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8.559220 - BRUBECK: Songs
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Dave Brubeck (geb. 1920)
Lieder

Die meisten von uns kennen nur einen der zwei Dave Brubecks – den Vater und die Ikone des „Cool Jazz“ von der Westküste und den Gründer des Dave Brubeck Quartet. Weniger bekannt ist hingegen jener Dave Brubeck, der bei Darius Milhaud (1892–1974) studierte, einem der Begründer der Six, der am Mills College unterrichtete, nachdem er vor den Nazis aus Frankreich geflohen war. „Milhaud war ein überragendes Genie“, sagt Brubeck. „Jeden Donnerstag hatte er offenes Haus, und er wollte, dass wir bei ihm Jamsessions hielten.“ Mit seinem Ballett La Création du monde (1923) war Milhaud einer der ersten Komponisten, die die Kluft zwischen Jazz und Konzertmusik überbrückten. Natürlich bekannte Dave Brubeck Farbe, nur dass eben im Laufe seiner gewaltigen Jazzkarriere der andere Aspekt seines musikalischen Schaffens in den Schatten gestellt wurde.

Von dem Jazzklassiker Strange Meadowlark bis zu den von der Dodekaphonie inspirierten Vertonungen von Langston Hughes’ Hold Fast to Dreams und dem Popsound des Once When I Was Very Young erkennt man die Fähigkeiten des Melodikers Dave Brubeck, dessen ausgeprägter Sinn für die klassische Beziehung zwischen Text und Musik in der gesamten Aufnahme deutlich wird. Neben eigenen Texten und jenen von Langston Hughes hat er gleichermaßen wirkungsvoll auch Worte von Iola Brubeck, mit der er seit 63 Jahren verheiratet ist, und dem gemeinsamen Sohn Michael vertont.

Bekanntlich beherrscht Dave Brubeck auf beeindruckende Weise disparate, einander denkbar unähnliche Stile. Hingegen dürfte weniger bekannt sein, dass er beispielsweise in So Lonely die Zwölftontechnik so meisterhaft nutzt, dass das Lied wie ein zarter, beseelter Jazzsong wirkt.

Ich bin Dave Brubeck erstmals am 11. April 2002, meinem Geburtstag, begegnet, und zwar bei einem Konzert an der University of the Pacific, bei dem ich Hold Fast to Dreams und Dream Keeper sang – ironischerweise in demselben Konzertsaal, in dem er Iola zum ersten Mal erblickt hatte. Nach dem Konzert fragte er mich: „War das ein Zwölftonsatz?“ Ich lachte nur und bemerkte, dass ich lange gebraucht hätte, um es zu lernen. Er antwortete nur mit einem schalkhaften Lächeln und einem Augenzwinkern. Das ist der echte Dave Brubeck – er liebt das Leben, die Musik und die Familie. Ungefähr eine Woche nach dem Konzert mündete ein stetiger Strom von Brubeck-Liedern in meinen Briefkasten, und die Idee für die vorliegende Aufnahme war geboren.

In dieser Aufnahme hören wir die Originalfassung des Dream Keeper, der bis dato nur als vierstimmiges Chorstück bekannt war. Ursprünglich hatte Dave den bewegenden und inspirierenden Text von Langston Hughes als Duett vertont. So Lonely beginnt mit der Singstimme allein, der sich dann das Klavier und eine zweite Stimme anschließen, wodurch endlich eine wunderbar ge-wundene, beinahe lebende Klangstruktur entsteht. Zusammen mit den ergreifenden Hughes- Texten scheint diese sich fließend entwickelnde Musik das Bild von Menschen zu beschwören, die zusammen und mit einem gemeinsamen Ziel durch die Welt gehen.

Im Zentrum der Aufnahme steht das unbegleitete Tao nach den Nichtigkeiten des Streitens aus Lao-tses Tao-te-king, der ältesten Schrift des buddhistischen Taoismus. Dave Brubeck schickte mir sein Manuskript mit der folgenden handschriftlichen Notiz: „Das liegt seit Jahrzehnten in meinem Haus herum, deshalb schicke ich es Ihnen. Sie können es im Duett mit Ihrer Frau singen, sie kann es singen, oder Sie können es singen. Sie können die Tonart ändern, wenn Sie wollen ... eine andere Möglichkeiten ... werfen Sie’s in den Müll!“ Überflüssig zu sagen, dass ich mich nicht für diese letztere Option entschied. Er nutzt die pentatonische Leiter des Ostens als Basis der einfachen und doch tiefsinnigen Worte. Der Tonumfang be-schränkt sich auf eine Oktave, innerhalb derer die steigende und fallende Vokallinie wie ein Spiegel der in der alten Schrift dargelegten Grundsätze erscheint.

Als Dave Brubeck Ende der fünfziger Jahre in Polen Konzerte gab, vertonte er Iolas There’ll Be No Tomorrow. Es behandelt die liebevollen und doch recht melancholischen Gefühle des Textes mit solcher Grazie und Schönheit, dass man als Hörer beinahe glücklich ist, traurig zu sein. Die beseelte, chopineske Einleitung ist von der Verzweiflung der Einsamkeit, der Sehnsucht und der Resignation durchzogen.

Diese Produktion zeigt Dave Brubeck auch auf der Höhe seiner schöpferischen Kraft als Improvisator. Die extemporierten Klavierbegleitungen sind so unterschiedlich, dass es oft schien, als brächte jeder Take eine neue Komposition. Während der Aufnahmesitzungen war ich häufig von seinen improvisierten Einleitungen und Übergängen so gefesselt, dass ich meine Einsätze vergaß. Einmal, als das passierte, sagte er mit diesem unnachahmlichen Augenzwinkern: „Keine Sorge, ich schau’ Sie an, wenn Sie dran sind.“

Mit seinen Jazzkompositionen hat Dave Brubeck große Berühmtheit und wohlverdienten Respekt erlangt. Seine traditionelleren Werke sind zwar weniger gut dokumentiert, doch gebührt ihnen keine geringere Wertschätzung. Sein solides und gründliches Verständnis traditionellerer Kompositionsstile tritt in den vorliegenden Langston Hughes-Vertonungen zutage. So zeigt Dream Dust/Hold Fast to Dreams trotz seiner syllabischen Schreibweise eine beinahe bellinische Melodieführung. Seine Verwendung der Zwölftontechnik schafft eine echte Einheit zwischen dem Text von Hughes und der prägnanten, sparsamen Begleitung. Nie wird die Deklamation der Worte deformiert, und das Lied endet, ohne dass sein Fluss je behindert worden wäre. Dem Komponisten gelingt ganz einfach ein wunderschöner Song, ohne dass er die Aufmerksamkeit darauf gelenkt hätte, wie ihm das gelungen ist. Bei seinem gesamten Wirken befolgte er den Rat seines Lehrers und Mentors Darius Milhaud: „Bleibe deinen Instinkten treu ... klinge, wie du bist.“

Diese Kollektion repräsentiert nur einen kleinen Ausschnitt aus Dave Brubecks Schaffen für Solostimme, zeigt aber ein breites musikalisches Spektrum, aus dem er seine kompositorische Sprache bezieht. Wie er selbst sagt: „Es gibt ein großes Spektrum an Musik, die man hört, in die man hineingeboren wird. Das alles spiegelt sich in deinen Improvisationen. Alles, was du in deinem Leben gehört hast, kann plötzlich in eine Improvisation hineingeraten“ – oder in einen Song ...

John David De Haan
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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