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8.559179 - FOSS: Works for Solo Piano (Complete)
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Lukas Foss (geb. 1922)
Sämtliche Klavierwerke

Im Jahr 1937 schrieb sich Lukas Foss, damals 15 Jahre alt und für sein Alter außerordentlich fortgeschritten, am damals noch sehr jungen Curtis Institute in Philadelphia ein. Doch nur weniges konnte für den jugendlichen Musiker wirklich neu sein, denn immerhin hatte er schon fast zehn Jahre lang komponiert. Foss erlebte aber auch die Katastrophen der Jahrhundertmitte am eigenen Leibe, denn seine Familie floh 1933 vor den Nazis. Zweifellos trug dies dazu bei, dass er ein weltgewandter, ungewöhnlich frühreifer Teenager wurde. Am Curtis Institute belegte er nicht nur Komposition, sondern auch Dirigieren und Klavier. Nach dem Abschluss mit 18 Jahren setzte er seine Dirigierstudien bei Koussevitzky in Tanglewood fort und ging nach Yale zu Paul Hindemith.

Foss war der jüngste Komponist, der jemals ein Guggenheim-Stipendium bekam. Er gewann den Rom- Preis, auch ein Fulbright-Stipendium, und fuhr bei alledem fort, hochrangige und zeitgemäße Stücke zu schreiben, vor allem das Zweite Klavierkonzert von 1951. Er trat die Erfolg versprechende Nachfolge Arnold Schönbergs als Professor für Musik an der University of California Los Angeles (UCLA) an. Wie sein Vorgänger beschäftigte auch er sich täglich mit der musikalischen Tradition und damit, wie man sie achten und zugleich überwinden kann.

Diese Sammlung strenger, peripatetischer Klavierstücke eröffnet einen Weg in die Gedankenwelt einer der hervorragendsten geistigen Größen Amerikas. Das Scherzo Ricercato von 1953 ist ein Stück, in dem sich Bachsche Strenge und jazzartige Einwürfe begegnen. In Foss’ Generation war die Beschäftigung mit dem Jazz – vor allem mit dessen rhythmischen Möglichkeiten – weit verbreitet. Leonard Bernstein ist der bekannteste Protagonist. Wir erleben hier den neuen Entwicklungen stets aufgeschlossenen Komponisten, wie er gleichsam etwas für sich selbst ausarbeitet. Diese erstaunliche sechsminütige „Fingerübung“ ist geprägt von fließender, an Bach gemahnender Musik, die gewissermaßen gegen wilde, rasende „Einmischungen“ ankämpft und zuweilen von diesen vereinnahmt wird.

1940 geschrieben, ist Foss’ Passacaglia ein langsames, nahezu leichtfüßiges Stück, das gleichwohl herberer Seiten nicht entbehrt. Wie im Scherzo Ricercato schaut Bach auch hier hinter jeder Note hervor, obgleich die Musik ganz und gar nicht nach ihm klingt, denn es gelingt dem Komponisten, seinem Vorbild zugleich die Ehre zu erweisen und sich ihm zu widersetzen. Statt sich – wie bei Pachelbels berühmtem Canon – auf rotierende harmonische Strukturen mit darauf gesetzten einfachen Figuren zu stützen, bewegt sich Foss geschickt in dem festgelegten formalen Rahmen und scheut dichte kontrapunktische Abschnitte nicht. Er offenbart nicht sogleich, was er zeigen will. Würde dem Hörer mit dem Titel nicht gesagt werden, dass es sich um eine Passacaglia handelte, könnte es sein, dass er es nicht erkennt.

Den Grotesque Dance schrieb Foss 1938 im Alter von erst 16 Jahren. Es ist dies eines jener Stücke, die er laut Legende in der New Yorker U-Bahn komponiert hat. Für unsere Ohren eignet diesem Stück überhaupt nichts Groteskes. Es duftet nach Prokofiev, wenn auch mit einem leichteren Touch. Zweifellos blieb ihm bei solch langen Fahrten nichts anderes übrig, als auch an Gershwin zu denken, dessen Stil im langsamen Mittelteil gegenwärtig ist. Dieses charmante kleine Stück genügt gleichwohl allen Ansprüchen, ganz zu schweigen davon, dass es ein Teenager geschrieben hat.

Als er 1947 etwas so auffallend tonales und schönes wie das Prelude in D schrieb, haben viele sicher die Nase gerümpft. Allein schon der Titel war ein Akt der Provokation. Foss’ Neigung zum leicht Zugänglichen ist in diesem wiederum von Bach inspirierten Stück offenkundig. Möglicherweise hat er an das Wohl-temperierte Klavier gedacht, bei dem jeder Fuge ein Präludium in derselben Tonart vorangestellt ist. Wie bei vielen anderen Werken mit diesem Titel stellt sich auch hier die – freilich fiktive – Frage: Präludium wozu?

Ein Jahr zuvor hatte Foss sein Fantasy Rondo komponiert, ein allein schon vom Titel her interessantes Stück. Die Fantasie als freieste aller Formen ist hier mit dem hoch strukturierten Rondo konfrontiert. Der Komponist lässt seiner Imagination innerhalb des vorgegebenen Rahmens freien Lauf , indem er eingängige Jazz-Harmonien über und zum Teil unter Bach-artigen motorischen Figuren fließen lässt. Wilde, zuckende Akkord-Einwürfe führen immer wieder zurück, obwohl es kaum genaue Wiederholungen gibt.

Als unmittelbare Hommage an Bach schrieb Foss – wiederum in der U-Bahn, wiederum mit 16 Jahren – eine Folge von vier Inventionen: kleine Fugen in zwei Teilen, jedoch freier, weniger streng organisiert als diese. Wie die Grotesque Dances sind dies keineswegs Jugendwerke, vielmehr ausgefeilte und bestechende Kompositionen. Die Introduction ist eine düstere und kantige – darin an Bartók erinnernde – Musik; das Allegretto ist etwas sachlicher und wird von motorischen Rhythmen vorangetrieben, obwohl es vom Charakter her wiederum eher einem bizarren Bartókschen Tanz als einer Bachschen Invention ähnelt. Das Tranquillo ma non mosso ist ein ruhiger Moment, es ist zugleich beruhigend und aufregend. Der letzte Satz, ein Molto vivace, ist nicht das Hochgeschwindig-keitsstück, das man erwarten könnte – obgleich es schnell ist –, wohl aber der am direktesten von Bach inspirierte Abschnitt des Werks, mit lebhaften Trillern und gutmütigem Humor, der zuweilen eine dunklere Färbung annimmt. So endet das virtuose Bravourstück.

For Lenny von 1988 ist ein andere Art von Tribut, diesmal für seinen engen Freund aus Curtis-Tagen, Leonard Bernstein. Hier spielt er mit New York, New York, einem Song aus dem Broadway-Musical On the Town über Seeleute, die 24 Stunden Landgang in New York City haben. Dieser Song ist ihr Lobgesang auf die große Stadt, in deren Schluchten sie eintauchen werden. Foss geht sorgfältig und liebevoll vor, vermeidet Plattitüden und bietet statt dessen eine ruhige, jedoch keineswegs eintönige Bearbeitung der berühmten Melodie.

Das eingespielte Programm endet mit Solo, einem jüngeren Werk von 1981, einer wahren Tour de force sowohl für den Pianisten als auch den Komponisten. Hier ringt Foss ganz unmittelbar mit der musikalischen Hauptströmung jener Zeit: dem Minimalismus. Sein Stück, rund dreizehn repetetive Minuten lang, bewerkstelligt dies auf ganz eigene Weise, indem er die motorischen Vorstellungen Bachs über die motorischen Ideen von, sagen wir, Reich oder Glass schichtet. Solo ist jedoch mehr als ein „ausgewalztes“ Fugato – es ist ein wahres Stück Minimalismus, hier im Geiste von Lukas Foss, dem Verehrer von Bach und Bartók.

Daniel Felsenfeld
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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