About this Recording
8.559240 - COPLAND: Prairie Journal / The Red Pony Suite / Letter from Home
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Aaron Copland (1900-1990)
The Red Pony • Prairie Journal • Letter from Home • Rodeo

 

Über viele Jahre war die Position Aaron Coplands im amerikanischen Musikleben unanfechtbar. Geboren wurde er 1900 in Brooklyn als Sohn jüdischer Immigranten aus Polen und Litauen, deren wirtschaftliche Situation es ihm erlaubte, ein Musikstudium aufzunehmen. Zunächst nahm er Stunden bei Rubin Goldmark (1872–1936), einem bemerkenswerten Immigranten aus Wien, ehe er 1920 nach Paris ging, wo er als erster Amerikaner bei Nadia Boulanger studierte. In Europa konnte er eine ganze Reihe führender Komponisten seiner Generation kennen lernen und zudem Bekanntschaft mit Diaghilews Ballets Russes machen. Zugleich fand er den Weg zu jenem charakteristisch amerikanischen Kompositionsstil, der ebenso unverkennbar wurde wie etwa der Nationalstil russischer Komponisten im ausgehenden 19. Jahrhundert.

1924 kehrte Copland nach Amerika zurück, wo man sich bald schon für seine Kompositionen interessierte. Er hielt aber auch die Verbindung zu den musikalischen Trends in Europa, wie er auch zu ausgewanderten amerikanischen Komponisten in Kontakt trat. Er organisierte Konzerte mit zeitgenössischer amerikanischer Musik und tat sein Möglichstes, um auch durch Schriften und Vorträge Bekanntheit zu erlangen; diese Tätigkeit übte er mit Unterbrechungen an der Harvard University aus. Im Verlauf seiner außergewöhnlich umtriebigen Karriere sollte er einen starken Einfluss auf die jüngere Komponistengeneration gewinnen, ohne dabei freilich ausschließlich für einen musikalischen Nationalismus einzutreten. Für seine Verdienste wurde er in seiner Heimat wie auch im Ausland mit zahllosen Auszeichnungen bedacht: vom Pulitzer-Preis 1945 bis hin zum Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970. Coplands letzte Lebensjahre waren überschattet von nachlassenden Kräften. Er starb 1990.

Die Suite The Red Pony stellte der Komponist aus Stücken einer 1948 entstandenen Filmmusik zusammen. Der Film mit Robert Mitchum und Myrna Loy nach John Steinbecks gleichnamigem Roman dreht sich um den Jungen Tom, seinen Großvater und seine Eltern und deren Leben auf einer Ranch in Kalifornien. Die Suite, die Copland als eine Suite für Kinder bezeichnete, besteht aus sechs Szenen, deren Musik Copland als „volkstümlich“ bezeichnet hat, obschon es sich um Originalmusik handelt. Zunächst war geplant, die Musik durch eine gesprochene Erzählung aus der Feder Steinbecks zu bereichern, doch der Schriftsteller hatte Einwände gegen eine solche Fassung für Kinder.

Keith Anderson

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Prairie Journal wurde 1936 von CBS für eine Radioproduktion des hauseigenen Radio-Sinfonieorchesters in Auftrag gegeben. Das Stück war eines von vielen Werken innerhalb der ersten ganz amerikanischen Komponisten gewidmeten Reihe des Senders, zu der auch Louis Gruenberg, Howard Hanson, Roy Harris, Walter Piston und William Grant Still Kompositionen beisteuerten. Allerdings erhielt Copland den Kompositionsauftrag anscheinend erst, als George Gershwin es abgelehnt hatte, einen Beitrag zu liefern. Das 1937 entstandene Werk trug anfangs noch den Titel Music for Radio und erklang erstmals im Juli desselben Jahres unter der Leitung von Howard Barlow. Bei dieser Gelegenheit wurden die Hörer dazu eingeladen, einen möglichen Untertitel zu liefern. Der siegreiche Vorschlag einer gewissen Ruth Leonhardt aus Grosse Pointe, Michigan: Saga of the Prairie, bewog Copland, sein Werk neu zu betiteln. Die Komposition ist Davidson Taylor zugeeignet, dem Direktor der Musikabteilung von CBS. Die Musik von Prairie Journal ist eine lebendige klangliche Schilderung, die dem Copland anhaftenden Outdoor- Image entspricht. Bereits mit dem ersten Downbeat rempeln, drängeln und hasten wir auf einer Western- Ranch. Nach und nach aber scheint Zwielicht im musikalischen Gewebe durchzuschimmern, das allerdings immer noch von der Aufregung des Schauplatzes bes- timmt ist und dessen aufgeweckte Stimmung reflektiert, in wundersamen Kreisen hin und her schwingt, um schließlich friedlich auszuklingen.

Letter from Home, ein von sanfter Wehmut geprägtes Werk, beschwört jenes Gefühl von Heimweh herauf, das man etwa in einem entlegenen Armeelager empfinden mag – gerade zu Kriegszeiten. Das Werk wurde 1944 auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs als Auftragskomposition des seinerzeit noch jungen Senders ABC für die sogenannte Philco Radio Hour abgeschlossen. Die Sendepremiere im Oktober 1944 wurde von Paul Whiteman (1890–1967) geleitet, dem seinerzeit wohl bekanntesten amerikanischen Bandleader. Das Moderato, with simple warmth („mit schlichter Wärme“) überschriebene Werk verlangt für einzelne Phrasen, dass sie „breit ausgesungen“ (broadly sung) werden. Copland selbst schrieb dazu: „Es ist sehr sentimental, wobei man es allerdings nicht zu wörtlich nehmen sollte – ich wollte lediglich jene Art von Gefühl ausdrücken, das der Empfänger eines Briefes aus der Heimat empfinden mag.“

Mit den beiden von Agnes de Mille vom Ballet Russe de Monte Carlo in Auftrag gegebenen „Cowboy-Balletten“ Billy the Kid (1938) und Rodeo (1942) hatte Copland ausgesprochen großen Erfolg. De Mille war nicht nur für die Handlung von Rodeo verantwortlich – sie choreographierte auch und tanzte darüber hinaus selbst die Hauptrolle des Cowgirls neben Frederic Franklin als Champion Roper und Kasimir Kokitch als Head Wrangler. George Balanchine und Francis Mason schrieben über dieses Ballett: Rodeo – im Untertitel The Courting at Burnt Ranch – ist eine Liebesgeschichte, die im Südwesten Amerikas angesiedelt ist, und behandelt ein unsterbliches Thema: wie ein amerikanisches Mädchen – obwohl die Chancen scheinbar schlecht stehen – zu einem Mann kommt. Das Mädchen ist in diesem Falle ein Cowgirl, ein Wildfang, dessen verzweifeltes Bemühen, Kuhhirte auf einer Ranch zu werden, den Cowboys Bauchschmerzen bereitet und sie obendrein zum Gespött der anderen Frauen macht. Wenn der Vorhang schließlich fällt, ist alles gut ausgegangen und das Liebesdreieck löst sich auf, indem Head Wrangler mit der Tochter eines Ranchers der untergehenden Sonne entgegenreitet und das Cowgirl und ihr Champion Roper beschließen zu heiraten. Kurz nach der Premiere des Balletts stellte Copland die vorliegende Konzertsuite zusammen, wobei er lediglich gut fünf Minuten Musik der ursprünglichen Fassung ausschied. Das Werk bietet jede Menge musikalischen Spaß, zitiert es doch eine ganze Reihe von amerikanischen Volksweisen, wie etwa Sis Joe, Old Paint, Bonyparte, McLeod’s Reel oder auch das bekannte Hoe Down – ein frecher Ausklang fürs Orchester.

Edward Yadzinski

Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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