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8.559210 - STILL: Piano Music
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William Grant Still (1895-1978)
Klaviermusik

Der seit langem als der Doyen der afro-amerikanischen Komponisten bekannte William Grant Still wurde am 11. Mai 1895 in Woodville, Mississippi, als Sohn musikalischer und gebildeter Eltern geboren, die ihrerseits von Schwarzen, Indianern, Spaniern, Iren und Schotten abstammten. William war erst wenige Monate alt, als sein Vater starb und die Familie nach Little Rock, Arkansas, umzog. Hier begann die musikalische Ausbildung des Knaben: Er erhielt Geigenunterricht bei einem Privatlehrer, und sein Stiefvater kaufte ihm einen Stapel Read-Seal-Opernaufnahmen.

William Grant Still besuchte die Wilberforce University. Er leitete deren Band und erlernte das Spiel der Instrumente, die darin vertreten waren. Außerdem unternahm er seine ersten Orchestrierungs- und Kompositionsversuche. Seine anschließenden Studien am Oberlin Conservatory of Music finanzierte er zunächst durch das Erbe seines Vaters und später vermöge eines Stipendiums, das die Fakultät eigens für ihn eingerichtet hatte. Nach seinem Examen begann er als Orchestrator und Orchestermusiker zu arbeiten, wobei er vor allem als Geiger, Cellist und Oboist tätig war. Zu den legendären Musikern, für die er arbeitete, gehörten Paul Whiteman, Artie Shaw, Bing Crosby und Sophie Tucker. Einige Jahre arrangierte und dirigierte er die Deep River Hour bei CBS und WOR.

Später studierte er einige Zeit am New England Conservatory of Music. Außerdem ermöglichte ihm ein individuelles Stipendium die Ausbildung bei dem ultramodernen Komponisten Edgard Varèse. In den zwanziger Jahren trat Still erstmals als „seriöser” Komponist in Erscheinung. Er erhielt Guggenheim- und Rosenwald-Stipendien sowie etliche bedeutende Aufträge vom CBS, von der New Yorker Weltausstellung 1939/40, von Paul Whiteman, vom Komponistenverband, dem Cleveland Orchestra und anderen. Weitere Ehrungen waren unter anderem der Jubiläumspreis des Cincinnati Symphony Orchestra (1944), der Preis der Freedoms Foundation (1953) sowie ein Preis des U.S. Committee for the United Nations, des N.F.M.C. und des Aeolian Music Fund für sein Orchesterwerk The Peaceful Land, das 1961 als beste Komposition zu Ehren der Vereinten Nationen ausgezeichnet wurde.

Still erhielt unzählige Ehrengrade von der Howard University, dem Oberlin College, der Pepperdine University, dem Peabody Conservatory und anderen angesehenen Institutionen. Zudem wurde er seitens verschiedener Organisationen mit zahlreichen Auszeichnungen und Belobigungen bedacht, wozu die American Federation of Musicians und National Association of Negro Musicians sowie der Phi Beta Sigma George Washington Carver Award, der Richard Henry Lee Patriotism Award und eine Auszeichnung durch den Gouverneur von Arkansas gehörten. Gelegentlich unterrichtete er an verschiedenen Universitäten, und er war ein herausragendes Mitglied des Amerikanischen Komponisten-, Autoren- und Verleger-Verbands (ASCAP).

William Grant Still hat sich auf verschiedenste Weise hervorgetan. Unter anderem war er der erste Schwarze, der in den USA ein großes Symphonieorchester dirigierte (das Los Angeles Philharmonic in der Hollywood Bowl 1936) und der erste Farbige, der in New York City ein weißes Rundfunkorchester leitete. Zudem war er der erste Afro-Amerikaner, der mit einer Oper an einem großen Haus herauskam (Troubled Island im New Yorker City Center 1949) und von dem das nationale Fernsehen eine Oper übertrug. Er komponierte mehr als 150 Werke, darunter Opern, Ballette, Symphonien, Kammermusik, Sololieder und Volkslied-Arrangements sowie instrumentale und chorische Stücke.

Die hier eingespielten Klavierwerke sind echte Visionen des Lebens – genauer gesagt, Ansichten vom Leben und der Geschichte der Schwarzen in Amerika. Mit diesen Visionen beschreibt der Komponist die positive Art und den Weg eines mutigen Volkes von der Wiege der Zivilisation in Afrika hin zu einer glorreichen Zukunft in einem späteren Leben.

In Afrika gelten die dunkelhäutigen Völker als die ersten Menschen. Ihre Entwicklung begann vor drei Millionen Jahren. Sie gedeihen an einem romantischen Ort des Friedens, weil sie eine enge Beziehung zum Göttlichen haben. Millionen Jahre später wurden sie versklavt und in andere Gegenden verbracht, bis der Bürgerkrieg ihre körperliche Knechtschaft beendete. In den Trümmern der Deserted Plantation (Verlassenen Plantage), wo sie einst in Ketten schufteten, sehen sie ihre neue Freiheit: Sie danken dem Schöpfer und sind fähig, trotz aller Mühsal fröhlich zu tanzen, zu singen und Liebe zu finden.

In dem Jahrhundert nach dem Bürgerkrieg kämpfen die Farbigen um Anerkennung für ihre Fähigkeiten; sie bemühen sich, der Feindschaft mit jener Mischung aus Traurigkeit, Sehnsucht und Tapferkeit zu begegnen, die das Wesen des Blues ausmacht. Ihre Liebe zu Gott und zur Schöpfung hilft ihnen bei ihrem Kampf. Gott ist in ihren Augen eine milde und doch strenge Kraft des Lebens, die sich durch sieben unterschiedliche Charakteristika manifestiert. Diese Charakteristika vermögen die Menschenkinder nur undeutlich wahrzunehmen; sie sind in der Natur nur als Seven Traceries (Sieben Verzierungen) zu sehen. Der spirituelle Farbige begreift diese traceries oder Spuren des göttlichen Einflusses, und wie alles andere lässt sich auch dieses Bewusstsein für die Göttlichkeit am besten durch die Musik ausdrücken.

Schließlich sind die farbigen Amerikaner aufgrund ihrer intimen Beziehung zum Schöpfer nicht nur in der Lage, das irdische, sondern auch das Leben nach dem Tode zu begreifen. In seinen Three Visions erläutert William Grant Still, was mit dem Individuum ungeachtet seiner Hautfarbe geschieht, wenn seine Zeit auf Erden vorüber ist. Über alle wird gerichtet. Edle Menschen, die trotz aller Hindernisse und Bigotterie etwas leisten, werden im Reiche des Geistes gesegnet und veredelt. Am Ende der vorliegenden Aufnahmen gibt es dann für den stolzen, vollendeten Farbigen den Lohn und die Befreiung – und wir hören eine abschließende, triumphale Vision, die durch das unvergleichliche schöpferische Talent des afroamerikanischen Komponisten William Grant Still prachtvoll entwickelt und präsentiert wird.

Die Klaviersuite Three Visions schrieb Still für seine Frau Verna Arvey, die das Werk 1936 in Los Angeles uraufführte. Die drei Sätze Dark-Horsemen, Summerland, und Radiant Pinnacle erzählen davon, was der menschlichen Seele nach dem Tode geschieht: Der Körper stirbt, und die Seele gelangt vor ein apokalyptisches Gericht. Wenn sich herausstellt, dass das Leben gut war, kann die Seele in den „Himmel” eingehen – oder in das „Land des Sommers”. Nach einiger Weile kann sie einen neuen Körper annehmen, um auf der Ebene der Menschen weitere irdische Lektionen zu lernen. Einige Seelen tun das viele Male auf einer ständig fortschreitenden Kreisbahn, deren Ziel die göttliche Vollkommenheit ist.

Die sieben Tondichtungen der Suite Seven Traceries heißen Cloud Cradles, Mystic Pool, Muted Laughter, Out of the Silence, Woven Silver, Wailing Dawn und A Bit of Wit. Sie sind mystisch in ihrem Klang und ihrer Zielsetzung. Die Tochter des Komponisten meint, es handele sich dabei tatsächlich um sieben musikalische Bilder Gottes, die dem Hörer die „sieben Gesichter” der Gottheit vorstellen. Der Komponist beschreibt die verschiedenen Attribute der Höheren Macht mit den Begriffen einer Naturlandschaft. In Wolken, in Seen und in der aufgehenden Sonne erscheint Gott als Nährer, Lehrer und Freund des Humors, dann aber auch als strenger Befehlshaber, blendende Schönheit, inthronisierte Glorie und heiterer Beobachter. All diese Darstellungen werden durch William Grant Stills tiefe Ehrfurcht vor dem Bildhaften und dem Spirituellen miteinander verknüpft, und so entsteht aus den sieben kleinen Tonbildern eine einprägsame, tiefgründige Landschaft.

The Blues ist ein Segment aus Still-Arveys Ballett Lenox Avenue, das am 23. Mai 1937 erstmals im CBS zu hören war. Es ist eine sehr innerliche Musik, die von den harten Rhythmen und dem rollenden Bass aus dem New Yorker Harlem der zwanziger Jahre vorangetrieben wird. Es ist womöglich die denkwürdigste Darstellung des Neger-Idioms, die Still geschaffen hat.

A Deserted Plantation schrieb Still für das Orchester von Paul Whiteman, der das Werk am 15. Dezember 1933 am New Yorker Metropolitan Opera House uraufführte. Das Werk wurde durch Ausschnitte aus Paul Laurence Dunbars Gedicht The Deserted Plantation flankiert. Die hier eingespielte Version der Suite besteht aus dem Klavierpart der Orchesterfassung. Das schöne ist, dass die Musik auch auf dem Klavier die Farben und klanglichen Texturen des Originals bewahrt.

Den vorliegenden Klavierauszug des größer angelegten Orchesterwerkes Africa stellte Verna Arvey, die Frau des Komponisten, her. Die Originalversion für Orchester schrieb Still, als er in gewissem Maße von seinem Lehrer Edgard Varèse beeinflußt wurde. Das Werk wurde 1930 (in einer reduzierten Fassung) von der Barrère Little Symphony in New York uraufgeführt. Im selben Jahr wurde dann bei einem American Composers’ Concert in Rochester, New York, auch die vollständige Fassung vorgestellt. Später nahm der Komponist das Werk auseinander, um einzelne Teile in anderen Stücken zu verwenden.

Judith Anne Still © 2004
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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