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8.559206 - SCHWANTNER: Sparrows / Music of Amber
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Joseph Schwantner (geb. 1943)
Sparrows • Soaring • Distant Runes and Incantations
Two Poems of Aguedo Pizarro • Music of Amber

 

Der amerikanische Komponist Joseph Schwantner (*1943), der am 22. März 2003 seinen 60. Geburtstag feiern konnte, zählt zu den erfolgreichsten und angesehensten lebenden Komponisten der USA. 1978 erhielt er für sein Orchesterwerk Aftertones of Infinity den Pulitzerpreis. Music of Amber für Kammerensemble erhielt zudem 1981 den 1. Preis des hochangesehenen „Kennedy Center Friedheim Award for excellence in chamber composition“.

Joseph Schwantners Musik ist geprägt von der Suche nach magischen und betörenden Klängen, daher auch der Name unseres Mottos „Delicate Sounds“, wobei er gerne von den Ausführenden immer wieder ungewöhnliche Effekte und Zusatzaufgaben fordert, so etwa Pfeifen, Singen oder das Bedienen von ungewöhnlichen Zusatzinstrumenten wie Kristallgläsern oder Crotalen. Unsere Auswahl an Kammerensemblewerken, dem Flötenstück und den beiden Klavierliedern stellt sinnliche, gelegentlich tonale, ja beinahe impressionistische Kompositionen vor, die von den Interpreten ein feines Gespür für Klangnuancen abverlangt.

Der große Erfolg unseres Konzertes im September 2000 mit seiner Music of Amber hat in uns den Wunsch reifen lassen, eine Porträt-CD aufzunehmen. Joseph Schwantner wurde 1943 in Chicago geboren und erhielt seine musikalische und akademische Ausbildung an dem Chicago Conservatory und der Northwestern University, an der er 1968 promoviert hat. Danach war er Mitglied der Fakultäten von Yale, Eastman und Julliard. Im Mai 2002 wurde er in die American Academy of Arts and Letters gewählt.

Schwantner war zuständiger Komponist für das Saint Louis Symphony Orchestra im Rahmen des Meet the Composer/Orchestra Residencies Program, das von der Exxon Corporation, der Rockefeller Foundation und dem National Endowment for the Arts gesponsert wurde. Über ihn wurde ein Dokumentarfilm mit dem Titel Soundings produziert.

Sein Werk weist neben zahlreichen Werken für Kammerensemble auch viele großdimensionierte Orchesterwerke auf. So haben viele namhaften großen amerikanischen Orchester sein Stücke regelmäßig auf dem Programm. Sein erfolgreichstes Stück wurde sein Concerto for Percussion and Orchestra, das auch von RCA auf CD veröffentlicht wurde.

Joseph Schwantners Musik zeichnet sich durch eine Klanglichkeit aus, die man schon nach wenigen Takten sofort identifizieren kann, so unverwechselbar ist seine musikalische Sprache. Sucht man nach wichtigen Einflüssen, so dürfen sicherlich drei Komponisten genannt werden:

George Crumb, vielleicht der wichtigste Einfluss für Schwantner, ebenfalls US-Amerikaner (*1929) der seit Anfang der 1960-er Jahre v.a. für seine raffinierten, feingezeichneten Kammerensemblewerke zu internationalen Ansehen gelangte, liebt, ebenso wie Schwantner, leuchtende Klänge und ungewöhnliche Klangeffekte. Auch bei ihm finden wir sehr häufig die Anweisung, das rechte Klavierpedal lange zu halten, um die Resonanzen ausschwingen zu lassen. Auch er bevorzugt mystische, symbolhafte Dichtung als Inspiration für Vokal- aber auch für Instrumentalwerke. Der angstfreie Umgang mit Tonalität aber auch der Atonalität zeichnet Crumb und Schwanter gleichsam aus.

Olivier Messiaens Musik ist durch eine Harmonik geprägt, die sehr konsequent ist, und der Farbe eines Klanges innerhalb eines bestimmten Formabschnitts unvergleichliche Aufmerksamkeit verleiht. Auch Schwantner sucht nach Klangsystemen, die seine Harmonik sehr bewusst steuern. Auch Messiaen verwendet v.a. in seiner Klaviermusik sehr oft die Diskantlagen, solche hellen, leuchtenden Klänge sind auch für Schwantner typisch. Trotz einer modernen Tonsprache hat Messiaen auf unvergleichliche Weise nie die Tonalität aufgegeben, sondern sie sehr individuell erweitert. Wir begegnen diesem Merkmal auch in Schwantners Musik ab den späten 70-er Jahren.

Claude Debussy befreite die Klänge aus den Fesseln der Funktionsharmonik und war somit der Wegbereiter solcher Komponisten wie Strawinsky, Bartók, Crumb oder eben auch Schwantner. Der Klang als wesensimmanentestes Merkmal ist ohne Debussys kompositorischen Beitrag undenkbar. Somit ist er der Begründer einer Musikästhetik, die v.a. von französischen und amerikanischen Komponisten weitergeführt wurde, nicht zuletzt durch die legendäre Kompositionsschule Nadia Boulangers.

Schwantners frühere Werke zeichnen sich zwar ebenfalls durch virtuose Instrumentationskunst und einen Sinn für Farben aus, haben aber noch nicht den unverwechselbaren Klang, den seine Musik ab Ende der 70-er Jahre auszeichnet.

In den auf dieser CD erklingenden Stücken gibt es bestimmte harmonische Prinzipien, die hier im folgenden kurz beschrieben werden sollen.

Schwantner liebt v.a. Gleichintervallakkorde : a) Am häufigsten begegnet man der „Kleinterzklanglichkeit“, das ist ein harmonisches Material, das aus zwei um (meistens) einen Ganzton versetzten verminderten Septakkorden zusammen-gesetzt ist. z.B.: c–es–fis–a–d–f–as–h. Eng damit verbunden ist eine Melodik, die sehr von Spannungsintervallen wie dem Tritonus, großer Septe, kleiner None geprägt ist. Schwantner liebt es dieses „Material“ patternhaft zu verwenden oft, im glitzernden Diskant. So ist Shadowinnower, das erste der Two Poems of Aguedo Pizarro und weite Teile von Music of Amber wesentlich hiervon geprägt.

b) „Großterzklanglichkeit“ prägen Soaring und ganz wesentlich Distant Runes and Incantations. Hier zwei typische Akkorde: f–a–cis–e–gis–c oder: es–g–h–d–f–a–cis–e. Dieser Klang hat wesentlich weniger Spannungspotential und ist weicher im Charakter.

c) „Quartklanglichkeit“ hören wir gelegentlich in Soaring, meistens wird sie mit einer recht aggressiven Geste verbunden. Die sperrigen Quarten sind für Schwantner dissonanter als die Terzen. Hier ein besonders schroffer Quartenschichtklang aus Soaring: es–as–des–d–g–c–cis–fis–h–c–f–b.

d) „Quintklanglichkeit“ ist bei Schwantner dann anzutreffen, wenn weiche, lyrische Stimmungen erreicht werden sollen. Paradebeispiel ist Black Anemones, das zweite der Two Poems of Aguedo Pizarro. Betrachten wir beispielsweise den ersten Klavierakkord: g–d–a–h–fis–cis.

Dieser Klang ist eindeutig als tonaler G-Durakkord zu verstehen, wozu sich die große Sept fis, die None a und die Undezime als „Obertöne“ gesellen. Eine weiche, impressionistische, ja nahezu sirenenhafte Sinnlichkeit prägt Schwantners „Quintklanglichkeit“.

(Schwantners eigene Kommentare zu seinen Stücken bzw. Fremdkommentare, die uns der Komponist zur Verfügung gestellt hat, werden in deutscher Übersetzung von Anja Bauer kursiv wiedergegeben.)

Joseph Schwantner komponierte Sparrows für das 20th Century Consort im Jahre 1979. Eine Auswahl von 15 Haiku (= Japanisches Gedicht mit drei Zeilen und siebzehn Silben) des japanischen Dichters Kobayashi Issa aus dem 18. Jahrhundert leiht Sparrows seinen Text. Statt die Ästhetik des Haiku mit seinen scharf umrissenen Bildern wiederzugeben, nimmt die Musik Schwantners die Bedeutung und den Charakter dieser naturalistischen und universalistischen Bilder in sich auf und stellt sie unter eine umfassend lyrische Musikalität. Dabei werden eine Reihe von Traumstadien gebildet. Diese Stadien reichen von üppigen Harmonien, herber Dissonanz, Überschwenglichkeit zu schließlich zarter Hoffnung. Schwantner schöpft freizügig aus völlig unterschiedlichen stilistischen Vorläufern, um die poetische Bildlichkeit darzustellen; der Hörer erkennt Anklänge an [irische?] Renaissancetänze und barocke Polyphonie. Bei dem Prozess, die kontrastierenden Musikstile mit der werkeigenen Kontinuität zu versöhnen, gelingt es Schwantner, sich diese Stile selbst anzueignen. Die Bandbreite an Atmosphären und Farben wird durch eine Besetzung erreicht, dessen akustische Möglichkeiten aufs äußerste und kreativste ausgeschöpft werden. Die Stimme wird von drei Instrumentengruppen unterstützt: Holzbläser, Streicher (einen Halbton tiefer gestimmt, um dem Gesamtklang einen besonderen vollen Ton beizufügen), und eine Kombination von Klavier, Harfe und Schlagzeug. Der Einsatz des Schlagzeugs wird durch die Streicher verstärkt, die mit dem Bogen über Crotalen (auch als Antike Cymbeln bezeichnet) streichen und damit einen Klang des Jenseits evozieren, der The River of Heaven begleitet. Die Instrumentalisten müssen außerdem an verschiedenen Schlüsselstellen im ganzen Stück verhalten singen. Dieser „Chor“ begleitet die Verweise auf die Spatzen am Textanfang und Textende: Beim ersten Mal entsteht durch den exotischen Effekt eine mysteriöse Stimmung drohender Gefahr, am Ende dagegen ist dieser Effekt bereits vertraut, ergreifend und schon beinahe beruhigend.

Soaring entstand 1986 und ist ein kurzer, hochvirtuoser Drahtseilakt für Flöte und Klavier. Gemäß dem Titel Soaring (in die Höhe strebend) fächert Schwantner mit Vorliebe Akkorde auf, die den typisch schwebenden Charakter dieses und vieler anderer Stücke ausmachen. Nervosität und Unrast sind omnipräsent. Drängende Tonrepetitionen beider Instrumente bereiten die letzte (Quarten-)Eruption vor. Das musikalische Material von Soaring diente als Ausgangssbasis für ein größeres Werk mit dem Titel A Play of Shadows (1990), eine Fantasie für Flöte und Kammerorchester.

Distant Runes and Incantations entstand 1984 als eine Art Klavierkonzert mit großem Orchester. 1987 verfasste Schwantner zusätzlich eine Zweitfassung für Kammerensemble.

Diese Fassung sieht neben dem Soloklavier, Flöte (auch Piccolo und Altflöte) Klarinette (auch Bassklarinette), Schlagzeug und Streichquartett vor.

Der Titel des Stückes ist dem Vers eines unabhängigen Gedichts entnommen und bildet dadurch einen poetischen Rückhalt für die Musik. Dies ist ein Verfahren, das ich „in verschiedenen Stücken angewendet habe, wie beispielsweise Aftertones of Infinity für Orchester (1978) und Music of Amber (1981). Obwohl das Stück nicht speziell program-matisch konzipiert ist, hat das Gedicht dennoch eine Quelle lebendiger außermusikalischer Bilder hervor-gebracht, die ständig durch die Entwicklung des Stückes hallten und dabei den Strom meiner musikalischen Ideen mitbewirkten und formten. Die Musik besteht aus einem einzelnen erweiterten Satz, in dem das Klavier einen kontinuierlichen Faden durch das Werk webt. Das Klavier hat sowohl die Haupt-verantwortung dafür, die einfachen musikalischen Elemente vorzustellen, als auch diese Elemente mit den anderen Instrumenten zu teilen, zu vermischen und zu vereinigen“.

Two Poems of Aguedo Pizarro wurde im Juli und August 1980 komponiert und ist das dritte von fünf Werken, die ich für die amerikanische Sopranistin Lucy Shelton geschrieben habe. […] Two Poems of Aguedo Pizarro wurde von Lucy Shelton und der Pianistin Margot Garrett am 25. November 1980 in der Alice Tully Hall im Lincoln Center in New York City uraufgeführt. Die Texte sind einer zweisprachigen Gedichtsammlung mit dem Titel Sombraventadora / Shadowinnower des amerikanischen Dichters Aguedo Pizarro entnommen. Während die ursprünglichen Gedichte auf Spanisch entstanden, verwendet dieses Werk die englische Fassung, die von einer Freundin des Dichters, Barbara Stoller Miller, angefertigt wurde. „Die surrealistischen Bilder und zauberhaft poetischen Landschaften, die die Gedichte hervorrufen, spiegeln die stimmlichen Qualitäten, die ich an Mrs. Shelton’s Gesang am bezauberndsten finde, und meine Antwort darauf ist ein Versuch, diese beiden unwiderstehlichen Welten zu vereinen“.

Die beiden Lieder sind sehr unterschiedlich: Shadowinnower ist ein eher aggressives, harmonisch gespanntes Lied, das aus verschiedenen Kleinteilen besteht. Hier finden wir v.a die „Kleinterzklänge“, die auch weite Teile seiner Music of Amber prägen, beide Stücke verwenden manchmal sogar das identische musikalische Material. Die Besonderheit des ersten Liedes ist (abgesehen vom Pfeifen, das Sängerin und Pianist an zwei Stellen ausführen) der sehr wirkungsvolle Einsatz von 4 Crotalen, die von der Sängerin gleichzeitig während gesungener Partien gespielt werden—eine sehr ungewöhnliche Herausforderung.

Black Anemones, das zweite der Lieder, bildet zum dramatischen und komplexen ersten einen großen Kontrast. Zum einen ist die Führung der Singstimme um einiges melodiöser, kantabler und eingängiger, zum anderen ist das ganze Lied harmonisch durch weiche obertonreiche Quintklänge bestimmt, die Schwantner auch in zwei Abschnitten von Sparrows schon für lyrische Stellen eingesetzt hat. Klangergebnis ist ein weicher, sehr romantischer, nostalgischer, ja schwärmerischer Charakter.

Music of Amber, das für das New York Music Ensemble komponiert und im Februar 1981 fertiggestellt wurde, ist besetzt für Flöte, Klarinette (auch Bassklarinette), Violine, Violoncello, Klavier und Schlagzeug.

Die Uraufführung von Music of Amber erfolgte am 10. April 1981 im Civic Center in Chicago. Im selben Jahr wurde das Werk mit dem 1. Preis des Kennedy Center Friedheim Award in der Kategorie „Instrumentale Kammermusik“ ausgezeichnet. Der erste Satz mit dem Untertitel „Wind Willow, Whisper“ wurde ursprünglich von der Fromm Music Foundation in Auftrag gegeben, um das zehnjährige Bestehen der „Da Capo Chamber Players“ zu feiern und wurde von ihnen im März 1980 in der Alice Tully Hall im Lincoln Center aufgeführt. Wegen der verhältnismäßig kurzen Dauer des Satzes wurde ein weiterer Satz hinzu komponiert und der erste Satz durch einen ausgedehnten Schlagzeugpart erweitert. Der zweite Satz mit dem Untertitel „Sanctuary“ stellt ein formales Gleichgewicht her, gleichzeitig entdeckt und entwickelt er musikalisches Material aus dem ersten Satz weiter. Das Werk ist dem amerikanischen Mäzen Paul Fromm gewidmet. Ein kurzes Gedicht steht vor jedem der beiden Sätze.


Klaus Simon

 

Diese CD wäre nicht möglich geworden ohne die Unterstützung von unseren Förderern und Gönnern Manfred Krunnies und Prof. Dr. Leonhard Illig, dem Kulturamt Freiburg, dem Regierungspräsidium Freiburg, Michael Weh, Anja Bauer, Marie-Josefin Meindl und Felix Dreher und vielen anderen, die unsere Arbeit seit Jahren unterstützen!


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