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8.559197 - SEEGER: Vocal, Chamber and Instrumental Works
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Ruth Crawford Seeger (1901–1953)
Lieder und Kammermusik

Ruth Crawford, eine bemerkenswerte Pioniergestalt der amerikanischen Moderne, wurde 1901 in East Liverpool, Ohio, als Tochter und Enkelin einer Familie von Geistlichen geboren. Ihre frühen Jahre verbrachte sie an verschiedenen Orten, bis sie in Jacksonville, Florida, sesshaft wurde. Hier erhielt sie ihre seriöse musikalische Ausbildung, und hier begann sie auch ihre Tätigkeit als Klavierlehrerin. 1921 lernte sie das prachtvolle kulturelle Klima von Chicago kennen, als sie zur Fortsetzung ihrer Kompositionsstudien ans American Conservatory ging. Ihr Lehrer war hier der aus Deutschland stammende Komponist und Geiger Adolf Weidig, der ihre unkonventionellen Experimente förderte. Von großem Einfluss war auch ihre Klavierlehrerin, die charismatische Djane Lavoie Herz, eine vielseitig interessierte und gebildete Frau, die bei Artur Schnabel und Alexander Skrjabin studiert hatte. Die Familie Herz gab regelmäßig Soireen, zu denen auch prominente Intellektuelle und Musiker wie Henry Cowell und Dane Rudhyar kamen, die sich in besonderem Maße für Ruth Crawford interessieren sollten. Das Ehepaar Herz führte sie auch in die Theosophie und in das nicht-westliche Denken ein. Der später als Kritiker bekannt gewordene Alfred Frankenstein, ein weiterer Freund aus Chicago, machte die junge Crawford mit der jüngsten europäischen Musik bekannt und sorgte auch für eine Begegnung mit dem berühmten Dichter Carl Sandburg, der ein enger Freund wurde und ihre Passion für poetische Arbeit anregte. Im Laufe der Zeit hat Ruth Crawford viele Gedichte von Sandburg vertont.

1929 ging Ruth Crawford nach New York, nachdem sie dort und in Chicago schon erfolgreiche Aufführungen erlebt und Cowell ihre Piano Preludes in seiner New Music Edition publiziert hatte. Der unermüdliche Henry Cowell brachte seinen früheren Lehrer, den höchst intelligenten und originellen Komponisten und Musikethnologen Charles Seeger dazu, Crawford trotz seiner Skepsis als Schülerin anzunehmen. Und noch im selben Jahr erhielt sie als erste Frau ein Guggenheim-Stipendium für Komposition. Die Jahre 1930 und 1931 verbrachte sie hauptsächlich in Berlin. Weite Reisen brachten sie aber auch in Kontakt mit so bekannten Größen wie Alban Berg, Béla Bartók, Josef Matthias Hauer, Arthur Honegger, Albert Roussel und Nadia Boulanger, von denen sie durchweg freundlich aufgenommen wurde.

Wieder in den USA angekommen, heiratete Ruth Crawford ihren Lehrer Charles Seeger, und das Ehepaar ließ sich in New York nieder. 1933 wurde der Sohn Mike geboren, dem die Töchter Peggy, Barbara und Penelope folgten. (Der bekannte Folk-Sänger Pete Seeger, Charles’ Sohn aus erster Ehe, war zwölf Jahre alt, als Ruth und Charles heirateten.) Während der Depression hatten die Seegers kein leichtes Leben. Ihre intensive Auseinandersetzung mit dem Zustand der Gesellschaft führte sie zu linksgerichteten Aktivitäten wie dem Composers’ Collective, das sie organisieren halfen. Aus ihrem großen Interesse für die Folklore schufen sie zudem Volksliedsätze für die Kollektionen von John und Alan Lomax.

1935 übersiedelte die Familie nach Silver Spring, Maryland, in der nähe Washington D.C. In dieser Zeit war es Ruth Crawford praktisch unmöglich geworden, etwas zu komponieren, denn sie hatte für eine große Familie zu sorgen. Gleichwohl befasste sie sich mit musikalischen Projekten, die sich in überschaubaren Zeitabschnitten realisieren ließen. Gemeinsam mit Charles transkribierte sie Tausende von Feldaufnahmen aus dem Volkslied-archiv der Library of Congress; sie war als Klavier-lehrerin tätig, gab in verschiedenen Kindergärten Musikunterricht und schrieb ihre eigenen Volkslieder-bücher für Kinder, die bis heute populär sind. (Ihre Kinder Mike und Peggy wurden bekannte Folkmusiker.) Zwischen 1933 und den frühen fünfziger Jahren vollendete sie kein einziges Stück – mit Ausnahme ihres einzigen symphonischen Werkes, des kurzen, folkloristisch inspirierten Rissolty, Rossolty, das sie 1941 für die CBS schrieb, die es auch ausstrahlte. 1952 entstand ihre Suite für Bläserquintett für einen Wettbewerb, den sie gewann. Bald danach aber verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand rapide: im Sommer 1953 wurde eine Krebserkrankung diagnostiziert, und noch im selben Jahr fand ihr Leben ein tragisches Ende.

Ruth Crawford Seegers Schaffen zerfällt in zwei Phasen, die durch den Beginn ihrer Studien bei Charles Seeger im Jahre 1929 getrennt sind. Die frühesten ihrer reifen Werke entstanden um 1924. Sie zeigen im allgemeinen einen starken Einfluss der Nachromantik und des Impressionismus; in ihrer ruhelosen, zweideutigen Harmonik und ihrer mystischen Aura spürt man besonders die Musik von Alexander Skrjabin. Die langsamen Sätze sind oft düster und brütend, die schnellen hingegen enthalten eine Fülle überschwenglicher, quasi improvisatorisch verarbeiteter Themen.

Als ältestes ihrer größeren Werke ist hier die Sonata for Violin and Piano von 1925/26 zu hören, die eine dramatische Geschichte hat. Zwar war die Musik außerordentlich wohlwollend aufgenommen worden, doch in den frühen dreißiger Jahren verbrannte die Komponistin die Noten zusammen mit vielen ihrer Gedichte – womöglich, weil Charles ihren frühen Werken sehr kritisch gegenüberstand. Jahre später entdeckte ihre frühere Schülerin Vivian Fine, dass sie eine Kopie der Sonata hatte, der sie dann 1982 zu einer neuen „Premiere“ verhalf.

Die Suite for Five Wind Instruments and Piano entstand 1927 und wurde 1929 unter Charles Seegers Anleitung gründlich revidiert. Die Uraufführung fand im Rahmen eines Privatkonzertes mit ihren Werken statt, das ihre New Yorker Mäzenin Blanche Walton 1930 veran-staltete. Dann wurde sie lange Jahre nicht mehr gespielt, da man mit der Existenz der beiden Fassungen Probleme hatte. Erst 1975 fand die erste öffentliche Aufführung statt.

Als Ruth Crawford bei Charles Seeger zu arbeiten begann, wurde ihre Musik viel konzentrierter. Jeder Satz beschränkte sich fortan nur noch auf einen einzigen, gründlich durchgeführten Gedanken. Die Strukturen wurden schärfer gezeichnet, die Dissonanzen der musikalischen Linienführung kontrollierter, die Konzeptionen kühner. In dieser Zeit arbeitete sie mit Reihentechnik, Tonclustern, Sprechstimme, rhythmischer Unabhängigkeit der Stimmen, numerischer Ordnung, räumlich voneinander getrennten Gruppen und anderen experimentellen Verfahren.

Die vier Diaphonic Suites aus dem Jahre 1930 für Soli oder Duo-Kombinationen von Bläsern und Streichern sowie die Piano Study in Mixed Accents (1930) waren als Studien gedacht, mit denen die Technik langer, „dissonierender“ Melodielinien vervollkommnet werden sollte – in denen es also darum ging, die harmonische Spannung vom ersten bis zum letzten Ton ohne Auflösung durchzuhalten. Diese umfassende Beherrschung der Dissonanz und die Meisterschaft im Umgang mit großen Architekturen erreichten den Höhepunkt in den Three Songs (1930, 1932). Dieses wunderbare, originelle Werk wird von zwei unabhängigen Gruppen aufgeführt: einem „Concertante“ aus Stimme, Oboe, Schlagzeug und Klavier sowie einem „Ostinato“ aus dreizehn Spielern, die möglichst weit von den Solisten entfernt postiert sind. Zwar können die Lieder auch ohne Ostinato aufgeführt werden, doch verleiht dieses Ensemble ihnen eine prächtige, oft bizarre Dimension, die Sandburgs evokativen Gedichten entspricht.

Crawford Seegers letztes Werk vor der langen schöpferischen Unterbrechung waren die Two Ricercari: Sacco, Vanzetti und Chinaman, Laundryman (1932) für ein Konzert des Composers’ Collective. Die Texte behandeln das Elend ausgebeuteter Einwanderer und das berüchtigte Sacco-Vanzetti-Tribunal von 1921 (nach dem zwei weithin für unschuldig gehaltene Italo- Amerikaner hingerichtet wurden, weil sie bei einem Überfall einen Wachmann ermordet haben sollen). Zur Vermittlung des leidenschaftlichen Textes nutzte Crawford hier die Verbindung von Gesang und Sprechstimme (eine Kreuzung zwischen Singen und Sprechen, in der nur ein ungefährer melodischer Verlauf, keine spezifischen Tonhöhen angegeben werden).

Andere Hauptwerke von Crawford Seeger sind Nine Piano Preludes (1924-28), die Suite for Small Orchestra (1926), die Suite for Piano and Strings (l929), Five Songs (1929), Three Chants für Chor (1930), ihr großes, meisterhaftes String Quartet (1931), dann das bereits erwähnte Rissolty, Rossolty für Orchester (um 1941) und die Suite for Wind Quintet (1952). Jahrzehntelang war Ruth Crawford Seeger fast ausschließlich durch ihre späteren, avantgardistischen Kompositionen bekannt. In den letzten Jahren wurde eine größere Zahl ihrer früheren Werke veröffentlicht und aufgeführt, womit es möglich geworden ist, diese einzigartige Stimme der amerikanischen Musik neu zu bewerten und in größerem Umfang zu würdigen.

Cheryl Seltzer
© 2005 Continuum

Deutsche Fassung: Cris Posslac


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