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8.559225 - MCKAY: Violin Concerto / Sinfonietta No. 4 / Song Over the Great Plains
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George Frederick McKay (1899-1970)
Violinkonzert • Suite on Sixteenth Century Hymn Tunes
Sinfonietta Nr. 4 • Song over the Great Plains

George Frederick McKay, bekannt als Doyen der Komponisten des amerikanischen Nordwestens und geachteter Professor für Musik an der Universität von Washington von 1927 bis 1968 – immerhin 41 Jahre! – wurde am 11. Juni 1899 in der kleinen Weizenfarmer- Gemeinde Harrington/Washington geboren. Seine Kindheit verbrachte er zum großen Teil in Spokane, wo sein Vater als Landvermesser für eine örtliche Bank arbeitete. Bereits in der High School begann er Orchesterwerke zu komponieren. Sein Vater war mit einer Musik-Karriere jedoch nicht einverstanden und legte ihm nahe, sich am Washington State College in Pullmann einzuschrieben, um einen kaufmännischen Abschluss zu erreichen. Davon gelangweilt, wechselte er zur Universität von Washington/Seattle und begann unter Carl Paige Wood ernsthaft Musik und Komposition zu studieren. Zwei Jahre später erlaubte ihm ein Stipendium, an der Eastman School of Music in Rochester/New York bei Christian Sindung und Selim Palmgren zu studieren, wo er seinen ersten akademischen Grad für Komposition errang. Seine ersten veröffentlichten Kompositionen entstanden in dieser Zeit.

Nach dem Abschluss in Eastman 1923 begann McKay eine Laufbahn als Lehrer mit Stationen in North Carolina, South Dakota, Missouri und schließlich an der Universität von Washington/Seattle, wo er dauerhaft eine Professur übernahm. Dort genoss er über vierzig Jahre lang hohes Ansehen als Lehrer, Komponist und führender Verfechter der amerikanischen Musik. Seine Werke wurden vielfach und unter bedeutenden Dirigenten aufgeführt und im Radio gesendet. McKay nahm im Laufe seines Lebens viele Ehrungen entgegen, darunter zweimal den Alchin-Lehrstuhl an der University of Southern California 1938/39. Er bekam wichtige Kompositionsaufträge von inländischen Orchestern und empfing Preise für Werke für Harfe, Holzbläser, Klavier und Orgel sowie symphonische Kompositionen. McKay war ein ebenso erfolgreicher Lehrer, wenn man an Schüler wie William Bolcom, Earl Robinson, John Cage und Goddard Lieberson denkt. Er starb 1970 in seiner Wohnung in Lake Tahoe/Nevada.

Im Jahr 1941 reichte McKay sein kurz zuvor komponiertes Violinkonzert bei der Heifetz Competition ein, die Jascha Heifetz und der Musikverleger Carl Fischer neu gegründet hatten. Um 1940 war McKay bereits ein geachteter Komponist mit vielen Aufführungen durch einige der bedeutendsten Musiker jener Zeit. Gleichwohl war seine Position an der Universität von Washington in Seattle weit von den musikalischen Zentren im Nordosten entfernt, so dass er noch immer als Künstler von eher lokaler Bedeutung angesehen wurde. McKay hoffte wie die anderen Teilnehmer, dass ein Erfolg seinem Werk breite, landesweite Publicity geben würde, die nur ein weltberühmter Künstler bewirken konnte. Obwohl McKays Werk eine ehrenvolle Erwähnung bekam und von Heifetz mit Lob bedacht wurde, verfehlte es den Hauptpreis, der Gail Kubiks 2. Violinkonzert verliehen wurde. McKays Konzert zeigt enge formale Verwandtschaft mit dem berühmten 1. Violinkonzert in g-Moll von Max Bruch: ein eher opernhafter erster Satz, ein inniger und poetischer langsamer Satz sowie ein rhythmisch lebhaftes Finale – alles ganz auf das Instrument zugeschnitten und außerordentlich virtuos. Wie bei Bruch handelt es sich um ein einsätziges Werk mit drei Abschnitten ganz im Sinne des romantischen Konzerts mit seiner Abfolge schnell – langsam – schnell. Anders jedoch als bei Bruch ist der erste Satz ein wirklicher Sonatensatz mit drei Themen. Der Charakter ist pathetisch und lyrisch. Er beginnt mit einer kurzen Einführung des ersten Themas durch das Orchester, worauf die Solovioline das zweite Thema, das Hauptthema, vorsteut. Nach einem rezitativartigen Zwischenspiel von Orchester und Solist erklingt das zauberhafte dritte Thema auf der Solovioline, unterlegt von wellenförmigen Triolen der Blasinstrumente. Der mittlere Abschnitt ist zugleich Durchführung und Kadenz. Danach gibt die Reprise durch das Wiederaufgreifen der Themen in umgekehrter Reihenfolge die Sonatenform des Satzes zu erkennen. Eine weitere Kadenz bildet die Brücke zum zweiten Satz. Dieser ist gleichsam das Herz des Konzerts. Die Solooboe spielt eine viertaktige Einleitung, die Violine folgt mit einer seelenvollen, folkartigen Melodie. Die Violine spinnt nun eine endlose Kantilene aus, bis die Bläser das Einleitungsthema neu formulieren. Darauf folgt eine eindrucksvolle, für Soloflöte und Solovioline gesetzte Passage, die McKays Naturliebe deutlich zum Ausdruck bringt. Zugleich vermittelt sie den nahtlosen Übergang in das Finale. Dieser dritte Satz bedient nun pures Virtuosentum. Sehr rhythmisch mit einem leicht jazzigen Anhauch, bilden zwei tänzerische Episoden in unregelmäßigen Metren einen gewissen Ausgleich. Der Satz endet triumphal nach einer zyklischen Wiederkehr des Hauptthemas aus dem ersten Satz in Verbindung mit dem Tanzmotiv.

Das Konzert ist Moritz Rosen gewidmet, einem Fakultätsmitglied an der Universität von Washington, und wurde im Herbst 1941 von dessen Sohne Kensley Rosen und dem University of Washington Symphony Orchestra unter Leitung des Komponisten uraufgeführt. Rosen führte es 1946 mit dem Seattle Philharmonic erneut auf und spielte es dann oft vor anderem Publikum mit Klavierbegleitung. Mit Orchester wurde das Konzert bis zu seinem triumphalen Revival durch Ilka Talvi und die Seattle Symphony im Jahr 2001 nicht mehr gespielt.

Die Suite on 16th Century Hymn Tunes basiert auf Psalmvertonungen des französischen Komponisten Louis Bourgeois (ca. 1510–1561). Bourgeois war Anhänger des Reformators Johannes Calvin (1509–1564); 1541 ging er nach Genf, wo er damit beauftragt wurde, den Genfer Psalter zu redigieren. Dafür offenbarte er großes Geschick und brachte einige nicht genehmigte Veränderungen in die Hymnen ein, weshalb er kurz inhaftiert wurde. Bourgeois kam auf Intervention Calvins wieder frei, der den Wert dieser hochmusikalischen Adaptionen erkannt hatte und sie für die Drucklegung des Psalters ausführen ließ. Nach der Veröffentlichung des Psalters kehrte er nach Frankreich zurück, wo man nach 1560 nichts mehr von ihm hört.

McKay komponierte seine Hommage an Bourgeois 1945 für Orgel und erstellte kurz darauf eine Fassung für Streichorchester. Letztere wurde 1946 bei einem Benefizkonzert für Flüchtlinge vor dem Spanischen Bürgerkrieg, das sechs Werke McKays unter seiner Leitung vorstellte, uraufgeführt. 1962 schrieb er das Werk für zwei Streichorchester um; diese Fassung erklingt auf vorliegender CD. Diese Fassung sieht den Part des zweiten Streichorchesters für junge Musiker vor; eine Celesta ergänzt wirkungsvoll den vierten Satz Choeur céleste. Vilem Sokol dirigierte die Seattle Youth Symphony mit über hundert Streichern bei der Premiere dieser Fassung im Jahr 1963. Die Partitur trägt die Widmung „In memory of Louis Bourgeois – 1510“.

Die Suite hat 5 Sätze, versehen mit den Psalmnummern des Genfer Psalters:

1  Méditation (Psalm 6: L’acccueil de Dieu)
2  Rondolet (Psalm 140 & 42:
    Les Commandements de Dieu)
3  Air varié (Psalm 107: Donnez au Seigneur Gloire)
4  Choeur céleste (Psalm 12: Donne secours)
5  Cortège joyeux (Psalm 118: Rendez à Dieu)

Die französischen Titel der einzelnen Sätze stammen von McKay und bezeichnen den Charakter der Musik. Méditation ist nachdenklich, Rondolet höfischverspielt. Air varié bietet vier phantasievolle Variationen eines einfachen Themas, während Choeur céleste einen himmlischen Chor evoziert. Cortège joyeux gleicht einem Aufbruch, wenn alle Gottesdienstbesucher nach dem Ende der Messe fröhlich nach draußen gehen. Mitunter variiert McKay die originalen Hymnen durch Veränderung des Rhythmus oder von Noten. Die Suite ist mit souveräner handwerklicher Meisterschaft zusammengestellt, und der Streichersatz ist erlesen.

McKay schrieb fünf Sinfoniettas, jede von ihnen mit neuen stilistischen Ansätzen, die in späteren Werken voll ausgeführt wurden. Die Sinfonietta Nr. 4 ist ganz gewiss eine bewusste Wegbereiter für die reine Symphonie, die er eines Tages schreiben wollte. Dieses Ziel erreichte er mit dem Auftrag für die Evocation Symphony 1951 (Naxos 8.559052). Das Studium der Entwicklung zeitgenössischer europäischer Musik hatte entscheidenden Einfluss auf seinen Spätstil – erstmals erkennbar an der Sinfonietta Nr. 4. Von der ersten Note an ist deutlich, dass McKays Ausdruck auf eine neue Strenge und Klarheit setzt. Die Motive sind kristallin geformt. Der Orchesterklang hat eine stählerngeschliffene Qualität angenommen und eine Kargheit, die in der Evocation Symphony voll verwirklicht werden sollte. Es gibt eine unaufhörliche Bewegung in Achteln, und die durchweg gedämpft gespielten Blasinstrumente dienen der Akzentuierung – ein Kennzeichen dieses Spätstils. Der erste Satz ist ziemlich gedrängt und präsentiert zwei Themen in der üblichen Abfolge ohne Durchführung. Der zweite Satz ist ein Poem im Westernstil, wie ihn McKay in der 1940er Jahren kultivierte. Das einsame Thema wird von Klarinette und Fagott vorgetragen und hat die Kontur eines Folksongs der amerikanischen Ureinwohner. Die grollende Kesselpauke vermittelt den Eindruck eines nahenden Gewitters mit dunklen Wolken am Horizont. Expressive Soli für Klarinette und Oboe leiten zu einem ruhelosen mittleren Abschnitt über, der zu einem Ausbruch des ganzen Orchesters führt. Die Themen des Beginns werden in veränderter Reihenfolge wieder aufgenommen, bis der Satz genau da endet, wo er begonnen hat. Das Finale ist in spielerischhumorvoller Weise geschrieben. Die Streicher tuscheln in Sechzehnteln unter den gleichsam hüpfenden und springenden Flöten und Klarinetten. Ein ernsteres Moment vermittelt eine Bläserfanfare. Ein zweites, mehr lyrisches Motiv wird von den Blasinstrumenten gespielt und von den Violen und Celli aufgenommen. Die Intervalle der beiden Themen werden mit einem neuen Thema kombiniert und in einer kurzen, intensiven Durchführung verarbeitet. Es folgt eine verkürzte Reprise, die einer freudigen Koda entgegeneilt, gekrönt von einem humorvollen Abschluss. Die Werks wurde am 13. November 1944 mit der Seattle Symphony unter Carl Bricken uraufgeführt und 1972 am Seattle Center Opera House als Teil des „Festival ’72“ neu belebt. Ein ganzer Tag war seinerzeit der Erinnerung an den Komponisten gewidmet.

Der Song Over the Great Plains ist eines der ersten reifen Werke McKays. Es geht auf einen Kompositionsauftrag zurück, den das Indianapolis Symphony Orchestra 1953 für ein Werk mit Klavier erteilt hatte, um das hundertjährige Gründungsjubiläum der Steinway Piano Company zu würdigen. McKay war einer von vier Komponisten, die dafür ausgewählt wurden; die anderen waren Leo Sowerby, Nicolai Berezowsky und Henry Cowell. Einer seiner frühen Lehraufträge hatte ihn in den 1920er Jahren in die Goldgräberstadt Lead/South Dakota geführt. Später erklärte er, dass das Werk auf dem Ruf einer Feldlerche beruhe, den er dort aufgezeichnet habe. McKay hat seinen Werken oft Erläuterungen beigegeben, und so vermerkt er im Autograph folgendes:

„Es ist Vorfrühling ... aber die Trostlosigkeit des Winters ist noch nicht ganz dem neuen Leben gewichen, das in den jungen Knospen und Zweigen schlummert. Plötzlich erschallt das Lied der Feldlerche über der brütenden Landschaft, und für einen Moment ist alles, was schön ist im Leben, im Geist und im Herzen gegenwärtig. ... Sing weiter froher Geist! ... erfülle den Himmel mit deiner unerschütterlichen Freude!“

Die hier beschriebene Stimmung wird sogleich deutlich durch schroffe, dissonante Bläser-Deklamationen über einem Pedalton. Im ganzen Werk spielt das konzertierende Klavier in den höheren Registern als Stimme der Feldlerche, deren bitonales Lied fortwährend über die anderen Instrumente aufsteigt. Ein magischer Moment entsteht, wenn die Flöte ein sanft absteigendes Arpeggio spielt, das zu einem prächtigen Thema des Englischhorns führt, gespielt über schimmernden Streichertremolos, als würde die große Leere der Plains erstmals zum Vorschein gebracht. Dies ist das Hauptthema des Werks. Obwohl original, erinnert seine Modalität an die Folkmusik des Westens, von der sich McKay oft inspirieren ließ. Flöten und Hörner erklingen, wenn die Musik aus ihrer Verträumtheit zu Unruhe und Erregtheit erwacht. Die Bläser spielen eine für McKay typische Fanfare, die den Tagesanbruch in den Plains verkündet. Harmonische Instabilität begleitet die Blasinstrumente, die das Eingangsmotiv wiederholen, bis der Ruf der Feldlerche zu einem tröstlichen und hoffnungsvollen Thema in D-Dur führt. Dieses Thema wird ausgeführt, bis das volle Orchester zu einer triumphalen Rekapitulation des Hauptthemas gelangt. Die Atmosphäre vergegenwärtigt die Majestät der Plains, ja sie wird geradezu ekstatisch, bis das Orchester all seine Energien in einen gewaltigen Höhepunkt einbringt, um dann zu verstummen. Eine kurze Überleitung führt zu einer ausgedehnten Kadenz des Soloklaviers – worauf das Werk im Pianissimo erstirbt. Song Over the Great Plains erlebte in den 1950er Jahren eine Reihe von Aufführungen, blieb aber unpubliziert.

George Frederick McKays Rang als neoromantischer Komponist kann kaum überschätzt werden. Er konnte dem Einfluss einheimischer Komponisten widerstehen, welche die Methoden europäischer Komponisten wie auch jene Aaron Coplands und seiner Nachahmer mit dem, was viele fälschlicherweise als den „amerikanischem Sound“ ansehen, für sich übernommen haben. Seinen nordwestlichen Wurzeln treu bleibend und aus den reichen musikalischen Quellen der dortigen Einwanderer und Einheimischen schöpfend, kreierte McKay einen ebenso individuellen wie vollkommen amerikanischen Stil, geprägt von einer Entschlossenheit und Würde, die den amerikanischen Pioniergeist spiegelt.

John McLaughlin Williams
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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