Welt erschütterten und ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl, ein neues Empfinden des Mitleids füreinander erzeugten. Shadow of the Swan (Schatten des Schwans) ist eine Hommage an den unerschütterlichen menschlichen Geist. Nachdem ich von der Vereinigung „Performers and Artists for Nuclear Disarmament“ den Auftrag zu einem kurzen Stück für Streichorchester zum Gedenken an die Atombombenopfer von Hiroshima und Nagasaki erhalten hatte, begann ich nach einem Titel zu suchen, der die Gefühle ausdrücken würde, die ich mit diesem Ereignis verbinde. Merkwürdigerweise kam mir dabei die mythische Figur des Titanen Prometheus in den Sinn. Der griechische Tragiker Aischylos erzählt uns in seinem Drama Der gefesselte Prometheus, dass Zeus, der Herrscher über Himmel und Erde, mit dem von ihm erschaffenen Menschengeschlecht unzufrieden, sich entschließt, es zu vernichten und ein neues Geschlecht zu erschaffen. Prometheus, der erste der intelligenten Titanen, macht sich zum Anwalt des Menschengeschlechts; er trotzt Zeus, indem er den Menschen das Feuer vom Himmel holt. Ich stelle mir vor, wie Prometheus am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts zur Erde zurückkehrt – in der Erwartung, sich an den von den Menschen vollbrachten Wundern zu erfreuen. Stattdessen muss er erkennen, dass sie sein Geschenk bis ins Extreme pervertiert und es gegen sich selbst und die Erde eingesetzt haben. Ich stelle mir Prometheus’ tiefe Erschütterung, Trauer und Enttäuschung vor. Ich sehe, wie in seiner Reue eine Träne aus seinem Auge quillt.

[…] Kehrt ich mein verirrtes Auge Zur Sonne, als wenn drüber wär Ein Ohr, zu hören meine Klage, Ein Herz wie meins, Sich des Bedrängten zu erbarmen.

aus Goethes Prometheus

Bei der Uraufführung von Prometheus Wept (Prometheus weinte) im Jahr 1998 wurde dem Stück ein dramatisierter Gesang im russisch-orthodoxen Stil vorangestellt, gesungen vom Bassisten Michael McMurray. Nach einem Tschernobyl-Besuch im Jahr 1996 hatte McMurray diesen kurzen Gesang nach Texten aus der Offenbarung des Johannes zusammengestellt, um an die Nuklearkatastrophe in der Ukraine zu erinnern. Beginnend mit der Passage, in der die sieben Engel mit den sieben Posaunen vorgestellt werden, und endend mit der Erscheinung des Sterns, der den Namen Wermut trägt, beschreibt der Gesang das Ende der Welt. Interessanterweise wurde im Text der Name des Sterns durch das ukrainische Wort für Wermut, „Tschernobyl“, ersetzt, und damit der Bezug zum Schmelzen des Atomreaktors hergestellt. Die Wirkung der Gegenüberstellung dieser beiden Stücke war so groß, dass ich mich entschloss, in einer eigenen Fassung des Gesangs beide Stucke zu einem einzigen zu vereinigen. In dieser neuen Fassung ist der Text erweitert und enthalt die Unheilswarnung eines Engels an die Bewohner der Erde. Fur diesen Teil des Stucks existiert kein gedrucktes Notenmaterial. Der Bass beginnt auf seinem tiefsten Ton und singt in russischer Sprache im Stil der russisch-orthodoxen Liturgie, chromatisch ansteigend und endend auf seinem hochsten Ton. Obwohl einer der beiden Abschnitte auf einem biblischen Text basiert und der andere mythologischen Ursprungs ist, wird aus diesen scheinbar unvereinbaren Elementen eine machtigen Anklage gegen den sinnlosen Missbrauch atomarer Energie - eine Warnung an all jene, die noch immer bereit sind, mit dem Feuer spielen.

Dennis Eberhard
Deutsche Fassung: Bernd Delfs

Offenbarung des Johannes 8: 6-13 Und die sieben Engel mit den sieben Posaunen hatten sich gerustet, zu posaunen. Und der erste Engel posaunte: und es ward ein Hagel und Feuer, mit Blut gemengt, und fiel auf die Erde; und der dritte Teil der Baume verbrannte, und alles grune Gras verbrannte.

Und der andere Engel posaunte: und es fuhr wie ein groser Berg mit Feuer brennend ins Meer; und der dritte Teil des Meeres ward Blut, und der dritte Teil der lebendigen Kreaturen im Meer starben, und der dritte Teil der Schiffe wurden verderbt. Und der dritte Engel posaunte: und es fiel ein großer Stern vom Himmel, der brannte wie eine Fackel und fiel auf den dritten Teil der Wasserströme und über die Wasserbrunnen. Und der Name des Sterns heißt ‚Chernobyl’; und der dritte Teil der Wasser ward Wermut; und viele Menschen starben von den Wassern, weil sie waren so bitter geworden.

Und der vierte Engel posaunte: und es ward geschlagen der dritte Teil der Sonne und der dritte Teil des Mondes und der dritte Teil der Sterne, dass ihr dritter Teil verfinstert ward und der Tag den dritten Teil nicht schien und die Nacht desgleichen.

Da hörte ich einen Engel, der über allem schwebte, mit lauter Stimme rufen: „Weh! Weh! Wehe den Bewohnern der Erde!“


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