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8.559198 - THOMSON, V.: Vocal and Chamber Works
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Virgil Thomson (1896–1989)
Vokal- und Kammermusik

Virgil Thomson wurde 1896 in Kansas City/Missouri in eine alte baptistische Farmerfamilie hineingeboren. Er behielt immer eine Liebe zum Land, dessen Traditionen allerdings nicht die übliche Wirkung auf ihn hatten: er schrieb dem scheinbar sanften Erbgut des mittleren Suedens Americas seinen „Hochmut und nicht zögerlichen Ungehorsam“ zu. Gerne führte er die Religion als Beispiel an: „Ich habe mich den Gläubigen gegenüber niemals unterlegen gefühlt, aber auch nicht überlegen; ich bin einfach keiner ... Die Bindungen, die in meiner Jugend geformt wurden, sind andere als zum Bibellesen oder zu Predigern. Sie gelten Musik, Geselligkeit und Gastfreundschaft.“

Auf den Militärdienst folgte Harvard. Eine Tour durch Europa mit dem Harvard Glee Club 1921 gab seinem Leben eine fortdauernde Wendung: er verliebte sich in Paris, jenen Kessel intellektueller Gärung aus einheimischen und im Ausland lebenden Künstlern, Poeten, Musikern und ihrem wohlhabenden Gefolge. Thomson verbrachte dort nahezu zwei Jahrzehnte und vermied es sorgfältig zu „arbeiten“, um sich weiter zu entwickeln. Ein Harvard-Stipendium, Auftragsarbeiten, etwas freier Journalismus und – vor allem anderen – Unterstützung seitens privater Förderer erhoben ihn gerade so über die Armutsgrenze und verliehen ihm den geistigen Glanz eines Bohemiens. Zu seinem Kreis gehörten James Joyce, Man Ray, Jean Cocteau, Pablo Picasso, Darius Milhaud, Aaron Copland und zahllose andere, die mit Ihrem Sinn für Stil und Humor die Kultur des 20. Jahrhunderts formten. Über allen thronte die gefeierte amerikanische Radikalpoetin Gertrude Stein, Thomsons untrennbare Gefährtin.

Thomsons zwei musikalische Fixpunkte waren die junge Nadia Boulanger, die die amerikanischen Studenten Musikanalyse und Komposition lehrte, und der unwiderstehliche Erik Satie – der er einmal traf – mit seinem respektlosen Witz und seiner Einfachheit. Auch genoß er die dadaistischen Predigten, dass alle künstlerischen Konventionen gleich gültig sind – oder gleich ungültig. Obwohl er kein wirklicher Dadaist war, schuf er doch seine eigenen Konventionen, indem er allen Bombast abwarf und Saties Ästhetik des sanften Humors entlieh. In seiner frühesten Musik brachte er ähnlich Milhaud, Poulenc und Satie Modernität, Klassizismus und Romantik in Einklang miteinander, allerdings mit einem vollkommen individuellen Klang.

Synthetic Waltzes (1925) ist ein charmantes Erbe jener Jahre, ein stilisierter Gesellschaftswalzer voll subtiler Ungezogenheit: so am Anfang und am Ende, wenn Thomson den Eindruck zweier gleichzeitig gehörter Walzertempi erweckt. Andere Werke aus dieser Zeit, besonders die Gertrude Stein- Liedvertonungen, vermitteln eine Launigkeit, der seither nichts an Reiz eingebüßt hat.

Während Freunde kamen und gingen, blieb Gertrude Stein immer da. Ihre erste Zusammenarbeit, die Oper Four Saints in Three Acts (Vier Heilige in drei Akten), machte Thomson bekannt. Während er in den frühen 1930er Jahren durch die Vereinigten Staaten reiste, um nach einer Aufführungsmöglichkeit für die Oper zu suchen, beschloss er nach Paris zurückzukehren, wo er sich frei von der deutsch-dominierten Musiktradition fühlte. Natürlich war die Epoche schicksalhaft: Depression, Arbeitsunterbrechungen und politische Zwietracht, die einem Bürgerkrieg nahe kam, ließen den alten Frohsinn der Stadt ersterben. Auch hatten – und dies ganz undramatisch – die wilden frühen zwanziger Jahre bereits einer Neoromantik Platz gemacht, die sich wieder dem „Gefühl“ zuwandte, weg vom „Objektivismus“ oder Surrealismus, der die unmittelbaren Nachkriegsjahre dominiert hatte. Dieser neoromantische Geist ist bestimmend für die Sonata for Violin and Piano (1930), wobei dieses Werk weder eine herkömmliche neoromantische noch überhaupt eine herkömmliche Sonate ist. Nahezu frei von Repetitionen, erkunden ihre fließenden Melodien ständig neues Territorium und kehren kaum einmal zu ihrem Ausgangspunkt zurück.

In den späten 1930er Jahren verließ die Mehrzahl der alten Gemeinschaft von Auswärtigen Paris; an ihre Stelle traten Flüchtlinge aus Spanien, Deutschland und Österreich. Thomson, Stein und einige andere blieben, von der gefährlichen Gärung vielleicht eher stimuliert als geängstigt. Und außerdem: wo konnte man schon soviel Spaß für so wenig Geld haben? Dann, im Juli 1940, eroberten die Nazis Frankreich, und es war Zeit zu gehen. In New York trat Thomson die Nachfolge von Lawrence Gilman als Musikritiker der Herald Tribune an, womit sein unkonventioneller Geist eine öffentliche Stimme bekam. Er gewann durch die Brillanz und Unverblümtheit seiner Essays eine zentrale Position in der amerikanischen literarischen Szene. Er fand neue amerikanische Freunde und rebellische Kollegen, besonders Lou Harrison und John Cage. Das Leben war fruchtbar, doch als Frankreich befreit wurde, brach Thomson nach Paris auf, um Gertrude Stein zu überzeugen, das Libretto für eine zweite Oper zu schreiben: The Mother of Us All.

Thomson verließ die Herald Tribune im Jahr 1954, um sich ganz auf das Komponieren zu konzentrieren. Zu den Werken dieser späteren Periode gehören die großartigen Thomas Campion-Vertonungen (1951) und zwei gegensätzliche Vokalwerke von 1963: Praises and Prayers und Two by Marianne Moore. Praises and Prayers entstand für Betty Allen, die Thomsons religiöse Musik sehr schätzte; seine Areligiosität verhinderte nicht, dass er auf religiöse Texte sehr ansprach. Statt den ganzen Stimmumfang der virtuosen Sängerin auszuschöpfen, beschränkte Thomson die Lieder auf die mittlere Lage, in der – wie er sagte – klare Aussprache und fließende Melodie jeder Stimme möglich seien. Innerhalb dieses begrenzten Umfangs von anderthalb Oktaven strebte er nach einer Freiheit der Linie und Feinheit des Ausdrucks, denen die sehr individuellen Klavierparts entsprechen. Einige sind romantisch, andere quasi-mittelalterlich, aber alle frisch im Klang. Diese wie so viele andere seiner Werke haben etwas kaum zu definierendes Amerikanisches, das vielleicht von der tiefen Identifikation des areligiösen Thomson mit der Musik der baptistischen Gemeinschaft, in der er aufgewachsen ist, herrührt und vom Folksong- und Tanzerbe des mittleren Westens Amerikas.

Den ersten Kontakt mit der großen amerikanischen Dichterin Marianne Moore hatte Thomson 1925, als sie ihn als Herausgeberin von The Dial aufforderte, Artikel über Paris zu schreiben. Moores Dichtung sprach wie schon die Gertrude Steins Thomsons Liebe zum reinen Klang der Worte an, auf den er die Aufmerksamkeit des Zuhörers dadurch lenkt, dass er diese in einfaches musikalisches Material implantiert.

Lord Byron, eine dritte Oper, beschäftigte ihn in den späten 1960er Jahren vor allem anderen. Von den späten 1970er Jahren an wurde Thomsons Schaffen weniger; eine Ausnahme bildete ein Thema, das ihn zeit seines Lebens faszinierte: die musikalischen Portraits seiner Freunde und Bekannten. Trotz zunehmender gesundheitlicher Probleme komponierte er sporadisch bis kurz vor seinem Tod am 30. September 1989.

© 2005 Continuum
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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