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8.559190 - FELDMAN: String Quartet
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Morton Feldman (1926–1987)
Streichquartett (1979)

Morton Feldmans Streichquartett (1979) entstand nach einem Jahrzehnt, in dem der Komponist immer neue Werke für Orchester geschaffen hatte. In den elf Jahren vor dem Quartett brachte er fünfzehn Orchesterstücke zu Papier – von On Time and the Instrumental Factor (1969) bis zu Violin and Orchestra (1979). In den nächsten acht Jahren entstanden nur drei Orchesterwerke: The Turfan Fragments (1980), Coptic Light (1986) und For Samuel Beckett (1987). Beginnend mit seinem Streichquartett, widmete sich Feldman fortan fast ausschließlich der Kammermusik und insbesondere dem langen Stück. Dieser Wandel vollzog sich freilich nicht ohne alle Ungewissheit.

Das Streichquartett wurde am 4. Mai 1980 vom Columbia Quartet am Drawing Center von New York City uraufgeführt. Aufgrund der damaligen Aufführungsdauer von über anderthalb Stunden erhielt das Werk den Spitznamen „100 Minuten“, unter dem man es seither kennt. Einen Monat später kam es beim Buffalo Festival zu einer weiteren Aufführung durch dasselbe Ensemble. Damals war Feldman anscheinend unsicher, denn als nächstes schuf er drei Werke von mehr oder weniger konventioneller Länge. Erst nachdem das Quartett beinahe ein Jahr später auch an der Westküste seine Premiere erlebt hatte, wandte sich der Komponist wieder der Auseinandersetzung mit dem langen Stück zu. Kurz danach vollendete er die mehr als 70minütige Untitled Composition für Violoncello und Klavier, und endlich veranlasste ihn der Erfolg der Triadic Memories für Klavier (datiert auf den 23. Juli 1981), sich ganz dieser neuen Richtung zu widmen.

Da Feldman sehr wohl wusste, wie umstritten die Spieldauer des Quartetts bei seiner Uraufführung im Vorjahr gewesen war, begann er 1981 seine CalArts- Vorlesung damit, die Länge einer Minute zur Diskussion zu stellen. Fazit seiner Ausführungen war, dass selbst eine Minute eine sehr lange Zeit sein kann. Eigentlich hatte das Thema jenes Nachmittags die Zwölftontechnik in Varèses Déserts sein sollen. Doch Feldman nutzte die Gelegenheit, um einige Einblicke in seine Musik zu geben. Er charakterisierte das Streichquartett als die natürliche Konsequenz seiner bisherigen Arbeit:

“Mel Powell benutzte neulich in seinem Vortrag einen Begriff, der für mich sehr wichtig ist. Dieser Begriff heißt ,Strategie’ ... Ich mag Dingen keinen Namen geben. Das ist meine kompositorische Strategie: Ich mag Dingen keinen Namen geben. Habe ich eine Wiederholung, nenne ich sie nicht Wiederholung. Sie sieht aus wie eine Wiederholung, aber sie klingt nicht wie eine Wiederholung ...

Ich ließe nie einen meiner Studenten ein Wiederholungszeichen einfügen. Ich würde ihm sagen: ,Es passiert etwas. Was ist, wenn du’s dir anders überlegen willst?’

Ich schreibe wie ein Idiot ab. Bis ich endlich einen Doppelstrich einfüge und einfach fünfzehnmal, siebenmal, neunmal schreibe. Doch selbst das wurde ein großes Zugeständnis. Es war wirklich ein Zugeständnis an meine Augen, weil ich meine eigene Musik abschreiben will ...

Ich nenne Dinge also nicht beim Namen, weil ich Dinge aus verschiedenen Gründen wiederhole ...

Wenn wir zum Beispiel die Frage stellten: ,Gibt es nicht einen gewissen Materialtyp, den man wiederholen kann und den man nicht wiederholen kann?’ ,Was ist wiederholbares Material?’ ,Du kannst nicht einfach wiederholen ...’

Was ich jetzt davon halte ist, dass ich einige Insekten auf einem Objektträger beobachte und einfach schaue, wie ich mich fühle ...

So hat das Streichquartett viel mit dieser Art des Beobachtens und Loslassens zu tun. Und der Grund für die Länge des Stücks ist, dass ich mich auf gefährliches Gebiet begebe. Ich lasse Dinge los ...“

Feldmans harmonische Sprache war damals chromatisch. Zum Teil war sie durch seine Hochachtung und Bewunderung für Anton Weberns Musik beeinflusst. Feldman ordnet die chromatische Leiter nicht nach strengen seriellen Prozeduren. Vielmehr beginnt er mit einer chromatischen Untermenge, die er als grundlegendes Material verwendet. Üblicherweise arbeitet er mit Gruppen von drei bis acht Tönen (eine dreitönige chromatische Sequenz wie cis-d-es dient ihm als elementarster Baustein). Von diesen Tonhöhengruppierungen ausgehend, realisiert er durch Orchestrierung, Registrierung oder die Gestaltung rhythmischer Muster eine musikalische Idee. Das Ergebnis ist ein erkennbares musikalisches Modul, das während des Stückes an verschiedenen Punkten wieder auftauchen kann. Mit jeder Wiederkehr verändert sich das Material – bisweilen subtil wie etwa dann, wenn eine Cellofigur anschließend von der Violine in derselben Oktave gespielt wird. Diese Form verwendet Module zur Konstruktion und ist offensichtlich Strawinsky verpflichtet, gleichermaßen aber auch den graphischen Partituren, die er in den fünfziger Jahren auf Gitternetzen komponierte.

Eine Bemerkung zu den Tempi: Normalerweise enthalten die Partituren aus Feldmans letzter Schaffensperiode die Tempoangabe Viertel = 63 - 66. Damit ist ein langsames, gleichwohl ein wenig bewegtes Tempo bezeichnet. In der Praxis hatte er generell nichts dagegen, wenn der oder die Ausführende(n) ein langsameres Tempo nahmen. So war er mit einer Aufführung der Triadic Memories, die über eine Stunde dauerte, ebenso glücklich wie mit einer solchen von beinahe zwei Stunden. Seine Tempoangaben wurden sozusagen die maximale Begrenzung der Interpretation. Damit ist nun nicht gesagt, dass es für die Langsamkeit eines Feldmanschen Werkes nicht auch Grenzen gäbe: Ihm war daran gelegen, ein Stück zu schaffen, dass sich allmählich entfaltete und die Wahrnehmung der Zeit verzerrte. Ein zu langsames Tempo kann genau das Gegenteil bewirken, weil jede Komponente einer musikalischen Geste dann zu einem Großereignis wird.

Charakteristisch für Feldmans späte Klangwelt ist die durchweg geringe Lautstärke und die Bevorzugung von Instrumenten mit einer einfachen Obertonstruktur wie Flöte, Celesta, Vibraphon. Verwendet er Streicher, so geschieht dies oft mit Dämpfern, um die komplexen Obertonstrukturen dieser Instrumente zu vermindern. Das String Quartet wird durchweg sordiniert gespielt und erhält so den einzigartigen Streichquartettklang, der in dieser Aufnahme zu hören ist.

Douglas Cohen
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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